Liebe Leserinnen und Leser,
diese Woche sind zwei Texte erschienen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: ein NZZ-Artikel mit dem Titel „Fehlschlag Energiewende" und eine Welle von Kommentaren, die das Klima-Worst-Case-Szenario RCP8.5 für vom Tisch erklären und daraus folgern, Klimaschutz sei übertrieben gewesen. Beide Texte arbeiten mit echten Daten. Beide ziehen daraus falsche Schlüsse. Beide lassen denselben Faktor weg: die Transformation, die genau diese Daten erst erzeugt hat.
Wie das Muster funktioniert
Es gibt eine Lücke zwischen Daten und Deutung, und sie ist in den letzten Monaten gewachsen. Reale Messwerte aus Stromsystemen, Klimamodellen und Marktdaten werden in eine Interpretationsrealität gepresst, die sich von der Empirie gelöst hat. Das Verfahren ist immer dasselbe: Ein Faktum wird isoliert. Der Kontext wird entfernt. Aus dem isolierten Faktum wird eine politische Forderung abgeleitet, die ohne den entfernten Kontext schlüssig klingt.
Bei der NZZ heißt diese Forderung: Rückbau der Energiewende. Bei Vahrenholt, Tichy und Ex-Familienministerin Kristina Schröder heißt sie: Klimapolitik war übertrieben, der Emissionshandel kann weg. Der Mechanismus ist derselbe. In beiden Fällen dient das Ergebnis der Transformation als Beleg dafür, dass die Transformation überflüssig sei.
Zwei Fälle, dieselbe Bewegung. Hier die Auflösung.
Was die NZZ verschweigt
Im NZZ-Format „Der andere Blick" erschien am 16. Mai ein Artikel von Morten Freidel, Sophia Kissling und Simon Off. Kernthese: Trotz Rekordausbau bei Wind und Solar erzeuge Deutschland weniger Strom als früher. Die Energiewende habe versagt.
Die NZZ zeigt eine Kurve: Die installierte Leistung in Deutschland ist seit 2000 um 167 Prozent gewachsen, gemessen in Gigawatt. Das stimmt. Was die NZZ nicht zeigt: Die tatsächliche Erzeugung aus erneuerbaren Energien ist im selben Zeitraum um 670 Prozent gestiegen, gemessen in Terawattstunden. Gigawatt ist Kapazität. Terawattstunden ist Realität.
(Opens in a new window)Die Gesamterzeugung Deutschlands ist seit 2000 um 12 Prozent zurückgegangen. Auch das stimmt. Aber der Kontext fehlt: Die Kernenergie ist zu 100 Prozent weggefallen, 170 Terawattstunden Atomstrom sind aus dem System verschwunden. Die Erneuerbaren haben diesen Ausfall nicht nur ausgeglichen, sondern zusätzlich 254 Terawattstunden Mehrerzeugung geliefert. Was übrig bleibt, erklärt sich durch Effizienzgewinne und den Strukturwandel der Industrie. Kein Versorgungsengpass. Kein Fehlschlag.
Professor Stefan Krauter und weitere Fachleute haben den Artikel umgehend als faktisch irreführend eingestuft.
„Ohne Energiewende: Blackout."
Den vollständigen Faktencheck mit Grafik gibt es auf Cleanthinking (Opens in a new window).
Apokalypse fällt aus, sagen sie
RCP8.5 ist das härteste Klimaszenario, das die Forschung modelliert hat. 2011 wurde es als oberer Pfad in die Klimamodelle eingespeist: ein Strahlungsantrieb von 8,5 Watt pro Quadratmeter bis 2100, also eine Welt mit massivem Kohleausbau, ohne wirksame Klimapolitik und mit gebremster Diffusion der Erneuerbaren. Heute gilt dieses Szenario als sehr unwahrscheinlich. Das ist eine gute Nachricht.
Sie kommt zustande, weil die globale Kohleflotte ausgebremst wurde, weil Solar, Wind und Batterien schneller wachsen als jedes Modell vorhergesagt hat, und weil Schwellenländer wie Indien und China den fossilen Pfad verlassen, den RCP8.5 unterstellt. Der Klimaforscher Zeke Hausfather hat das 2020 zusammen mit Glen Peters in einer vielbeachteten Nature-Analyse präzise dokumentiert. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut erklärt es seit Jahren in der deutschen Debatte.
Vahrenholt, Tichy und Kristina Schröder ziehen daraus diese Woche einen anderen Schluss: Die Apokalypse falle aus, also seien die Klimaziele übertrieben, der Emissionshandel könne beerdigt werden, die Klimapolitik habe sich an der eigenen Wirksamkeit erledigt. Der Trick ist exakt derselbe, den auch die NZZ verwendet: Das Ergebnis der Transformation wird zum Beleg dafür erklärt, dass die Transformation nie nötig gewesen sei.
Mario Buchinger hat den Mechanismus in einem vielbeachteten Video aufgearbeitet. Was in der deutschen Debatte fehlt, ist eine breitere wissenschaftliche und politische Antwort. Während diese Antwort auf sich warten lässt, kommen die Daten aus der echten Welt weiter herein.
Mehr dazu im Cleanthinking-Artikel (Opens in a new window).
30 Gigawatt in der Wüste
Rund 520 Quadratkilometer Salzwüste im indischen Bundesstaat Gujarat. 15.000 Arbeiter. Eine eigene Entsalzungsanlage, ein eigenes Glasfasernetz, Roboter, die zweimal täglich die Module reinigen. Willkommen im Khavda Renewable Energy Park, dem größten Kraftwerk, das die Menschheit je gebaut hat.

30 Gigawatt, Solar und Wind kombiniert, betrieben vom Adani-Konzern. 13 Gigawatt sind bereits am Netz. Das entspricht der gesamten installierten Solarleistung mancher europäischer Länder, an einem einzigen Standort.
Weil tagsüber mehr Strom produziert wurde als verkauft werden konnte, hat Adani in neun Monaten die vermutlich größte Netzbatterie der Welt gebaut: 1,1 Gigawatt Leistung, 3,5 Gigawattstunden Kapazität, seit diesem Monat in Betrieb. Bis April 2027 kommen weitere 10 Gigawattstunden dazu. Das ist kein Subventionsmodell.
„Wir machen nichts auf Megawatt-Ebene. Auch nicht auf Hunderte-Megawatt-Ebene. Wenn es nicht Gigawatt ist, haben unsere CEOs nicht die Aufmerksamkeitsspanne dafür."
- Arun Sharma, Nachhaltigkeitschef Adani
Khavda ist kein Einzelfall. In der chinesischen Provinz Qinghai steht der Talatan-Solarpark auf dem Tibetischen Plateau, 3.000 Meter über dem Meer: über 17 Gigawatt auf einer Fläche von sieben Manhattan. In Kalifornien plant der Westlands Water District einen 21-Gigawatt-Park auf brachliegenden Agrarflächen, deren Grundwasser versiegt ist. Aus einem Wasserproblem wird ein Energieprojekt.
Vor fünf Jahren galten Solarprojekte mit einigen hundert Megawatt als Rekorde. Heute operiert die Solarbranche routinemäßig in der Gigawatt-Größenordnung.
Deutschland exportiert wieder Netto-Strom
Im ersten Quartal 2026 ist Deutschland erstmals seit Ende 2023 wieder Nettostromexporteur. 17,9 Terawattstunden Export, 15,3 Terawattstunden Import. Nettoplus: 2,6 Terawattstunden. Im Vorjahresquartal war es noch ein Importüberschuss von vier Terawattstunden. Die Wende kam innerhalb eines Jahres.
Der Grund laut Bundesnetzagentur: Die Großhandelspreise in Deutschland sind stärker gefallen als in den meisten Nachbarländern. Für Stromversorger in Österreich, Dänemark und Norwegen war es schlicht billiger, deutschen Strom zu kaufen als eigenen zu erzeugen.
Womit exportiert Deutschland diesen günstigen Strom? 57,1 Prozent der Exporte stammten aus Erneuerbaren. Größter Einzelbeitrag: Windenergie an Land. Das ist exakt der Mechanismus, den Patrick Graichen in seiner Spanien-Analyse beschrieben hat. Mehr Erneuerbare drücken den Börsenstrompreis. Je öfter Wind und Solar den Preis setzen, desto günstiger der Strom. Die Nachbarn kaufen ihn, weil er günstig ist, weil Wind und Solar keine Brennstoffkosten haben.
Das Narrativ vom teuren deutschen Ökostrom, den niemand will, hält dieser Datenlage nicht stand. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn Deutschland die 80-Prozent-Marke bei Erneuerbaren erreicht: Dann exportieren wir nicht nur Strom, sondern Preisstabilität. Wenn Katherina Reiche das nicht blockiert.
Gesicherte Leistung: Was Reiche meint und was IRENA rechnet
Wenn Katherina Reiche von „gesicherter Leistung" spricht, meint sie Gaskraftwerke. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien hat diese Woche nachgerechnet. Der neue IRENA-Report „24/7 Renewables" führt eine Kennzahl ein: gesicherte Stromgestehungskosten, Firm LCOE. Anders als die üblichen Kosten rechnet dieser Wert alles mit ein, was nötig ist, damit Solarstrom rund um die Uhr verfügbar ist: Batteriespeicher, Überbau, Systemintegration. Kein Schönwetter-Strom.
Für Schleswig-Holstein, Wind plus Speicher, ergibt sich 2025 ein Wert von 91 Dollar pro Megawattstunde, bis 2030 fallen die Kosten auf 73 Dollar. Das ist teurer als Abu Dhabi, klar. Aber günstiger als jedes neue Gaskraftwerk, das die Bundesregierung im Rahmen der Kraftwerksstrategie plant.
Seit 2010 sind die Kosten für Großspeicher um 93 Prozent gefallen, allein 2025 nochmals um 31 Prozent. Gesicherte Leistung ist damit nicht mehr an fossile Brennstoffe gebunden. Wenn Reiche von „gesicherter Leistung" spricht, verkauft sie eine fossile Lösung für ein Problem, das die Erneuerbaren bereits gelöst haben.
Mehr dazu bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Der Boden gibt nach
Eine neue Studie in Nature Communications zeigt: Menschen in dicht besiedelten Küstenregionen erleben einen relativen Meeresspiegelanstieg von durchschnittlich 6 Millimetern pro Jahr. Das ist dreimal so viel wie der globale Mittelwert von 2,1 Millimetern. Der Unterschied kommt nicht aus dem Meer, sondern von unten: Der Boden sinkt ab.
Ursachen laut den Forschenden von TU München und Tulane University: Grundwasserentnahme, Öl- und Gasförderung, das Gewicht schnell wachsender Städte. In Jakarta sinkt der Boden in manchen Stadtteilen um bis zu 42 Millimeter pro Jahr. Bangkok, Lagos, Tianjin und Alexandria folgen.
„Wer den Meeresspiegelanstieg an Küsten verstehen und wirksam darauf reagieren will, muss nicht nur den Ozean beobachten, sondern auch das Land selbst."
- Dr. Julius Oelsmann, Hauptautor, DGFI-TUM
Es gibt Gegenbeispiele: Tokio und Houston haben durch Regulierung der Grundwasserentnahme die Subsidenz stark verlangsamt. Lokale Entscheidungen können den globalen Klimawandel-Effekt teilweise kompensieren.
Quelle: Oelsmann et al., Nature Communications 17, 4382 (2026)
Kurz notiert: E-Auto-Förderung 2026
Die neue E-Auto-Förderung ist in Kraft. Welche Modelle förderfähig sind und wie viel Zuschuss es gibt, zeigt unser Förderrechner (Opens in a new window).
Die Lücke zwischen Daten und Deutung wird größer. Die Daten selbst kommen aber weiter herein, jede Woche, in dieselbe Richtung. Indien baut das größte Kraftwerk der Menschheitsgeschichte. Deutschland exportiert Windstrom in die Nachbarländer, weil er günstiger ist als alles andere. Die IRENA rechnet vor, dass gesicherte erneuerbare Energie billiger ist als neue Gaskraftwerke.
Wer diese Datenlage nicht sehen will, will aus Eigeninteresse eine tatsachenferne Interpretationsrealität erzeugen. Das sollten wir nicht zulassen.
In diesem Sinne,
Ihr Martin Jendrischik