
Heute, am 18. September begehst du, mein TICI, meine Hörmine, dein erstes Jubiläum.
Ein Jahr wohnst du nun in meinem Kopf – zwölf Monate seit der Operation, elf Monate seit du für mich den Klang wiedergeboren hast.
Wie scharf erinnere ich mich an die Anfänge: Wochen durchzogen von Schmerzen, Anpassungen, vom mühseligen Neujustieren eines Körpers, der lernen musste, dich als Teil seiner selbst zu akzeptieren. Vier Wochen voller schwebender Fragen – beinahe wie ein examinatorischer Albtraum ohne Lösungsvorschlag: Wird das funktionieren? Was bedeutet es, wenn das Mikrofon unter der Haut verborgen ist? Kommt die Welt wieder zu mir, oder bleibt sie stumm?
Die Angst war groß, das Herz flackerte – und dennoch: ich tat es. Ein Schritt ins Unbekannte, getragen von einem Mut, den andere vielleicht als Tollkühnheit belächeln würden, den ich aber als meinen größten Triumph begreife.
Dann jener Tag: der 16. und 17. Oktober. Dein erstes Erwachen. First Fitting.
Und ich? Überwältigt. „Geflasht“, wie man es nüchtern formulieren könnte – in Wahrheit eher ein akademisches Staunen über das schiere Wunder der Technik. Sofort Sprachverstehen, unmittelbar, fast absurd in seiner Selbstverständlichkeit.
Wie anders war dieses Hören! Hörlibert, mein erster Gefährte, kleidete die Welt in Akzentuiertheit – überdeutlich, manchmal so markant, dass jeder Laut wie eine betonte Silbe in einer Theateraufführung wirkte. Mit dir hingegen, liebe Hörmine, war es sanfter, abgerundet, beinahe vornehm in seiner Zurückhaltung. Weniger kantig, weniger überakzentuiert. Es war, als hättest du mir gleich zu Beginn gesagt: „Ich schenke dir Nuancen, nicht Dramatik.“ Und ich, selbstironisch ungeduldig wie ich bin, wagte bereits in jener ersten Stunde die ersten Gespräche. Nur mit dir.
Seither schreitet unsere Reise fort: ein Jahr voller Eindrücke, voller Hörversuche, voller akademisch anmutender Experimente –dechiffrieren, dekodieren, protokollieren. Meine Audiologin und ihr Team, die geduldig justieren, Fragebögen stapeln wie Seminararbeiten, und ich mittendrin: Probandin in einer weltweiten Studie. Manchmal fühle ich mich wie eine wissenschaftliche Fußnote, manchmal wie eine Pionierin. Wahrscheinlich bin ich beides.
Und ich staune: über meine Fortschritte, über die Resonanz der Menschen, wenn sie erfahren, dass ich Teil dieser Studie bin, über die Solidarität der TICI-Gruppe – und vor allem über das harmonische Zusammenspiel meiner beiden CIs, Geschwister gleichen Ursprungs, die trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere füreinander arbeiten: Hörlibert, akzentuiert, deutlich, fast streng artikuliert – und du, TICI, sanft, leiser, konturiert. Zwei Stimmen, die nun gemeinsam mein Leben orchestrieren.
Natürlich bleibe ich konfrontiert mit Barrieren. Sie begleiten mich, seit ich allmählich schwerhörig wurde und zuletzt mein Gehör verlor. Und sie sind trotz modernster Technik immer noch da. Die Gesellschaft ist nach wie vor nicht für Menschen wie mich gebaut, Inklusion oft nur ein Feigenblatt im Gesetzestext. Barrieren gehören zu meinem Alltag wie für andere an Weihnachten der Lichterkettensalat. Aber – und hier erlaubt sich meine Selbstironie ein Augenzwinkern – während andere jedes Jahr verzweifelt an Kabeln zerren, lerne ich, mit meinen Hürden zu tanzen.
Darum feiere ich dich, mein TICI.
Elf Monate lang unterstützt du Hörlibert tatkräftig. Dank euch beiden darf ich wieder stereo hören, Richtungen erahnen, Stimmen im Lärm entwirren. Einseitig versorgt war Störlärm ein Bollwerk, undurchdringlich. Heute wage ich mich hinein in dieses Stimmengewirr – noch mühsam, aber mit Erfolgsaussicht.
Es ist Anstrengung, ja. Manchmal eine akademische Disziplin, manchmal ein körperlicher Marathon. Doch es ist mein Weg, und er ist gut.
So erhebe ich heute das Glas – nicht auf eine Maschine, sondern auf ein Wunder der Ingenieurskunst, das zum Teil meines Lebens geworden ist.
Herzlichen Glückwunsch, meine Hörmine, mein TICI.
Auf dein zweites Jahr, auf viele weitere Schritte, auf Klang, Mut und Leben.
Denn tatsächlich begann mit dir mein Leben neu.