Ich glaube, alle erinnern sich an ein anderes 2016 als das, an das ich mich erinnere.
Ich bekomme immer noch diese 2016 Posts in meine Timeline gespült. Jetzt berichten sogar ZEIT (Opens in a new window), Welt und SZ von dem merkwürdigen 2016 Nostalgie-Trend. Millennials verklären »die hellen Jahre zwischen Bankenkrise und Pandemie« als eine Ära der Unschuld, in denen man auf Social Media noch nett zueinander war und weder populistische noch kapitalistische Interessen verfolge, sondern einfach nur Bilder von seinem Essen hochlud. Der Sommer 2016 wird als »der letzte gute Sommer« verklärt.
Ich habe generell ein schlechtes Jahreszahl/Ereignis-Gedächtnis. Ich erinnere mich an meine Lebensereignisse immer anhand der Leute, in die ich zu der Zeit verliebt war, nicht anhand der Jahreszahl, aber die eine Sache, an die ich mich aus 2016 wirklich lebhaft erinnern kann, ist, dass wir damals alle schon auffällig fanden, was für ein grottenmieses Jahr das war.
In einem Video (Opens in a new window), das damals alle auf Facebook geteilt haben, verschläft ein verkaterter Typ das komplette Jahr 2016 und ein anderer Typ erzählt ihm, was er in diesem »pig of a year« alles verpasst hat.
2016: Es ist das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und manche nennen es das Dunkle Jahr der Popkultur, denn kulturelle Ikonen, Symbole einer besseren Zeit, sterben 2016 wie die Fliegen. Bowie, Prince, Leonard Cohen, Zaha Hadid, Muhammad Ali, Alan Rickman, George Michael, Carrie Fischer, um nur ein paar Wenige zu nennen. Es gibt islamistische Anschläge in Brüssel, Nizza und Berlin. Durch Terrorangst und Flüchtlingskrise erlebt die AfD ihre erste Blütezeit. Sie zieht 2016 reihenweise in die Landtage ein und legt den Grundstein für ihren bis heute andauernden Erfolg. Großbritannien tritt aus der EU aus. Donald Trump wird das erste Mal Präsident der Vereinigten Staaten.
Zehn Jahre später erinnert sich das Internet nur noch an das Gute, wie ein digitales Gehirn, das versucht, zu verdrängen. Influencerinnen veröffentlichen nostalgische Throwbacks und imaginieren Gespräche mit ihren schöneren, dümmeren, unschuldigeren jüngeren Ichs. Alles ist roséfarben im Licht des damals populären Rio-de-Janeiro-Instagram-Filter. Wir machen bis zur Unkenntlichkeit weichgezeichnete Selfies mit Hundeöhrchen und Katzenschnäuzchen.
Die ZEIT schreibt (Opens in a new window), 2016 sei nur deswegen ein Ding, weil die Millennials nun endlich auch mal einen Nostalgie Trend erleben, bei dem sie selbst dabei gewesen sind. Da sie sich leider nicht an billige Mieten oder billige Clubs erinnern, müssen sie ihre Nostalgie auf besonders schöne Instagram-Filter richten und in der Erinnerung schwelgen, dass es mal eine Zeit gab, in der man nicht wüst beleidigt wurde, wenn man im Internet gesagt hat, dass man auch ohne einen Mann ein ganz schönes Leben haben kann.
Und ja, es ist schon so, dass 2016 verglichen mit den folgenden Pandemie- und Ukraine-Krieg-Jahren—ganz zu Schweigen von Trumps Wiederwahl—eigentlich ganz heimelig wirkte. In dem ZEIT Text heißt es: »Es war das letzte Jahr, in dem man geglaubt hat, die Antwort auf die mächtige Frage „Wird das Dümmstmögliche passieren?“ könnte „Nein“ lauten.«