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Wieso bist du immer so heiter?

Ich werde erstaunlich oft gefragt, woher ich die Kraft nehme.

Woher dieses sonnige Gemüt kommt, diese Heiterkeit, die offenbar so verlässlich zur Verfügung steht, als hätte ich irgendwo im Keller ein gut sortiertes Lager an guter Laune, aus dem ich jederzeit nachfüllen kann.

Manche formulieren es bewundernd, andere ungläubig, einige mit einem Unterton leiser Skepsis:

Ob ich denn wirklich immer so positiv sei.

Ob ich denn niemals einfach nur erschöpft, traurig, entmutigt wäre.

Ob es bei mir auch Schatten gibt, dunkle Täler, Momente, in denen sich der Horizont verengt und der Blick in die Zukunft eher nach Nebel als nach Sonnenaufgang aussieht.

Die kurze Antwort ist: Ja, natürlich.

Die lange Antwort ist dieser Text.

Die Zumutung, immer „stark“ zu sein

In unserer Gesellschaft sind fröhliche Menschen beliebt. Sie gelten als „stark“, als „resilient“, als „Vorbild“. Man wirft ihnen Komplimente zu wie Konfetti: „Du bist so positiv!“, „Ich bewundere deine Stärke“, „Ich weiß gar nicht, wie du das alles schaffst.“

Es klingt freundlich – und ist es oft auch. Aber in diesem Lob liegt bisweilen eine subtile Zumutung:

Bleib bitte so.

Bleib hell, bleib stark, bleib heiter.

Wir brauchen dich in dieser Rolle.

Wenn ich lache, wenn ich freundlich bin, wenn ich der Welt offen und humorvoll begegne, dann ist das kein Kunststück, kein Trick. Es ist eine Seite von mir, eine, die ich mag und die ich bewusst pflege. Aber sie ist nicht die ganze Wahrheit.

Die andere Seite existiert ebenso: Müdigkeit. Traurigkeit. Erschöpfung. Zweifel.

Ich kenne das Gefühl, in einem inneren Tal zu stehen, in dem die Wände eng zusammenrücken und der Himmel nur ein schmaler Streifen ist. Ich kenne die Frage, ob ein Problem vielleicht doch größer ist als alle verfügbaren Lösungsstrategien. Ich kenne den Moment, in dem Hoffnung nicht glänzend strahlt, sondern eher leise flackert wie eine Kerze im Durchzug.

Es fällt mir nicht schwer, das zuzugeben.

Ich schäme mich nicht dafür, dass auch mein Leben Schwere kennt.

Aber – und das ist mir wichtig – ich möchte nicht auf diese Weise gesehen werden: als dauerhaft trauriger Mensch, als Perspektivlose, als jemand, der innerlich schon aufgegeben hat.

Denn das wäre eine grobe Verzerrung.

Momentaufnahmen sind keine Identität

Die entscheidende Erkenntnis, die mich trägt, ist eine sehr schlichte:

Traurigkeit ist ein Zustand, keine Identität.

Wenn ich traurig bin, wenn ich keine Perspektive sehe, wenn mir alles zu viel wird, dann ist das wie ein Standbild im Film meines Lebens. Ein eingefrorener Moment, nicht das ganze Drehbuch.

Ich weiß, dass diese Zustände existieren. Ich weiß aber ebenso, dass sie vergehen.

Die Erfahrung, schon mehrfach aus dunklen Tälern wieder hinausgefunden zu haben, hinterlässt eine stille, tiefe Gewissheit:

Das bin ich nicht in Gänze. Das ist nur ein Ausschnitt.

Ich möchte mich deshalb nicht definieren über meine schwersten Stunden. Und ich möchte auch nicht, dass andere es tun.

Wenn jemand mich nur in einem Moment der Erschöpfung sehen würde, kurz bevor ich mich wieder sortiere, dann wäre das wie das Urteil über ein Buch nach drei zufälligen Sätzen.

So wenig, wie ich ausschließlich meine hellsten Augenblicke als Maßstab meiner Person gelten lassen möchte, so wenig lasse ich meine dunkelsten Momente zum Zentrum meiner Existenz erklären.

Es gibt Tage, an denen ich tief falle – innerlich.

Es gibt Stunden, in denen der Boden unter meinen Füßen weniger stabil wirkt als sonst.

Aber es gibt zugleich in mir eine sehr unprätentiöse, unaufgeregte Überzeugung:

Ich bin mehr als dieser Moment.

Und genau das macht den Unterschied.

Heiterkeit ist keine Maske

Es ist mir wichtig, etwas klarzustellen:

Meine Heiterkeit ist keine Tarnkappe.

Ich benutze meine Fröhlichkeit nicht, um etwas zu verstecken. Ich maskiere meine Traurigkeit nicht, um sie mir oder anderen zu verheimlichen. Ich kenne sie, ich benenne sie – und ich nehme mir das Recht heraus, sie nicht zu jeder Zeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Traurigkeit, Probleme, Überforderung – sie gehören zu meinem Leben. Sie sind Teil meiner Geschichte, meines Erlebens, meiner inneren Landschaft. Sie sind weder peinlich noch „Fehler im System“. Sie sind Reaktionen auf Belastung, Verlust, Überforderung, auf schlichte menschliche Endlichkeit.

Ich verleugne diese Aspekte nicht. Ich packe sie nur nicht auf einen Thron.

Stattdessen treffe ich eine bewusste Entscheidung:

Ich bestimme selbst, wie viel Priorität ich der Traurigkeit in einem bestimmten Moment einräume.

Manchmal bekommt sie Raum.

Manchmal sehr viel.

Dann nehme ich mir Zeit, um zu weinen, um zu hadern, um in mir aufzuräumen, um der inneren Schwere eine Stimme zu geben. Dann darf sie sprechen – nicht als Diktatorin, aber als wichtiger Gast.

Manchmal aber setze ich ihr klare Grenzen.

Dann sage ich, innerlich und sehr entschieden:

„Heute nicht. Heute darfst du am Rand sitzen, ich habe anderes zu tun.“

Und es gibt Tage, da ist schlicht kein Platz für sie. Nicht, weil ich sie verbannen will, sondern weil gerade andere Kräfte stärker sind: Freude, Dankbarkeit, Neugier, Humor, die ganz einfache Lust am Leben.

Innere Selbstverwaltung statt Verdrängung

Was ich tue, ist keine Verdrängung, sondern eine Art innere Selbstverwaltung.

Ich entscheide, welche Gefühle heute das Rederecht bekommen – und wie lange.

Natürlich gelingt mir das nicht immer perfekt. Es gibt Situationen, in denen die Traurigkeit sich vordrängt und unvermeidlich wird. Es gibt Momente, in denen ein Problem so laut wird, dass selbst der beste Humor kurz verstummt.

Aber grundsätzlich ist es eine Haltung:

Ich bin nicht ausgeliefert.

Ich bin beteiligt an der Gewichtung.

Ich weiß, dass meine Probleme da sind.

Ich weiß, dass meine Verletzungen real sind.

Ich weiß zugleich, dass mein Glück ebenso real ist.

Meine Liebe zu mir selbst, so brüchig sie manchmal auch wirken mag, ist da.

Mein Optimismus ist da.

Und diese Kräfte stehen in einem Verhältnis – einem, das ich aktiv mitgestalte.

An manchen Tagen ist der Optimismus ein leiser, unsicherer Schüler in der letzten Reihe.

An anderen steht er mitten im Raum, hebt die Hand und sagt:

„Wir probieren es trotzdem.“

Optimismus als Entscheidung – nicht als Zwang

Ich bin lieber positiv.

Ich bin lieber optimistisch.

Und ich bemühe mich, das zu bleiben.

Nicht, weil ich glaube, dass man „immer nur nach vorne schauen“ muss. Nicht, weil ich der Meinung wäre, negative Gefühle seien unzulässig oder unmodern.

Sondern weil ich gemerkt habe, dass ich auf einem Boden aus Zuversicht besser stehen kann als auf einem Teppich aus Resignation.

Optimismus, wie ich ihn verstehe, ist kein Dauerlächeln.

Er ist eher eine innere Grundvereinbarung mit mir selbst:

Ich gehe davon aus, dass es sich lohnt weiterzumachen.

Auch dann, wenn es gerade anstrengend ist.

Auch dann, wenn ich im ersten Moment keinen Weg sehe.

Er bedeutet, dass ich die Möglichkeit von Lösungen und Wendungen nicht ausschließe, selbst wenn ich sie noch nicht erkennen kann. Optimismus ist für mich die Weigerung, den schlimmsten Fall zum einzig denkbaren Szenario zu erklären.

Ich bin nicht optimistisch, weil alles leicht wäre.

Ich bin optimistisch, weil ich sonst nicht ich wäre.

Die Kunst, beides zu halten

Vielleicht ist es genau das, was andere als „Kraft“ wahrnehmen:

Nicht das unerschütterliche Strahlen, sondern die Fähigkeit, beides gleichzeitig zu halten – das Wissen um die Dunkelheit und die Entscheidung für das Licht.

Ich leugne nicht, dass ich dunkle Täler kenne.

Ich leugne nicht, dass es Tage gibt, an denen mir die Perspektive fehlt.

Aber ich weiß zugleich: Ich bin fähig, mich wieder aufzurichten.

Nicht heroisch, nicht filmreif, nicht als Heldin eines Dramas – sondern still, pragmatisch, Schritt für Schritt.

Ich bin bereit, auf meine Traurigkeit zu schauen, ohne in ihr zu verschwinden.

Ich bin bereit anzuerkennen, dass mein Leben kompliziert sein darf und ich trotzdem freundlich bleiben kann.

Ich bin bereit, heiter zu sein, ohne mich schuldig zu fühlen, wenn ich weiß,

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