
Wer eine chronische Erkrankung hat oder mit einer Behinderung lebt, ist selten nur der Krankheit ausgesetzt – meist auch den Gerüchten, die um sie ranken wie lästige Efeuranken um ein ehrwürdiges Haus.
Sie wuchern leise, hartnäckig, und nisten sich in Köpfen ein, die nichts Eigenes zu denken vermögen.
Gerüchte über die eigene Person, über die Familie, das Umfeld – sie machen auch vor Freundschaften nicht halt.
„Man sagt ja nix – man redet ja nur.“
So lautet die höfliche Deklaration dessen, was in Wahrheit nichts anderes ist als charakterliche Bankrotterklärung im Plauderton.
Unterhaltung, nennt man es.
Doch Gerüchte sind nie Unterhaltung – sie sind ein Angriff. Ein Angriff auf die unantastbare Würde derer, die gerade genüsslich in der Gerüchteküche zu Eintopf verkocht werden.
Gerüchte, auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, sie seien zur Hälfte wahr, sind es nie.
Sie sind stets zu hundert Prozent Projektion, garniert mit Halbwissen und Gewürzen aus Missgunst, Neid oder schierer Langeweile.
Denn wer tratscht, weiß nichts. Weder Fakten noch Hintergründe, weder Beweggründe noch Umstände.
Und doch erlauben sich einige Zeitgenossen der schwatzhaften Art – womöglich aus der Tristesse des eigenen Alltags heraus – ein Urteil zu fällen, ein Gespräch zu führen, als gälte es eine Preisverleihung in der Kategorie Mutmaßung des Jahres.
Rückgrat? Fehlanzeige.
Fragen? Undenkbar – das wäre ja zu einfach. Zu direkt. Zu ehrlich.
Hier schreit mein inneres Wiesel:
„Aaach?! Aber sich die Mäuler fusselig zu reden ist in Ordnung? Das wäre wenigstens konsequent, aufrichtig, ehrlich!“
Tapferer kleiner Kerl, ausgestattet mit einem unbestechlichen moralischen Kompass.
Die Wasserbüffelin in mir indes mahnt ihn zur Ruhe – Aufregung, so sagt sie, schadet mehr, als sie nützt.
Und während das Wiesel noch zornig ins Stuhlbein beißt, lehne ich mich zurück und denke:
Welche Gerüchte wohl diesmal durch die Umlaufbahn meiner Existenz schwirren?
Welche Stimmen, zu feige, um nachzufragen, aber laut genug, um zu flüstern?