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Nicht ganz, nicht auf Dauer

Eine Collage mit einem Strandstuhl im Schnne, einem Sonnenschirm und Weltraum im Hintergrund.
Collage 4/2026, Ausschnitt © Kristina Klecko

2021. Die Pandemie ging in ihren zweiten Frühling. Ich hatte nicht genug Geduld für Sauerteig, stattdessen ein gutes Rezept für Quarkbrötchen. Beim Backen hörte ich Podcasts, entdeckte eines Tages Es ist nicht einfach, eine Interviewreihe um klassische Themen meiner Generation: Berufung finden, dem Traum folgen, Selbstverwirklichung. Host Ksenia lebte in einer russischen Großstadt und hatte kurz zuvor ihren gutbezahlten Job im Marketing aufgegeben, um ihre Leidenschaft zu finden. Weil sie nicht wusste, wonach sie suchte, sprach sie zur Inspiration mit Frauen, die sich in einer ähnlichen Lebensphase befanden.

Ich hörte den Podcast gern, weil ich eine Frau „in ähnlicher Lebensphase“ war und weil die Interviewten von ihrem beruflichen Werdegang in Russland der frühen 2000er erzählten – von einer Zeit, die ich nicht mehr mitbekommen hatte, die unter anderen Umständen jedoch auch “meine Zeit” hätte sein können. Die Berichte der Frauen klangen nach Aufbruch, nach Goldgräberstimmung und Hoffnung durch das Aufblühen einer neuen funkelnden Digital- und Kreativbranche. Über Politik hingegen wurde kaum gesprochen. Als einmal eine der Frauen nach ihrer politischen Einstellung gefragt wurde, antwortete sie knapp, dass sie sich nicht für Politik interessiere. Punkt. Nächste Frage.

Später las ich, dass es in Russland in den Nullerjahren eine stille Übereinkunft zwischen gut ausgebildeten, wohlhabenden Großstadtmenschen und der Politik gab: Genießt die Vorzüge des Kapitalismus, konsumiert, gründet, aber haltet euch sonst raus. Gleichzeitig wurde die Politik, von der Gesellschaft ignoriert, zu einer „schmutzigen Angelegenheit“ mit seltsamen Methoden und fiesen Skandälchen, mit der man sowieso lieber nichts zu tun haben wollte. Journalistin Inna Hartwich, die jahrelang als Korrespondentin in Russland lebte, schreibt in ihrem Buch Ähnliches:

„Weil die Erzählungen zuweilen so verwirrend und überwältigend daherkommen, in Massen auftreten und voller Widersprüche stecken, setzt sich die Überzeugung durch: ‚Eine Wahrheit gibt es sowieso nicht. Woher sollen wir denn wissen, was nun Sache ist? Alle lügen.‘ Das ist das Leitmotiv, unter dem sich die Menschen davon abwenden, sich überhaupt noch mit der Masse an Informationen zu beschäftigen. Sie wollen Klarheit und Ordnung und vertrauen auf das Schwarz-Weiß-Bild, das ihnen das Fernsehen (…) in immer wieder ähnlichen Häppchen voller aggressiver Rhetorik vorsetzt. Schuld sind da immer die anderen, schuld ist immer der Westen. Diese Haltung befreit von eigener Verantwortung und von womöglich aufkommenden Schuldgefühlen.“

Inna Hartwich, Friedas Enkel

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verließen einige der im Podcast interviewten Frauen Russland für ein Leben in Europa oder in den USA.

So ganz kann sich wohl niemand aus der Politik heraushalten.

2026. Der kürzeste Monat des Jahres scheint endlos. Auf Bluesky werde ich auf eine Reportage über das russische Rockfestival Naschestwie (dt. Invasion) aufmerksam gemacht. Ich kenne das Festival nicht, es wurde 1999 ins Leben gerufen – als „heimisches Vorhaben, für das man sich nicht zu schämen braucht“, so Drehbuchautor und Regisseur Vasily Zorkiy. Schon Anfang der Nullerjahre aber begann die echte Invasion: Als Unterhaltung in den Umbaupausen stiegen Jagdflugzeuge für eine Show in die Luft. Ein harmloser Spaß für Organisator*innen und Besucher*innen. Später wurde das russische Verteidigungsministerium Festivalpartner, initiierte eine Ausstellung von Panzern und anderem Kriegsgerät, ließ uniformierte Männer für Fotos posieren, mischte zunehmend bei der Programmgestaltung mit. 2018 sagten mehrere Musiker*innen ihre Teilnahme an Naschestwie ab, andere sprachen sich auf der Bühne gegen die Präsenz des Verteidigungsministeriums auf dem Festivalgelände aus. (Eine Besucherin sagte, dies habe bei ihr mehr nachgehallt, als die bloße Abwesenheit der Musiker*innen, zumal derartige Äußerungen damals noch erlaubt waren.) Letztlich aber, so der Doku-Erzähler und Mitinitiator des Festivals, verhielten sich die meisten Musiker*innen so, als wäre nichts, als wäre es vollkommen normal, neben Panzern zu spielen.

Werden sie sich auf Dauer aus der Politik heraushalten können?

Kultur ist nicht von sich aus imperialistisch oder nationalistisch. Sie kann instrumentalisiert werden, und sie wird es. (Manchmal glaube ich, dass Menschen mit politischen Einstellungen rechts der Mitte das besser verstehen, oder es intuitiver zu nutzen wissen, als diejenigen, die sich links der Mitte einordnen.) Es heißt, man muss es sich leisten können, in der Politik mitzumischen, aber man muss es sich auch leisten können, es nicht zu tun. Wenn du gehen kannst, wenn es unangenehm wird – und es vorher schon weißt, kannst du dich in besseren Zeiten unbeteiligt zurücklehnen und zuschauen. Nicht alle haben diese Möglichkeit.

Ganz und dauerhaft kann sich sowieso kaum jemand aus der Politik heraushalten; und wer sich nicht positioniert, wird positioniert.

Vielen Dank, dass du mitliest.

Bis in zwei Wochen!

Kristina

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Topic Post-Ost

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