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TEXTE VOM VORHANDENSEIN

TEXTE VOM VORHANDENSEIN VON MARCO MICHALZIK. In der Mitte des Titelschriftzugs ist ein Porträt des Autors in schwarz-weiß zu sehen.

TEIL 46: VOM MITEINANDER

In den letzten Wochen war ich sehr viel unterwegs. Und irgendwie ist mir aufgefallen, dass ganz viele dieser unterschiedlichen Termine und Begegnungen ein gemeinsames Thema, eine gemeinsame Überschrift hatten: KOLLABORATION. Zusammenarbeit. Zusammenkunft. Dialog. Begegnung. Das Gemeinsame suchen und feiern. In einige dieser Stationen möchte ich dich gerne kurz mit hineinnehmen:

Vor kurzem war ich mit meinem Freund und Podcast-Kollege Gofi Müller in Marburg für einen Poetry Talk. Mit diesem Format sind wir immer wieder und in unterschiedlichen Konstellationen unterwegs und es sind immer ganz besondere Abende, weil es eben keine frontlastigen Bühnenlesungen sind, sondern ein Setting, das alle Anwesenden zum Dialog, zum Fragenstellen und Mitreden einlädt. Es gibt keinen festen Fahrplan zu Beginn des Abends. Texte, Themen und Gedichte ergeben sich aus der Dynamik des Miteinanders und des Austauschs.

Auf dem Schwarz-weiß-Foto sieht man Marco von hinten durch das Schaufenster des Projektladens in Marburg während des Poetry Talks mit Gofi Müller.
FOTO VON HARRY L - THE ACHROMAT

Als ich kurz vor Beginn der Veranstaltung draußen vor der Tür stand um zu rauchen fiel mein Blick auf den Bildschirm im Schaufenster, der die kommenden Veranstaltungen in dieser Location ankündigte. Nach unserem eigenen Plakat folgten direkt die Einladung zur Buch-Release Party unserer Freundin und Kollegin Leah Weigand und danach das Tourplakat unserer Freunde Micha Kunze und Killian Mohns. Das klingt jetzt vielleicht beim Erzählen wenig spektakulär, war für mich aber ein ganz schöner und besonderer kleiner Moment der Verbundenheit. Zu wissen, dass meine Freunde in einigen Tagen hier in demselben Raum ihre großartige Kunst mit Menschen teilen werden. Wertzuschätzen, wie schön es ist mit diesen tollen und begabten Personen befreundet zu sein, sich gegenseitig anzufeuern und zu unterstützen und sich nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung wahrzunehmen und gemeinsam unterwegs zu sein, wenn auch leider viel zu selten am selben Ort.

Das Foto zeigt Tabitha Hanan, Marco Michalzik, Leah Weigand, Jasmin Brückner und Tobias Fleck, wie sie nach der Buchpremiere von Leah gemeinsam Arm in Arm auf der Bühne stehen.
FOTO VON BJÖRN WAGNER

Umso wertvoller, wenn sich solche gemeinsamen Gelegenheiten dann doch hin und wieder ergeben. Die Release Party zu Leahs Buch “Das Gold in den Fugen” (Opens in a new window) war eine solche. Vor ausverkauftem Haus stellte Leah aber nicht nur ihr neues Buch und die tollen Texte und Gedichte daraus vor, sondern ließ das ganze zu einem Community-Event werden, an dem neben ihr auch Tabitha Hanan, Jasmin Brückner und ich eigene Texte und Performances und Tobias Fleck einige seiner neuen Songs beitragen durften. Solche Abende liebe ich. Geteilte Bühnen sind für mich die schönsten Bühnen. Wenn es schon überhaupt soetwas albernes wie Bühnen geben muss, die immer ein bisschen so tun, als seien die Menschen darauf ein bisschen mehr besonders als die Menschen, die davor sitzen. Aber das ist vielleicht ein Thema für einen zukünftigen Text an dieser Stelle.

HOSSA CON
Das Foto zeigt Jay, Marco und Gofi beim Live Talk während der Hossa Con. Alle drei lachen und haben Mikrofone in der Hand.
FOTO VON TIMM ZIEGENTHALER

Das führt mich aber nahtlos zu einem weiteren für mich ganz besonderen Jahres-Moment. Ende März haben wir mit unserem Podcast HOSSA TALK zum allerersten Mal ein überregeionales Event organisiert. Wir waren im letzten Jahr an unterschiedlichen Orten im deutschsprachigen Raum unterwegs und haben uns immer mehr gefragt, wie und ob das, was wir da online mit dem Podcast machen sich nicht auch auf analoge, lokale Communities übertragen ließe. Ausgehend von einem Phänomen, das uns in den letzten Jahren immer häufiger begegnete: Menschen verlassen aus unterschiedlichen Gründen die Communities, Frömmigkeitsform und die dazugehörigen Gemeinden, in denen sie aufgewachsen sind. Und obwohl sie froh sind, bestimmten theologischen Engführungen den Rücken gekehrt zu haben, sehnen sie sich doch weiterhin nach Gemeinschaft und Verbundenheit. Aber wie könnte die aussehen? Andere haben bereits begonnen, sich in kleineren Gruppen zu treffen, und fragen sich nun, was diese Treffen eigentlich sind und wie sie gestaltet werden sollten und wozu die überhaupt gut sind. Über diese Fragen haben wir mit knapp hundert Menschen ein Wochenende lang nachgedacht, diskutiert, gelacht, geweint, ausprobiert, experimentiert:

Wie kann eine solche Community aussehen? Welche Formen braucht es dafür und was ist überhaupt denkbar? Braucht es noch feste Formen oder lieber fluide und experimentelle? Müssen das überhaupt „christliche“ Gemeinschaften sein? Und falls ja, woran macht sich das fest?

Worüber ich im Vorfeld am meisten nachgedacht habe, war die Frage, wie es gelingen kann, eine solche Veranstaltung zu hosten, ohne sie allzusehr um uns als Trio herum zu zentrieren. Wir können wir verhindern neue Systeme und Hierachien zu schaffen, bei denen es am Ende dann doch wieder nur um uns geht. Wie können wir hauptsächlich Raumschaffer oder Raumöffner sein, die am Ende selbst staunen, was passiert, wenn man Menschen einfach machen und reden und gestalten lässt. Ich hoffe, dass uns das zumindest zum Teil gelungen ist.

Wie können wir (und damit meine ich uns alle) Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen, in denen echte Begegnung und Austausch stattfinden können? In denen man seine Geschichte und Gedanken, seine Zweifel und Brüche, seine Überzeugungen und Sehnsüchte teilen kann und darf. In denen Menschen in ihrem persönlichen und kreativen Ausdruck gefördert und wertgeschätzt werden. Natürlich bleiben auch nach diesem intensiven Wochenende viele dieser Fragen offen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dort Teil etwas sehr besonderem gewesen zu sein. Die Richtung kommt mir persönlich zumindest sehr stimmig vor und ich bin gespannt, wie auch diese Reise weitergeht.

Hier kannst du in den Talk reinhören, den wir am ersten Abend live aufgezeichnet haben:

https://open.spotify.com/episode/4AzRTq57zjPvJ6i2KwOWKn?si=e801v5IiS0mLTGsAUR0Emw (Opens in a new window)

Und wenn dich ausführlicher interessiert, wie das Wochenende so war und was wir konkret gemacht und erlebt haben, kannst Du gerne in die Hossa Talk-Folge #280 reinhören. Da gibt es direkt zu Beginn einen ausfährlichen Recap.

COLLAB-PROJEKTE

Und dann gibt es noch drei ganz konkrete Projekte, bei denen ich kürzlich mitwirken durfte, die das Miteinander und die Kollaboration besonders in den Mittelpunkt stellen. Die beiden ersten sogar mit diesem Wort im Titel.

Mein Freund Tobias Aldinger ist Mit-Initiator des Song-Projekts CREDO COLLAB (Opens in a new window). Und Tobi ist auch der Mensch, der vor Jahren bereits eine ganz ähnliche Idee mit Spoken Word-Künstler*innen umgesetzt hat, welches damals durchaus einen wichtigen Teil dazu beigetragen hat, dass sich dieser oben beschriebene Freundeskreis um Micha, Leah, Jasmin, Tabitha, Gofi und mich überhaupt bilden konnte.

Außgehend vom Text des Glaubensbekenntnisses von Nicäa wurde dazu aufgerufen Songs einzureichen, die Glaube, Zweifel und vor allem die eigenen Erfahrungen und Empfindungen damit zum Ausdruck bringen. Abseits von frommem Einheits-Mainstream wurden von einer Jury aus über 50 Beiträgen schließlich 5 ausgewählt, die demnächst auf dem Credo-Collab-Konzept-Album zu hören sein werden. Die übrigen 5 Slots des Albums werden mit neuen Stücken, die extra für dieses Projekt entstehen von eingeladenen Künstler*innen gefüllt. Dabei sind Jonnes, Diana Ezerex, Jonny vom Dahl, Heike Ostertag und Julian Maier-Hauff.

All diese Menschen fanden sich für ein Songwriting- und Vernetzungs-Wochenende in der Popakademie in Mannheim ein und ich hatte das große Vergnügen nicht nur mit dabei zu sein, sondern mit der lieben Jasmin Brückner im Duo durch die Veranstaltung zu moderieren, in der die Gewinner*innen ausgezeichnet und gebührend gefeiert wurden und die anderen Artists Einblicke in ihren noch nicht abgeschlossenen Songwriting-Prozess gaben und Songs aus ihrem Repertoire vorstellten.

Einander teilhaben zu lassen an Prozessen, an Unfertigem und noch Unperfektem, an Ideen, die noch dabei sind Gestalt anzunehmen, all das schafft ein ganz besonderes Gefühl der Verbundenheit. Den Eindruck hatte ich zumindst an diesem Wochenende wieder ganz stark. Und wie schön und besonders ist es, dass aus all diesen einzelnen Songs und Perspektiven am Ende wieder ein großes und vielstimmiges Gesamtkunstwerk wird, auf das ich schon sehr gespannt bin. Und ich freue mich, dass dieser festliche Rahmen der Auftakt und noch nicht der krönende Abschluß war. Aber allein dieses gemeinsame Wochenende mit diesen tollen, ehrlichen, suchenden und unfassbar talentierten Menschen war eigentlich bereits Ergebnis genug.

Das Bild zeigt Marco und Jasmin auf der Bühne während ihrer Moderation des Credo-Collab- Abends. Marco trägt einen schwarzen Anzug und hält ein Mikrofon in der Hand, Jasmin trägt einen blauen Hosenanzug und interagiert mit dem Publikum.
FOTO VON WINFRIED HAUPT

Meine längste und engste Kollaboration ist auf jeden Fall die mit Manuel Steinhoff. In unserem #poetrymeetsbeats Duo-Projekt, aber auch darüber hinaus, waren wir auf die eine oder andere Weise an fast allen kreativen Outputs des jeweils anderen in den letzten Jahren beteilligt. Vor einer Weile hat Manu angefangen als Solo-Projekt Konzept-EPs mit Instrumental-Musik zu veröffentlichen. Fünf EPs innerhalb kürzester Zeit und ich muss gestehen, dass ich manchmal nicht mehr hinterherkomme angesichts dieser überbordenden Kreativität. Das besondere ist jetzt aber, dass Manu sich für EP Nr. 6 überlegt hat, sein Solo-Projekt diesmal bewusst für andere zu öffnen und sowohl Texter*innen, Sänger*innen, Rapper*innen, Musiker*innen, Spoken Word-Künstler*innen… einzuladen einen eigenen Part ihrer Kunst zu diesem Gesamtkunstwerk beizutragen. Ich finde das unglaublich wertvoll und schön mit Menschen aus unterscheidlichen Hintergründen und Ausdrucksformen in den Dialog zu treten und sie einzuladen etwas von sich dem bereits vorhandenen hinzuzufügen. Das braucht eine Menge Vertrauen und Freiheit. Aber was daraus entsteht ist etwas, das einer allein eben nicht herstellen kann. Etwas, das nur gemeinsam möglich ist und das dann auch größer und mehr wird als die bloße Summe der einzelnen Parts.

Vielleicht ist das sogar das sinnvollste und effektivste, was Kunstschaffende einem kapitalistischen System in Zeiten von KI und Algorithmen, aber eigentlich zu allen Zeiten, entgenhalten können.

Hier habe ich dir den Link zu dem Stück, auf dem ich dabei sein durfte dazugepackt. Ich freue mich, wenn du reinhörst und bin gespannt, wie du es findest. Neben meinem Part sind auf der EP auch u.a. so großartige Menschen wie Leah Weigand, Jens Böttcher, Jelena Herder, Elli, Luis Baltes und noch ganz viele mehr zu hören:

https://manuelsteinhoff.bandcamp.com/track/hinter-der-angst (Opens in a new window)

Wenn Du direkt auf den Player klickst, kommst du direkt zur ganzen EP auf der Plattform Bandcamp. Dort kannst du Manus Musik nicht nur streamen, sondern auch käuflich erwerben und damit ihn und seine Kunst unterstützen. Natürlich findest du seine Veröffentlichungen aber auch auf anderen gängigen Streaming-Plattformen (außer Spotify).

Und zum Abschluß dieser bunten Collab-Reihe noch ein neuer Song, den ich mit dem Singer-Songwriter Daniel Harter für das Kinderhilfswerk COMPASSION geschrieben habe, in dem auch ein kleiner Spoken Word-Part von mir am Ende vorkommt. Das Stück heißt “Tellerrand” und auch hier freue mich natürlich sehr, wenn du reinhörst:

https://open.spotify.com/intl-de/track/6zUYDDpCZLYgtFk3x50S9b?si=467b79b17f3e4121 (Opens in a new window)

Ich hoffe, dieser Text ließt sich nicht nur als ein Werbetext für all die spannenden Projekte, die da in der letzten Zeit das Licht der Welt erblickt haben, obwohl ich natürlich auf alle sehr stolz bin und mich freue sie mit Dir und der Welt zu teilen. Mein Hauptanliegen ist es aber den Fokus kurz darauf zu richten, dass all diese kreativen Unternehmungen am Ende Ausdruck eines gemeinsamen Weges sind. Einer Erzählgemeinschaft. Mal fluide, mal konkreter, mal nur für einen Abend, einen Tag oder ein Wochenende, mal für sehr viel länger.

Das erlebe ich gerade auch bei den Gelegenheiten, wo es am Ende keine stylischen Fotos, oder toll produzierten Audio- oder Videoversionen gibt. Bei Workshops mit Schulklassen, wo wir gemeinsam auf dem Boden sitzen und uns gegenseitig erzählen, was uns wichtig ist und dazu Texte schreiben. In inklusiven Schreibwerstätten, wo wir Bilder finden, um davon zu erzählen, was uns Angst macht. In der Gastfreundschaft von vorher fremden Menschen, die ich unterwegs kennenlernen darf und die für ein paar Tage ihr Zuhause und ihre Geschichten mit mir teilen. In einem Dialog-Format in einem Gottesdienst, wo danach jemand sagt, dass er lange nicht mehr so gerne über einen Bibeltext nachgedacht hat. Lasst uns bewusst Räume schaffen, wo das passieren kann. Lasst uns Kollektive kreieren. Banden bilden. Verbundenheit versuchen. Freundschaft pflegen und Mitander möglich machen.

Liebe Grüße aus Wien und bleib verbunden

Marco

Auch diese Texte, Gedichte und Audioformate werden durch die Unterstützung von Menschen aus der Community möglich gemacht. Ich freue mich, wenn Du dabei bist.

PS. Ich arbeite gerade schon fleißig an neuen Texten zu Himmelfahrt und Pfingsten. Dieser Monat wird also vermutlich etwas weniger ruhig als der April an dieser Stelle.

Topic Texte vom Vorhandensein

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