[Dieser Beitrag erschien zuerst am 16. Mai 2023 auf Substack.]
Heute ist im Blog von Jan-Martin Wiarda ein Gastbeitrag erschienen (Opens in a new window), der mir sehr am Herzen liegt: Gemeinsam mit dem Juristen Simon Pschorr, der TU-Berlin-Präsidentin Geraldine Rauch und dem Philosophieprofessor Tobias Rosefeldt habe ich aufgeschrieben, warum wir bei der Diskussion um die Reform des WissZeitVG das eigentliche Ziel der Reform wieder stärker in den Blick nehmen müssen. Was aber ist denn eigentlich deren Ziel? Das scheint uns offensichtlich zu sein: weniger Postdocs befristen! Warum das für alle gut ist — Promovierende, Postdocs, Professor_innen, Studierende und Gesellschaft —, und was es braucht, um dieses Ziel zu erreichen: Darum geht’s im heutigen Newsletter.

Gut für Postdocs
Es ist offensichtlich, dass Postdocs von einer Erhöhung der Zahl unbefristeter Postdoc-Stellen profitieren werden. Wie wir in unserem Gastbeitrag im Wiarda-Blog zeigen, liegt für befristete Postdocs die Chance, eine unbefristete Stelle im Wissenschaftssystem zu erhalten, nur bei ca. 31 %. Die Entscheidung, wer zu den 69 % gehört, die keine dauerhafte Perspektive im System erhalten, fällt erst spät, mit einem Lebensalter von ca. 40 Jahren – also zu einem Zeitpunkt, zu dem ein Quereinstieg in andere Branchen alles andere als trivial ist. Mehr unbefristete Stellen wirken dem aktuellen Missverhältnis zwischen einer sehr großen Zahl von Bewerber_innen und einer sehr kleinen Zahl von Dauerstellen entgegen: Für Postdocs steigen die Chancen auf den dauerhaften Verbleib im Wissenschaftssystem.
Werden Dauerstellen per Anschlusszusage vergeben, schafft dies zudem schon während der befristeten Postdoc-Phase Transparenz und Sicherheit: Bei Erreichen vereinbarter Ziele geht es am aktuellen Arbeitsort weiter. Da die Postdoc-Phase nicht selten in eine Lebensphase fällt, in der Menschen eine Familie gründen (möchten) und/oder sich ein soziales Umfeld aufgebaut haben, das sie nicht (erneut) zurücklassen wollen, ist das ein großer Gewinn. Und es verbessert die Situation auch für diejenigen, die nicht über die persönlichen Voraussetzungen verfügen, über Jahre eine prekäre wissenschaftliche Laufbahn mit höchstwahrscheinlich aussichtslosem Ausgang zu beschreiten.
Gut für Promovierende
Auch Promovierende profitieren von einer Erhöhung der Zahl unbefristeter Postdoc-Stellen. Und das nicht nur, weil viele Promovierende von heute die Postdocs von morgen sind. Die Fluktuation in der Postdoc-Phase hat nämlich auch einen Preis für Institute und Arbeitsbereiche — und damit auch für Promovierende, die im System aufgrund verschränkter Betreuungs-, Begutachtungs- und Arbeitsverhältnisse mehrfachen Abhängigkeiten ausgesetzt sind. Administrative Aufgaben etwa, die in der Verwaltung von Studiengängen, der Beratung von Studierenden usw. anfallen, werden nicht selten unter allen Mitarbeitenden verteilt. Wechselt dauernd das Personal, müssen sich ständig neue Personen in die immer gleichen Modulhandbücher, Prüfungsordnungen und digitalen Lernplattformen einarbeiten. Das ist nicht nur furchtbar ineffizient. Es führt auch dazu, dass die Arbeit an der Promotion mitunter zwangsweise leidet, wenn Promovierende angehalten sind, die Auswüchse der anhaltenden Personalrotation durch Übernahme administrativer Tätigkeiten mit zu kompensieren — denn aufgrund der Abhängigkeiten können Promovierende dabei oft nur eingeschränkt Grenzen setzen.
Ansatzpunkte, um hier direkt Abhilfe zu schaffen, sind verbindliche Mindestvertragslaufzeiten für die Promotion im WissZeitVG und eine Entkopplung der Rollen von Betreuer_innen, Begutachtenden und Vorgesetzten. Aber auch die Erhöhung der Zahl unbefristeter Postdoc-Stellen hilft: Postdocs stehen derzeit unter großem Druck, sich dauernd zu bewerben und Anträge zu schreiben, um irgendwie ihren Verbleib in der Wissenschaft zu sichern. Wäre ihr Verbleib gesichert, würden Ressourcen frei, die nicht nur den Postdocs selbst, sondern auch der akademischen Gemeinschaft eines Instituts oder Arbeitsbereichs zugutekommen: Unbefristete Postdocs kennen die Abläufe, sie sind am Arbeitsort gut eingearbeitet und vernetzt, sie können ihr Wissen gezielt einsetzen und an andere weitergeben. Das trägt dazu bei, dass Promovierende weniger in die Administration eingebunden werden müssen und sich stärker auf ihre Promotion konzentrieren können.
Gut für Studierende
Immer wieder schildern Postdocs auf Twitter, dass sie Anfragen Studierender zur Übernahme der Betreuung von Abschlussarbeiten schweren Herzens ablehnen müssen, weil ihre Tätigkeit an der Hochschule endet. Mitunter hat das die absurde Konsequenz, dass Studierende ihre Abschlussarbeiten bei Personen schreiben müssen, die sie noch überhaupt nicht kennen, was aus Studierendenperspektive vielfach als Hürde wahrgenommen wird, und das mit Recht. Aber auch die thematische Schwerpunktsetzung, die Studierende im Rahmen ihres Studiums vornehmen könnten, leidet unter diesem Umstand: Studierende, die über mehrere Semester Veranstaltungen zu den Forschungsthemen einer_eines Postdocs besucht haben und ihre dabei erarbeitete Expertise im Rahmen einer Abschlussarbeit anwenden und vertiefen wollen, können das im aktuellen System nicht selten vergessen, weil die_der Postdoc schon wieder auf dem Sprung an eine andere Hochschule (oder in die vorübergehende Arbeitslosigkeit) ist.
Postdocs, die dauerhaft beschäftigt sind, können sich ganz anders auf die Lehre konzentrieren als das aktuell der Fall ist. Da gute Lehre in Bewerbungs- und Berufungsverfahren nach wie vor vielfach ein Nebenschauplatz ist – Drittmittel, Publikationen in reputationsstarken Journals usw. zählen oft noch immer deutlich mehr als exzellente Lehrtätigkeit –, kann es befristeten Postdocs, die sich um eine unbefristete Perspektive in der Wissenschaft bemühen, nämlich sogar zum Nachteil gereichen, wenn sie sich in Lehre und Betreuung engagieren.
Gut für Profs
Mehr unbefristet angestellte Postdocs sind auch ein Gewinn für Professor_innen. Sie sind verständlicherweise ebenfalls an einer verlässlichen Zusammenarbeit und nachhaltigen Kooperationen innerhalb ihres Instituts interessiert, die so endlich auch mit mehr Kolleg_innen auf der Postdoc-Ebene möglich wird. Professor_innen jonglieren mit zahlreichen, auch administrativen Aufgaben. Das liegt auch daran, dass befristet Beschäftigte aus rechtlichen Gründen sogenannte Daueraufgaben, zu denen viele administrative Tätigkeiten zählen, nur in eingeschränktem Umfang übernehmen dürfen. Besteht das dauerhaft angestellte Personal eines Instituts fast ausschließlich aus Professor_innen, verteilen sich diese Tätigkeiten auf wenige professorale Schultern. Nicht selten hören wir von Professor_innen, dass sie inmitten der Bewältigung der zahlreichen administrativen Aufgaben kaum mehr selbst zum Forschen kommen. Erweitert sich der Kreis der dauerhaft Beschäftigten auf Postdocs, gibt es auf einmal mehr Personen, die sich die anfallenden Aufgaben untereinander aufteilen können. Dabei sinkt die Arbeitslast sogar zusätzlich, weil nicht ständig neue Personen bei Null anfangen und neu eingearbeitet werden müssen.
Gut für die Gesellschaft
Auch die Gesellschaft profitiert davon, wenn weniger befristete Postdocs durch das Wissenschaftssystem und anschließend wieder hinaus geschleust werden. Die Gesellschaft hat nämlich herzlich wenig davon, dass Postdocs jahrelang aus öffentlichen Mitteln finanzierte Expertise aufbauen, die dann mitsamt der ausscheidenden Postdocs dem Wissenschaftssystem verloren geht. Auch die zahlreichen Bewerbungen und Anträge, die befristete Postdocs im aktuellen System ständig schreiben müssen, binden unnötig Arbeitskraft, die in Tätigkeiten fließen sollte, die der Gesellschaft tatsächlich zugutekommen: in Forschung und Lehre. (Übrigens kostet auch die Lektüre und Begutachtung dieser Tonnen von Bewerbungs- und Antragsunterlagen unglaublich viel Zeit und Ressourcen, die die zuständigen Mitglieder im Wissenschaftssystem besser in anderes investieren sollten.) Statt öffentliche Gelder systematisch zu vergeuden durch ein sich immer weiterdrehendes Personalrotationskarussell, schuldet das Wissenschaftssystem der Gesellschaft eine nachhaltige Personalstruktur, die zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen kann, statt sich in Ressourcenverschwendung zu verlieren.
#WenigerBefristen: Aber wie?
Wie das Ziel, weniger Postdocs zu befristen, erreicht werden könnte, haben wir in unserem Gastbeitrag dargelegt. Neben dem Instrument der Anschlusszusage, das oben bereits zur Sprache gekommen ist, sollte eine Befristungshöchstquote sicherstellen, dass die Zahl befristeter Postdoc-Stellen gesenkt wird. Auch Drittmittel können gewinnbringend zum Strukturwandel eingesetzt werden. Wie? Das verraten wir in unserem Beitrag (Opens in a new window). Und freuen uns auf die Diskussion unserer Vorschläge auf Twitter und anderswo – gern unter dem Hashtag #WenigerBefristen!