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Zwischen Kamille und Koffein – oder: Wenn das Wiesel taumelt und die Büffelin lächelt

Es gibt Abende, die beginnen mit einem Versprechen.

Kein großes, kein lautes – eher ein stilles, fast zärtliches Abkommen mit sich selbst. Ein Rückzug aus der insistierenden Taktung des Tages, ein leises Hinübergleiten in jene Zwischenzone, in der Gedanken weicher werden, Konturen verschwimmen und der Körper endlich aufhört, sich zu rechtfertigen.

Gestern war ein solcher Abend.

Die Kanne stand da wie ein kleines, dampfendes Manifest der Selbstfürsorge. Schlaf- und Beruhigungstee – allein der Name klang wie ein Versprechen auf Kapitulation vor der Müdigkeit, auf ein sanftes Einsinken in die Horizontalität. Kamille, Melisse, vielleicht ein Hauch Lavendel – botanische Diplomaten im Dienst der inneren Abrüstung.

Ich trank.

Langsam. Schluck für Schluck.

Und irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Becher begann sich etwas in mir zu entkrampfen. Gedanken wurden leiser, das Wiesel zog sich ein Stück zurück, weniger bissig, weniger insistierend. Die Büffelin – diese stoische Instanz innerer Gelassenheit – kaute bedächtig auf einem imaginären Grashalm herum und nickte in sich hinein. So könnte es gehen, dachte ich. So könnte der Abend enden.

Und dann geschah etwas, das man im Nachhinein wohl als jene kleine, kaum bemerkbare Weggabelung bezeichnen könnte, an der sich entscheidet, ob ein Abend in sanfter Bedeutungslosigkeit verklingt – oder zur erzählwürdigen Anekdote eskaliert.

Die Kanne war leer.

Ein Umstand, der sich an sich leicht beheben ließe. Wasser, Teebeutel, Geduld – ein überschaubarer Aufwand. Doch irgendwo zwischen körperlicher Trägheit und jener charmant getarnten Form der Prokrastination, die sich gerne als Selbstfürsorge verkleidet, entschied ich mich dagegen.

Und griff stattdessen zur nächstbesten Alternative.

Coca-Cola Zero.

Ein Griff, so beiläufig wie folgenreich.

Ein Schluck, so unschuldig wie subversiv.

Während die pflanzliche Sedierung noch leise in mir nachhallte, setzte das Koffein an zu seiner ganz eigenen Form der Intervention. Nicht abrupt, nicht brutal – sondern schleichend, fast höflich. Ein inneres „Entschuldige die Störung, aber wir hätten da noch einen kleinen Punkt zu klären…“

Was folgte, war kein klarer Zustand mehr, sondern ein Oszillieren. Ein Schwebezustand zwischen Müdigkeit und Wachheit, zwischen Erschöpfung und innerer Unruhe. Der Körper wollte sich niederlegen, der Geist hingegen begann, sich erneut aufzuspannen – wie eine Saite, die man eben noch gelockert hatte, nur um sie im nächsten Moment wieder zu straffen.

Und mittendrin: das Wiesel.

Es taumelte.

Nicht im klassischen Sinne – vielmehr in einer Art hyperaktivem Delirium. Halb im Sprint, halb im Sekundenschlaf. Es stolperte von A nach B, blieb stehen, vergaß, warum es überhaupt losgelaufen war, nur um im nächsten Moment wieder loszuwieseln, als hätte jemand heimlich einen Startknopf gedrückt. Ein Wesen zwischen zwei Aggregatzuständen – weder ganz wach noch wirklich ruhend.

Die Büffelin hingegen…

saß da.

Unerschütterlich.

Kaute Kamille.

Und zuckte mit den Achseln, mit jener stoischen Grandezza, die nur sie beherrscht. Ein kurzer, trockener Blick in meine Richtung, gefolgt von einem Satz, der in seiner lakonischen Präzision fast schon philosophischen Rang beanspruchen darf:

„Prokrastination ist nicht immer eine Lösung.“

Ich hätte widersprechen können.

Tat es nicht.

Denn während sich in mir weiterhin Sedativa und Stimulanzien in einer eigentümlichen, beinahe akademisch anmutenden Auseinandersetzung befanden, meldete sich eine dritte Instanz zu Wort – deutlich weniger subtil, dafür umso konsequenter.

Meine Blase.

Feierte. Ich hörte förmlich die Musik, “yah-yah-yeh Coco Jambo” und fühlte deutlich:

Sie insistierte.

Nicht laut, aber mit jener penetranten Beständigkeit, die keinen Aufschub duldet. Und so begann eine nächtliche Expedition, die in ihrer ästhetischen Ausführung vermutlich nur entfernt an menschliche Würde erinnerte.

Der Weg ins Bad wurde zur Choreografie aus Halbschlaf, leichter Desorientierung und dem verzweifelten Versuch, eine Form von Koordination aufrechtzuerhalten. Ich bewegte mich – oder vielmehr: ich wurde bewegt. Von einem inneren Impuls, der weder ganz bewusst noch völlig autonom war.

Irgendwo zwischen Traum und Realität.

Man hätte mich vermutlich problemlos in eine Folge von The Walking Dead integrieren können – als eine dieser Gestalten, die sich tastend, suchend, leicht entrückt durch die Szenerie bewegen. Nur, dass mein Ziel weniger apokalyptisch, dafür umso banaler war.

Und doch – in all dieser leichten Absurdität, in diesem chemisch induzierten Zwischenzustand, lag etwas zutiefst Menschliches.

Ein kleines Scheitern an der eigenen Bequemlichkeit.

Ein minimaler Kontrollverlust.

Ein Wiesel, das nicht weiß, ob es schlafen oder sprinten soll.

Eine Büffelin, die längst verstanden hat, dass beides gleichzeitig selten funktioniert.

Vielleicht sind es genau diese Abende, die bleiben.

Nicht die perfekt durchkomponierten, nicht die makellos strukturierten. Sondern jene, in denen etwas verrutscht. In denen das Gleichgewicht kippt, nur ein kleines bisschen – gerade genug, um eine Geschichte daraus zu machen.

Und während ich schließlich wieder im Bett lag

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