Das Wesen des Rhythmus und warum dein Metronom nicht dein Herzschlag ist.

Mit Rhythmik haben wir mehr zu tun als uns oft bewusst ist.
Alles um uns herum bewegt sich rhythmisch, auch wenn wir es gar nicht bewusst wahrnehmen oder wahrnehmen können.
Die rhythmischen Phänomene wie Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Spannung end Entspannung und für uns Flötist: Innen das Wichtigste “Ausatmung und Einatmung”.
Atem ist Rhythmus. Und Rhythmus ist Bewegung, gegliedert und stabilisiert durch den Puls, unseren Herzschlag. In der Musik und in der Sprache zusätzlich durch die Betonungen des Taktes oder des Satzverlaufs.
Urvertrauen in den Puls - Ist Vertrauen in die eigene Stabilität
Warum ist Musik für uns Menschen so bedeutsam und existentiell wichtig? Sie erinnert uns mit dem gleichmäßigen Klopfen des Pulses, und dem Groove von Takt und Rhythmus, an etwas das wir kennen. An den Herzschlag unserer Mutter. Und diese Pulsation des Herzschlags nehmen wir mit unserer Geburt direkt hinein in unser Leben. Dieser Puls bleibt. Wir haben einen eigenen Puls. Er verbindet uns mit allen Elementen der Welt.
Hast du dich auch schon mal gefragt, warum Rhythmus auf dem Papier mathematisch und symbolisch logisch ist, sich beim Spielen aber anfühlt wie ein Knoten in den Fingern? Mit diesem kleinen Artikel möchte ich Dir helfen, diesen Knoten aufzulösen.
Immer wieder sagen Schüler: innen mir: “Glauben Sie mir, Rhythmus kann ich nicht.” Und ! ? Natürlich glaube ich das nicht.
Bevor der Rhythmus Wirklichkeit wird, gibt es eine Ebene, die vorher da sein muss. Und zwar der Puls, das Metrum, das gleichmäßige Tempo in der Musik.
Dieser Puls (Metrum, Beat, Grundschlag) ist das Fundament; die erste Ebene in der Hierarchie des Rhythmus. Der steht nicht in den Noten, den setzt du, bevor du überhaupt losspielst. Du musst ihn fühlen, ganz tief und verlässlich. Aus diesem Puls entwickelt sich der Takt. Auch der Takt ist noch kein Rhythmus. Er ist der Puls, unterteilt in gleiche Abschnitte, mit einer vorgegebenen Anzahl an Grundschlägen. Die Anzahl der Grundschläge eines Taktes beziehen sich dann unterschiedlich entweder auf den Wert einer Viertel, Achte, Halben, ganze Takte und Sonderformen.
Den Takt kann ich ebenfalls wieder als Notenbild aufschreiben, aber er muss auch hörbar sein. Hörend erkenne ich ihn an den Betonungen, den Schwerpunkten. Genauso wie in der Sprache.
Und erst jetzt kommt die letzte, dritte Ebene, der Rhythmus. Der Rhythmus unterteilt die Takte in unterschiedlich, lange Töne. Der Rhythmus bringt also die Bewegung in die Musik.
Der Puls aber hält alles zusammen. Tempo, Takt und Rhythmus.
Der Puls mit seinen musikalischen Rhythmen ist eine Ganzkörper-Erfahrung. Der Puls setzt die Time-Line auf der jeder Ton seinen zeitlichen Platz bekommt. In dieses Tempo, in den Fluss der Zeit, musst du nun als Spielende und Spielender deine Fingermotorik, deinen Atem und deine Artikulation einfügen. Alles bewegt sich synchron.
Wenn du diesen Zustand der totalen Synchronisation erreichst, bist du im Einklang mit allen Spielfertigkeiten und allen Sinnen, die ein Musikstück dir abverlangt. Du spielst im Flow.

Was bedeutet das nun für uns Querflötist: innen.
Der Atem ist fest verbunden mit dem Puls, ohne den fließenden Luftstrom, unseren Atem, erklingt kein Querflötenton.
Der Atem steht für Körperwahrnehmung, für das Körpergefühl schlechthin. Das Gefühl für den Puls, für das Metrum in der Musik.
Rhythmus ist Körper und das Notenblatt nur eine Lesehilfe, die rhythmische Tageszeitung, die mir mitteilt welchen Rhythmus ich spielen soll.
Wie oft höre ich den Satz, Rhythmus kann ich nicht.
In 95 % aller Fälle müsste der Satz aber heißen “Ich habe keinen Kontakt zu meinem Puls”.
Aus diesem Grund und aus vielen anderen Gründen bin ich schon seit langem dazu übergegangen den Anfangsunterricht konsequent ohne Noten zu beginnen. Und die Ergebnisse sind gigantisch gut.
Auch wenn der Satz schon oft gesagt wurde, ich schreibe ihn an dieser Stelle noch mal. Wir lernen erst sprechen und dann lesen. Dasselbe gilt auch für das Musik machen. Ich höre und spiele nach.
Das Metrum, das Gefühl für den Puls, ist das Erste, das ich mit den Schülern erarbeite und damit wird diese Sicherheit vom ersten Ton an angelegt.
Vom Puls gehe ich zu den verschiedenen Taktarten mit den spezifischen Schwerpunkten, den Betonungen. Darauf spielen meine SchülerInnen dann Rhythmen, die fest verankert sind, im Puls. Dieses hierarchische Vorgehen vom Puls, über den Takt zum Rhythmus ist für die Schüler ganz leicht umzusetzen.
Keiner sagt mehr. Oh Rhythmus ist aber schwer, weil sie mit ihrem Körpergedächtnis das Zeitmaß und den Zeitpunkt für ihre Töne tief körperlich verinnerlicht haben.
Noten sind eine Hürde
Noten bauen eine große Hürde auf. Wenn man nicht intensiv und akribisch das Erleben dahinter mit vermittelt. Denn: Rhythmus können wir nicht denken. Wer das versucht hat den Puls verloren.
Wenn du aber die Noten nicht missen möchtest, wandle die Symbole in ein Körpergefühl um.

Hier ein paar Übungen ohne Noten zu spielen:
Erlange Sicherheit im Fühlen des Metrums, mache dir die gängigen Taktarten bewusst und spiele sie. Erst zum Schluss fügst du einen Rhythmus ein.
Wähle als Nächstes eine bestimmte Tonart, beginne ruhig mit einem Ton auf einem bestimmten Rhythmus zu spielen. Denke daran erst den Puls, das Tempo zu bestimmen. Baue systematisch eine Melodie auf. Spiele nun den Rhythmus mit 2 Tönen, 3, 4, 5 u.s.w. bis du alle 7 Töne der Tonleiter erreicht hast.
Du hilfst Dir, wenn du für eine Übe Session wirklich bei einem Rhythmus bleibst, damit er dir im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut übergeht.
Warum das so Wichtig ist?
Du brauchst diese körperliche Verbindung zwischen dir und deinem Instrument, um komplexe Passagen souverän spielen zu können.
Abschließend eine weitere wichtige Erinnerung:
“Ich kann den Rhythmus nicht!” bedeutet in Wirklichkeit, in den meisten Fällen: meine Finger können NOCH diese Stelle noch nicht im gleichmäßigen Tempo spielen.
Deshalb spiele langsam und gleichmäßig und steigere das Tempo kontinuierlich und konsequent. Und verpasse nicht den Zeitpunkt an dem du zum endgültigen Tempo wechselst.
Aber egal in welchem Tempo du spielst, Atem, Zungenartikulation und die Fingerbewegungen müssen auf dem Puls komplett synchron laufen.
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