On the road/Al Bagdadi, Haus mit Rutsche/Jürgen Habermas/ Daniel Mendelsohn/Serie Sonntagnachmittagsblues/Warmes Essen für kalte Tage

Viele Wochen haben Joachim Telgenbüscher, Simone Terbrack und ich am Programm für die erste Tour unseres Geschichtspodcasts “Was bisher geschah” gefeilt. Lasse Siebert kümmerte sich um den optischen Teil der Show mit Lichtern und Animationen. Wir haben gelesen, geschrieben, besprochen, zusammengefügt, schließlich geprobt, geprobt und noch mal geprobt – bis Simone endlich zufrieden war. Das alles fand im vertrauten Rahmen unserer Arbeitszimmer sowie im sensationellen Forstnerwirt zu Rottenburg an der Laaber statt. Aber nun, am Montag und Dienstag, war es an der Zeit, das Programm Hunderten von zahlenden Zuschauern zu präsentieren.
Als Journalist muss man ja immer mal etwas moderieren, ich habe schon viele Lesungen und Vorträge absolviert, aber das war doch etwas anderes. Ich fühlte mich an eine Szene im Jardin du Luxembourg in Paris erinnert, ungefähr zu dieser Jahreszeit, Ende des Winters. Ein Mann hatte ein großes, detailgenaues Modellboot, der Sirius aus dem Tintin Comic L’Étoile mystérieuse nachempfunden, mitgebracht. Er wollte es im runden, flachen Becken zu Wasser lassen. Dabei zitterten seine Hände, totaler Stress oder Lampenfieber. Den ganzen Winter hatte er in seinem Keller an dem schönen Boot gebastelt, nun sollte es an die Sonne und ins Wasser. Bald scharten sich freche Kinder um sein Werk, und drohten ihre Segelboote dagegen zu steuern.
So ungefähr fühlte ich mich kurz bevor es jeweils auf die Bühne ging. Wir waren gespannt: Den Podcast hören die Menschen beim Autofahren, beim Sport, beim Spazierengehen - aber selten ganz ohne etwas anderes zu tun. Nicht mal am Smartphone kann man herumfummeln in so einem Theater.
Kurz vor den Auftritten wuchs mein Respekt für Schauspielerinnen und Schauspieler unermesslich. Man braucht schon eine beachtliche Disziplin, um so ein Programm zu absolvieren. Beim Schreiben ist man ja gemütlich zu Hause und kann sich mit Videos vom Gemeinderat von Bordeaux ablenken. Andererseits, völlig neu für Joachim und mich, kommt vor einem Auftritt dauernd jemand vorbei und fragt, ob man etwas braucht, ob alles okay ist oder ob es noch ein Getränk sein darf.
Also Showtime. Wir entfalten unser Panorama von Deutschland im Vormärz, die Biografie von Heinrich Heine und all die anderen Themen, die vom Damals ins Heute, vom Vormärz zum In-Merz führen. Chancen und Risiken in der deutschen Geschichte, der Witz von Heinrich Heine. Niemand geht in der Pause. Es ist ein Montag, ein Dienstag im März 2026, und alle bleiben konzentriert sitzen, denken und lachen mit. In der digitalen Welt kann man oft den Glauben an die Menschheit verlieren, aber wenn man mal rauskommt, findet man viele Gründe zur Zuversicht.
Danach unterschreiben wir Plakate, Taschen – super Merch übrigens ! – und machen Selfies – ein fantastischer Moment. In Berlin und Leipzig geht es weiter, im April auch in anderen Städten (Opens in a new window). Tour 2027 ist in Planung.
Es fällt schwer, von ihm in der Vergangenheitsform zu schreiben, denn er war immer so ganz der Fortschritt und das machte seine Gegenwart zu etwas Besonderem. Als Doktorand lernte ich Rebekka Habermas kennen, die am gleichen Lehrstuhl promovierte und später eine bedeutende Historikerin wurde. Eine Begegnung, die mein Leben zum Guten verändert hat. Seitdem durfte ich die Familie Habermas und eben auch den Vater ab und zu treffen – Stoff für unzählige Geschichten.

Eine Szene mit Jürgen Habermas: Rebekka hatte in Frankfurt Ende der neunziger Jahre einen tollen Kongress zur Migrationsgeschichte organisiert. Am Ende der zweitägigen Konferenz sollte es eine Podiumsdiskussion geben, die der Hessische Rundfunk übertragen wollte. Aber es gab ein Problem: der Sender wollte eher bekannte Namen in der Sendung und die anderen, Jüngeren, beschwerten sich. Kurzer Tumult, Rebekka war schwer genervt bis verzweifelt. Ihr Vater war auch da, diskret, in der letzten Reihe.
Ich lief als Zaungast durch die Kulissen und stand in der Nische eines Flurs, durch den gerade der Vertreter des Hessischen Rundfunks Wilhelm von Sternburg spazierte. Übrigens ein tadelloser Mann, aber an dem Tag irgendwie auf verlorenem Posten. Er war verantwortlich für den Streit, der die besonders gelungene Tagung an ihrem Ende zu überschatten drohte. Nun Auftritt Jürgen Habermas: Er schnappte sich Sternburg ohne zu zögern und ohne Zeugen – ich war von meiner Position aus nicht zu sehen. Es waren nur wenige Sätze in denen der Philosoph in no uncertain terms deutlich machte, was er von dem ganzen Huddel hielt und nun, um die monatelange Arbeit meiner Tochter nicht zunichtezumachen von Sternburg erwartet. Ein konzentriertes Donnerwetter, vorgebracht von beachtlicher Körpergröße herab! Der arme HR-Mann musste noch an mir vorbei, ein Bild des Jammers: Sein Mund zog eine Wellenlinie, wie bei den Peanuts im Frustfall.
Bei allem Wert auf diskursive Verständigung und herrschaftsfreien Diskurs – Jürgen Habermas konnte deutlich werden. Rebekka hat, glaube ich, gar nichts davon mitbekommen. Ihr wäre es zum Augenrollen peinlich gewesen. Aber so war Jürgen Habermas.
Wenn wir die Nachrichten von den Luftangriffen auf den Iran verfolgen, bedenken wir selten die komplizierten Gefühle, die solche Gewalt bei der iranischen Exil-Community auslöst. Man wünscht das Regime zum Teufel, bangt aber auch um die Menschen, die man kennt. Fair geht es im Krieg ja nur selten zu und man trauert um einzelne Personen auch dann, wenn man die Ideologie des Staates verachtet.
Eine ähnliche Lage entwickelt sich in der Familie, die in diesem Roman im Fokus steht: Der Vater ist aus dem Irak zum Studium nach Saarbrücken gekommen, führt dort das Leben eines stadtbekannten Bonvivants und Raconteurs, der auf größtmögliche Distanz zum Saddam-Regime ist. Aber die Golfkriege verändern alles – er kann seine Geschäfte mit Im- und Export nicht mehr fortsetzen – und er wird zu einem anderen. Zu einem frommen Islamisten, der nicht mehr zu seiner fröhlichen, emanzipierten Familie passt.
Dieser sorgsam komponierte Gesellschaftsroman ist nicht nur ein politisches Buch, es handelt sich auch um das Porträt einer Ehe, einer Familie und der deutschen Provinz. Die Protagonistin sucht ihren Weg in der Literatur und verlässt irgendwann Saarbrücken , um nach Paris zu gehen. Aber die Geschichte ihrer Familie begleitet sie. Trotz der schweren, mit bedacht verhandelten Themen hinterlässt das Buch ein beschwingtes Gefühl. Die Handlung basiert auf einer wahren Geschichte, der Biografie der Autorin und Safia Al Bagdadi gelingt, was in der deutschen Gegenwartsliteratur so selten ist: einen Moment der Wahrheit zu beschreiben. Und das auch noch mit einem souveränen Humor!

Frankreich steckt politisch, wirtschaftlich und finanziell in selbstverschuldeter Patsche, aber das intellektuelle Leben ist dafür top. Tausend Geschichten. Nun ist einer der faszinierendsten amerikanischen Intellektuellen in Paris angekommen und bekleidet einen Lehrstuhl am Collège de France, der besten Volkshochschule der Welt: Die Vorlesungen dort stehen jeder und jedem offen, gratis, und in der modernen Zeit eben auf Youtube. Daniel Mendelsohn gibt hier eine Einführung in die literarische Dimension der Erinnerungsarbeit bezüglich der Shoah. Ein Niveau, das man nur noch selten findet - gibt auch deutsche Untertitel.
https://www.youtube.com/watch?v=h85MUeRF0sU (Opens in a new window)So ein Sonntag kann sich ziehen, zumal in Limoges – einem schönen, aber doch etwas abgelegenen französischen Städtchen. Immerhin gibt es das Kino und die Welt des Films. In dieser sehr lustigen Serie geht es um die Abenteuer einer jungen Frau, die aus Limoges nach Paris zieht, um beim Kino zu arbeiten.
https://www.arte.tv/de/videos/119365-003-A/sonntagnachmittagsblues-3-8/ (Opens in a new window)Jetzt ist es doch noch mal so kalt geworden, aber die französische Küche ist auch in solchen Fällen eine unerschöpfliche Ressource an tröstlichen Gerichten. Ganz oben rangiert für mich dieses hier:
https://www.lemonde.fr/les-recettes-du-monde/article/2026/03/06/le-b-uf-bourguignon-du-week-end_6669816_5324493.html (Opens in a new window)Und hier auch in einer vegetarischen Variante vom Herrn Grün
https://www.herrgruenkocht.de/gemuese-pilz-bourguignon-auf-kartoffelpueree-mit-cotes-du-rhone-wein/ (Opens in a new window)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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