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Pflanze des Monats Februar 2026

Das Schneeglöckchen ist die Pflanze des Monats! Wusstest du, dass britische Soldaten im Krimkrieg die Schneeglöckchen-Zucht ins Rollen brachten und dass die Zwiebel einen Wirkstoff enthält, der gegen Alzheimer hilft? Das und mehr erfährst du hier.

Bild in verschiedenen Versionen (unter anderem zum Ausmalen in schwarz-weiß) herunterladen:

Hinweis: Erstens habe ich vergessen, dass der Februar nur 28 Tage hat, deshalb war die Pflanze des Monats für heute, Sonntag terminiert … leider der erste März, ähem.

Und da ich versehentlich heute den Beitrag über die Parthenogenese mit Paywall verschickt habe und heute eigentlich ein kostenfreier Beitrag drangewesen wäre, gibt es dafür jetzt eben die Pflanze des Monats für alle und nicht nur für Mitglieder (ist normalerweise eine Rubrik für Unterstützer:innen).

Name:

Schneeglöckchen (Galanthus nivalis)

Lebensraum:

  • Liebt Halbschatten unter Laubbäumen

  • Braucht feuchte, humusreiche Böden

  • Muss seinen Lebenszyklus abgeschlossen haben, bevor die Bäume ihre Blätter austreiben

Verbreitung:

  • Ursprünglich in Südwestdeutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien und auf dem Balkan heimisch

  • In Norddeutschland und England eine eingebürgerte Stinsenpflanze, oft aus Obst- und Klostergärten verwildert

Lebensweise und besondere Skills:

  • Enthält das Alkaloid Galantamin, einen zugelassenen Wirkstoff gegen Alzheimer-Demenz

  • Lässt sich von Ameisen verbreiten, die seine Samen verschleppen

Das Schneeglöckchen gehört zu den ersten Pflanzen, die sich im Februar aus dem Boden schieben, oft noch durch letzte Schneereste hindurch. Die Zwiebel speichert über den Sommer Energie in Form von Kohlenhydraten. Im zeitigen Frühjahr treibt die Pflanze damit aus, noch bevor die Laubbäume ihre Blätter entfalten. In diesem kurzen Zeitfenster, in dem Licht ungehindert auf den Wald- oder Gartenboden fällt, muss es seinen gesamten Lebenszyklus durchziehen: austreiben, blühen, bestäuben lassen, Samen bilden, Vorräte einlagern. Wenn im Juni das Blätterdach der Bäume sich schließt, ist das Schneeglöckchen längst wieder verschwunden. Diese Strategie teilt es mit vielen Frühblühern, und sie erklärt, warum du es fast ausschließlich unter Laubgehölzen findest.

In eher milden Jahren dauert es meist nicht all zu lange, bis die ersten Honigbienen auftauchen. Diese Bienen gehören zu den frühesten Bestäuberinnen des Jahres und nutzen jede milde Phase, um Nahrung zu sammeln. Für unser Auge wirken die Blüten schlicht weiß. Für Bienen zeigen sie jedoch mehr: Die Kronblätter werfen ultraviolettes Licht zurück, das Insekten wahrnehmen können. So heben sich die Blüten selbst dann deutlich vom Hintergrund ab, wenn drum herum noch Schnee liegt. Viel Nektar finden die Tiere dort eher nicht. Schneeglöckchen investieren sparsam in Zuckerwasser, stellen jedoch Pollen bereit. Für die Honigbienen zählt dieser Pollen als wertvolle Eiweißquelle, mit der sie ihre erste Brut versorgen können.

An wärmeren Tagen besuchen auch gern überwinternde Schmetterlinge die Blüten. Arten wie der Zitronenfalter, der Kleine Fuchs oder das Tagpfauenauge verbringen den Winter als erwachsene Tiere und starten bei den ersten Sonnenstrahlen in die neue Saison. Bisher habe ich noch keine gesehen, das dürfte aber auch nur noch eine Frage der Zeit sein!

Wenn es zur Obsession wird …

Das Kleine Schneeglöckchen, Galanthus nivalis, ist die einzige in Mitteleuropa heimische Art. Sein natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Südwestdeutschland über Österreich und die Schweiz bis nach Frankreich, Italien und den Balkan. Dort wächst es in lichten Auwäldern und feuchten Laubmischwäldern, bevorzugt auf eher kalkhaltigen Böden.

Hier bei uns im Norden erzählt sein Vorkommen eine ähnliche Geschichte wie die der Schachblume (Opens in a new window): Im nördlichen Mitteleuropa ist Galanthus nivalis ein Neophyt, also eine Pflanze, die ursprünglich dort gar nicht wächst. Wo du in Norddeutschland große Schneeglöckchenbestände findest, standen früher oft Herrenhäuser, Gutshöfe, Pastorate oder Klöster mit ihren Gärten. In der Botanik gelten solche verwilderten Zierpflanzen als Stinsenpflanzen, was wir uns bei der Schachblume ja schon genauer angeschaut hatten: lebende Kulturrelikte, die verraten, wo einst jemand einen Garten pflegte. In England, wo Schneeglöckchen außerhalb der Gärten erst ab 1770 nachgewiesen sind, verwilderten sie vermutlich speziell aus Klostergärten. Dort galt die Pflanze als Symbol für Reinheit und Hoffnung, verbunden mit der Jungfrau Maria. Im Englischen heißt sie deshalb auch „Candlemas Bell", weil sie traditionell um Lichtmess am 2. Februar blüht.

Einen Wendepunkt für die Schneeglöckchenwelt markierte ausgerechnet ein Krieg. Nach dem Krimkrieg (1853 bis 1856) brachten britische Soldaten Zwiebeln von Galanthus plicatus von der Halbinsel Krim mit nach England. Dort kreuzten sich die mitgebrachten Pflanzen mit dem bereits eingeführten Galanthus nivalis und dem türkischen Galanthus elwesii. Aus diesen Kreuzungen entstand eine Vielfalt, die bis heute Sammlerinnen und Sammler komplett eingenommen hat.

Uuuuund damit sind wir bei der Galanthomanie (= “Schneeglöckchen-Obsession”). So nennen die Brit:innen das Phänomen, dass Menschen Hunderte Euro für eine einzige Schneeglöckchenzwiebel ausgeben. Die Liebhaberinnen und Liebhaber dieser Pflanze bezeichnen sich selbst als Galanthophile, also “Schneeglöckchen liebende”, und ihre Leidenschaft hat durchaus etwas Obsessives. Über 500 registrierte Sorten existieren mittlerweile, manche schätzen die Gesamtzahl auf bis zu 2.000. Wenn du auf Schneeglöckchenbörsen und Auktionen unterwegs bist (ja, sowas gibt es), begegnest du Zwiebeln mit gefüllten Blüten, solchen mit gelben Zeichnungen oder pokalförmigen Blütenblättern, bei denen innere und äußere Blätter gleich groß sind, sie sind gekräuselt, kleiner, größer, leicht angefärbt, und, und, und. 2011 wechselte eine einzige (!) Zwiebel der Sorte Galanthus plicatus 'E. A. Bowles' auf eBay für 350 Pfund die Besitzerin. Das erinnert an die niederländische Tulpenmanie der Renaissance, nur dass es hier eben um Schneeglöckchen geht. Um die Unterschiede zwischen den Sorten zu erkennen, musst du übrigens auf die Knie gehen und den Glöckchen unter die Blütenblätter schauen. Die feinen grünen Muster auf den inneren Kronblättern unterscheiden sich von Sorte zu Sorte, und auch der Look der Blütenblätter selber kann variieren.

Bei uns am Fluss sind Schneeglöckchen definitiv Rudeltiere.

Odysseus und die Pflanze gegen das Vergessen

Das Schneeglöckchen kann aber noch mehr als nur schön aussehen. In der Zwiebel des Schneeglöckchens steckt ein Alkaloid namens Galantamin. Es ist giftig, und wenn du an der Zwiebel knabberst, bekommst du das mit Übelkeit, Erbrechen und Krämpfen zu spüren. Bei Kindern reichen schon geringe Mengen. Also: bewundern ja, essen nein. Gleichzeitig gehört Galantamin zu den wichtigsten Wirkstoffen in der Behandlung von leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz. Es hemmt den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn und verbessert so Gedächtnisleistung und Orientierung bei Betroffenen. Seit dem Jahr 2000 ist es als Medikament zugelassen, vertrieben unter dem Namen Reminyl.

Die Geschichte dieser Entdeckung führt in den Kalten Krieg. In den 1950er Jahren untersuchten bulgarische und sowjetische Forscherinnen und Forscher das Kaukasische Schneeglöckchen (Galanthus woronowii). Im Kaukasus aßen ältere Menschen traditionell die Zwiebeln gegen Gedächtnisschwäche, und Kinder mit Kinderlähmung wurden mit einem Tee aus den Zwiebeln behandelt. Aus diesen Beobachtungen isolierten Wissenschaftler:innen den Wirkstoff Galantamin. Zunächst setzten Ärztinnen und Ärzte in Osteuropa ihn gegen die Symptome der Poliomyelitis ein. Erst Jahrzehnte später erkannten westeuropäische Pharmaunternehmen sein Potenzial gegen Alzheimer. Die belgische Firma Janssen stellte den Wirkstoff in den 1990er Jahren synthetisch her, weil die natürlichen Vorkommen bei weitem nicht ausreichten, um den Bedarf zu decken.

Ein Gefährte des Odysseus wird von Kirke in ein Schwein verwandelt (rechte Seite eines kleinen Altars, „Arula“, Sizilien, 6. Jh. v. Chr., Louvre in Paris). Bibi Saint-Pol für Wikimedia Commons (Gemeinfrei).

Und dann gibt es da noch eine Hypothese, die Forschende und Mythologiebegeisterte gleichermaßen fasziniert. In Homers Odyssee erzählt der Held, wie die Zauberin Kirke seinen Gefährten eine giftige Pflanze ins Essen mischte. Die Männer verloren ihr Gedächtnis und verwandelten sich in Schweine. Odysseus selbst entkam dem Zauber, weil der Götterbote Hermes ihm eine geheimnisvolle Pflanze namens Moly überreichte. Homer beschreibt sie so: „Ihre Wurzel war schwarz, und milchweiß blühte die Blume." Also: Milchweiße Blüte, dunkle Zwiebel, ein Mittel gegen das Vergessen: Die Neurowissenschaftler Plaitakis und Duvoisin vermuteten 1983, dass es sich bei Moly um ein Schneeglöckchen handelte. Kirkes Zaubertrank enthielt vermutlich Bilsenkraut oder Alraune, also Pflanzen voller halluzinogener Tropan-Alkaloide. Und Galantamin, der Wirkstoff aus dem Schneeglöckchen, hebt genau die Wirkung dieser Alkaloide auf. Ein Gegenmittel gegen Gift und Vergessen, schon vor fast 3.000 Jahren in einem Epos verewigt. Ob Homer tatsächlich das Schneeglöckchen meinte, wissen wir natürlich nicht. Die Vorstellung hat trotzdem etwas für sich, findest du nicht?

Ameisen als Postboten

Wie die Schachblume hat auch das Schneeglöckchen eine besondere Art der Samenverbreitung. Nachdem die Blüte bestäubt wurde, entwickeln sich Kapselfrüchte, die 18 bis 36 Samen enthalten. An jedem Samen sitzt ein fleischiger Nährkörper, ein sogenanntes Elaiosom. Ameisen finden dieses schmackhafte Anhängsel unwiderstehlich und schleppen die Samen in ihren Bau. Manchmal fressen sie den Nährkörper schon unterwegs ab und lassen den eigentlichen Samen liegen. So verbreiten die Ameisen das Schneeglöckchen in der Umgebung. Diese Art der Ausbreitung heißt Myrmekochorie (“Ameisen” und “sich verbreiten”), und sie erklärt, warum sich Schneeglöckchen an einem guten Standort über die Jahre langsam, aber stetig ausbreiten.

Daneben bildet das Schneeglöckchen natürlich auch Tochterzwiebeln, aus denen die charakteristischen dichten Horste entstehen. Wenn du eine solche Ansammlung im Garten teilen möchtest, machst du das am besten direkt nach der Blüte, wenn die Pflanze noch grün ist, sobald die Blätter im Juni eingezogen sind, will die Zwiebel nämlich in Ruhe gelassen werden. Wenn du im Sommer dort herumgräbst, riskierst du, dass im nächsten Frühjahr nichts mehr kommt.

Schneeglöckchen aus dem Handel sind immer okay … oder?

Echte Naturstandorte des Schneeglöckchens sind in Deutschland selten. In Süddeutschland findest du sie in lichten Auwäldern und feuchten Laubmischwäldern, bevorzugt auf kalkhaltigen Lehmböden. Die Art steht unter besonderem gesetzlichen Schutz gemäß der Bundesartenschutzverordnung. In der freien Natur darf sie weder gepflückt noch ausgegraben werden, also bitte nicht denken: Cool, hier stehen so viele, die hätte ich auch gern im Garten, nehme ich dann mal mit! Nein. Nein, nein.

Was du vielleicht noch nicht wusstest: Für den Handel werden manche Schneeglöckchenarten, vor allem Galanthus elwesii, an ihren Naturstandorten in der Türkei in großen Mengen gesammelt. Dieser Raubbau hat in einigen Regionen bereits zum Verschwinden ehemals weit verbreiteter Bestände geführt. Die Zwiebeln landen als Billigangebote im Gartenhandel. Wenn du also Schneeglöckchen kaufst, achte darauf, dass sie aus gärtnerischer Vermehrung stammen. Sie kosten etwas mehr, dafür wächst dein Bestand mit gutem Gewissen.

Und wenn du einmal Schneeglöckchen im Garten hast: Lass sie einfach in Ruhe, es sei denn, du willst den Horst teilen und sie woanders hin versetzen. Lass das Laub auch stehen, bis es von alleine verwelkt, damit die Pflanze genug Energie für das nächste Jahr sammeln kann. In ein paar Jahren hast du einen Teppich aus weißen Glöckchen, der jedes Frühjahr aufs Neue den Vorfrühling einläutet.

Bis zum nächsten Mal

Jasmin

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Quellen

Davis, Aaron P. The Genus Galanthus: A Botanical Magazine Monograph. Illustrated by Christabel King. Portland, OR: Timber Press, 1999. Published in association with the Royal Botanic Gardens, Kew.

Fokuhl, Gerriet, Jürgen Heinze, und Peter Poschlod. „Myrmecochory by small ants – Beneficial effects through elaiosome nutrition and seed dispersal“. Acta Oecologica 38 (Januar 2012): 71–76. https://doi.org/10.1016/j.actao.2011.09.007 (Opens in a new window).

Plaitakis, Andreas, und Roger C. Duvoisin. „Homer’s Moly Identified as Galanthus Nivalis L.: Physiologic Antidote to Stramonium Poisoning“. Clinical Neuropharmacology 6, Nr. 1 (1983): 1. https://doi.org/10.1097/00002826-198303000-00001 (Opens in a new window).

Raskind, M. A., E. R. Peskind, T. Wessel, W. Yuan, und the Galantamine USA- Study Group. „Galantamine in AD“. Neurology 54, Nr. 12 (2000): 2261–68. https://doi.org/10.1212/WNL.54.12.2261 (Opens in a new window).

Tariot, P. N., P. R. Solomon, J. C. Morris, u. a. „A 5-month, randomized, placebo-controlled trial of galantamine in AD“. Neurology 54, Nr. 12 (2000): 2269–76. https://doi.org/10.1212/WNL.54.12.2269 (Opens in a new window).

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