Radikale Ideen, Springen für Freude und Memekunde
Geld abschaffen.
Leere-Taschen-Abkommen: Wer in die Politik möchte, bekommt bedingungsloses Grundeinkommen und darf keine anderen Einnahmen haben. Keine Immobilienvermietung, keine Aktien an und entsprechend keine Dividenden (Opens in a new window) von Unternehmen.
Internet-Führerschein für alle. Muss jährlich wiederholt werden.
Werte-Ausgleich: Wer 5.000 Euro oder mehr im Monat verdient (oder sonst wie zur Verfügung hat), leistet einmal in der Woche Sozialdienst oder räumt den Park um die Ecke auf.
Mut zur Schönheit: Schmuckbuchstaben zuerst, danach wird der Rest der Welt verziert.
Jede 2. U-Bahn transportiert nicht Menschen, sondern Güter. Wo es keine Tunnel gibt, werden Drohnen eingesetzt, die dann von Laden zu Laden, von Dorf zu Dorf schweben. LKWs existieren nicht mehr. Ist mal etwas leer, muss man eben warten.
Was heute Natur ist, muss es für immer bleiben.
Alles unterhalb zehn Kilometer unter dem Meeresspiegel ist für Menschen verboten.
Meine inoffizielle neunte Idee ist, dass wir nur noch in Nightreign miteinander sprechen.
Nightreign ist ein Videospiel aus dem Elden-Ring-Universum, das man mit zwei Freunden oder zwei Fremden spielt. Auf einer Insel tötet man Monster, bekommt dadurch Punkte zum leveln und bessere Waffen. Zwei Tage geht das so (die aber nur etwa 30 Minuten andauern). Der Kreis, in dem es sicher ist, wird immer kleiner. Überlebt man diese zwei Tage, steht ein Endgegner bevor.
Um das Maximum aus diesen zwei Tagen zu holen, muss man sich koordinieren. Es nützt wenig sich aufzuteilen, alleine ist man schwach. Aber in Nightreign gibt es keinen Chat und schon gar keinen Voice Chat. Kommunikation findet also auf alternativen Wegen statt:
Springen, drehen, Waffe ziehen: Die Charaktere haben Animationen für ihre einzigen Aufgaben: Kämpfen und Fortbewegung. Genau die werden zweckentfremdet: Ziehe ich ganz oft hintereinander meine Waffe, sodass mein Charakter mehr zuckt als dass er sich wirklich bewegt, signalisiert das Bereitschaft. Als Zeichen der Freude und Erleichterung nach einem besonders schwierigen Kampf springt man oder dreht sich schnell im Kreis. Fängt eine:r an, machen die anderen schnell mit. Und das ist so schön <3
Auf der Karte: Spielende können Orte markieren und damit zeigen, dass sie dorthin wollen. Andere können diesen Marker bestätigen. Weil es aber mindestens genauso wichtig ist schon den zweiten, dritten, vierten Ort ins Visier zu nehmen, markieren viele in der Reihenfolge, die sie vorschlagen wollen. Um das zu verstehen, müssen die anderen allerdings gerade auf die Karte gucken, ansonsten verpufft das dazugehörige Audiosignal als potenzielle Drohung. Denn wer den gleichen Ort mehrfach markiert, signalisiert Ungeduld: “Kommt ran hier, ich hab’s eilig und einen Plan, wo es lang geht.”

Etabliert haben sich diese Kommunikationsmittel über Kontext. Sie sind für alle verständlich, unabhängig von existierenden Sprachen, weil sie auf Emotionen und Bewegungen basieren.
Ähnliches lässt sich in Dead by Daylight beobachten. Dort stehen Spielenden genau zwei Gesten zur Verfügung: in die Ferne zeigen auf der 1 und “Komm her” auf der 2. Beides hat, ebenso wie das eigentlich nicht für die Kommunikation gedachte Ducken (oder häufiges Ducken, das sogenannte teabagging, googelt bitte selbst, wieso das so heißt) sehr spezifische Funktionen innerhalb des Spiels: Teabagging ist ein Hohn, singuläres Ducken kann Lob und Bewunderung ausdrücken. Wer sich vor einem Killer mit Schweinsmaske duckt und 1 drückt, presst ihm auf die Nase (boop the snoot). Wer sich hinter einen Charakter duckt und die 2 drückt, haut dem Charakter auf den Po.
Habt ihr Beispiele, wie Communities in Spielen die limitierten Mittel nutzen, um mehr oder weniger komplex zu kommunizieren? Über ein besonders schönes Erlebnis in Nightreign mit den Usern “NiveaForWomen” und “IGot6DUIs” habe ich im Lost Levels Podcast (Opens in a new window) gesprochen.
Für mich sind das Momente, in denen ich mich als Teil der Menschheit fühle. Die Freude über etwas eigentlich banales verbindet. Man feiert den gemeinsamen Erfolg.
Ich mag meinen Kontakt mit fremden Menschen wie Hitzewellen: sporadisch. Nightreign filtert für mich und lässt Menschen nur beschränkt Kontakt zu mir haben — love it! Zu der Wahrheit gehört allerdings auch, dass die eingeschränkten Kommunikationskanäle schlicht wenig Möglichkeiten für Hassbotschaften lassen. Jede Interaktion kann als nett interpretiert werden — auch das: love it!
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Letztes Jahr, nachdem ich todesmutig meinen eigenen Namen in den Ring geworfen hatte, landete eine Anfrage von der Bundeszentrale für politische Bildung in meinem Postfach. Ein paar Wochen später stand fest: Ich mache das Lektorat für einen über 300 Seiten langen Sammelband wissenschaftlicher Texte über Gaming und Rechtsextremismus.

Ich bin ehrlich, ich habe nicht ganz so rechtzeitig angefangen, wie ich es in einer idealen Welt getan hätte. Und es war auch nicht immer schön — das Thema selbst ist belastend, manche Erkenntnisse erdrückend.
Aber ich bin so froh, dass ich es gemacht habe! Und weil ich jeden einzelnen Text sehr genau und mehrfach gelesen habe, kann ich euch ruhigen Gewissens sagen:
KAUFT DIESES BUCH! Oder ladet es für 0 Euro unter diesem Link. (Opens in a new window)
Der Band geht das Thema ohne “Ach herrje, die Jugend, sollten wir Spiele verbieten” an und zeigt vielfältige Perspektiven auf das Thema auf. Wichtige Arbeit! Es waren beeindruckende Personen daran beteiligt und ich bin sehr dankbar für das Vertrauen in mich.
In diesem Zuge: der Mini-Newsletter wird profesh. Wir (ihr lieben Lesenden und ich) haben einen Slogan (Lies was, das dich spannend macht), einen Header, den ich für euch in Powerpoint gezaubert habe — sogar der Podcast hat ein Logo. Mit einer anderen Font als der Header. Diese Tatsache gefällt mir nicht, aber ich mache das hier als Hobby und das muss so ok sein. 💐
Außerdem spielte ich ein fantastisches Indie-Horrorspiel, was ihr auf Youtube (Opens in a new window) gucken könnt:
https://youtu.be/XKwMvJ_2r1Q (Opens in a new window)Memes (!) der Woche
Ich bin mit Conni aufgewachsen. “Conni lernt reiten” habe ich so oft gelesen, dass ich es irgendwann für meine eigene Erinnerung hielt. 20 Jahre später weiß ich: Conni ist nicht die feminist icon, für die ich sie hielt. Genau wie Bibi. Beides ist peak weiße Heteronormativität (Opens in a new window), aber darum soll es heute nicht gehen.
Conni-Memes haben in den letzten Monaten an Popularität gewonnen. Die Formel ist einfach: Conni-Cover plus eine Tätigkeit, die das Gegenteil von dem beschreibt, was kleine Mädchen so machen — aber genau das ist, womit wir uns beim Teilen und Erstellen des Memes identifizieren wollen.
Die Memes sind aus zwei Gründen erfolgreich:
1. Sie schaffen enorm viel Dissonanz. Die heile und harmlose Conni-Welt trifft auf Lebensrealitäten der Nutzer:innen. Der Kontrast zwischen dem braven Mädchen und “Nazis aufs Maul hauen” ist so groß, dass er immer witzig ist.
2. Pixi-Bücher lagen früher in so gut wie jedem Kinderzimmer, jeder Apotheke, jeder Buchhandlung. Die Marke “Conni” ist bekannt, sodass die Memes auch für Menschen ohne meme literacy eine Bedeutung haben. Sie sind auch ohne nennenswerte popkulturelle Kenntnisse lesbar.

Die eben genannte Lebensrealität der Nutzenden besteht im Spätkapitalismus, wenn man den Social-Media-Accounts der Kolleg:innen trauen darf, aus Arbeitszeitbetrug. Das Konzept selbst ist gerade zum Meme geworden.
Hier geht es um möglichst kreatives Vortäuschen von Produktivität bis hin zu antikapitalistischer Kritik und dem individuellen Widerstand gegen ausbeuterische Lohnarbeit — mit der man sich heute eh kein Eigenheim mehr leisten kann, also wieso nicht?!

Conni gesellt sich dazu. Nicht unbedingt zur Freude des Carlsen-Verlags, der die Conni-Bücher publiziert. In einer Stellungnahme und der folgenden Klarstellung (Opens in a new window), versehen mit einem “Conni will da mal was klarstellen”-Meme, heißt es, man wolle gegen “Nutzungen von Conni-Memes zu kommerziellen, werblichen, Marketing- und ähnlichen Zwecken” vorgehen und diese löschen lassen. Heißt: Wer die Memes benutzt, um damit Geld zu machen, soll dies lassen.
“Uns freut es, dass die Figur Conni so bekannt und beliebt ist, dass sie sehr viele Menschen zu verspielten und lustigen Beiträgen im Internet inspiriert”, heißt es, doch bei rassistischen oder pornografischen Inhalten wäre eine Grenze überschritten.
Auch die Frage des Urheberrechts kommt in diesem Post auf. Schließlich verdienen die Autorin und Illustratorin mit Conni ihren Lebensunterhalt. Diese Frage ist bei Memes eine ebenso spannende wie größtenteils ungeklärte.
Johannes Franzen setzt in seinem Newsletter Kultur & Kontroverse (Opens in a new window) dort an und arbeitet den Fall unter dem Konzept der Werkherrschaft auf:
“Auch im Fall der Conni-Memes geht es das Konzept der Werkherrschaft, das im digitalen Zeitalter vor neue Herausforderungen gestellt wird, die jetzt durch den Aufstieg von K.I. noch einmal eskalieren. Das Erstellen der Memes wurde durch Bildgeneratoren extrem einfach, erfordert nun - außer einer Idee - wirklich gar keine Eigenleistung mehr. Bereits die Tatsache, dass im “vermeintlich rechtsfreien Social-Media-Raum” (Blome) mit geschütztem Bildmaterial gespielt wird, ist ein Angriff auf die Werkherrschaft der Urheber. Hier kann man die Kontrolle über eigene Bilder und Texte schnell verlieren. Ein Beispiel (Opens in a new window) für eine katastrophale ästhetische Enteignung ist die Figur “Pepe the Frog”, die gegen den Willen des Künstlers zu einem Erkennungszeichen des zeitgenössischen Rechtsradikalismus wurde.”
Neben dem Urheberrecht spielen zunehmend andere Rechte eine wichtige Rolle in unserer Auseinandersetzung mit Memes: Persönlichkeitsrechte.
Wir sahen es letzten Frühling beim Video aus Sylt, in dem mehrere junge Menschen einen rechtsradikalen Text singen und verfassungswidrige Symbole zeigen. Die Internet-Community brauchte nicht lange, um Twitter-, Instagram-, LinkedIn-Profile der Gezeigten zu finden — und das Video an die Arbeitgeber zu senden.
Ein Lied von der grenzenlosen Schnelligkeit und Schadenfreude des Internet kann auch Andy singen — Coldplay wird er in nächster Zeit bestimmt nicht mitsingen wollen. Bei einem Konzert der Band offenbarte die Kiss Cam seine Affäre mit Kristin. Beide sind verheiratet. Beide arbeiten im gleichen Tech-Unternehmen — er als CEO, sie als Head of HR. BRISANT, möchte man sagen.
Das Video der beiden, die sich schnell wegdrehen als die Kamera sie zeigt und denen es sichtlich unangenehm ist, ist ein Paradebeispiel für den Streisand-Effekt. Je mehr Mühe man sich gibt, etwas zu verheimlichen, desto mehr Aufmerksamkeit lenkt man darauf. Das Internet ist an diesem Wochenende voller Memes.

“Selbst Schuld”, mag man meinen, “geschieht ihnen recht”. Das Urteil hat das Internet schnell gefällt, von Mitgefühl keine Spur. Auf der anderen Seite ist es erstaunlich, dass die scheinbare Mehrheit derjenigen, die den Vorfall kommentieren, einen eindeutigen moralischen Kompass haben, der Ehebruch und Korruption vehement verurteilt.
Die Memes stellen indirekt aber auch die Frage: Wie schnell könnten wir selbst ungewollt zum Meme werden? Wie sicher sind wir in öffentlichen Räumen vor dem Internet? Auch hier tut sich eine Schere auf: Der drohende Pranger im Internet in Form von Memes und Kommentaren sorgt für mehr Verantwortungsbewusstsein, aus Angst vor Konsequenzen. Gleichzeitig urteilen Fremde über Fremde, meist ohne Kontext oder Spielraum. Lieber über andere urteilen als selbst zum Mittelpunkt der Musterung zu werden.
Fehler zu machen, das menschlichste auf der Welt, wird zum Skandal. Zu differenzieren wird optional. That being said, in diesem Fall ist mein Fazit: “Play stupid games, win stupid prizes.”
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Das Titelbild dieser Ausgabe ist von Robyn Budlender (Opens in a new window) auf Unsplash (Opens in a new window).
Ciao Miau 🐈
Christina