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Shutdown

Leben mit Schmerzen

Ich hatte schon in der Karibik Migräne, in Rom und in Valencia, auf Sardinien, auf Rhodos und in Südtirol, im Bayerischen Wald und an der Nordsee. Ich habe in unzähligen Hotelzimmern nach Rollläden, Vorhängen oder Fensterläden gesucht, um Sonnenschein und Geräusche so weit wie möglich auszusperren und dann in durchgelegenen Hotelbetten auf Besserung zu hoffen. Ich habe zu weiche, zu harte, zu große, zu kleine, zu steife und zu schlappe Kissen irgendwie in eine erträgliche Form zu klopfen versucht, damit sie meinen schmerzenden Nacken bestmöglich stützten, immer auf der Suche nach der einen Liegeposition, in der der Schmerz ein klein wenig erträglicher war. Es gab sie nicht. Es gibt sie nicht einmal in meinem eigenen Schlafzimmer, mit meinem eigenen Kissen und in meinem eigenen Bett.

Natürlich bekomme ich nicht nur im Urlaub Migräne. Aber auch und nicht wirklich seltener als im Alltag. Ein bisschen Entspannung, Meerblick oder Bergluft richten gegen meine Schmerzen nichts aus. Daher gibt es nicht die eine besonders schlimme Attacke, die ich hier in eindrücklichen Worten beschreiben könnte. Alle Anfälle der vergangenen Jahrzehnte schnurren zu einer einzigen Erinnerung zusammen: Ich liege im Bett, und mir tut der Kopf weh. Ein pochendes, pulsierendes Ei über der Schläfe, meistens rechts, selten links. Dazu kommen Kiefer- und Nackenschmerzen auf derselben Seite, so stark, dass ich nicht weiß, wie ich mich am besten positioniere. Auf die schmerzende Seite legen, damit Kissen und Matratze dagegendrücken? Oder auf die andere, damit ich einen kalten Lappen auf die Stirn und eine Wärmflasche auf den Nacken pressen kann? Dann nicht mehr wackeln, sondern bewegungslos warten. Darauf, dass die Tablette wirkt (manchmal), darauf, dass ich einschlafe (meistens), darauf, dass die Migräne weggeht (irgendwann immer). In der Toskana habe ich eine wirklich gute Pizza Capricciosa ins Klo gespuckt und sehe die Musterborte auf den Fliesen heute noch vor mir. In Neapel polterten die Vespas unten über das Kopfsteinpflaster, während oben in der Zimmerecke eine Spinne ihr Netz baute. Meine Freundin Vroni, mit der ich Süditalien bereiste, war unterdessen alleine unterwegs. Genau wie in Mexiko mein Mann Matthias, der alleine aufs Meer gucken und Tequila trinken musste. Ich lag im Bungalow und hatte Migräne.

Eine Attacke dauert im schlimmsten Fall drei Tage. Spätestens ab dem zweiten Tag kann ich nicht mehr schlafen, weil ich das ja nun schon mehr als 20 Stunden getan habe. Ich bin also wach, liege im Bett und spüre den Schmerz pochen, links oder rechts, niemals beidseitig, weswegen ich in dem Moment die Fantasie habe, ich könnte mir einfach die eine Seite abschneiden, ein halber Mensch ohne Schmerzen wäre doch besser als ein ganzer mit. Wenn die Migräne ganz schlimm ist, gesellen sich Suizidgedanken dazu. Dann wünsche ich mir den ganzen Menschen weg, alles weg, damit nur der Schmerz endlich ein Ende nimmt.

Während eines Migräneanfalls bin ich extrem empfindlich, kann Licht, Lärm und Gerüche kaum ertragen. In Romanen gibt es manchmal die Figur der migränegeplagten Mutter, deren Kinder keine sein dürfen, sondern auf Zehenspitzen durchs Haus schleichen müssen. Den Impuls kann ich gut verstehen. Wenn mein Sohn die Spielzeugautos durch den Flur rasen und an meiner Schlafzimmertür bremsen lässt, rumms, fühlt sich das für mich an, als würde er sie mir gegen den Kopf werfen. Streiten sich die Kinder zwei Zimmer weiter, ist das für mich, als würden sie mir direkt ins Ohr brüllen. Ich sage nichts und halte das aus, schließlich leidet unser Familienleben schon genug darunter, dass ich so oft für Stunden oder gar Tage ausfalle wie ein Computer, der sich plötzlich aufgehängt hat. Gerade noch sieben Programme und 25 Tabs offen, und plötzlich dreht sich nur noch die Sanduhr, nichts geht mehr, außer auf den Ausknopf zu drücken, bis der Bildschirm schwarz wird. Shutdown.

Ein anderes Klischee ist die Frau, die sich mit einem gequälten »Ich habe Migräne« um ihre ehelichen Pflichten drückt. Spreche ich diesen Satz aus, lärmt in meinem Kopf sofort die Schlagersängerin Ireen Sheer los, die 1991 sang: »Und heut Abend / hab ich Kopfweh / wenn du sagst / komm doch her. Ich hab Migräne / weil ich mich sehne / ich will geliebt sein / ich will mehr.« Früher erzählte ich Leuten daher wirklich ungern, dass ich Migräne hatte, ich wollte mir das Unverständnis, das Augenrollen oder das Gekicher hinter meinem Rücken nicht antun.

Ich hatte schon als Kind Migräne, eigentlich seit ich das Wort aussprechen kann. Als ich klein war, begannen die Attacken meistens nachmittags, und spätestens am nächsten Morgen war es wieder vorbei. Dafür musste ich mich damals immer übergeben, heute passiert das nur noch bei den allerschlimmsten Attacken. Da dreht sich mir dann im Wortsinne der Magen um, als würde mein Innerstes nach außen gestülpt und einfach ausgeleert, was drin ist. Enthält mein Magen nichts, spucke ich schwallweise Galle. Kurz bevor es so weit ist, ist mir so schlecht, dass ich den Schmerz kaum mehr spüre, da wünsche ich mir einfach nur, kotzen zu können, damit die Übelkeit weg ist. Habe ich das dann geschafft, sitze ich keuchend neben dem Klo und habe endlich wieder so richtig Kopfweh.

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