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JAS über das Leben im Jetzt und das Ziel, so viel wie möglich mitzunehmen

Es ist Donnerstagmorgen. Wir machen uns auf den Weg ins 25hours Hotel Bikini Berlin. Dort fahren wir in die 10. Etage und folgen den Wegweisern in Richtung “Monkey Bar”. Während wir schon mal einen Blick über den Zoo ins Grüne werfen, kommt Jasper zu uns in den Raum. Aufgeregt wirkt er nicht, aber er kann ganz sicher von aufregenden
Zeiten erzählen. Schließlich ist es noch nicht mal ein Jahr her, als gleich sein erster Song Winterherz Millionen Menschen erreichte. Jetzt spielt JAS schon die erste eigene Tour. Nächstes Jahr direkt noch eine. Das geht alles so schnell, dass wir heute gerne von ihm wissen wollen, wie er selbst die Geschichte erlebt, die sein Leben gerade schreibt, wie es ihm ging, als er seine Ausbildung abgebrochen hat und was sein Herz voll macht.

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Weißt du eigentlich, dass wir uns bei deinem Release-Konzert am Freitag gar nicht zum ersten Mal begegnet sind?
Nein, wo denn noch?

Bei der Fête de la Musique. Ich habe dich dort beim Auftritt von TJARK im Publikum gesehen und wir haben auch einen kurzen Blick gewechselt, aber ich wollte dich da nicht einfach ansprechen.
Kannst du aber immer machen.

Klar, jetzt auf jeden Fall. Aber Leute wie mich in der Situation gibt es bestimmt viele. Merkst du oft, dass Menschen dich erkennen, aber dann nicht ansprechen?
Also es ist ganz selten, dass mich wirklich jemand anspricht. Bei Konzerten passiert das schon öfter. Manchmal merkt man es an Blicken, die man nicht zuordnen kann. Das stört mich aber auch null.

Das ist gut, weil es kann ja auch an ganz normalen Tagen passieren. Wie kann ich mir denn so einen ganz normalen Tag in deinem Leben vorstellen?
Wir waren zum Beispiel gerade auf Support-Tour für Ivo Martin. Manchmal sind Interviews. Manchmal gehe ich ins Studio und schreibe neue Songs. Heute ist gleich nachher noch ein Treffen mit meinem Verlag, um eine Ankündigung für meine Tour zu machen und dann auch mal Zeit, um runterzukommen. Ich habe bislang seit Winterherz ziemlich durchgeballert und probiere gerade, mir auch manchmal Grenzen zu setzen.

Wie machst du das?
Mir zum Beispiel sagen „Heute Abend gehe ich mal Padal-Tennis spielen“ oder irgendwie so einen Ausgleich suchen.  Generell sind meine Tage immer sehr unterschiedlich. Es wiederholt sich selten etwas, außer, wenn ich die nächsten drei Tage Studiozeit habe. Mal habe ich eine Songwriting-Session und mal sind es Live-Proben, Content Drehs oder auch mal Videos schneiden. Das mache ich ja noch selber. Also, es ist nie so, dass ich dir sagen kann: So sieht jede Woche aus für mich. Die Wochenenden sind genauso unterschiedlich gefüllt. Gerade aktuell finde ich das noch okay. Aber was ich langfristig noch lernen muss, ist auch mal zu sagen: “Sonntag ist Sonntag”.

Teilt dir Alex (Management) dann immer kurzfristig deine nächsten Termine mit oder wie macht ihr das?
Er sagt mir das auf jeden Fall früh genug. Aber ich bin ein sehr spontaner Typ. Für das Release-Konzert letzten Freitag zum Beispiel kam mir am Montag oder Dienstag die Idee. Ich setze mir oft irgendwas in den Kopf, was ich dann gerne sehr schnell machen würde und manchmal stresst das ein paar Leute – was ich auch voll verstehe. Ich lebe auch sehr im Jetzt. Da muss ich noch lernen, ein bisschen mehr vorausschauend zu planen. Aber Alex plant schon viel für mich im Voraus und dadurch gibt es auch feste Termine in meinem Kalender.

Die Musikwelt ist ja auch super schnelllebig. Da musst du sicher oft schnelle Entscheidungen treffen, ob du etwas zusagst und weißt dann aber nie, ob vielleicht noch etwas Besseres kommt. Das stelle ich mir schwierig vor.
Ja, manchmal muss man deshalb auch Pläne spontan umstrukturieren. Ich war letztens für ein paar Tage in Tübingen, um meine Familie und Freunde in der Heimat wiederzusehen und dann kam eine Festival-Anfrage für‘s Wochenende. Da bin ich dann direkt von Tübingen nach Hamburg gereist. Also es gibt ein paar solcher Momente, in denen mich die Spontanität auch stressen kann. Aber das sind ja meistens auch schöne Sachen. Die muss man dann mitnehmen.

Vor allem am Anfang will ich einfach so viel mitnehmen, wie es geht.

Ist denn dein heutiges Leben das, was du dir früher erträumt hast?
Ein Stück weit ja. Das war aber immer für mich sehr fern. Meine Eltern haben mich sehr früh auf Konzerte mitgenommen. Ich habe viel Schlagzeug in Bands gespielt und so meine ersten Live-Erfahrungen gesammelt. Singen war für mich gar nicht so ein großes Thema. Das so professionell zu machen, war schon immer ein Traum, aber irgendwann merkst du, dass dieser Traum, den du so glorifizierst, auch viele, viele andere Seiten hat.

Also ich liebe es, live zu spielen. Für mich ist das das Beste, was geht in diesem Ganzen. Das ist die schönste Seite, aber es gibt zum Beispiel auch die Social Media Seite. Die bedeutet für mich Stress. Besonders am Anfang dachte ich immer, ich muss da ständig präsent sein und jeden Tag irgendwas machen. Damit muss ich lernen umzugehen. Das gehört eben auch zu diesem Traum dazu, um ihn zu leben. Jeder Traum hat wahrscheinlich seine Schattenseiten. Da hatte ich inzwischen schon so ein paar Realisationen.

In beide Richtungen vermutlich. Zum einen gibt es die Momente wie am Freitag auf der Bühne, in denen du ins Publikum schaust und realisierst: Krass, dass ich das hier machen darf! Und zum anderen die Dinge, die keinen Spaß machen, durch die du dich so durchkämpfen musst.
Ja, aber das ist bei mir nichts Schlimmes. Als Musiker bist du halt selbstständig. Du baust dir eine eigene kleine Welt auf und dann ist auch so etwas wie Buchhaltung und Steuern part of the game. Das ist nicht so spannend, aber sich damit zu beschäftigen, ist sicher gar nicht so dumm.

Wie alt warst du, als du zum ersten Mal dachtest: “Ich will Musik machen”?Mit vier oder fünf habe ich angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit sechs war ich dann auf den ersten Konzerten.

Machen deine Eltern auch Musik oder woher kommt das?
Ja, voll. Also meine Mama singt klassisch und hat früher viel Klarinette gespielt. Mein Vater ist Gitarrist und wir haben immer viel Musik gehört, vor allem die ganzen alten 60er, 70er und 80er-Platten.

Dann finden sie es total gut, was du für einen Weg eingeschlagen hast, oder?
Also das ist natürlich schon spannend, auch für sie. Es ist ja nicht der klassische gerade Weg und deshalb auch für Eltern sehr aufregend. Aber ich bin sehr dankbar, dass sie mich dabei so unterstützen. Ich habe ja auch meine Ausbildung abgebrochen deswegen.

Ja, das habe ich gelesen. Erzähl gerne mal, wie es dazu kam.
Also ich bin mit 18 direkt nach Berlin gezogen für ein Praktikum bei einer Booking-Agentur mit der Option auf eine Ausbildung als Eventkaufmann. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich noch ein paar andere Sachen
gesehen haben wollte. Dann bin ich für einen Minijob ins Lido gegangen, ein Club in Kreuzberg, und habe da meine zwei besten Freunde kennengelernt, mit denen ich ganz viel Musik gemacht habe. Dabei ist auch Winterherz entstanden.

Dann bin ich zur Berliner Feuerwehr gegangen und habe da eine Ausbildung zum Notfallsanitäter angefangen. Das war eine super Wahl.

Gerade in Berlin sieht man da wahnsinnig viel. Man ist sehr nah an den Menschen und an der Gesellschaft. Das fand ich super und ich hätte die Ausbildung auf keinen Fall abgebrochen, wenn ich nicht Ende November die
Winterherz-Snippets auf TikTok hochgeladen hätte. Seitdem ging es los, dass andauernd Nachrichten reingekommen sind. Ich saß dann immer in der Ausbildung, zum Teil im Rettungswagen, und wusste nicht, was da gerade passiert.

Bis März habe ich die Ausbildung noch so durchgezogen. Aber dann wurde es zu viel. Ich hatte dann abends immer schon die ersten Gespräche mit den Labels und habe auch weiter Musik geschrieben. Ich bin also immer nach der Ausbildung ins Studio, zum Teil bis morgens, und musste aber um 6 Uhr wieder bei der Ausbildung sein. Mit der Aussicht, dass ich sehr viel live spielen werde, war das nicht mehr vereinbar und dann habe ich mich dafür entschieden, diese Reise jetzt erstmal mitzunehmen.

Das heißt, die Scouts der Musiklabels haben dich direkt schon nach dem ersten Songausschnitt angesprochen?
Ja, schon nach Stunden hatte das Video sehr viele Aufrufe bekommen und dann weiter nachgelegt. So haben das immer mehr Leute entdeckt und ich habe mit 15 bis 20 Labels gesprochen. Das war super spannend und wie in einem Film, als ich auf einmal in die Gebäude von Universal, Sony und Warner Music gelaufen bin.

Und zwar, weil sie mit dir sprechen wollten. Andere bewerben sich ja überall und bekommen nicht ein einziges solcher Gespräche.
Voll! Ja, das ist halt die krasse Macht von TikTok. Das ist die Scouting-Plattform mittlerweile. Ich bin super dankbar für jedes der Gespräche und die vielen Leute, die ich dadurch jetzt kenne.

Hast du das alles allein gemacht oder dann schon mit Alex zusammen?
Tatsächlich habe ich das die ersten zwei Wochen allein gemacht. Und das waren viele Eindrücke auf einen so allein. Für mich war dann schon klar: Ich möchte in eines der großen Labels gehen. Man hört ja so viele Dinge, aber ich dachte mir:

Wenn du es selbst nicht gemacht hast, kannst du auch nicht darüber urteilen. So denke ich oft.

Wie bist du dann Alex begegnet?
Wir hatten uns schon ein Jahr vorher über einen guten Freund kennengelernt und waren seitdem immer sehr gut. Mit ihm habe ich mich dann getroffen, um ihm zu sagen: “Ich brauche ein Management. Ich kann das nicht mehr. Ich komme mit den ganzen Anfragen nicht klar” und dann war er direkt da und ich bereue keine Entscheidung. Es ist so harmonisch und Corner Company sind so ein tolles Team. Die haben mich voll gut aufgenommen.

Kurz danach hast du deine Ausbildung abgebrochen. Ist dir die Entscheidung dann leichtgefallen?
Nein. Ich habe auch in jedem Gespräch gesagt: “Ich mach das nur hier, wenn ich weiß, ich kann die Ausbildung weitermachen”. Das war immer die Bedingung. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das kaputt macht. Weil, wenn du nicht mehr schläfst und alles, dann brennst du für beides nicht mehr. Dann machst du deine Ausbildung halblebig und die Musik auch halblebig, weil du einfach keine Kraft mehr hast.

Ab März ging es dann nicht mehr. Das war der finale Punkt für mich und ein spannender Moment. Den habe ich noch genau im Kopf, weil meine Mom war zufällig gerade in Berlin und ich bin mit TJARK auf Tour gefahren. Das war meine erste Support-Show und meine erste richtige Live-Erfahrung in dem Projekt. Wir haben abends in Leipzig gespielt und am nächsten Morgen bin ich ins Büro der Behörde gegangen und habe meine Kündigung abgegeben – direkt mit meiner Mom zusammen. Das hat sich wie ein Sketch angefühlt und ich musste das erstmal realisieren.

Ab dem Zeitpunkt habe ich mich so befreit gefühlt. Also ich war auch ein bisschen traurig, weil ich gute Freunde bei der Feuerwehr kennengelernt habe, aber andererseits war ich so: “Ja man, jetzt kann ich da reingehen!” Man weiß ja nie, wie lange diese Reise geht. Deshalb war mir auch klar:

Ich will Vollgas geben und alles ausreizen und wirklich ackern.

Aber ich weiß jetzt, ich habe auch als Notfallsanitäter etwas gefunden, das mich sehr interessiert. Das sichert mich auch psychisch ab, dass ich weiß: Sollte es mit der Musik nicht klappen, falle ich hoffentlich nicht in das tiefste Loch.

Denke ich auch, dass das eine wertvolle Erfahrung ist. Aber nun bist du ja mit deiner Musik erfolgreich. Winterherz war mehrere Wochen in den Charts und hat allein auf Spotify inzwischen fast 14 Millionen Streams. 300.000 Menschen hören dir dort jeden Monat zu. Was bedeuten dir diese Zahlen?
Ich bin super dankbar. Das sind wahnsinnig große Zahlen. Verrückt, was in der Zeit passiert ist! Das habe ich erst später realisiert. Ich hatte ja keinen Vergleich. Mit 1,7 Millionen Streams in der ersten Woche zu starten, gleich beim ersten Release, das war cool und crazy und ich habe mich wahnsinnig gefreut. Jetzt merke ich gerade, die Maßstäbe verschieben sich – und ich will nicht sagen, dass Winterherz der Maßstab ist. Aber es macht natürlich was mit dem Kopf und daher hatte ich auch eine Zeit im Frühjahr, in der ich realisiert habe: Okay, ich habe noch sehr viel vor mir. Es wird jetzt nicht sofort weiter nach oben gehen und ich bin super dankbar dafür, dass es auch wieder nach unten geht. Es muss diesen Teppich geben. Das habe ich in letzter Zeit gelernt. Ich habe viel darüber nachgedacht und mir gesagt:

Ich freue mich natürlich, wenn es gut läuft. Aber für meinen Kopf ist es glaube ich super gut, dass auch mal Dinge nicht so gut laufen.

Hast du noch etwas auf dem Herzen, das wir noch nicht besprochen haben?Ja, was ich gerade erst gemerkt habe: Ich war im Sommer viel unterwegs und dann vor ein paar Wochen in einem Tief. Das hatte ich mein ganzes Leben noch nie und mich hat einfach nur beschäftigt, wie man da wieder rauskommt. Dass man so hoch und im nächsten Moment auf so einem Tief sein kann und dann aber zu sehen, dass es auch wieder vorbeigeht, das fand ich so für mich irgendwie sehr spannend, weil ich oft realistisch denke. Aber manchmal darf man eben auch optimistisch sein.

Ist es bei dir auch so, dass du in solchen Tiefpunkten die besten Texte schreibst?
Ja, aber es ist ein großes Ziel von mir, auch mal wieder im glücklichen Moment zu schreiben. Weil bislang klingt alles sehr traurig. Aber natürlich sind Momente, in denen man sehr nachdenklich wird, auch die perfekten, um viel aufzuschreiben.

Was macht dein Herz voll?
Ich finde, ein volles Herz können verschiedene Sachen sein. Zum einen können es schöne Dinge sein. Das ist für mich wirklich live zu spielen. Ich bin keiner, der oft Gänsehaut bekommt.

Aber wenn wir live spielen und ich die Leute vor mir sehe, bekomme ich krass Gänsehaut. Das ist so ein Endorphinausschuss. Das macht auf jeden Fall kurzzeitig das Herz voll.

Aber ich finde, Traurigkeit oder Herzschmerz machen ja auch irgendwie das Herz voll, oder nicht? Und da sind dann oft Gespräche oder die Musik mein Ventil, um es wieder auszuschütten. Dann kann Gesellschaft mein Herz auch wieder sehr voll machen – einfach ein gutes Umfeld, gute Freunde und die Familie.

// Wir bleiben noch einen Moment in der Monkey Bar, denn noch haben wir sie ganz für uns. Um 12 Uhr ist das vorbei, doch bis dahin haben wir Zeit für drei Dinge, die uns wichtig sind: Ein paar Gedanken zum Gespräch miteinander teilen, ein gemeinsames Sofortbild und JAS etwas auf seine letzte Seite schreiben lassen. Erst später auf der Rückfahrt schauen wir nach, was er geschrieben hat: Den Titel des siebten Studioalbums von Pink Floyd, das ihm offenbar viel bedeutet. Danke JAS, dass du mit uns in die Interviewrunde gestartet bist!

Wish you were here.

– JAS

Topic Interview

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