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Sommer der Wahrheit

Das Puzzle/ Film A Girl Unkown/Freud erzählt einen Witz/ Eri Krippner/ Obama&Bourdain

Es gibt für die Europa heimsuchende Klimakatastrophe noch nicht mal eine Rubrik. Wo soll man die Berichte über diese schreckliche Lage einsortieren? Umwelt? Wetter? Klima? Gesundheit? Lokales? Haushaltstipps? Sehr, sehr viele Menschen werden an den Folgen der europaweiten Hitzewelle sterben, aber eben nacheinander, isoliert und ohne passende Bilder und Berichte. Keine Aufnahmen von einer Sturmflut, von Blitzen und Donner – auf den Bildschirmen sieht alles aus wie schönes Wetter. Daher gibt es auch keine warnenden Schlagzeilen, die zu einem Politikwechsel mahnen. Keine PolitikerInnen, die in den Nachrichten erklären, dass wir nicht mehr so weitermachen können mit fossilen Energien. Die kleinen Lösungen werden hingegen rauf und runter berichtet: Wie halte ich mich kühl und sicher? Die berühmten Tricks und Tipps. Aber das Problem ist groß und verlangt nach großen, strategischen Entscheidungen. Große Themen haben es schwer, sie erfordern Mut. Also bleibt die Medienkost kleinteilig: Man muss sich die Wahrheit mühsam zusammensuchen wie Puzzleteile.

Manchmal stelle ich mir vor, wie die unübersehbare Ankunft von Außerirdischen, ein Luftschiff, das vor dem Kanzleramt parkt, medial berichtet würde. Die größtmögliche Story würde gewiß auf Puzzleteilgröße herunterformatiert: Was heißt das für unsere Leserin in Dudweiler?

Niemand möchte als Ufo-Spinner da stehen, also gäbe es vielleicht ein diskretes Pro und Contra? Regierung und Parlament würden mit den Schultern zucken bis nach der nächsten Landtagswahl, Expertisen würden eingeholt, alles zöge sich ewig in die Länge, bis die Besucher mangels Interesse wieder abzischen. Es wäre wie bei Timmy dem Wal: Mal pathetisch, oft peinlich und rasch wieder vergessen.

Mir scheint aber, als würde dieser Sommer die Wahrheitsfindung voran bringen: Russland ist nicht unbesiegbar. Die Ukraine macht gewaltige Fortschritte und bald ist Putins Krieg verloren. Dann wird er nicht mehr lange regieren. Meine Vermutung ist, dass dann auch große Teile seines politischen Netzwerks in den USA und Europa verschwinden oder zumindest ihren Einfluß verlieren. Ich erinnere mich noch an die westdeutschen Kommunisten. Jahrelang erzählten sie, etwa die Kommilitonen vom MSB Spartakus dass sie mit Ost Berlin nichts zu tun haben. Doch bald nach dem Fall der Mauer mussten sie aufhören, wie zig andere Vorfeldorganisationen auch.

Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn die Netzwerke Putins weiter reichen als bisher, und ich vermute, wir werden es bald entdecken.

Warum allerdings so viele kluge Menschen, die ich oft treffen durfte, deren Urteil und Leistung ich einmal sehr geschätzt habe, die selbst der offenen Gesellschaft und der Bundesrepublik alles verdanken – Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, Gerd Schröder und Alice Schwarzer – auf ihn reingefallen sind, ist ein Thema, das künftige Historikerinnen und Historiker beschäftigen wird.

Der Sommer der Wahrheit hat uns immerhin schon den Entwurf einer große Rentenreform beschert. Es ist ja der deutsche Dauerbrenner schlechthin. In meiner Kindheit ging es um die Rente und auf dem Sterbebett werde ich in den Nachrichten sicher auch noch die nächste Rentenrefom verfolgen dürfen. Wichtiges Thema, das hierzulande aber auch von eminent symbolischer Bedeutung ist. Die Einigung führt vielleicht heraus aus der destruktiven Spirale, in der die Koalition feststeckt. Und zeigt, dass auch etwas anders möglich ist als das deutsche “Weiter so”! Diese hartnäckige Sucht nach den Merkeljahren, als russisches Gas billig war und die deutschen Verbrenner in China gut weggingen, weicht vielleicht langsam der Einsicht, dass auch Deutschland seine Route neu berechnen muss – und kann.

Europa hat sich nicht auseinanderteiben lassen, auf den Brexit folgte kein weiterer Austritt, ganz im Gegenteil. Zig Länder warten sehnsüchtig auf den Beitritt zur Union. Der Wahnsinn in Washington – die größte Nation des Westens taucht ab in den reflecting pool und sucht nach Vandalen, die ihr Präsident erfunden hat – und die Verbrechen Putins sind die Geburtshelfer eines vereinten Europas, das nun seine Zukunft deutlich vor sich hat. Die Politikerinnen und Politiker, die heute im Freibad abhängen und einmal Europa regieren werden, arbeiten dann in der europäischen Hauptstadt Brüssel. Die Nationalstaaten spielen später die Rolle der Bundesländer der alten Bundesrepublik: Damals waren Ministerpräsidenten irre bedeutsam, schillernd und komplex, man musste sie alle namentlich kennen. Heute hat sich die Bedeutung der Länder verändert. Wir leben in einer mehrschichtigen Staatlichkeit und ganz gut damit: Regionen, Nationalstaat und vor allem die EU. Wieder so ein Puzzleteil für die Wahrheit dieses Sommers: Europa.

Manchmal ist es ja ein biografischer Zufall, auf welche Autoren und Denker man stößt und welche man links liegen lässt. Sigmund Freud jedenfalls habe ich nie gelesen, vielleicht mal einige Kopien im Studium, aber mehr auch nicht. Ich habe mich oft und gern über Vladimir Nabokov Polemiken gegen Freud amüsiert, aber darin erschöpft sich dann auch schon mein Freudismus. Ein wenig hat sich das erst durch die Bücher von Jörg-Dieter Kogel geändert. Sein erzählendes Sachbuch “Im Land der Träume. Mit Sigmund Freud in Italien” gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Nun hat er mit Christfried Tögel eine Reise in die Welt des freudschen Humors unternommen: “Freud erzählt einen Witz” nennt sich der Band, in der Anderen Bibliothek ist er erschienen. Es ist eine profund recherchierte, dann charmant komponierte intellektuelle Biografie, in deren Fokus aber nicht die üblichen, super ernsten Themen Freuds stehen, sondern sein Weltzugang über den Humor. Ein neuer Ansatz für so ein Buch, dem man auch bei anderen Persönlichkeiten verfolgen könnte. Die meisten biografischen Sachbücher gleichen sich, aber dieses ist ganz anders: Lehrreich, unterhaltsam und eben, naja, witzig.

Dass China heute Marktbereiche dominiert, in denen Deutschland einst führend war, ist nun hinlänglich bekannt. Autos, Photovoltaik, vieles andere mehr wird nun dort hergestellt, besser und günstiger. Unlängst habe ich mir ideale, günstige chinesische Notizbücher bestellt – Format, Konfiguration, das Papier – alles gefiel mir besser als beid er europäischen Konkurrenz. Es waren keine Imitationen, sondern einfach bessere Notizbücher!

Völlig erstaunt war ich aber, als ich in Cannes den Film “A Girl Unknown” von Zou Jing gesehen habe. Es war die Premiere - beim Münchner Filmfest wird er auch zu sehen sein, Kinostart hierzulande ist vermutlich im Herbst.

Es ist der beste Kinofilm, den ich seit Jahren gesehen habe: Elegant, stilsicher und unvermutet kritisch gegenüber der chinesischen Gesellschaft. Ein film d’autrice voller Poesie und kritischer Präzision, an den man noch lange denken muss. Ich bin nach wie vor entsetzt über die chinesische Politik, das grausame und mörderische System – aber in der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft, den Firmen und der Kultur geschehen interessante Dinge. Irgendetwas hat sich getan in China, aber was? Stand wieder nicht in den Schlagzeilen. Wenn wir es betrachten und deuten, können wir viel lernen – das nächste Puzzleteil

https://www.youtube.com/watch?v=oLwRwbTKeOQ (Opens in a new window)

Es ist immer wieder verblüffend, wer mir zu diesem Newsletter schreibt, mailt oder auf anderem Wege Kontakt aufnimmt. Und mit welchen komplexen, unvorhersehbaren Geschichten,, Kommentaren oder Bitten. Manchmal komme ich gar nicht schnell genug hinterher mit dem Antworten.

Unlängst bekam ich einen schönen, von Hand geschriebenen Brief einer treuen Leserin. Dem lag eine Anthologie zum Thema Mutter und Mutterliebe bei, sehr schön gemacht. Die Autorin liest den Siebten Tag jeden Sonntag und kann jetzt schon auf einen beeindruckenden Lebensweg zurückblicken, sie ist respekteinflößende 94 Jahre alt ist sie. Das ist das empfehlenswerte Buch, Weihnachten und Muttertag kommen gewiss und damit ist man sehr gut vorbereitet! Eignet sich übrigens auch als Geschenk für Frauen, die gerade Mutter geworden sind.

Nachdem gestern unser Sohn sogar auf den samstäglichen Burger verzichtet hat, hitzehalber, möchte ich heute niemanden an den Grill oder Herd scheuchen. Man soll am besten zu Hause blieben und tagträumen, diese Hitze ist wirklich super gefährlich.

Das Kochvideo heute ein Klassiker mit zwei coolen Typen

https://www.youtube.com/watch?v=Z7TJYTyNkQQ (Opens in a new window)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Dieser Newsletter macht eine Sommerpause, und ich auch. Anfang August geht es weiter. Take care.

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