[Dieser Beitrag erschien zuerst am 11. Juli 2023 auf Substack.]
Die Vorlesungszeit des Sommersemesters neigt sich dem Ende zu und die Temperaturen eignen sich vielerorts eher zum Nichtstun an schattigen Orten als zum Arbeiten: Klingt nach einer guten Zeit, um Urlaub zu machen! Allein: Wissenschaftler_innen sind doch immer im Einsatz, richtigen Urlaub gibt es für sie gar nicht, sie nehmen ihre Arbeit sogar gedanklich oder gar buchstäblich mit an den Strand — so suggerieren jedenfalls zahlreiche Comics, Memes usw. und auch so manche Gespräche mit Kolleg_innen.
Warum Urlaub in der Wissenschaft keine Privatsache ist, Auszeiten nicht nur uns selbst nutzen sondern auch anderen und wieso die Lektüre von Fachliteratur im Liegestuhl dennoch nicht grundsätzlich verwerflich ist: Darum geht es im heutigen Newsletter.
Arbeit im Urlaub aus Spaß oder aus Not? Auf die Motive kommt es an
Klar ist: Es ist nicht verboten, aus Freude an der Auseinandersetzung mit fachlichen Inhalten im Urlaub einen Aufsatz zu lesen oder zu schreiben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es oft nicht die intrinsische Motivation ist, aus der heraus Wissenschaftler_innen im Urlaub ihre Arbeit fortsetzen. Ich erinnere mich noch gut an einen Urlaub 2020, an dem ich ständig meine E-Mails gecheckt habe, weil ich auf eine Nachricht zu einem Berufungsverfahren gewartet habe (die dann tatsächlich auch kam, ich verbrachte dann einige Urlaubstage mit der Überlegung, welche Schriften ich am Besten einsenden sollte). Die ständige Erreichbarkeit lässt sich für all diejenigen, die befristet im Wissenschaftssystem unterwegs sind und deren Dasein mehr oder minder eine ständige Bewerbungsphase ist, kaum aussetzen. Auch Fristen — für Publikationen, Anträge usw. — führen nicht selten dazu, dass Urlaubstage der Arbeit geopfert werden. So setzen etwa Verlage teils absurd knappe Deadlines für Überarbeitungen und Fahnenkorrekturen.
Je wichtiger eine Frist für die eigene berufliche Zukunft ist, desto größer der Druck, ihr die Urlaubsplanung unterzuordnen: Als 2019 die Nachricht kam, dass ich mit einem Vorantrag für ein größeres Drittmittelprojekt in der letzten Runde gelandet war, habe ich kurzerhand den schon gebuchten Urlaub gecancelt. Denn das Fördervolumen wäre so umfangreich gewesen, dass ich mir damit nicht nur eine Juniorprofessur mit Nachwuchsgruppe hätte einwerben können, sondern auch gleich noch ein Tenure Track drin gewesen wäre. Das wäre der Game-Changer gewesen: Endlich eine Perspektive auf eine unbefristete Beschäftigung. Geworden ist daraus aber am Ende: nichts. Außer großer Erschöpfung am Jahresende in Ermangelung echter Erholungsphasen.
Minimalchancen bleiben Minimalchancen, auch wenn wir unseren Urlaub opfern
Es ist kein schöner Gedanke, aber wir sollten ihn nicht ausblenden, wenn wir uns mit dem Gedanken tragen, unsere Urlaubszeit ins Arbeiten zu investieren: Selbstausbeutung im Urlaub trägt — wie übrigens Selbstausbeutung generell — in einem System der Minimalchancen auf eine unbefristete Beschäftigung allenfalls zu einer marginalen Erhöhung dieser Minimalchancen bei, sodass darin kein überzeugender Grund liegt, sie zu praktizieren. Es mag schmerzhaft sein, sich das einzugestehen, aber für die meisten von uns gibt es keine langfristige Zukunft im deutschen Wissenschaftssystem. Auch dann nicht, wenn wir im Urlaub erschöpft über einem Aufsatz brüten. Mehr noch: Wer sich keine Auszeiten nimmt, kann irgendwann gar nicht mehr, und das ist der wissenschaftlichen Arbeit sicherlich auch nicht zuträglich. Wer also die Arbeit im Urlaub aus Getriebenheit fortsetzt, sollte sich eines klar machen: Aller Voraussicht nach ist es das nicht wert. Und das gilt einmal mehr, wenn wir uns vor Augen führen, dass Grenzen setzen nicht nur für uns selbst von Vorteil ist.
Wer sich im Urlaub überschlägt, trägt zur Wirksamkeit falscher Standards bei
Der Verzicht auf Erholungszeiten wirkt sich nicht nur auf uns selbst aus, denn wenn wir uns dem allgemeinen Druck beugen, auch im Urlaub weiterzuarbeiten, wirken wir daran mit, dass die Standards für Arbeit in der Wissenschaft immer absurder werden. Nochmal: Gemeint ist hier nicht, aus echtem Interesse und Freude an der Tätigkeit die Fachlektüre auf der Bahnfahrt Richtung Urlaubsdomizil nicht aus der Hand legen zu wollen. Es geht um das Sich-selbst-Treten, obwohl wir längst am Ende unserer Kräfte sind. Wenn wir das weiterhin praktizieren, beschleunigt sich das Rattenrennen durch diese unsere Sprints immer weiter, und in der Folge kann kaum noch jemand mithalten (wir selbst eingeschlossen), während zugleich alle verlieren. Wenn wir hingegen Grenzen setzen und uns bewusst ausklinken, senkt das die Standards für uns alle wieder auf ein gesünderes Niveau ab — eines, das auch damit vereinbar ist, dass es im Leben noch mehr und anderes gibt als Wissenschaft. Und das nicht diejenigen zusätzlich benachteiligt, die das pausenlose Durchpowern nicht mitmachen wollen — oder können.

Geopferte Urlaubszeit gibt es nicht zurück – auch nicht die mit unseren Lieben
Wenn wir weiterhin am Rande der Erschöpfung Vollgas geben, betrügen wir uns nicht nur um dringend nötige Erholungspausen. Allzu oft verpassen wir auch schöne Momente — nicht zuletzt solche, die wir mit anderen Menschen teilen könnten, die uns lieb sind. Am Ende wird auch uns Wissenschaftler_innen niemand einen Preis dafür überreichen, dass wir weitergearbeitet haben, statt ein paar Tage im Jahr Arbeit Arbeit sein zu lassen und das Leben zu genießen. Und daran, dass wir an diesen wenigen Tagen im Jahr nicht bis zum Umfallen Gas gegeben haben, wird eine Entfristung aller Voraussicht nach auch nicht scheitern.
Machen wir richtig Urlaub – und sprechen wir darüber!
Deshalb: Machen wir — im eigenen Interesse und im Interesse einer weniger toxischen Arbeitskultur in der Wissenschaft — richtig Urlaub, und kommunizieren wir das auch gleich ganz offen! Denn damit tragen wir endlich dazu bei, dass das völlig fehlplatzierte schlechte Gewissen, mit dem wir selbst nicht selten auf unsere Freizeitaktivitäten und Pausen blicken, endlich abgeräumt wird. Ausruhen steht uns allen zu, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, wir müssen es uns nicht verdienen (Opens in a new window)— wir müssen es nur tun!
In diesem Sinne: Auch dieser Newsletter verabschiedet sich bis Anfang September für einige Wochen in den Urlaub. Aber keine Sorge: Falls in Sachen Arbeit in der Wissenschaft in der Zwischenzeit etwas Spannendes passieren sollte, gibt’s ausnahmsweise eine Sonderausgabe.
Einen schönen, erholsamen Sommer, liebe Leser_innen!