Vom Twitter-Lebemann zum Bundesland-Hasser?
20.04.2023
Dieser Beitrag wurde zuerst am 20. April 2023 auf Substack (Opens in a new window) veröffentlicht und am 13. August 2025 auf Steady republiziert.
(Opens in a new window)Die Welt des Twitter-Universums ist für viele ein unerschöpfliches Reservoir der Meinungsbildung und ein Ort, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Doch für den Literaturwissenschaftler und Kulturjournalisten Johannes Franzen, der für seinen besonderen Blick auf das Geschehen im Twitter-Kosmos bekannt ist, hat diese Plattform unerwartete Hürden bereitgehalten.
Bis dato galt Franzen als eine Hochglanz-Persönlichkeit ohne besondere Ecken und Kanten. Doch auch er musste nun feststellen, dass Twitter mitunter unbarmherzig sein kann. Die Reaktionen auf einen kritischen Tweet fielen eindeutig aus. Wer wissen möchte, welches Bundesland Franzen mit einem Tweet aufs Korn nahm und warum dies auch den Alltag jedes Einzelnen betreffen kann, erfährt hier mehr.
![Johannes Franzen schreibt in einem Tweet: "[Zensiert] hat den Charme eines Bundeslandes ohne Charme." Links oben ein schockiertes Emoji mit bläulicher Färbung am Kopf und rechts unten ein schockiertes Emoji mit bläulicher Färbung ohne Pupillen und mit beiden Händen am Gesicht.](https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsubstackcdn.com%2Fimage%2Ffetch%2F%24s_%21AyO4%21%2Cw_1456%2Cc_limit%2Cf_auto%2Cq_auto%3Agood%2Cfl_progressive%3Asteep%2Fhttps%253A%252F%252Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%252Fpublic%252Fimages%252F637a9caa-c19d-4994-a230-586c8eb45f4c_1920x1080.jpeg?auto=compress&w=800&fit=max&dpr=2&fm=webp&s=ccc90ba559f5337d593cc40415419864)
Bodenlose Fässer die überlaufen
Was war geschehen? Franzen ließ die Twitter-Gemeinde in einer spontanen Äußerung am Dienstagnachmittag wissen: „NRW hat den Charme eines Bundeslandes ohne Charme.“ Dass dieser Kommentar derartige Wellen schlagen würde, war ihm zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht bewusst.
Sandra G., die anonym bleiben möchte, äußerte ihr Unverständnis: „Johannes Franzen war für mich bisher eine Identifikationsfigur in der Twitterwüste. Das schlägt dem Fass aber den Boden aus.“ Auch Stephan Anpalagan, Geschäftsführer von Demokratie in Arbeit, verfasste innerhalb weniger Minuten einen warnenden Tweet (Opens in a new window): „Vorsicht, Freundchen!“ Doch Franzen fühlte sich sogleich attackiert und erklärte (Opens in a new window): „Aha, aha, ich dachte, man darf hier wieder seine Meinung sagen auf Twitter dot com 😡.“
Als ob dies nicht genug wäre, meldete sich schließlich auch noch ein langjähriger Twittergefährte zu Wort. Das Urteil (Opens in a new window) des Autors Torben Kassler fiel vernichtend aus: „More like Johannes Fratzke amirite? [sick!]“ Dies war für Franzen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und er kündigte an (Opens in a new window): „Krass, diese Plattform ist hammer toxisch, darüber werde ich nun einen langen Text schreiben 😡 [sic!]“
Was würde Johannes Franzen tun?

Leider war es mir nicht möglich, Franzen persönlich zu befragen. Doch dank modernster Technologie können wir uns mit Hilfe von Chat GPT einen möglichen Einblick in den Wut-Text verschaffen, auf den wir alle sehnlichst warten.
Franzen GPT, der mit einem Text (Opens in a new window) des Betroffenen gefüttert wurde, äußert sich dazu wie folgt: „Es ist traurig, aber wahr: Wir leben in einer Zeit, in der Meinungsfreiheit nicht mehr selbstverständlich ist. Mein Tweet über NRW hat zu einem wahren Shitstorm geführt, der mir zeigt, wie wenig manche Menschen von dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung halten.
Stephan Anpalagan hat mich innerhalb weniger Minuten gewarnt. Aber wovor? Davor, dass ich meine Meinung sage? Ich denke nicht. Stattdessen scheint er zu denjenigen zu gehören, die glauben, dass man nur dann eine Meinung haben darf, wenn sie politisch korrekt ist. Aber das ist nicht das, wofür die Meinungsfreiheit steht.
Und dann gibt es noch Torben Kassler, der offenbar glaubt, dass er sich über mich lustig machen kann. Aber was soll das bringen? Sind wir nicht alle erwachsen genug, um Meinungsverschiedenheiten auf einer sachlichen Ebene zu diskutieren?
Ich werde weiterhin meine Meinung sagen, ob das einigen gefällt oder nicht. Denn das ist es, was die Meinungsfreiheit ausmacht: die Freiheit zu sagen, was man denkt, ohne dafür bestraft zu werden. Und wenn das dazu führt, dass ich einen langen Text darüber schreibe, wie toxisch diese Plattform geworden ist, dann sei es so. Ich werde nicht schweigen, nur weil manche Menschen nicht mit einer anderen Meinung umgehen können.“
Der Fall Franzen zeigt, wie kontrovers die Debatte um die Meinungsfreiheit sein kann. Auch wenn es sicherlich kritikwürdige Äußerungen gibt, muss das Recht auf freie Meinungsäußerung gewahrt bleiben. Wir sollten uns nicht von einer toxischen Stimmung auf Twitter und anderswo einschüchtern lassen, sondern uns weiterhin mutig und sachlich zu unseren Meinungen bekennen.
Eine harte Lektion
Natürlich gab es nie einen wirklichen Shitstorm gegen Franzen auf Twitter. Es gab auch nie eine Sandra G. oder ein Bundesland mit dem Charme eines Bundeslandes ohne Charme.
Aber wir haben heute dennoch hoffentlich alle gemeinsam eine wichtige Lektion (Opens in a new window) gelernt.
https://twitter.com/torben_kassler/status/1648311532072083462 (Opens in a new window)Oder wie Franzen GPT es formulieren würde: „Die Erkenntnis mag bitter sein: Das Geschehen auf Twitter ist oft mehr Schein als Sein. In einer Welt, in der scheinbar alles möglich ist, wo Identitäten verschwimmen und Grenzen verschwimmen, ist es umso wichtiger, wachsam zu sein und das Gesagte kritisch zu hinterfragen. Denn was als Wahrheit erscheint, kann schnell zur Fiktion werden, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet.
Und doch bleibt die Frage: Warum ist es so einfach, mit einem Tweet die Emotionen der Menschen aufzurütteln und Diskussionen auszulösen? Vielleicht liegt es daran, dass wir in einer Zeit leben, in der der Austausch von Meinungen und Gedanken immer wichtiger wird. Twitter kann dabei ein hilfreiches Instrument sein, um sich zu vernetzen und über Themen zu diskutieren, die uns bewegen. Doch wie bei allen Werkzeugen kommt es darauf an, wie man sie benutzt. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir mit unseren Worten auch Verantwortung tragen und dass sie Auswirkungen auf andere haben können.“
Das klingt natürlich gut, verkauft sich aber auch schlechter.