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Der Fluch der Armut

Als Kind dachte ich, wir seien verflucht. Heute weiß ich: Dieser Fluch nennt sich Armut.

Text: Jasmin Kormaz

Meine Kindheit war in zwei Phasen unterteilt: die glückliche und die unglückliche. Letztere begann mit dem Tod meines Vaters. Ich war zehn Jahre alt und hatte bis dahin kaum Berührungspunkte mit dem Tod. Als mein Vater starb, weinte ich nicht. Ich erinnere mich genau an den Moment, als man mir sagte, dass er den Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Noch besser erinnere ich mich an meine Verwirrung. Ich konnte nicht fassen, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Ich war nicht wütend, ich war nicht traurig, da war nur diese überwältigende Leere. Ich blieb einfach still und beobachtete.

Ich sah dabei zu, wie das Leben, das ich kannte, Tag für Tag ein Stück weiter zerbröckelte. Meine Mutter stammt aus einem Dorf in der Mongolei und lebte als Kind sogar als Nomadin. Westlicher Luxus oder die Bürokratie hier waren ihr völlig fremd. Sie hatte meinen Vater in Tschechien kennengelernt; er hatte dort und in Österreich ein Teppichgeschäft, sie arbeitete in einer Nähfabrik. Im ersten Jahr ihrer Bekanntschaft sprachen sie nicht einmal dieselbe Sprache; sie kommunizierten per Pantomime. Meine Mutter scherzt heute noch, dass sie deshalb so lange zusammenbleiben konnten: Wer den anderen nicht versteht, kann nicht streiten.

Die beiden haben sich wirklich geliebt. Doch mein Vater beging einen Fehler, den er sogar kurz vor seinem Tod realisierte und zugab: Er liebte meine Mutter so sehr, dass er vergaß, ihr ein eigenständiges Leben in diesem System beizubringen. Da meine Mutter schlechter Deutsch sprach als er, hatte er sich immer darum gekümmert. Behördentermine, Versicherungen, das Entziffern von Dokumenten, all das lastete plötzlich auf mir, als er weg war.

Plötzlich saßen wir in einer kleinen Gemeindebauwohnung im 20. Bezirk. Meine Mutter war alleinerziehend, ich eine Halbwaisin. Von da an sah ich sie meist erst spätabends nach der Schule. Sie schlug sich mit jenen Jobs durch, mit denen sich Migrantinnen oft über Wasser halten müssen: Putzkraft, Zimmermädchen, Küchenhilfe. Ich kenne sie alle, denn ich war es, die ihre Bewerbungen schreiben musste.

Obwohl sie versuchte, die Situation vor mir geheim zu halten, merkte ich alles. Ich sah sie weinen, wenn sie versuchte, die „blauen Briefe“ zu lesen. Ich bemerkte ihren mitleidigen Blick, wenn ich im Laden sehnsüchtig die Pokémon-Karten anstarrte. Und ich sah ihre pure Überforderung, wenn ich ihr erklärte, dass ich Geld für einen Schulausflug brauchte.

Wenn ich heute von den Sozialkürzungen in Österreich höre, kocht die Wut in mir hoch. Besonders wenn ich sehe, wie bei der Mindestsicherung für Mehrkindfamilien und jungen Leuten gespart wird, spüre ich diese Wut gegen ein System, das nach unten tritt, nicht nach oben. Dass dieses System nicht funktioniert, habe ich schon als Kind begriffen, damals ordnete ich es nur als Fluch ein. Ein echter Fluch, den böse Geister über unsere Familie gelegt hatten.

Ich wusste, dass wir arm waren, aber ich gab es nicht gern zu. Ich flüchtete mich in eine kindliche Logik: Ich war überzeugt, dass meine Familie verflucht sei. Mongolen sind oft eine Mischung aus Tengristen (einem alten Glauben an die Kraft des ewigen Himmels und der Naturgeister) und Buddhisten; böse Energien auszuräuchern, war für mich Alltag. Dass mit dem Tod meines Vaters alles so schiefging, war so unfassbar unfair, dass nur ein überirdischer Fluch als Erklärung taugte. Es half mir, die Wut und Trauer auf eine Macht zu projizieren, die ich nicht kontrollieren konnte.

Diese Illusion hielt nicht ewig. Je mehr ich über Politik lernte, desto klarer wurde mir: Wir waren systematisch verflucht. Ich hatte in der kapitalistischen Lotterie verloren. Was mich belastet hat, war die klassische Prekariats-Spirale. Kapitalismus, fehlende Sozialleistungen und Mehrfachdiskriminierung, das waren die wahren Dämonen.

Ich habe nie verstanden, warum sich der Mythos der „Sozialschmarotzer“ so hartnäckig hält. Ich kenne niemanden, der härter gearbeitet hat als meine Mutter. Durch das Putzen bekam sie eine chronische Bronchitis; die Reinigungsmittel und die ständige Feuchtigkeit in der Küche verursachten ein allergisches Kontaktekzem. Ihre Hände waren manchmal so tief eingerissen, dass man bis ins Fleisch sehen konnte. Das soll eine Sozialschmarotzerin sein? Aber die Person, die Steuern hinterzieht und ihr Kapital für sich „arbeiten“ lässt, nicht?

Trotz ihrer harten Arbeit konnten wir uns mein Schulessen kaum leisten. Einmal bekamen wir wegen unserer Armut ein Paket für den Schulstart: eine Sozialförderung, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Aber ich erinnere mich an das Gefühl von Erleichterung. Schon früh schämte ich mich für jeden Cent, den ich ausgab. Selbst als ich mit 15 als Samstagskraft im Einzelhandel mein eigenes Geld verdiente, empfand ich bei meinen ersten Urlauben Scham. Scham darüber, dass ich verreisen konnte und sie nicht.

Armut ist eine Spirale. Heute bin ich 22 und stehe auf eigenen Beinen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, erben werde ich nichts, außer das „Trauma der Knappheit“, die ständige Angst, dass morgen alles weg sein könnte. Da mir meine Mutter immer mitgab, dass Bildung der einzige Ausweg ist, habe ich durchgezogen. Ich wollte eine Aufsteigergeschichte. Doch das Verständnis für das System hat mich kaputt gemacht. Es ist ein System, das keine Fehler verzeiht. Man darf nicht unaufmerksam sein, man muss immer 110 Prozent geben.

Es gab Tage, an denen ich im Aufzug zum Büro geweint habe, weil die psychische Belastung zu groß war. Es war nicht nur der Stress des Jobs, sondern die ständige Angst, ihn zu verlieren und wieder vor dem Nichts zu stehen. Und das Einzige, was mir dabei durch den Kopf ging, war, wie undankbar ich doch sei, wo ich diesen Bürojob doch eigentlich haben ‚darf‘. Doch ich muss funktionieren. Wenn ich ausfalle, bricht alles zusammen. Ich bin verantwortlich für die finanzielle Stabilität meiner Mutter. Wenn Leute sagen, ich solle nur auf mich schauen, ist das völlig realitätsfern. Ich habe gesehen, wie meine Mutter für mich gekämpft hat; sie jetzt nicht zu unterstützen, wäre für mich der größte Verrat. Dieses System wird sie nicht mit einer großzügigen Pension belohnen, genauso wenig wie mich.

Armut ist ein Fluch. Aber kein magischer, sondern ein ganz realer, menschengemachter. Wenn die Politik heute bei den Ärmsten kürzt, dann kürzt sie nicht nur an Zahlen in einem Budget, sie kürzt an der Lebenswürde und der psychischen Gesundheit ganzer Familien. Diese Kürzungen sind es, die den Fluch zementieren und dafür sorgen, dass Kinder in einer Spirale aus Scham und Überlebenskampf aufwachsen. Wir brauchen kein System, das nach unten tritt, sondern eines, das diesen Fluch endlich bricht.

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