
Ich werde die kühlen abgedunkelten Räume vermissen, die Farben, den Geruch, die Einsamkeit. Ich werde es vermissen, Juno besuchen zu können, wann immer ich möchte. Ich werde es vermissen, im Museumsshop Notizbücher zu kaufen, die mit üppigen Blumenarrangements oder Vögelmotiven à la Elizabeth Gould (Opens in a new window) bedruckt sind. Eins meiner Lieblingsmuseen in Köln, das Wallraf-Richartz-Museum, wird Anfang August für eine Sanierung schließen. Geplant sind anderthalb Jahre, doch bei Köln und Sanierung denke ich an die Oper. 2012 geschlossen, 2015 sollte es wieder eröffnen, dazwischen passierte viel, und so wird es erst Ende des Jahres – voraussichtlich – soweit sein.
Besser besuche ich Juno vorher. Zur Sicherheit.
Es ist eine Weile her, dass ich über die Geschichte von Juno und Io schrieb, sie bedürfe einer feministischen Korrektur:
„Die römische Göttin Juno erwischt ihren Mann Jupiter beinahe (und zum wiederholten Mal) bei Ehebruch. Jupiter verwandelt seine Geliebte Io in eine Kuh, aber Juno lässt sich nicht täuschen und möchte die Kuh als Geschenk haben.“ Mit Argusaugen (Opens in a new window), Februar 2025
Jupiter schenkt seiner Frau die Kuh, Juno lässt Io vom hundertäugigen Argus bewachen, Jupiter lässt Argus ermorden, Juno setzt Argus’ Hundert Augen in das Gefieder eines Pfaus ein – davon hat der Pfau sein Federkleid und wir unser Sprichwort –, und rächt sich an Io.
Das ist die Geschichte. Die Wut der Frau auf die Nebenbuhlerin, ihre Rache an „der anderen“, das ist unsere Kultur.
Sie hat sich in eine funktionierende Beziehung gedrängt.
Sie hat den Mann, einen unschuldigen Familienvater, gestohlen.
Wie kann sie nur so unsolidarisch anderen Frauen gegenüber sein?
Diese Erzählung hat Tradition. Mir fällt kein bestimmtes Kunstwerk ein, kein Film, kein Roman, der diese Geschichte erzählt, aber ich weiß, dass es sie gibt. Es ist ein unscharfes Gefühl, einer Erinnerung gleich.
Was wäre die feministische Korrektur? Juno und Io erledigen Jupiter gemeinsam? Juno verlässt Jupiter, und rasiert ihm zuvor im Schlaf eine Seite des Vollbartes ab? Sollte ich fragen, warum wir von fremden Personen mehr Loyalität und Solidarität erwarten als von den eigenen Partner*innen? Will ich fragen, warum ich erwarte, dass Juno drüber steht und sich würdevoll verabschiedet?
All das, und noch viel mehr, und ganz was anderes.
Eine These des Sprachwissenschaftlers George Lakoff ist, dass wir unsere Welt in Metaphern begreifen, insbesondere dann, wenn wir über abstrakte Ideen nachdenken oder sprechen. Wie diese Metaphern beschaffen sind, geht auf die Erfahrungen zurück, die wir (als Kinder) machen. Kulturell bedeutsame Ideen und Konzepte haben mehrere unterschiedliche Metaphern. Wichtig ist, dass Metaphern in diesem Verständnis nicht bloß Sprache sind, sondern auch Denken und Handeln.
Als Beispiel nennt er unter anderem die Metapher Diskussion als eine physische Auseinandersetzung. Weil wir Diskussion auf diese Weise denken, handeln wir entsprechend. Wir möchten schlagende Argumente vorbringen, aber in jedem Fall als Sieger*innen aus dem Gefecht gehen. Diese Metapher basiert auf der Erfahrung, die Kinder oft machen: Streit mit Eltern geht mit körperlichen Übergriffen einher, etwa wenn ein Kind auf den Spielplatz laufen möchte und sagt, es wolle spielen, ein Elternteil das Kind aber festhält oder gar wegzerrt und „nein“ sagt.
„Die erfahrene Wechselwirkung zwischen körperlicher und verbaler Auseinandersetzung führt dazu, dass unser Gehirn die Metapher Diskussion ist physische Auseinandersetzung lernt.“ George Lakoff, Elisabeth Wehling, Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht
Je öfter wir diese Erfahrung der Wechselwirkung machen, desto fester setzt sich die Metapher für eine spezielle abstrakte Idee oder ein spezielles abstraktes Konzept in unserem Sprechen, aber auch in unserem Denken und Handeln fest. Und leider, so Lakoff, glauben die meisten Menschen, dass sie bewusst denken, während rund 80 Prozent der Prozesse, die wir „denken“ nennen, unbewusst ablaufen.
„Theoretisch (…) kann [man] den Gebrauch von Metaphern in der Sprache ausmachen, das dahinterstehende Denkmuster analysieren und sich verdeutlichen, welche unbewussten Schlussfolgerungen aus der Metapher entstehen. Doch die Realität ist: Menschen tun es nicht.“ George Lakoff, Elisabeth Wehling, Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht
Zurück zu meiner feministischen Korrektur. Ich fürchte, ich kann sie (noch) nicht schreiben. Ich möchte erst prüfen, in welchen Metaphern ich denke.
Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen.
Viele Grüße
Kristina
Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.
Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.