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Mythos Alphawolf

Warum der Begriff „Alpha“ wissenschaftlich veraltet ist, weshalb Wölfe egalitärer als Hunde sind und was sie noch unterscheidet

Der Begriff Alpha ist heute allgegenwärtig – in Zeitungsarikeln, Selbsthilfebüchern, Podcasts, Social Media oder Dating-Ratgebern. So werden oft besonders dominante, durchsetzungsstarke oder „erfolgreiche“ Menschen – meist Männer – genannt. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Wolfsforschung, doch wissenschaftlich ist er überholt. Eigentlich schon seit Jahrzehnten.

Trotzdem hält sich das Klischee vom dominanten und aggressiven Rudelführer hartnäckig und wird auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Journalist:innen verwenden den Begriff Alpha häufig, wenn sie Politiker oder Mannschaftskapitäne von Fußballmannschaften porträtieren. Incels und misogyne Influencer bauten sogar ihre ganze Weltanschauung um diesen wissenschaftlich veralteten Begriff auf.

David Mech machte den Begriff „Alpha-Wolf“ populär

Der Biologie-Professor David Mech (Opens in a new window) erforscht Wölfe seit 67 Jahren. Als er 1958 damit begann, Wölfe in den USA und Kanada zu beobachten, wusste man nicht viel über ihr Leben in freier Wildbahn. „Wir wussten, dass sie in Rudeln leben, große Tiere jagen und dass sie heulen. Und die üblichen Dinge aus Märchenbüchern“, erzählte Mech der Journalistin Rivka Galchen von der Zeitschrift The New Yorker (Opens in a new window).1

1970 veröffentliche David Mech das Buch “Der Wolf. Ökologie und Verhalten einer gefährdeten Art“. Es wurde ein Bestseller, sowohl Wissenschaftler:innen als auch Laien lasen es. Der Verlag druckte es immer wieder nach. Mechs Buch machte den Begriff Alpha populär. Die Vorstellung, Wölfe lebten in einer starren Herrschaftsstruktur, in der Männchen und Weibchen um die Führung des Rudels kämpfen, wurde zu einer weit verbreiteten Überzeugung.

Wolfseltern mit zwei spielenden kleinen Welpen im Wald.
Wolfsrudel bestehen aus Eltern und ihrem Nachwuchs. Foto: © imagebroker/Imago

Mech hatte sich in seinem Buch von 1970 auf die Forschungen des Schweizer Zoologen Rudolph Schenkel gestützt. Dieser beobachtete in den 1940er-Jahren Wölfe im Basler Zoo und prägte die Begriffe Leitwolf und Leitwölfin - die Vorläufer von Alpha-Male und Alpha-Female. Schenkel hatte bis zu zehn einander fremde Wölfe auf einem kleinen Gelände mit einer Grundfläche von etwa zehn mal zwanzig Metern eingesperrt. Die erwachsenen Tiere kamen aus unterschiedlichen Zoos und waren nicht miteinander verwandt.

Zwischen den auf engem Raum zusammengepferchten Tieren kam es zu Kämpfen und es entstand eine Dominanzordnung. Jeder reife Wolf habe eine Tendenz, nicht sein persönliches Territorium, sondern seine eigene soziale Verhaltensfreiheit zu erweitern, schrieb Schenkel. Die Aufrechterhaltung seines Status erfordere „ständige Selbstbehauptung." Schenkel glaubte auch, dass Wölfe ein Ventil für ihre aggressive Energie brauchen, die sich typischerweise an den schwächsten Individuen der Gesellschaft entlade. Gegenüber dem Zoowärter verteidigten die Wölfe das Gehege gemeinsam.

"Es stellte sich heraus, dass all diese Dinge größtenteils falsch waren", sagte Mech. Wölfe in Gefangenschaft verhalten sich anders als in freier Wildbahn. Mit der Zeit war er deshalb immer weniger glücklich über den anhaltenden Erfolg seines Buches. „Damals wussten wir nur das, aber seit der Veröffentlichung des Buches haben wir mehr über Wölfe gelernt als je zuvor in der Geschichte“, sagte er. Obwohl Mech immer wieder darum bat, das Buch nicht mehr nachzudrucken, fand er erst 2022 beim Verlag Gehör.2

https://www.sciencearena.org/en/interviews/selfcorrection-science-absolute-truth-david-mech-wolves/ (Opens in a new window)

Bereits 2003 hatte David Mech zusammen mit dem Zoologie-Professor Luigi Boitani von der Universität Rom ein neues Standardwerk über Wölfe herausgegeben: Wolves. Behavior, Ecology, and Conservation.3 Darin kommt der Begriff Alpha nur wenige Male vor – und das meist nur, um zu erklären, warum er wissenschaftlich nicht korrekt ist.

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Funkhalsbänder führten zu einer wichtigen Entdeckung

Erst in den frühen siebziger Jahren, nachdem wir die Wölfe mit Funkhalsbändern ausgestattet hatten und jeden einzelnen individuell verfolgen konnten, wurde uns klar: Ein Rudel ist eine Familie“, erzählt Mech. Es gäbe unterschiedlich große Rudel, aber die Grundstruktur ist in der Regel die gleiche: eine Mutter, ein Vater und ihr Nachwuchs.

Manchmal ziehen die Einjährigen allein los, in der Hoffnung, eine:n Partner:in zu finden und ein eigenes Rudel zu gründen; manchmal bleiben sie in der Nähe und helfen als Jährlinge bei der Aufzucht der nächsten Gruppe von Welpen.

https://youtu.be/w2lQnhpdYJs (Opens in a new window)

Es sei wenig sinnvoll Mutter und Vater als Alphatiere zu bezeichnen, sagt Mech. Der Begriff sei allenfalls bei künstlich zusammengewürfelten Wolfsrudeln in Gefangenschaft passend, so wie damals im Zoo von Basel.

Die Eltern haben das Sagen

„Die anerkannten Chefs sind schlicht die beiden Elterntiere", sagt der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal (Opens in a new window)von der Uni Wien. Welpen ordnen sich auch ihren älteren Geschwistern unter, sagt Kotrschal. Ist Nahrung rar, könnten sich die Eltern allerdings darum kümmern, dass die Jüngsten zuerst fressen dürfen.

"Generell ist der Begriff vom Alpha-Wolf, worunter man ein besonders dominantes Exemplar versteht, das seine Gruppe autoritär führt, passé", sagt Kotrschal. Wölfe lebten „in kooperativen Familienverbänden“ und seien innerhalb des Rudels „liebevoll und beinahe egalitär untereinander".4 Ähnlich wie in menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften seien die Hierarchien in Wolfsrudeln flach, neben dem Vater habe auch die Mutter eine bestimmende Rolle.5 Elli Radinger, einst Rechtsanwältin und seit 30 Jahren Wolfsforscherin, sagt, dass oft die Mütter dominanter seien.6

https://youtu.be/tNtFgdwTsbU (Opens in a new window)

„Die Wölfe, die diese dominanten Positionen einnehmen, haben nicht darum gekämpft. Es ist kein Kampf, um die Spitzenposition zu erreichen. Sie sind einfach die Ältesten oder die Eltern. Oder, im Fall von gleichaltrigen Geschwistern, ist es eine Frage der Persönlichkeit“, sagt Kira Cassidy, wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Forschungsprogramms des National Park Service in Yellowstone.

https://steady.page/de/klima-demokratie/posts/e80e7b5b-e6ec-480d-bd80-c11fb568ad97 (Opens in a new window)

Die falschen Alpha-Theorien beeinflussten stark, wie Zoos und Forschende lange Zeit Wölfe in Gefangenschaft behandelten. In den 1970er-Jahren glaubte der schwedische Verhaltensforscher Erik Zimen, er müsse sich gegenüber den von ihm mit der Flasche aufgezogenen Wölfen als Alphatier behaupten. Die Folge war aggressive Gegenwehr, besonders der jungen Rüden. Manche Gehege konnte Zimen nur noch mit einer Eisenstange bewaffnet betreten.

Wölfe lassen sich, anders als Hunde, nicht gerne herumkommandieren und verweigern dann die Kooperation, erklärt Kotrschal. Wenn Menschen den Chef im Rudel spielen, schade das der Beziehung zu ihnen. Handaufgezogene Wölfe können dadurch sogar gefährlich werden, so der Verhaltensforscher. Genau das führte vor 13 Jahren zu einem grausigen Vorfall. Im zweiten Teil dieses Artikels erfahrt ihr ferner, warum Wölfe toleranter sind als Hunde und wie sich ihr Sexualverhalten unterscheidet. Außerdem lest ihr, warum manche Wolfsrudel im Kampf gegen andere Rudel häufiger siegen.

Im Yellowstone sind Wolfsrudel größer

So liebevoll Wölfe innerhalb einer Familie miteinander umgehen, schrecken sie gleichzeitig nicht davor zurück, Wölfe aus dem Nachbarrudel zu töten. Im Yellowstone Nationalpark werden rund 60 Prozent der Todesfälle bei Wölfen auf Kämpfe mit anderen Wolfsrudeln zurückgeführt. Die besonders heftigen Revierkämpfe im Yellowstone-Park halten viele Forscher:innen auch für einen Grund, warum dort Wolfsrudel größer sind als anderswo.

Wolfsrudel bestehen in der Regel aus Eltern, Welpen und Jährlingen, meist sechs bis zehn Tiere. Im Yellowstone Nationalpark sind Wolfsrudel aber erheblich größer, es wurden dort schon Rudel aus mehr als 30 Tieren beobachtet. „Im Yellowstone sind unsere Rudel vielleicht deshalb größer und komplexer, weil es dort viel zu fressen gibt und es sich um ein geschütztes Gebiet handelt", sagt Kira Cassidy.

Dort, wo die Bedingungen rau sind, kann ein Wolfsrudel aus vier Tieren bestehen - zwei Elterntiere und zwei Jungtiere -, weil nur wenige Jungtiere überleben. Im Yellowstone umfasst ein Rudel oft Tanten, Onkel und manchmal sogar mehr als ein Elternpaar. Laut Elli Radinger wurde sogar schon beobachtet, dass fünf Wolfsmütter ihren Nachwuchs gemeinsam aufzogen. Aber meist sind sie miteinander verwandt, es handelt sich um Großfamilien.

https://www.scientificamerican.com/article/is-the-alpha-wolf-idea-a-myth/ (Opens in a new window)

Wölfe sind monogam, Hunde promisk

Wissenschaftler:innen sind sich uneins, ob Wölfe und Haushunde noch zur gleichen biologischen Art gehören. Zu über 95 Prozent enthalten die Zellkerne von Hunden immer noch die alten Wolfsgene. Wölfe und Hunde können sogar fruchtbare Nachkommen miteinander zeugen. Das gilt für alle Arten des Genus Canis: Wölfe, Kojoten und Schakale. „Deshalb sollte man eigentlich Wolf, Haushund, Kojote und Schakal als Unterarten einer einzigen Art betrachten“, sagt der Biologe Kotrschal.

Doch das Verhalten von Wölfen und Hunden unterscheidet sich deutlich. Verwilderte Hunde leben auch ohne menschlichen Einfluss anders als Wölfe zusammen. Eine der bemerkenswertesten Folgen von 35.000 Jahren Domestikation ist, dass Hunde sexuell promisk sind. Wölfe dagegen leben monogam. Hündinnen sind zweimal im Jahr läufig, Wölfinnen nur einmal. Hunderüden können immer und produzieren das ganze Jahr über fertiles Sperma, männliche Wölfe nur zur Ranzzeit - sie haben fast das ganze Jahr niedrige Testosteron-Werte (Opens in a new window). Nur zur Ranzzeit im Februar steigt der Testosteronspiegel, dann wachsen die Hoden von Hasel- auf Baumnussgröße.

Bei Wölfen hilft der Vater bei der Aufzucht der Welpen. Hunderüden tun das nicht, auch nicht bei Straßenhunden. Hündinnen kümmern sich allein um ihren Nachwuchs, bei Straßenhunden helfen ihnen manchmal Großmütter oder Schwestern. Hundewelpen werden mit zehn bis elf Wochen entwöhnt und müssen sich selbst versorgen, wenn keine Menschen sie adoptieren. Wolfsfamilien hingegen versorgen ihre vier bis sechs Welpen etwa neun Monate lang, bevor diese jagen lernen.

Handaufzucht von Wölfen und Hunden

Friederike Range, Zsofia Viranyi und Kurt Kotrschal gründeten 2008 in Österreich das Wolfsforschungszentrum WSC. Ziel war es, dass Verhalten von gleichartig aufgewachsenen Wölfen und Hunden zu vergleichen. (Opens in a new window) Dazu zogen die drei Biolog:innen Wolfswelpen aus Kanada mit der Flasche auf, die im Alter von zehn Tagen von ihren Müttern getrennt worden waren. Ihre Hunde zogen sie genauso auf wie die Wolfswelpen.7

https://youtu.be/lv05p_KwC6c (Opens in a new window)

In seinem Buch Der Wolf und wir (Opens in a new window)schildert Kotrschal, wie er einmal bei seinen handaufgezogenen Wölfen im Gehege übernachtet hat. Das Wolfsforschungszentrum war gerade umgezogen und er befürchtete, die Wölfe könnten auf die neue Umgebung panisch reagieren. Es war eine stockfinstere Nacht im Mai. Er konnte sie fühlen, aber nicht sehen oder hören - Wölfe sind Schleicher. Der große Rüde Aragorn lag mit ihm in Körperkontakt. Die anderen Wölfe hielten beim Schlafen lieber etwas Abstand.

Mitten in der Nacht wachte er auf. Es verunsicherte Kotrschal, Aragorn nicht mehr an seinem Rücken zu spüren. Doch er kam wieder, ebenso lautlos wie er gegangen war. Er fühlte seinen mächtigen Schädel auf seinem Oberschenkel - zusammen mit der Wirbelsäule eines Rehs. Die Knochen knackten zwischen Aragorns Kiefer. Da er sich nicht sicher war, ob Aragorn ihn bei seinem Fressen tolerieren würde, blieb er regungslos liegen. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, er wolle dem Wolf sein Fressen wegnehmen. „Niemals nehmen wir unseren Wölfen oder Hunden einfach etwas weg. Falls nötig, wie im Falle eines stibitzten Handys (Aragorn war ein Technikfreak), versuchen wir allenfalls den Austauch gegen ein gutes Stück Futter.“

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Man lasse sich nie auf vermeidbare Konflikte ein. Doch nun lag ein 50 Kilo schwerer Wolf auf ihm und zermalmte gerade Rehknochen. Langsam wurde es unbequem. Der Verhaltensforscher drehte sich vorsichtig zur Seite, Aragorn schien das nicht zu stören. Schließlich begann er den Kopf des Wolfs zu kraulen und versuchte vorsichtig die Rehwirbelsäule anzufassen, um die ihm unbequeme Lage zu verändern. Aber Aragorn knurrte nicht einmal.

Kotrschal wertete das als Ausdruck des tiefen Vertrauens zwischen ihm und dem Wolf. Dennoch war es leichtsinnig, alleine im Wolfsgehege zu übernachten. Heute mache er das nicht mehr, sagt er.

https://www.newyorker.com/science/elements/the-myth-of-the-alpha-wolf (Opens in a new window)

Wölfe lassen sich nicht dominieren

Aus den Erfahrungen von Kollegen, die vor ihnen Wölfe per Hand aufzogen, wussten die drei Verhaltensforscher:innen, dass man Wölfe nicht dominieren oder maßregeln darf, wenn man vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufbauen möchte. Was passieren kann, wenn man diese Grundsätze nicht beherzigt, zeigte sich 2012 in Kolmården, Schwedens größtem Zoo.

Eine junge Tierpflegerin war, als sie in einer lauen Mittsommernacht alleine (!) das Wolfsgehege betrat, von den Wölfen attackiert und getötet worden. Kurt Kotrschal wurde als Sachverständiger zu dem Fall hinzugezogen und war entsetzt: Das war eindeutig kein beutemotivierter Angriff, sondern eine regelrechte “Hassattacke, eine Beziehungstat”. Wie bei Menschen, die aus purem Hass zigfach auf Ihr Opfer einstechen, so übel wurde sie zugerichtet. Ich erspare Euch die grausigen Details.

Die acht Wölfe waren im Jahr zuvor mit der Flasche aufgezogen worden, aber nach altem Schema: Die Menschen spielten die Alphas, sie versuchten die Wölfe mit Gewalt gefügig zu machen. Die Wölfe wurden körperlich gezüchtigt, man trat sie sogar mit Füßen. Schon Monate vor der Attacke hatte es deutliche Warnzeichen gegeben: Auf Videos aus dem Gehege sah man lauernde Wölfe und hilflose Pfleger:innen, die die Wölfe immer wieder körperlich maßregelten.

Menschen können zu Wölfen, die sie per Hand aufgezogen haben, eine enge Bindung aufbauen. Aber wenn man Wölfe herumkommandiert, dominiert und misshandelt, dann schlägt ihre Liebe in Hass um, sagt Kotrschal. Selbst Hunde können gefährlich werden, wenn man sie misshandelt. Aber Wölfen ist die Unterwürfigkeit von Hunden völlig fremd.

Wölfe sind egalitärer als Hunde

Während die Wölfe eines Rudels gleichzeitig am toten Reh fraßen, fraß der höchstrangige Hund solange alleine an einem Kaninchen, bis er satt war, dann erst gingen die anderen ran. Dabei war es gar nicht nötig, dass der Leithund sein Futter aggressiv verteidigte, die anderen Hunden hielten von sich aus respektvoll Abstand.

Das ist eines der interessantesten Forschungsergebnisse des Wolfsforschungszentrums: Wölfe sind gegenüber Artgenossen aus dem eigenen Rudel toleranter als Hunde. Bei den Wölfen ließen sich rangniedrigere Tiere nicht von ranghöheren einschüchtern. Sie verteidigten ihren Anteil am Futter und zeigten ebenso oft Aggression wie ihre dominanteren Artgenossen.8

Bei den Hunden hingegen zogen sich rangniedrigere Tiere zurück und akzeptierten, dass die ranghöheren das Futter beanspruchten. Insgesamt zeigten weder Wölfe noch Hunde viel Aggression (nur in einem Drittel der Versuche) – und wenn, dann meist in Form von Drohverhalten. An sich aggressive Verhaltensweisen dienen hier dazu, zu verhandeln, sagt Kotrschal.

Wir erinnern uns: Wolfsrudel sind Familien. Es würde wenig Sinn ergeben, wenn die Eltern ihren Kindern alles wegfressen. Außerdem erfordert die gemeinsame Jagd auf große Tiere Kooperation. Wenn da ein Oberwolf die ganze Beute für sich beanspruchen würde, wäre dies das Ende der gemeinsamen Jagd, meint Kotrschal.

Hunde jagen selten gemeinsam größere Tiere. Bei Straßenhunden, die sich überwiegend von Abfall oder kleineren Tieren ernähren ist Kooperation mit anderen Hunden nicht so wichtig. "Sensitivität gegenüber einem höheren Rang scheint bei Hunden stärker ausgeprägt zu sein als bei Wölfen", berichtet Range.

"Als Menschen den Wolf domestizierten, selektierten sie wahrscheinlich möglichst gehorsame Tiere", erläutert Zsófia Virányi. Denn im Verhältnis von Menschen und Hunden gehe es nicht um Gleichberechtigung.

Rudel mit älteren Tieren sind erfolgreicher

Kira Cassidy sagt, dass eine Erkenntnis sie besonders überrascht habe, als sie sich mit den Kämpfen zwischen Wolfsrudeln im Yellow-Stone Nationalpark beschäftigte. Sie hatte angenommen, dass die Größe eines Rudels entscheidend dafür sei, welches Rudel gewinnt. “Wir fanden heraus, dass noch wichtiger als die Rudelgröße war, ob ein Rudel einen alten Wolf hatte, egal ob männlich oder weiblich”, sagte sie. Wenn ein Rudel ein oder zwei ältere Individuen habe, die älter als sechs Jahre sind, sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass es gewinne. “Das hatten wir nicht erwartet.”

Cassidy suchte in der Literatur und fand ähnliche Muster bei anderen Tieren. In Dürren schneiden Elefantenherden mit einer Matriarchin über 35 Jahren besser ab. Wenn Lachse knapp sind, folgen Orcas der Großmutter.

„Bei den Rudelkämpfen sehen wir, dass die Ältesten ruhig bleiben", sagt Cassidy. "Sie scheinen über Wissen zu verfügen, das dem Rudel hilft. Sie beruhigen und vereinen ihre Kameraden. Vielleicht vermeiden die Älteren auch Kämpfe, die sie nicht gewinnen können, was ihre Erfolgsquote insgesamt erhöht."

Als David Mech 1970 sein Buch veröffentlichte, war er nur einmal bis auf fünf Meter an einen frei lebenden Wolf herangekommen. Er hatte den Fortschritt eines Rudels auf seiner Winterroute genau vorhergesagt und versteckte sich zusammen mit anderen in einem alten Fischerhaus in der Nähe. Einer der Wölfe starrte ruhig auf die Spalte, durch die die Forscher fotografierten. Mech wurde vom Gesicht des Wolfes getroffen, das ihn an einen großen, freundlichen Hund erinnerte.

Die Erkenntnis, dass Schenkel geirrt hatte, kam ihm erst später. Mech hatte gehört, dass die Wölfe auf Ellesmere Island in Nunavut, Kanada, keine Scheu vor Menschen zeigten. Mech und sein Team konnten dort ganz in der Nähe der Wölfe leben, ihre Höhlen sehen und ihnen auf Jagden folgen. Welpen kamen zu ihm und zogen an seinen Schnürsenkeln. Erwachsene Wölfe schnupperten an seinem Handschuh. “So nah war es”, erzählt Mech. Während seiner Zeit auf Ellesmere sei ihm klar geworden, dass dieses “Alpha-Zeug” Quatsch ist. “Es macht hier oben keinen Sinn.”

Vater und Mutter sind also quasi Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen – doch es gibt eigentlich keinen Grund, sie so zu nennen, wenn man einfach Mama und Papa sagen kann, sagte die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim (Opens in a new window) auf Instagram.

Zum Weiterlesen: Wölfe töten schützt Schafe nicht (Opens in a new window).

Filmtipp: Wölfe und Menschen - Wege zur Koexistenz (Opens in a new window) von Sebastian Koerner

https://youtu.be/lJX7FTaALVI (Opens in a new window)

  1. Rivka Galchen: The Myth of the Alpha Wolf (Opens in a new window), The New Yorker, 25.3.23

  2. Stephanie Pappas: Is the Alpha Wolf Idea a Myth? (Opens in a new window), Scientific American, 28.2.23

  3. Wolves. Behavior, Ecology and Conservation (Opens in a new window) Edited by L. David Mech and Luigi Boitani, Chicago 2003

  4. Julia Sica: Alpha-Männchen sind ein Mythos (Opens in a new window), Der Standard, 9.3.23

  5. Kurt Kotrschal: Der Wolf und wir (Opens in a new window), Wien 2022

  6. Günther Bloch, Elli H. Radinger: Wölfisch für Hundehalter (Opens in a new window), Stuttgart 2013

  7. Kurt und seine Wölfe (Opens in a new window), ORF Natur.Wissen, 10.10.17

  8. Sarah Marshall-Pescini, Friederike Range: Wolves and dogs between Myths and Sciences (Opens in a new window), 2022

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