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Wie Wirklichkeit wirklich wird

Sag das drei Mal schnell hintereinander

Die erste Lektion in der Linguistik ist, dass Wörter arbiträr sind. Das Wort “blau” gibt keinen Aufschluss auf die tatsächliche Farbe. Das Wort “Katze” hat erstmal nichts mit einer Katze zu tun. Wir haben aber Bedeutungen an diese Buchstabenfolgen und Laute geknüpft, weshalb ich “blau” und “Katze” sagen kann und du weißt, was ich meine.

Illustration des Gesichts einer blauen Sphinx-Katze

(Grafiken von Brenda Carolina Ortiz Diaz (Opens in a new window) auf Unsplash (Opens in a new window))

Zumindest zu einem gewissen Grad. Ob dein Blau eher türkis oder indigo ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist für dich auch rot, was für mich blau ist. Doch wir haben uns irgendwann darauf geeinigt, dass wir bestimmte Wörter für bestimmte Konzepte verwenden, um dann mit noch mehr Worten im Detail beschreiben zu können, was wir meinen.

Das funktioniert im Allgemeinen sehr gut. Aber wie alles im Leben, verändert sich auch Sprache. “Googeln” steht im Duden und mit “Ohio” ist nicht mehr nur der US-Bundesstaat gemeint. Das ist normal und das ist ok. Unsere Welt entwickelt sich, insbesondere neue Technologien verlangen nach neuen Wörtern, damit wir uns innerhalb dieser neuen Welt verständigen können.

Worte als Waffe

Schon schwieriger als der gemeine Neologismus oder Jugendwörter ist eine Verschiebung der Bedeutung bestehender Wörter. In einer Rede (Opens in a new window) nannte der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher “konservativ” als Beispiel. Menschen, die sich so bezeichnen, seien oft gar nicht konservativ. Das Gegenteil sei der Fall, disruptiv, umwälzend, zerstörerisch.

Inszenieren sich Menschen als “Bewahrer”, — und nichts anderes bedeutet konservativ eigentlich — dient das ihrem Narrativ. Grundsätzlich wollen wir, dass alles so bleibt, Veränderungen sind beängstigend, vor allem, wenn man als privilegierte Person bisher vom System profitierte. In Wahrheit sind “Konservative” aber drauf und dran die Demokratie zu zerstören und aus der Freiheit, für die sie vermeintlich einstehen, wird die Indoktrination ihrer Version von richtig und falsch. Dem muss man irgendwie begegnen, darin sind sich alle einig. Nur in dem “wie”, da scheiden sich die Geister.

Vielleicht können wir uns zuerst darauf einigen: Sprache schafft Wirklichkeit. Für wen es kein Wort gibt, findet nicht statt. Kann nicht beschrieben, nicht erfasst werden. Das berühmte “mitdenken” beim generischen Maskulinum ist da nur ein Beispiel. Wenn du mir drei Sportler nennen sollst, sind die vermutlich alle männlich.

Bilder konstruieren Wirklichkeiten

Ähnlich verhält es sich mit visueller Repräsentation in den Medien, die wir konsumieren. In Red Dead Redemption spielen wir einen ehemaligen Outlaw, der in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts Jagd auf seine frühere Gang macht. Das Spiel ist durchzogen von Mythen und Stereotypen, von denen einige dazu dienen, ohne viel Aufwand die Geschichte des Spiels zu vermitteln, andere hingegen diskriminierend sind und ein weiß-zentrisches Verständnis von Geschichte verbreiten. Wie genau, habe ich hier erklärt:

https://www.youtube.com/watch?v=08XTXZpVrFA&ab_channel=Christina (Opens in a new window)

Das Script lesen Bonus-Mitglieder hier (Opens in a new window).

Fotografie ist kein Beweismittel

Auch Fotos formen die Wirklichkeit. Zumindest unsere Wahrnehmung davon. Dabei ist Fotografie kein Beweismittel. Ein Foto dokumentiert einen bestimmten Ausschnitt eines Raumes in einem bestimmten Zeitabschnitt. Das Festgehaltene ist keineswegs objektiv, das Foto immer von dem Subjekt hinter der Kamera beeinflusst.

Wir müssen uns also fragen, wer das Gezeigte aus welchen Gründen abgelichtet hat. Wieso das und nichts anderes? Welche Wirklichkeit soll mit dem Ausschnitt konstruiert werden und wie “echt” ist sie? Das mag Wortklauberei sein, aber führt uns zu Spannungsverhältnissen zwischen dem, was ist und dem, was wir wahrnehmen. Zwischen Wirklichkeiten, die konstruiert sind und solchen, die roh und real scheinen. Wieso das eine und nicht das andere?

Foto aus der Ausstellung: Zwei Stellwände voller Fotos, davor verschwommen Personen.

Die World Press Photos, anhand derer wir uns bei einer Führung solche Fragen gestellt haben, hingen im Altonaer Museum. Ihr findet einige Fotos auch auf der Website (Opens in a new window) (bitte beachtet die Trigger-Warnung).

Sind Träume Nachrichten aus unserem Unterbewusstsein?

Eine der vielen Fragen, die das ganz hervorragende Buch DallerGut Dream Departmentstore (Das Kaufhaus der Träume) von Lee Mi-ye stellt. Ich glaube, die englische Übersetzung von Sandy Joosun Lee behält genug der koreanischen Syntax, um das Buch für englischsprachige Leser:innen unerwartet wirken zu lassen. Zumindest war das beim Lesen mein Eindruck. Wenig war glatt gebügelt, über einige Formulierungen bin ich (positiv!) gestolpert. Das Cover (*chef’s kiss*) ist von Seoyoung Kwon (Opens in a new window).

DallerGut Dream Department Store

Worum geht’s?

Penny hat ein Vorstellungsgespräch beim besten Kaufhaus für Träume. Zu jeder Zeit kommen schlafende Kund:innen, um sich Träume zu kaufen, die sie nach dem Aufwachen mit ihren Emotionen bezahlen. Auf fünf Stockwerken gibt es Träume für den Mittagsschlaf, Träume, in denen man in die Rolle einer anderen Person schlüpft, als Adler über das Meer fliegt oder die verstorbene Oma zum Kaffee trifft.

Das Buch stellt die Annahme in Frage, dass unsere Träume uns etwas über unser Unterbewusstsein verraten. Stattdessen ist vielleicht wichtiger, wie wir mit dem umgehen, was wir im Schlaf erleben. Wieso schlechte Träume nicht immer schlecht sind.

Eine Kundin kauft jede Nacht einen Traum, in dem sie ihrem Schwarm begegnet. Am nächsten Morgen erinnert sie sich nicht an diese bewusste Kaufentscheidung, sondern fasst die Träume als Hinweise ihres Unterbewusstseins auf — und handelt entsprechend. Ein anderer Kunde kauft einen Alptraum, in dem er von der Armee eingezogen wird, obwohl er seit Jahren raus aus dem Verein ist. Er beschwert sich, unfähig sich daran zu erinnern, dass er den Traum selbst wählte, um mit seiner Vergangenheit abschließen zu können.

Diese Geschichten sind kurzweilig, schaffen es aber doch (oder vielleicht gerade wegen ihrer Kürze) Gedanken auszulösen. Wie es sich für ein gutes Buch gehört. Es werden einige Schlussfolgerungen vorweg genommen, ab Kapitelende ist man letztendlich doch mit den eigenen Gedanken allein.

Es ist ein Trip in eine fantastische Welt und eine Geschichte über das Menschsein, erzählt in einer reizenden Welt mit Charakteren, die Eindruck hinterlassen. Jede:r der fantastischen Traumcharaktere hat einen “Flaw”, etwas, das ihn oder sie nahbar macht. Penny lernt, wie mit Emotionen gehandelt wird, welche Kraft das Träumen hat und wann man das Schicksal einfach mal Schicksal sein lassen muss.

Empfehlung!

Meme der Woche

Meme: Der Sonnenkönig dazu der Text "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können."

Ich wiederhole mich ungern. (Opens in a new window)

Bonusfrage: Wessen Wohlstand?

Gesendet aus dem 4-Tage-Woche-Büro (bei leider auch nur 4-Tage-Woche-Geld).

Danke

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Das Titelbild dieser Ausgabe ist von Ameer Basheer (Opens in a new window) auf Unsplash (Opens in a new window).

Tschüsselchen
Christina

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