Liebe Leser:innen,
Seit dem letzten Newsletter hat ein Lehrer mutmaßlich eine Kollegin getötet (Opens in a new window), ein Mann seine Ex-Partnerin eingesperrt und mit dem Messer bedroht (Opens in a new window) und der Fall eines steirischen Arztes (Opens in a new window) wurde bekannt, der jahrelang Patientinnen sexuell missbraucht haben soll. Das alles spielte sich innerhalb nur einer Woche und nur im kleinen “beschaulichen” Österreich ab. Von all den Fällen an Gewalt gegen Frauen, die es erst gar nicht in die Nachrichten schaffen, nicht zu reden.
Die Übergriffe, die Drohungen, die Belästigungen und ja, auch die Morde sind keine tragischen Ausnahmeerscheinungen. Sie werden nicht von ein paar wenigen “Verrückten” begangen. Sie werden von - und das ist das wirklich Schlimme daran - “ganz normalen” Männern begangen. Dem Partner, dem Opa, dem Lehrer, dem Arzt, dem Schauspieler, dem Medienmanager, dem Bauarbeiter, dem Arbeitslosen, dem Inländer, dem Ausländer, dem Jungen, dem Alten. Gewalttätige Männer sind im Querschnitt eine extrem heterogene Gruppe, sie haben aber eines gemeinsam: ihr Geschlecht.
An diesem Faktum ist nicht zu rütteln. Jede Gewaltstatistik aus jedem beliebigen Land der Welt bestätigt das. Gewalt geht zum überwiegend großen Teil von Männern aus (ich erzähle das hier auch nicht zum ersten Mal). Und sie steckt vielleicht nicht in jedem Mann, aber in einer so hohen Zahl, dass jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens einmal irgendeine Art von Gewalt erfährt. Jede dritte. Da kann man nicht von ein paar “Einzelfällen” sprechen.
Deshalb gibt es von vielen Frauen auch keinen Vertrauensvorschuss mehr für Männer. Deshalb sind viele (ich auch) es leid, immer dazu sagen zu müssen, dass es “eh nicht alle” sind, dass es “ja auch gute Männer” gibt, dass “natürlich nicht jeder die Probleme ignoriert”. Jene Männer, die tatsächlich “nicht so sind”, haben es in der Regel auch gar nicht nötig, sich an einem “Not all men” aufzuhängen. Jene, die wirkliche Verbündete von Frauen und Queers sind, haben längst erkannt, dass es in diesen Dingen nicht um ihre persönlichen Befindlichkeiten geht. Sondern es geht darum, etwas gegen männliche Gewalt zu unternehmen. Und zwar nicht bloß lieb zu nicken, wenn man gefragt wird, ob man das schlimm findet.
Gewalt überall
Ich spreche, schreibe und diskutiere am laufenden Band über solche Themen. Aufmerksamen Leser:innen (den unaufmerksamen auch) dieses Newsletters wird schon aufgefallen sein, dass ich mich mit manchen Zahlen und Fakten auch regelmäßig wiederhole. Weil die Situation tatsächlich so bestürzend ist, weil Gewalt gegen Frauen so alltäglich ist, so normalisiert, dass es manchen gar nicht erwähnenswert erscheint. Und dann geschieht es immer und immer wieder, dass Männer (not all), nur eine Reaktion kennen: Sich darüber zu beklagen, sie würden unter Generalverdacht gestellt. Das sei so unfair, eine Anmaßung, eine Beleidigung.
Doch wie die geschätzte Barbara Blaha (sie hat auch ein tolles feministisches Buch geschrieben) schon in einem Kommentar (Opens in a new window) zum Fall Ulmen fragte: Wie sollen wir euch lieben? Wir Frauen, euch Männer. Wenn wir nirgendwo sicher sein können, wenn unser Vertrauen von unseren Partnern, Ehemännern, engsten Familienangehörigen missbraucht wird. Wenn unsere Kollegen und Chefs ihre Macht ausnutzen, wenn schon eine simple Taxifahrt zur Grenzüberschreitung (Opens in a new window) werden kann. Nein, Frauen müssen sich nicht dafür rechtfertigen, wenn sie Männern immer skeptischer begegnen. Denn je mehr wir hinschauen, desto deutlicher wird, in welchem unglaublichen Ausmaß Männer zu Übergriffen, Gewalt und Machtmissbrauch neigen.
MeToo hat gezeigt, wie viele Frauen im Großen wie im Kleinen von sexueller Gewalt betroffen sind. Wir haben die Epstein-Files gelesen, wir waren konfrontiert mit dem Fall Gisele Pelicot. Im Internet werden Vergewaltigernetzwerke betrieben, die Zehntausende, Hunderttausende Mitglieder haben. Auf Social Media erstarkt eine reaktionäre Manosphere, die jungen Männern beibringt, wie sie Frauen am besten unterdrücken und ihnen Gewalt antun können.
Forderung nach Empathie
Wie kann es sein, dass ein Mann wie Dominique Pelicot im Umkreis von nur wenigen Kilometern rund 80 Männer findet, die seine betäubte Frau vergewaltigen? Die vermeintlichen “Monster” sind, wie schon erwähnt, eben keine besonderen Typen. Es sind Durchschnittsmänner - aus allen Schichten, in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Damit befasst sich auch die französische Philosophin Manon Garcia in ihrem grandiosen Buch “Mit Männern leben”, das sie zum Fall Pelicot geschrieben hat.
Frauen bzw. Feministinnen hassen Männer nicht, aber angesichts der blanken Fakten fällt es schwer, das Grundvertrauen nicht zu verlieren. Daher fordere ich jene Männer, deren größte Sorge es ist, fälschlicherweise in irgendeinen imaginären Topf geworfen zu werden, dazu auf, sich mit etwas mehr Empathie in die Lage von Frauen hineinzuversetzen. Die Zahlen und Fakten nachzulesen, zuzuhören, was Frauen berichten, anzuerkennen, was in Studien und Statistiken belegt ist.
Wer dann noch immer zuvorderst mit seiner eigenen Eitelkeit beschäftigt ist, anstatt sich an die Seite von Frauen zu stellen, anstatt seine Mit-Männer zurechtzuweisen, wenn Übergriffe, abwertende Kommentare oder sexistische Witze passieren, darf mir gerne fern bleiben. Alle anderen werden erkennen, dass es sich lohnt, Zeilen wie diese hier zu lesen. Dass es sich lohnt, den Frauen im persönlichen Umfeld Gehör zu schenken oder sich auch einmal aktiv darum zu kümmern, dass Männer eine andere Art der Konfliktbewältigung lernen.
Ich bleibe hoffungsfroh, dass immer mehr Männer dahinter kommen, wie ungesund das patriarchale Gesellschaftssystem ist - auch für sie selbst. Ich bleibe optimistisch, dass man kleine Jungen zu weniger Aggression und mehr Diskussion erziehen kann. Und ich schließe hier mit dem alten, aber unverändert guten Zitat der Autorin Margaret Atwood: “Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen, Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.”
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir lernen zu kommunizieren!