Ausgabe vom Sonntag, 26. April 2026 – Heute für meine geschätzte Leserschaft und alle, die noch einen klaren Blick bewahren. ♥️
Der Morgen in Altentreptow hatte die Farbe von abgestandenem Filterkaffee und die Temperatur einer Ablehnung vom Bauamt. Ich stand am Stadtrand, den Baron Tollensius an der Leine, der heute besonders tief gähnte, als wollte er den Sauerstoff vor der herannahenden Inkompetenz retten. Wo gestern noch das gelbe Ortsschild gestanden hatte, klaffte ein Loch in der Landschaft, so leer wie das Versprechen auf eine blühende Industrie. Die verzinkten Pfosten ragten nackt aus dem Boden wie die mahnenden Finger eines Skeletts.
„Siehst du das, Baron Tollensius?“, sagte ich und nippte an meinem Becher. „Wir sind weg. Radiert. Wenn das Amt uns nicht mehr findet, existieren wir nicht. Das ist die ultimative Form der Entbürokratisierung: Man klaut einfach den Namen.“
In diesem Moment schob sich ein Ungetüm von Reisebus um die Kurve, ein silberner Hochglanz-Panzer mit Kennzeichen aus Düsseldorf. Er bremste so abrupt vor dem leeren Pfosten, dass die Radkappen fast in Richtung Neubrandenburg flüchteten. Die Tür zischte, und eine Ladung Wessis in nagelneuen Multifunktionswesten quoll heraus, als hätte jemand eine Dose mit übermotivierten Pfifferlingen geöffnet.
Ein Herr mit einer Brille, die vermutlich teurer war als die gesamte Kita-Einrichtung von Altentreptow, starrte auf die leeren Pfosten. „Heinz-Rüdiger, schau mal!“, rief er seiner Gattin zu. „Die echte, rohe Ost-Tristesse! Kein Schild, kein Empfang, absolute Endzeitstimmung. Das ist dieses ‚Lost Place‘-Feeling, von dem alle reden. So authentisch kaputt haben wir das im Westen gar nicht.“
„Vielleicht ist das hier ein Freilichtmuseum für gescheiterte Pläne“, antwortete Heinz-Rüdiger und zückte eine Kamera, die groß genug war, um ein schwarzes Loch zu fotografieren. „Guck mal, da ist eine Einheimische mit einem Hund. Wie pittoresk!“
Ich wollte gerade etwas über die Haltbarkeit von Torgauer Steingutbechern an Düsseldorfer Stirnen sagen, als der Boden zu beben begann. Der Dienstwagen der Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel pflügte durch den Matsch. Sie stieg aus, das grüne Kostüm so fest am Leib, als wäre es eine kugelsichere Weste gegen die Realität. Hinter ihr stolperte Falko Federling vom Nordmumpitz, der krampfhaft versuchte, sein Notizbuch vor dem Nieselregen zu schützen.
„Ah, Gäste!“, flötete die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel, während sie die Touristen mit einem Blick taxierte, der normalerweise nur für Förderanträge reserviert ist.
„Frau Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel“, warf Falko Federling ein, „die Leute fragen nach dem Ortsschild. Man munkelt, es wurde gepfändet.“
„Unsinn, Federling!“, herrschte die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel ihn an. „Das Schild ist Teil einer Umstrukturierung. Da sich in unserem grünen Gewerbegebiet ohnehin keine Industrie ansiedeln will, weil die alle zu feige für echtes Kopfsteinpflaster sind, habe ich mich für eine radikale Neuausrichtung entschieden. Wenn keine Fabriken kommen, dann eben die ewige Ruhe. Wir widmen das gesamte Stadtgebiet zum ‚Zentralfriedhof Nord-Ost‘ um. Der Tod ist krisensicher, Herr Federling. Der stirbt nicht aus.“
„Ein Friedhof?“, rief Heinz-Rüdiger begeistert. „Schatzi, ein ganzer Ort als Grabmal! Das ist ja wie Pompeji, nur mit schlechterem Wetter!“
„Genau“, sagte die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel und strahlte. „Wir verkaufen jetzt keine Gewerbeflächen mehr, sondern Exklusiv-Lagen mit Ewigkeitsgarantie. Wer braucht schon Internet oder Industrie, wenn er ein schönes Fleckchen unter der Tollense-Eiche haben kann?“
Plötzlich schob sich Magnus Breitbein durch die Menge der Touristen. Er trug ein Klemmbrett und eine Warnweste, die so eng saß, dass seine Atmung nur noch als theoretische Möglichkeit existierte.
„Kanzlerin!“, brüllte Magnus Breitbein. „Ich habe bereits die ersten Parzellen vermessen! Die Fläche direkt am Großen Stein ist als ‚Premium-Ruhestätte für Führungskräfte‘ reserviert. Ich habe den ersten Wessis schon Vorverträge angedreht. Die zahlen bar, Kanzlerin! Die wollen alle neben dem Fels liegen, weil sie denken, das strahlt Energie aus.“
„Das ist mein Stein!“, schrie plötzlich eine neongelbe Gestalt, die hinter einem Bus auftauchte. Es war Nusseltrud, die ihren Taucheranzug so fest zugeschnürt hatte, dass ihre Stimme zwei Oktaven höher klang als sonst. „Der Große Stein ist kein Grabstein! Das ist ein subaquatisches Denkmal der Plötzen-Freiheit! Wenn ihr den Stein verkauft, springe ich in die Tollense und komme erst wieder hoch, wenn die Grundsteuer gesenkt wird!“
„Nusseltrud, geh spielen“, zischte die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel. „Wir machen hier Business.“
Die Touristen aus Düsseldorf waren inzwischen zum Großen Stein vorgedrungen. Heinz-Rüdiger klopfte prüfend gegen den Granit. „Du, Schatzi, der würde sich super in unserem Vorgarten machen. Ein echtes Stück Ost-Natur. Wir mieten uns einen Kran und nehmen den als Souvenir mit. Merkt hier eh keiner, die haben ja nicht mal ein Ortsschild.“
„Hände weg vom Stein!“, dröhnte die Stimme von Löschmeister Jonte, der mit seinem Tanklöschfahrzeug angerollt war. Er stieg aus, das Gesicht so unbeweglich wie der Stein selbst. „Wenn hier einer was abtransportiert, dann nur im hohen Bogen.“
„Löschmeister Jonte“, rief die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel, „halten Sie sich bereit! Wir müssen die Grenze ziehen. Wer nicht als Leiche oder zahlender Gast kommt, wird des Platzes verwiesen!“
Kevin-Justin, der Jugendliche mit dem permanenten Drang zur digitalen Selbstdarstellung, hielt sein Handy in die Luft und grinste debil in die Kamera. „Leute, krasser Content! Altentreptow wird zum Geister-Ghetto umgebaut. Die Kanzlerin verkauft Gräber statt Glasfaser. Schaut euch Magnus Breitbein an, der sieht aus wie ein zu fett geratener Totengräber in Warnweste!“
Ein Tourist stieß Kevin-Justin versehentlich an, und das Handy segelte in einer perfekten Flugbahn direkt in den Eimer mit altem Kleister, den Meister Munter für die neuen Friedhofs-Satzungs-Plakate bereitgestellt hatte.
„Mein Stream!“, jaulte Kevin-Justin. „Ich bin analog! Hilfe!“
„Willkommen in der Realität, Kleiner“, murmelte ich dem Baron Tollensius zu.
Die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel stand derweil triumphierend vor dem leeren Pfosten. „Sehen Sie, Federling? Keine Schilder, keine Zeugen, nur reiner Profit durch Verfall. Wir nennen es ‚Denkmal-Bestattung‘. Altentreptow verschwindet nicht, es legt sich nur schlafen – gegen eine entsprechende Gebühr.“
Ich sah zu, wie Magnus Breitbein versuchte, einem Düsseldorfer eine ‚Grabpatenschaft‘ für den Großen Stein zu verkaufen, während Löschmeister Jonte den Schlauch ausrollte, um die ‚Interessenten‘ auf Distanz zu halten. Der Baron Tollensius hob das Bein an einem der Schilderpfosten und setzte seine eigene Markierung. Das war wahrscheinlich die ehrlichste Amtshandlung des ganzen Tages.
Altentreptow hatte vielleicht keinen Namen mehr am Straßenrand, aber dafür einen Plan, wie man aus dem Nichts noch eine letzte Mark presst. Und wenn am Ende nur noch Gräber übrig bleiben, dann ist wenigstens Ruhe im Karton.
Ihre Meinung ist gefragt
Haben Sie auch das Gefühl, dass Ihre Stadtverwaltung die Bürger eher als ‚Altlasten‘ denn als Einwohner betrachtet? Und was würden Sie tun, wenn Ihr Zuhause plötzlich zum Friedhof für gescheiterte Gewerbeträume umgewidmet wird? Schreiben Sie mir – solange wir noch offiziell gemeldet sind!
Wie es weiter geht:
Blick hinter die Kulissen Wer am Mittwoch einen Blick hinter die Kulissen werfen und wissen will, wie dieser Wahnsinn im Rathaus überhaupt erst entstehen konnte, sollte jetzt zum „Besserwissenden“ werden. Für gerade einmal 3 Euro im Monat – was quasi dem Gegenwert eines ordentlich belegten Butterbrots entspricht – unterstützen Sie meine Arbeit. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel uns nicht auch noch heimlich die Luft zum Atmen in Rechnung stellt.
Schwarz auf Weiß: Der Wahnsinn bekommt einen Einband
Damit dieser ganze Altentreptower Irrsinn nicht irgendwann im Aktenschredder des Rathauses verschwindet, habe ich beschlossen, ihn für die Nachwelt zu sichern. Ja, es ist wahr: Ernas Chronik des täglichen Wahnsinns erscheint bald als Buch! Damit Sie den Moment nicht verpassen, in dem die Tinte trocken ist und das Werk in den Handel kommt, tragen Sie sich bitte unbedingt in meinen Newsletter ein. So werden Sie als Erste über den genauen Erscheinungstermin informiert, bevor das Amt den Druck verhindern kann.
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel - Die Stimme aus dem Osten mit satirischen Kleinstadtkolumnen für Sie.
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
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