Ob ich damit gerechnet hätte, dass die mediale Resonanz auf meinen angekündigten Ausstieg aus der Wissenschaft so groß sein wird, fragte mich Tim Gabel kürzlich im Interview für den Research.Table (Opens in a new window). Ich sei davon überrascht worden, habe ich wahrheitsgemäß geantwortet. Natürlich, dass es nach bald sechs Jahren Engagement für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft mit #IchBinHanna usw. vielleicht eine Meldung wert sein könnte, dass ich als Mitinitiatorin diesen Bedingungen nun den Rücken kehre, war mir schon irgendwie klar. Aber es hat mich dann doch erstaunt, wie viele Zuschriften ich auf meine Ankündigung hin erhalten habe und immer noch erhalte — nicht nur von Journalist_innen, sondern auch von Kolleg_innen, die sich ebenfalls mit Ausstiegserwägungen tragen. Seit ich meinen Ausstieg — zeitgleich mit der Bekanntgabe der Verlängerung meiner Juniorprofessur — öffentlich gemacht habe, sind fast zwei Monate vergangen. Davon war ich zwei Wochen im Urlaub an der Ostsee und habe der immensen Erschöpfung, die sich in 14 Jahren Academia aufgebaut hat, dabei zugesehen, wie sie sich nach und nach aus der Deckung wagt. Lange hatte ich verdrängt, wie müde und ausgelaugt ich war (mal mehr, mal weniger erfolgreich; in den 14 Jahren gab es einige Situationen, in denen akute gesundheitliche Probleme eine Verdrängung erschwert haben). Fast anderthalb Jahrzehnte hatte ich durchgepowert. Eine einzige Dauerperformance und ständige Selbstdarstellung, um dem Wissenschaftsbetrieb zu beweisen, dass ich gut genug bin, um ein Teil von ihm zu sein und langfristig zu bleiben. Nun habe ich die positive Zwischenevaluation in der Tasche, was man wohl als Hinweis auf eine entsprechende Güte meiner Verdienste werten könnte — als habilitationsäquivalent wird diese Leistung nicht selten aufgefasst, ich bin heute also so berufungsfähig, wie ich es noch nie war. Gleichzeitig hatte ich noch nie so wenig Lust, weiter in der Wissenschaft zu arbeiten. Das habe ich an verschiedenen Stellen bereits genauer ausgeführt; heute will ich hier über etwas anderes schreiben: darüber, was mir geholfen hat, die Entscheidung zum Ausstieg zu fällen. Denn machen wir uns nichts vor: Das ist nichts, was man mal eben so macht, wenn man — wie ich — so viel an Lebenszeit, Energie, anderen Lebensbereichen und sozialen Beziehungen für Wissenschaft als Beruf geopfert hat. Jetzt aufhören, nachdem ich so viel hineingesteckt habe? Lange dachte ich: Das kann ich nicht bringen. Turns out: Es geht doch! Und ich bin jeden Tag froh über diesen Entschluss. Aber wie bin ich an diesen Punkt gekommen? Das versuche ich nun etwas genauer aufzudröseln.
Nicht nur wissen, wovon man weggehen will, sondern sich klarer werden, auf was man zuläuft und warum
Dass ich kein Fan der Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft bin, ist wahrlich kein Geheimnis. Wie sehr ich selbst damit gehadert habe, unter diesen Bedingungen tätig zu sein, habe ich immer wieder deutlich gemacht. Aber der innere und äußere Kampf mit beruflicher Unsicherheit, mangelnden Perspektiven, entgrenzten Arbeitszeiten, unbezahlten Überstunden und überhaupt einem Beruf, der alles andere einschließlich meiner selbst restlos aufzehrt — dieser Kampf allein war noch nicht ausreichend, um den Entschluss fassen zu können, dass ich die Wissenschaft verlasse. Denn ich brauchte dazu nicht bloß die Erkenntnis, was ich verliere, wenn ich bleibe, sondern auch eine Idee davon, was ich gewinne, wenn ich gehe. Die Vorstellung von einem (Berufs-)Leben außerhalb der Academia durfte nicht bloß ex negativo gestaltet sein, also etwa: keine systemimmanente berufliche Unsicherheit mehr, keine unbezahlten Überstunden, kein Beruf, der ohne Rücksicht auf Verluste alles vertilgt, was mir sonst noch wichtig ist. Vielmehr musste das Positive konkret an Kontur gewinnen. Und das tat es, je mehr ich darüber nachdachte.
Bevor jetzt jemand einwendet, dass ich mir das Leben ohne Wissenschaft gewiss viel rosiger ausmale, als es sein wird: Darum ging und geht es mir nicht. Ich bin da recht nüchtern unterwegs und mache mir wenig Illusionen. Was ich aber durchaus für realistisch halte in Bezug auf eine berufliche Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft: dass ich dort eine gewisse Wertschätzung für gute Arbeit erhalte, während ich eine nicht immer, aber auch nicht selten erfüllende Tätigkeit ausüben kann, die mir zugleich mehr Raum, Zeit und Energie lässt als jetzt, um andere schöne Dinge zu tun, die mir im Leben wichtig sind: Zeit mit lieben Menschen verbringen, Laufen, Yoga, Radfahren, Schwimmen, Häkeln, Nähen, Malen, Singen und Gitarre spielen, um einmal ein paar konkret zu benennen. Ich habe die vermutlich nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass ich dann nicht mehr bei jeder gesunden Grenze, die ich setze, bei jedem Nein, das ich ausspreche, insgeheim um meine berufliche Zukunft fürchten oder mich sorgen muss, dafür aus dem beruflichen Umfeld abgestraft zu werden. Dass es stattdessen aufrichtiges Verständnis dafür gibt, dass Erwerbsarbeit ein einzelner, wichtiger und bereichernder Aspekt des Lebens ist, aber nicht der Fixstern, um den alles andere zu kreisen hat und der jeden anderen Lebensbereich stets überstrahlen muss — so gleißend hell, dass man den Rest oftmals gar nicht mehr sehen kann.
Das aktuelle Wissenschaftssystem schätzt Selbstausbeutung bis zum Zusammenbruch, einen gesunden Umgang mit Arbeit hingegen überhaupt nicht. Commitment ist etwas, das man in diesem System grundsätzlich nie genug aufbringen kann (es sollte genau genommen noch besser „frau“ statt „man“ heißen, denn für Frauen sind die eingeforderten Commitments noch um einiges zahlreicher (Opens in a new window), sie sollen sich schließlich zusätzlich zu fachlicher Brillanz, Drittmitteleinwerbung, Wissenschaftskommunikation, Lehre usw. usf. auch noch stets lieb und zugewandt um alle und alles kümmern). Je mehr Commitment Du an den Tag legst, desto mehr Selbstaufopferung wird von Dir gefordert; das habe ich ausgiebig für Euch getestet. Dass es in anderen Arbeitsbereichen anders geht, bekomme ich immer wieder bei Familie und Freund_innen mit. Und ich möchte das auch endlich selbst erleben!
Was ich gewinne, wenn ich gehe — ach was: was ich schon jetzt gewonnen habe durch den bloßen Entschluss zum Ausstieg: Ich bin nicht mehr erpressbar. Stattdessen bin ich auf einmal unabhängig von einem aus Prinzip unersättlichen System, in dem der größtmögliche „Gewinn“ eine Lebenszeitprofessur wäre, die die Selbstausbeutung nur unter anderen Prämissen fortsetzt — zwar nicht mehr in prekärer Lage, aber oftmals mit dem gleichen irrsinnigen Arbeitspensum (Opens in a new window) und demselben, teils äußerst unerbittlichen Kreis von Kolleg_innen und Führungspersonal. Wenn heutzutage jemand explizit oder implizit die Botschaft an mich heranträgt, dass etwas, das ich tue oder unterlasse, weil ich es zu tun oder zu unterlassen für richtig halte, meiner Karriere schaden könnte, dann ist mir das aus ganzem Herzen egal. Das ist ein dermaßen großartiges Gefühl, ich habe keine Worte dafür, wie wohltuend es ist! Der Lohn für meinen Ausstieg ist in jedem Fall, dass meine Werte, für die ich seit bald sechs Jahren #IchBinHanna kämpfe, nicht mehr offen mit meiner alltäglichen Arbeitssituation kollidieren, woran ich mich so lange auf diversen Ebenen aufgerieben habe. Allein meine so gewonnene Freiheit ist eine Menge wert!
Reality check: Was brauche und will ich vom Leben?
Klar ist aber auch: Mit meiner Entscheidung gegen weitere Bemühungen, eine Lebenszeitprofessur zu erhalten, muss ich beruflich und finanziell sehen, wo ich bleibe. Die finanziellen Einbußen und der (zugegebenermaßen in den letzten Jahren immer weniger fixierte und um neue Tätigkeitsfelder erweiterte) Fokus auf Wissenschaft als Beruf werden nun nicht mehr dadurch geheilt, dass ich den Fokus einfach beibehalte und bestenfalls durch Beamtinnenbesoldung und Pensionsansprüche für mein restliches Leben abgesichert bin — jedenfalls wird es jetzt halt keine Verbeamtung als Professorin auf Lebenszeit mehr sein, die mir zu einer solchen Absicherung verhilft. Dass dieser quick fix wegfällt, ist zunächst eine gruselige Vorstellung, denn meine finanzielle Lage ist nach spätem Berufseinstieg durch mein Studium, jahrelanger Teilzeitbeschäftigung, Pendelei, Umzügen usw. nicht gerade herausragend gut. Deshalb habe ich mir ausgiebig überlegt, was ich eigentlich zum Leben brauche und ob dafür wirklich die Lebenszeitprofessur die einzige Option ist (Spoiler: nein).
Ich schrieb es vor einer Weile schon kurz auf Bluesky, hier nochmal ausführlicher: Ich möchte genug Geld zum Leben haben — das heißt, dass ich meine Lebenshaltungskosten verlässlich aufbringen kann, ohne am Ende des Monats nicht zu wissen, wie ich offene Rechnungen bezahlen oder mir etwas zu essen kaufen soll (ja, diese Zeiten habe auch ich erlebt, aller Unterstützung zum Trotz, die ich privilegierterweise hatte). Ich möchte mir gutes Essen kaufen können, und damit meine ich nicht Fine Dining und auch nicht einmal Essen auswärts, sondern einfach frisches Gemüse und Obst, denn das liebe ich sehr. Zumindest manchmal möchte ich gern Reisen unternehmen — nicht in die Karibik, sondern an die Ostsee. Und wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich mir den Traum erfüllen und endlich einen Hund haben.
Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Wünsche auch ohne eine Lebenszeitprofessur erfüllen lassen — und das nicht bloß kurzfristig. Die Sorge, einmal in Altersarmut zu leben, ist beim Blick in meinen Rentenbescheid zwar durchaus vorhanden und keineswegs unberechtigt. Aber ich habe in den letzten Monaten angefangen, immer mehr die Weichen zu stellen hin zu meiner finanziellen Absicherung. Wie? Nun, das begann im Kleinen: Früher habe ich meinen Frust über berufliche Erschöpfung oft durch Konsum zu übertünchen versucht. An stressigen Tagen habe ich mir rasch einen teuren Kaffee zum Mitnehmen geholt. Habe irgendwelche Klamotten oder sonstiges Gedöns gekauft, um mich für das Überstehen einer stressigen Woche zu belohnen — alles Zeug, das ich eigentlich gar nicht brauchte. Das war keine nachhaltige Strategie für Lebensfreude und finanziell im wahrsten Sinne des Wortes äußerst ungünstig. Inzwischen hat Konsum seinen Zauber für mich jedoch so ziemlich verloren. Ich darf mich glücklich schätzen, dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche. Drölfzig Coffee to go im Monat sind ganz sicher nicht der Schlüssel zu mehr Freude im Leben. Ich konsumiere insgesamt viel bewusster, und das macht sich bereits bemerkbar: Auf einmal kann ich kleinere Summen zurücklegen (und habe auf dem Weg dahin gelernt, dass sich beim Sparen wirklich jede Summe lohnt, auch, wenn sie erstmal ein- oder zweistellig ist).
Gemessen an den Rücklagen anderer berufstätiger Menschen in den 40ern sind meine nach wie vor klein; zu viel hat daran genagt und meine finanziellen Entscheidungen waren in den letzten Jahren gewiss auch nicht immer die klügsten. Aber ich habe nun erstmals ein Tagesgeldkonto eröffnet, das für vier Monate mehr als 3% Zinsen verspricht, um ein wenig Geld anzulegen. (Bitte keine Finanztipps; ich arbeite mich derzeit selber mit großem Interesse in das ganze Thema ein.) Ein Anfang, damit das, was ich anspare, nicht durch die Inflation an Wert verliert — besser spät als nie! Zugleich kaufe ich auch Dinge des täglichen Bedarfs viel bewusster ein als zuvor, nutze Angebote, wo es geht. All diese kleinen Schritte tragen nach und nach zu mehr Unabhängigkeit bei.

Es könnte ja auch gut werden!
Tim Gabel hat mich im Interview auch gefragt, ob eine Rückkehr in die Wissenschaft für mich ausgeschlossen sei. Die Antwort: Ja, aktuell ist das der Fall. Ich bin bereit, das Risiko eines Neuanfangs zu wagen, ohne zu viele Sorgen vorab. Mein letzter Satz lautete: Es könnte ja auch gut werden. Ich will ehrlich sein: Die letzten Monate waren nicht leicht. Ich bin nicht naiv, ein Neuanfang mit Anfang 40 ist keine Lappalie, und ich mache mir natürlich viele Gedanken, wie es weitergeht. Aber allein in den knapp zwei Monaten seit der Verkündung meines Ausstiegs hat sich so viel bewegt, ich habe so viel Selbstwirksamkeit gewonnen und so viele Abhängigkeiten abgelegt. In mir ist die klare Vorstellung davon gereift, dass ich bereit bin, etwas Neues zu wagen. Ich weiß, dass ich mich niemals darauf hätte verlassen können, dass das deutsche Wissenschaftssystem es gut mit mir meint und in meinem Sinne agiert. Worauf ich mich hingegen durchaus verlassen kann: dass ich es selbst gut mit mir meine, dass ich in meinem Sinne handle — und dass ich das nicht allein tun muss, weil ich ein starkes, verlässliches Netzwerk aus tollen Menschen im Rücken habe, das mich auch auf neuen Wegen unterstützt. Und das, ohne dass sie ihre Unterstützung je unter den Vorbehalt stellen würden, dass ich für meine berufliche Tätigkeit große Opfer bringe. Deshalb gehe ich mit leichtem Herzen — und voller Spannung und Vorfreude auf alles Neue, was da kommt!
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Apropos Neues, auch bezüglich dieses Newsletters gibt es Neuigkeiten: Nach mehr als drei Jahren und über 120 wöchentlich erschienenen Ausgaben (mit ein paar Pausen dazwischen, etwa während der vorlesungsfreien Zeit) habe ich mich entschieden, bis auf Weiteres nur noch alle zwei Wochen einen Newsletter zu versenden. Ich bin selbst überrascht, dass mir zu Arbeit in der Wissenschaft so viel eingefallen ist und immer noch einfällt, aber ich habe vor der letzten Pause zunehmend gemerkt, dass die Themen eben doch nicht vollends unerschöpflich sind. Ein zweiwöchiger Turnus macht es mir leichter, weiterhin darauf zu achten, dass sich die Inhalte nicht doppeln. Zugleich verschafft er mir etwas zusätzliche Zeit, die ich u.a. für meine berufliche Neuorientierung nutzen möchte.