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Pause-Record-Play 18.02.2026

Weitere 24 für 26.

Die nächste Runde Album-Empfehlungen ist fertig. Wie gehabt, ziemlich divers ausgewählte Musik (allesamt in den letzten Wochen erschienen), die hoffentlich anhand der Kategorien und Tags, die ich jeweils voran stelle, ausreichend sortierbar ist.

Hoffe, meine kleinen Texte machen Lust auf die Hörproben.

Leo Chang, Foto © Lingyuan Yang

Zum Weltgeschehen mag ich derzeit wenig sagen. In meine Social-Media-Timelines, in denen ich versuche, über die eigene Bubble hinaus Perspektiven wahrzunehmen, schwappen gerade wieder unsägliche, verwirrte, gelegentlich aber auch böswillig-verunsichernde Meinungsbeiträge, die alle möglichen Verschwörungen „endlich“ bestätigt sehen, weil vermutlich in den Millionen Seiten der Epstein-Files irgendwo noch jede Theorie auftaucht und dadurch deren Wahrheit angeblich schon gleich „bewiesen“ ist. Vom Theaterdonner bzgl. der AfD ganz abgesehen.
In den traditionellen Medien verschlampen die vermeintlichen Demokratie-Bewahrer ihre Aufgabe, weil Empörung nunmal besser verkauft.
Das Gefühl der Zersetzung geht nicht weg.
Um von der unverhohlenen Lobby-Politik gegen Klimaschutz, Regulierung etc. allerorten ganz zu schweigen. Irgendwer hat scheinbar doch Planet B in der Hinterhand.

Dann lieber eine Feier der Vielfalt und kulturellen Fremdbestäubung.
Entsprechend weiter im Text, diesmal mit diesen Mitschnitten:

  • Musik im Langspielformat: Die nächsten 24 Album-Empfehlungen

  • Rückblick School Of Rock: Feist zum 50. bei ByteFM

  • Kurze Grammy Nachlese mit Natalia Lafourcade, Ledisi, Mavis Staples und Devo

  • Kleine Linksammlung zu aktuellen Todesfällen und Todestagen mit Ebo Taylor, Simon Harris, Billy Steinberg, Gwen McCrae, Roberta Flack

Beverly & Elizabeth Glenn-Copeland, Foto © Wade Muir

24 aktuelle Alben, die ein Ohr (oder zwei) wert sind, in alphabetischer Reihenfolge:

Wie gehabt: Streamen hilft, Kaufen hilft mehr, am richtigen Ort / bei Künstlern direkt, in guten Plattenläden Kaufen hilft am Meisten. Konzertbesuche auch.

Jazz, Latin
#Ballads #Kuba
#USA #NewYork

Melissa Aldana - Filin (Blue Note)

https://tidal.com/album/496420196/u (Opens in a new window)

Als in den 1940ern die Mikrophonie das kubanische Musikgeschehen erreichte, entstand durch die neue Technologie ein Genre ganz intim gesungener Balladen, vom englischen Wort „Feeling“ abgeleitet hispanisiert „Filin“ genannt. Der Ära dieses Genres, die bis in die 1960er dauerte, widmet die chilenische Saxophonistin Melissa Aldana ihr neues, überwiegend instrumentales  Album. Mit Pianist Gonzalo Rubalcaba, Peter Washington am Bass und Kush Abadey an den Drums entstand ein smoothes Late Night Album, das man am liebsten wie der fiktionale Detektiv und Jazzfan Harry Bosch in einem Mid-Century Architektenhaus mit urbanem Panorama-Blick hören möchte. Die beiden Vokal-Aufnahmen mit Gastsängerin Cécile McLorin Salvant schließen den Kreis zum Ausgangsmaterial.

Deep Listening, Electronics
#Noise #Dark-Ambient #Korean
#USA #NewYork

Leo Chang - Live At CPR (Leo Chang)

https://listentoleochang.bandcamp.com/album/live-at-cpr (Opens in a new window)

Mitschnitte aus einer Live-Performance im New Yorker Center For Performance Research, die Changs Klangforschung zwischen koreanischer Folklore und selbstgebauten elektronischen Instrumenten dokumentieren. Im Mittelpunkt der verfremdete Sound seiner Stimme und die eigenwillige Konstruktion des Jeonmonori, seine Version des Sangmo, jenes Hutes, der bei den traditionellen Pangmol-Darbietungen getragen wird und der bei Chang am Ende des charakteristischen im Kreis schwingenden Bandes ein kleines Mikrophon besitzt, mit dem sich Chang durch eine Installation elektrisch zum Klingen gebrachter Gongs bewegt. Als Klangereignis bleibt ein dissonant-magisches Element des Widerständigen zwischen Improvisation und kulturellem Migrations-Hintergrund. 

Indie Folk, Singer-Songwriter
#Indie-Pop #Folktronica #Art-Pop
#UK #London

Alice Costelloe - Move On With The Year (Moshi Moshi)

https://alcostelloe.bandcamp.com/album/move-on-with-the-year (Opens in a new window)

Stimme und Instrumentierung verschmelzen geradezu auf diesem sehr leckeren Stück vom Indie-Songwriting-Kuchen und zeigen, dass ein folky Art-Pop-Sound auch eine ordentliche Portion saftiger Synthesizer-Sounds, gelegentliches Mellotron-Marzipan, etwas Blockflöten-Zuckerguss und sogar Francis-Lai-artige Glöckchen-Piano-Verzierungen verträgt. Von Tunngs Mike Lindsay produziert, mit einer ruhigen Vortragsart melancholisch-elegant dargeboten geht es auf „Move On With The Year“ um Erinnerungen an manch eigentlich psychologisch brisante Dinge wie kindlichen Vertrauensverlust, aber Costelloes souveräne Performance, die allerlei Vergleiche mit Künstlerinnen wie Cate Le Bon, Laura Marling oder stimmlich mit Julia Holter provoziert, lädt ein, sich entspannt auf die Couch zu legen und nicht zu viel Analyse zu treiben. Dazu ist es hier viel zu schön.

Alternative, Latin, Brasil
#Tropicalia
#UK #Cardiff

Carwyn Ellis & Rio 18 - Haf (Agati)

https://carwynellisrio18.bandcamp.com/album/haf (Opens in a new window)

South-American/Welsh Rare Grooves: Zählt man das „Radio Chévere“-Mixtape dazu, waren wir seit 2019  wir mit dem Musiker aus Wales und seiner Rio 18 Band schon fünf Alben lang popkulturell in Brasilien und zuletzt, auf „Fontana Rosa“ 2025 im kalifornischen Chicano-Kulturraum, immer aus einer walisisch-britischen Perspektive inklusive entsprechend variierender Textsprachen und einer Neigung zu yacht-rockiger Retro-Ästhetik. Daran ändert sich auch auf dem sechsten Album „Haf“ nichts und warum auch: Die zehn neuen Tracks, aufgenommen in London, Rio de Janeiro, im walisischen Llandwrog und in Edwyn Collins’ Studio im schottischen Helmsdale, liefern 35 Minuten zeitlosen Sommersound für jede Jahreszeit („Haf“ ist sowohl der Vorname einer verstorbenen Musiklehrerin von Ellis, als auch walisisch für „Sommer“).

Electronics
#Modular-Synthese #Ambient #Kosmisch
#UK #Yorkshire

Craven Faults - Sidings (Leaf)

https://cravenfaults.bandcamp.com/album/sidings (Opens in a new window)

„Sidings“ lässt sich mit „Nebengleise“ übersetzen und von denen verlegt der anonym arbeitende britische Musiker, der seit 2017 als Craven Faults veröffentlicht, ziemlich lange Strecken. Dreimal wird es deutlich zweistellig in den Minutenzahlen der insgesamt acht Tracks des Albums. Musik für lange Kopf-Fahrten, die tatsächlich im gleichmässigen Takt von Schienenverkehr über Quer- und Langschwellen fahren, nicht im Stress des Motorik-Drives über den Autobahn-Asphalt. Entsprechend im Kraut-Kontinuum eher als britischer Austauschstudent in der Berliner Schule als an der Düsseldorfer Kunstakademie eingeschrieben.

New Age, Spiritual Jazz
#Folk #Healing #Lieder
#Kanada #Hamilton

Beverly Glenn-Copeland - Laughter In Summer (Transgressive)

https://beverlyglenn-copeland.bandcamp.com/album/laughter-in-summer (Opens in a new window)

Warum nicht im Winter an den Sommer denken und lachen? Warum nicht eine Art folkloristisches Kunstlied goutieren, auch wenn man nie gedacht hat, dass einem so etwas gefallen könnte? Oder New-Age-Folk? Beverly Glenn-Copeland ist die Art Musiker, bei dem ich zu Anfang denke, dass das eher nichts für mich ist, weil stilistisch fremd und so unvermittelt, um nach einigen Takten eingefangen zu sein. Das Tragische an der Geschichte des 82-jährigen Musikers, der 2015 nach Jahrzehnten in Vergessenheit wiederentdeckt wurde, und 2024 seine Demenz-Diagnose öffentlich machte, schiebt sich in den Hintergrund im warmen, hoffnungsvollen Klang dieses Albums, das stimmlich zu großen Teil auch von Ehefrau Elizabeth Copeland bestritten wird. Ein oder zwei Stimmen und ein Klavier, mehr braucht es manchmal nicht für profunde Musikmomente.

Electronics, Techno
#Minimal #Electro #IDM
#USA #Philadelphia

GorpoPap - Reach 4 The Stars (GorpoPap)

https://gorpopap.bandcamp.com/album/reach-4-the-stars (Opens in a new window)

Schnörkelloser aber detailfreudiger Techno-Maschinen-Funk für schlaues Tanzen. GorpoPab, DJ aus Philadelphia hält auf ihrem Album die perfekte Balance zwischen hibbelig und präzise, Old School Instrumenten (Synthies, Drum Machines) und Now School Bumms, hypnotischen Abgründen und leichtfüssigem Charme, zwischen zickig genug und nice enough.

Deep Listening
#Ambient #Hauntology
#USA #New-York

Rafael Anton Irisarri - Points Of Inaccessibility (Black Knoll)

https://irisarri.bandcamp.com/album/points-of-inaccessibility (Opens in a new window)

Historisch ist das ehemalige Pieter-Baan-Zentrum in Utrecht ein eher gruseliger Ort: Von 1978 bis 2018 psychiatrische Beobachtungsklinik des niederländischen Justizministeriums, finden die Räume seit einiger Zeit neue Verwendung. Unter anderem hat dort das Künstler-Kollektiv Uncloud von Jaco Schilp sein Studio. Dahin hatte Schilp beim kanadischen MUTEK Festival 2024 den spanisch-amerikanischen Komponisten Rafael Anton Irisarri eingeladen und gemeinsam entstanden Anfang 2025 audiovisuelle Arbeiten, die sich sozusagen hauntologisch mit Erinnerungen, dem Verschwinden von Erinnerungen und den überbleibenden Prägungen dieser Erinnerungen beschäftigten. Als Album hat Irisarri nun nochmal Edits der improvisierten Aufnahmen von bogengestrichenen Gitarrensounds, Effektgeräten und Loops erstellt und als ausladend schönes, flächiges Klangerlebnis vorgelegt. Ihm gehe es dabei um die Illustration dessen, was er, u.a. inspiriert von Ideen aus Mark Fishers „Capitalist Realism“, als digitalen Schamanismus bezeichnet. So nennt er die simulierten Beziehungen, die das gegenwärtige Leben mittels Algorithmen, Influencing und KI-Ansprache anbiete, die aber letztendlich Bedingungen der Vereinsamung herstellten; von Beziehungen blieben nur Echos dieser Beziehungen. Tiefe Gedanken und sehr schöne Musik.

Diskurs Pop, Alternative/Indie
#Deutschpop #Soft-Grunge
#Dland #Leipzig

Kapa Tult - Immer alles gleichzeitig (Ladies & Ladys)

https://tidal.com/album/487910659/u (Opens in a new window)

Die Band aus Leipzig bleibt sich treu: Ein Sound, der auf zeitgenössischem Niveau Versprechen erfüllt, die NDW Bands wie Nichts nie halten konnten und Texte, die wohl Gen Z Lebensgefühl ausdrücken (reines Hörensagen meinerseits), sicher aber pointierte Kommentare zur Gegenwart geben. Die Fortsetzung von Wir Sind Helden mit härteren Mitteln und vorweg genommener Resignation, denn, „Es bringt mir nichts“. Deutschpop-Stars der Herzen und Hirne, kann so etwas bitte mal abräumen (Geld, Charts, Radio-Rotationen)?

Deep Listening
#Ambient #Drone #Noise
#Dland #Kenia #Berlin #Nairobi

Kmru - Kin (Editions Mego)

https://kmru.bandcamp.com/album/kin (Opens in a new window)

Wäre Christian Fennesz nicht ohnehin als Gast auf Joseph Kamarus Album vertreten, müsste man ihn dahin einladen, so eng verwandt sind die Klangwelten der beiden Musiker. Sounds zwischen Synthie, elektrischer Gitarre, Distortion, Hallraum und digitaler Manipulation ziehen langsame aber unausweichliche Kreise, erzeugen akustische Geisterbilder. Ein gleichsam entrückendes wie euphorisierendes Hörerlebnis.

Alternative/Indie, Indie Pop
#Jangle-Pop #Twee #Indie-Rock
#UK #Bristol

Lande Hekt - Lucky Now (Tapete)

https://landehekt.bandcamp.com/album/lucky-now (Opens in a new window)

Gitarrenselige Indie-Pop Musik einer britischen DIY-Punk Veteranin der 2010er. Charmant-schlaue Tracks mit ausgeprägtem Sinn für Melodien und einer Grundstimmung von melancholischem Selbstbewusstsein, die gut durch den Tag bringt.

Soul, R&B
#Adult-R&B #Soul 
#USA #Washington

Ari Lennox - Vacancy (Interscope)

https://tidal.com/album/491180525 (Opens in a new window)

Erwachsenen-R&B, der kuschelig und smart zugleich ist. Spuren von Jazz und Soul-Spielarten der 1980er und 1990er-Jahre-Hip-Hop untermauern eine souveräne Platte, auf der Lennox ihre Kunst ganz ohne aufmerksamkeitsheischende Produktions-Kunststückchen oder anstrengend-angestrengte Hochleistungs-Soulkoloraturen vorbringt. Party-Tunes, Balladen, Mellow Mover und ein Dancehall-Duett mit Buju Banton (mittlerweile wohl wirklich geläutert) lassen wenig zu wünschen übrig.

Alternative/Indie, Mariachi
#Punkrock #Mexican-American #Mariachi
#USA #LosAngeles 

Mariachi El Bronx - Mariachi El Bronx (IV) (ATO)

https://thebronx.bandcamp.com/album/mariachi-el-bronx-iv (Opens in a new window)

Das wird der rassistischen MAGA-Crowd auch nicht gefallen: Zwar singen die Mariachi El Bronx auf englisch, aber ihre Musik ist 100% eingewandert. Zum wiederholten (der Albumtitel verrät es: zum vierten) Mal ziehen sich die Musiker der kalifornischen Punkrockband The Bronx die Charro-Anzüge an und machen sich freundlich die Musik ihrer Nachbarschaft zu eigen. Ein durchaus inklusives Straßenfest. 

Jazz, Soul-Jazz
#Orgel #Retro #Vintage #Mod-Jazz
#Australien #Melbourne

Jake Mason Trio - The Modern Ark (Soul Messin’)

https://jakemasontrio.bandcamp.com/album/the-modern-ark (Opens in a new window)

Schweinorgel, Gitarre und Drums und schon ist man in einer anderen Welt und Zeit: Jazzland, ca. Neunzehnhundertbluenote. Als ob die letzten 60 Jahre nicht stattgefunden hätten, aber warum sollte man auch etwas ändern an dieser zeitlosen stilvoll-schummrigen Nachtclub-Szene, in die uns Jake Mason und Co. schon nach wenigen Takten versetzen? Noch einen Drink bitte. 

Alternative/Indie, Electronics
#Psych-Rock #Krautrock #Spaced-out
#USA #Portland

Natural Magic - II (Optimo)

https://naturalmagic.bandcamp.com/album/ii (Opens in a new window)

1990er Jahre UK-Sounds sind weiterhin en vogue bei us-amerikanischen Indie-Acts. Natural Magic docken an die Rave/Dub/Rock Schnittstelle an, die irgendwann von Andrew Weatherall und anderen eingerichtet wurde und bringen ein paar westcoastige Hippie-Gitarrenklänge mit. 

Alternative/Indie
#Progressive #Mathrock #Psych
#UK #Brighton

Plantoid - Flare (Bella Union)

https://plantoidworld.bandcamp.com/album/flare (Opens in a new window)

Heavy Präzisions-Gitarren wechseln mit sphärisch-ruhigen Passagen und kunstvoll-ätherischem Gesang, quasi Prog-Rock für  Shoegazing-Fans, jedenfalls geile Angeber-Drums und lange Spannungsbögen: irgendwie nerdiger Indierock, der erstaunlich eingängig bleibt.

Alternative R&B
#Post-Soul #Gothic-R&B #Indie-Jazz
#UK #London

Puma Blue - Croak Dream (PIAS)

https://pumabluemusic.bandcamp.com/album/croak-dream (Opens in a new window)

Manches sagt/schreibt sich auf Englisch so gut, dass man es so stehen lassen möchte, auch wenn es aus dem offiziellen Info zum Thema ist: „Lo-fi jazz balladry fused with jungle breaks, krautrock textures and trip-hop atmosphere“, da will man doch gleich reinhören. Was dann erklingt, wird dominiert von Jacob Allen alias Puma Blues gehauchten Vocals. Die verorten sich irgendwo zwischen dem, was seit James Blake etwas fälschlich als R&B bezeichnet wird, Radiohead-eskem Verzweiflungs-Säuseln und einer Post-Billie-Eilish Nahfeld-Feinfühligkeit. Zusammen mit der spannend aber zurückhaltend produzierten Musik ein gelungenes fünftes Album des Londoner Musikers. 

 Alternative/Indie
#Indiepop #Retro #Sixties #Mod
#UK #London

Railcard - Railcard (Skep Wax)

https://railcardband.bandcamp.com/album/railcard (Opens in a new window)

Melodien, Arrangements und Impetus wie aus den Baukästen der edleren Popgeschichte, von Sixties-Bacharach bis Eighties-Sophisticated-Pop, dargeboten im Jangle-Indie Bandsound, die kürzeste Verbindung von Ü60 Party und Retro-Cool. Früher wäre so etwas vielleicht auf dem Label der Compact Organization gelandet, heute ist es nicer Best-Ager-Sound mit der genial-absurden Bandcamp-Tag-Reihung Northern Soul Indie Pop Motorik Twee. So klängen vielleicht Stereolab, wenn sie, begleitet von einem TV-Show-Orchester, eine „K-Tel’s Greatest Unknown Hits der 1960er und 1970er“ Compilation covern müssten. 

Soundtrack, Deep Listening, Neo-Klassik
#Ambient #Cinematic #Soundscapes #Piano
#Polen #Warschau

Hania Rani - Sentimental Value (Gondwana)

https://haniarani.bandcamp.com/album/sentimental-value (Opens in a new window)

Es gibt Filme, die man nicht schauen mag, weil man die Buchvorlage kennt und seine eigenen Bilder davon im Kopf behalten möchte. Seltener gibt es Filme, die man nicht schauen mag, weil man den Soundtrack kennt und seine eigenen Bilder dazu im Kopf behalten möchte. Vielleicht ist  „Sentimental Value“ für mich so ein  Film. Berührend genug ist die minimalistisch-verträumte und dabei gleichzeitig tief in die Seele eintauchende Musik der polnischen Pianistin und Komponistin Hania Rani zu diesem Film jedenfalls. Wobei „Affeksjonsverdi“ (so der norwegische Originaltitel des Films) letztes Jahr immerhin mit dem Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde und derzeit im Rennen um einen Oscar sowohl als „Bester Film“ wie auch als „Bester Internationaler Film“ ist. Den Europäischen Filmpreis haben Film und auch Filmmusik bereits im Januar erhalten. Mal sehen, vielleicht schaue ich ihn mit ja noch an. Erstmal reicht mir aber die wunderbare Musik.

Soul, R&B
#Adult-R&B #Soul #Hip-Hop #Neo-Soul
#USA #Philadelphia

Jill Scott - To Whom This May Concern (Blues Babe / Human Re Sources)

https://tidal.com/album/498227685 (Opens in a new window)

Hat ja nur 11 Jahre gedauert, dieses sechste Jill Scott Album. Hat ja nur 11 Jahre gedauert, von dieser zeitweise tollsten Stimme des Neo-Soul frische Tracks zu hören. Seit The Roots’ Questlove sie Ende der 1990er entdeckt hat und ihr gemeinsamer Track „You Got Me“ (in der Erykah Badu Version) zum Grammy-bepreisten Überhit wurde, ist Jill Scott eine feste Größe der Black Music Welt auf der soulvoll-integren Seite. Seither gab es von ihr mehr oder weniger zwingende Alben, eine zweite Karriere als Schauspielerin und nun endlich neue Musik. Mit Gastfeatures von Trombone Shorty, Tierra Whack, Ab-Soul und Too $hort klammert Scott mühelos zwei wenn nicht drei Generationen von Hip-Hop-Fans, den Kern des neuen Album bestimmen aber ihre Stimme und ihr virtuoser Gesang, der souverän Jazz, Soul, R&B in allen Reinkulturen und Mischformen meistert. Die Produktionen von Hochkarätern wie Om’Mas Keith, Adam Blackstone, DJ Premier und anderen tun ein Übriges. Wen dies betrifft? Alle. 

Jazz, Alternative Jazz
#Krautjazz #Fusion
#Österreich #Wien

Shake Stew - Ten One Two (Traumton)

https://shakestew.bandcamp.com/album/ten-one-two (Opens in a new window)

Zwei Bassisten, zwei Schlagzeuger, drei Bläser*innen – allein das Setup der österreichischen Band verweist auf die klanglichen Besonderheiten im ekklektischen Sound des Ensembles. 2026 feiert man das 10-jährige in drei Teilen: Die ersten beiden, eine Sammlung aus-arrangierter Stücke und ein Satz mitgeschnittener Studio-Sessions liegen jetzt vor. Teil Drei soll im Herbst folgen. Ein intensiver Mix aus europäischen, afrikanischen und afro-amerikanischen  Jazz-Traditionen, der sich wie schon frühere Veröffentlichungen von Shake Stew nicht vor Aufnahmen aus den progressiven Jazz-Hot Spots in London, Chicago oder Los Angeles verstecken muss.

Experimental, Electronics
#Cello #Psychedelic #Cinematic
#Dland #Berlin

Sicker Man - Spökenkieker (Blank)

https://sickerman.bandcamp.com/album/sp-kenkieker (Opens in a new window)

Mit geloopten Cello-Sounds, einem Koffer voller Dub-Effekte, ein paar Spoken Word Samples, befreundeten Musiker*innen, die Saxophone oder Trompete ergänzen, Drum-Machines und Keyboards im Gepäck, sinniert Tobias Vethake auf seinem 15. Album über die Gabe des zweiten Gesichts. Laut Künstler, der sonst meist für Film, Fernsehen oder Theater komponiert, eine verwirrende Mischung aus Elementen von Spiritual und Free Jazz, Orchestral Swing und Impressionismus mit Dubstep Beats, Ambient-Soundscapes und elektrifizierten Streichersounds.

Soundtrack, Deep Listening, Neo-Klassik, African
#Ambient #Piano
#UK #Sierra Leone #London #Freetown

Duval Timothy & CJ Mirra - „My Father’s Shadow (Original Motion Picture Soundtrack) (Carrying Colour)

https://duvaltimothy.bandcamp.com/album/my-fathers-shadow-original-motion-picture-soundtrack (Opens in a new window)

„My Father’s Shadow“ ist der erste nigerianische Film, der beim Filmfestival von Cannes in die offizielle Auswahl kam (in der „Un Certain Regard“ Reihe). Die im Jahr 1993 angesetzte Handlung kreuzt eine Familiengeschichte mit Zeitgeschehen (hier: der Putsch, der den Militärdiktator Sani Abacha in Nigeria an die Macht bringen würde). Duval Timothys Pianospiel steht im Mittelpunkt des Soundtracks, der zurückhaltendes Sounddesign, sparsame Instrumentierung und eine irgendwie magische Ausstrahlung vereint.

Global, Electronics, Alternative/Indie 
#Experimental #Psych #Art-School #No-Wave #French #Spanish
#Schweiz #Genf

Various Artists - Futur Simple: 10 Years Bongo Joe (Les Disques Bongo Joe)

https://lesdisquesbongojoe.bandcamp.com/album/futur-simple-bongo-joe-10-years (Opens in a new window)

Als bräuchte es noch einen Nachweis, dass das Label-zum-Plattenladen aus Genf einer der Hotspots kontinental-europäischen Avantgarde-Pops ist, feiern Bongo Joe ihre ersten 10 Jahre durch eine Reihe von Coverversionen älterer Katalog-Titel durch aktuelle Acts in bester Stil- und Sound-Schmelztiegelei. 18 Stücke, die in den ersten zehn Jahren auf dem abenteuerlustigen Label erschienen sind, nochmal neu interpretiert: Da trifft Elektronisch-Verschrobenes aus der Schweiz auf melancholische Diaspora-Sounds aus dem Nahen Osten, spanische Synthie-Avantgarde der 1980er auf French Pop, Anatolischer Folk auf  Post Rock Einflüsse und so einiges mehr passiert, das Menschen mit Lust an solch nicht-hierarchischer und grenzüberschreitender Kunst begeistern dürfte.

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Aschermittwochs-Selfie

Neulich im Radio: Feist zum 50.

Und immer noch im ByteFM Archiv (Zugriff halt nur, wenn man Freundin oder Freund von ByteFM (Opens in a new window) ist)

https://www.byte.fm/sendungen/school-of-rock/2026-02-12/17/feist-zum-50 (Opens in a new window)

Sie kam in den späten 1990ern als Teil einer Gruppe überaus talentierter Kanadier*innen vorübergehend nach Berlin und sollte eine der einflussreichsten Musiker*innen werden, die in dieser arm-aber-sexy Phase der Stadt dort Inspiration fanden, auch wenn ihre Platten „Let It Die“ (2004) und „The Reminder“ (2007) dann in Paris aufgenommen wurden. Jetzt wird Leslie Feist 50 Jahre alt – Zeit, sich mit dem Werk dieser Ausnahme-Künstlerin nochmal neu zu beschäftigen.

Feist ist eine Ikone der 2000er, ihre Hits wie „Mushaboom“ und „1 2 3 4“ waren Soundtrack einer Generation, nicht zuletzt dank Einbindung in Werbespots und Filmmusik. Während ihre musikalischen Freunde Gonzales und Peaches immer auch durch ihre Flamboyanz auffallen, ist Leslie Feist eine eher zurückhaltende Erscheinung, ihr Auftritt irgendwo zwischen Patti Smith, Francoise Hardy, großer Schwester und bester Freundin.  Als Sängerin werden Feist und ihre sanfte Anti-Diva Stimme so hochgeschätzt, dass beinahe untergehen kann, dass sie auch eine großartige Gitarristin ist, ihre Songschreiber- und Arrangement-Qualitäten sind unbestritten. 

Auf mittlerweile insgesamt sechs Studio-Alben hat Feist ihre gleichzeitig privat wirkende und aufrichtig Gefühle zeigende, dabei aber äußerst unterhaltsame Musik veröffentlicht.
In der School Of Rock geht es nochmal um die Musik, die sie in seit 2003 veröffentlicht hat, wobei ihre Arbeit als angeschlossenes Mitglied der kanadischen Indie-Rock Band Broken Social Scene aus Zeitgründen ebenso außen vor bleiben muss wie ihre Kollaborationen mit Beck, Hayden, Readymade FC oder Jarvis Cocker.
Dafür begleiten Gonzales, Mocky, die Kings of Convenience und Timber Timbre die Musikerin aus Toronto während dieser einstündigen Würdigung.

Grammys-Nachlese

Während mir die überwiegende Anzahl der Grammy-Nominierungen und Gewinne einigermassen egal bleibt, gab es 2026 ein paar Namen und Aufnahmen, die ich gerne nochmal nachverstärke. Wer nicht vertraut ist mit diesen grammifizierten Sounds, der/dem seien empfohlen:

Natalia Lafourcade - Cancionera (Gewinnerin „Best Latin Pop“)
Ich komme reichlich spät zu dieser Party: Seit sie mit 18 Jahren 2002 ihr Solo-Debut veröffentlichte, ist Natalia Laforucader einer der größten und einflussreichsten mexikanischen  Musikstars und schlichtweg großartig. Geniale Mischungen aus Latino-Traditionen und u.a. Alternative-Einflüssen. War an mir bisher quasi komplett vorbei gegangen; ab jetzt nicht mehr.

Hier eins der Videos zum „Cancionera“ Album

https://www.youtube.com/watch?v=FyKaPD59oCU (Opens in a new window)

Ledisi - The Crown (nominiert für „Best R&B Album“)

Hierzulande scheinbar eher wenig beachtet, hat Ledisi 2025 neben einer albumlangen Hommage an Dinah Washington und ihr Repertoire („For Dinah“; konzeptionell ähnlich wie 2021 „Ledisi Sings Nina“ für Nina Simone) mit „The Crown“ auch ein lupenreines und wunderbares Soul-Album veröffentlicht.
Hier nochmal das Video zur Single „Blkwmn“ 

https://www.youtube.com/watch?v=V59cejS0_84 (Opens in a new window)

Mavis Staples (Gewinnerin „Best American Roots Performance“ und „Best Americana Performance“)
Mit 86 Jahren in der Form ihres Lebens und vor allem weiterhin mit tollem Repertoire. Hier eine Live-Aufnahme ihrer Version von „Beautiful Strangers“ mit Songschreiber Kevin Morby, begleitet von Nathaniell Rateliff & the Night Sweats. 

https://www.youtube.com/watch?v=zz_BL4xc_6U (Opens in a new window)

Und weil so schön hier bei Bedarf ihre 2011er Aufnahme des Spirituals „You Got To Move“ in der „Barn“ des 2012 verstorbenen Levon Helm (The Band) (Opens in a new window) mit ihm und Band und eine Konzertaufnahme ihrer tollen Version des Talking Heads Klassikers „Slippery People“ live in London von 2019 (Opens in a new window).

Devo - Devo (Netflix)  (Nominiert „Best Music Film“)
Natürlich Pflichtprogramm und eine der Musikdokus, die mehr sind als Marketingtool. 
Statt des Trailers hier lieber die letztes Jahr restauriert veröffentliche Version des 1978er „Satisfaction“ Videos, um das es im Film auch geht.

https://www.youtube.com/watch?v=zhJwSsUGb04 (Opens in a new window)

 Und sonst?

Ein paar Nachrufe (akut oder zum ersten Todestag) in Kürze:

RIP Simon Harris (1962-2026)
UK Hip-Hop Pionier, Label-Betreiber, Compilation-Kurator, Produzent
"Bass (How Low Can You Go)" (1988) 

https://youtu.be/9cmtd6qeyJM?si=uXRFvGpcmFmqO963 (Opens in a new window)

Nachruf bei Britishhiphop.co.uk (Opens in a new window)

RIP Ebo Taylor (1936-2026)

Ghanaischer Afrobeat-Pionier, Gitarrist, Bandleader
Kurzes Feature von 2010

https://youtu.be/cMiPIq0dfmo?si=yh5QJMRFYHY32WoZ (Opens in a new window)

Konzert live in Paris 2014

https://www.youtube.com/watch?v=vBS6UAdFiEc (Opens in a new window)

Nachruf im Guardian

https://www.theguardian.com/world/2026/feb/13/ebo-taylor-obituary (Opens in a new window)

Rip Billy Steinberg (1950-2026)

Songtexter „Like A Virgin“, „True Colors“, „Eternal Flame“ u.v.m.

Als Gast beim „Songs You Know“ Podcast, 2025 

https://youtu.be/xtIGdVPrEAo?si=nC69WMiP3NyHHKfI (Opens in a new window)

Mit Songwriting Partner Tom Kelly bei „The Hitmakers - The Story Behind Many Songs“, 2018

https://www.youtube.com/watch?v=tV60YFO1NyQ (Opens in a new window)

Und zum ersten Todestag nochmal zur Erinnerung:

RIP Gwen McCrae (1943-2025)

Der 1974er Hit „Rockin’ Chair“, 1975 in der Midnight Special“ TV-

https://www.youtube.com/watch?v=U2womS2CvbE (Opens in a new window)

Nachruf aus dem Miami Herald

https://www.miamiherald.com/news/local/obituaries/article300877799.html (Opens in a new window)

RIP Roberta Flack (1937-2025)

“Compared To What”, live 1969 bei Voice Of America

https://youtu.be/-_NEm13-4rw?si=EHOtDbq9zApnQS33 (Opens in a new window)

TV-Gig (fünf Tracks) live 1970 bei KCET-TV in Los Angeles

https://youtu.be/B9qiTZ0FyLI?si=Tt6Ew5MeIa03M-zJ (Opens in a new window)

“Sunday And Sister Jones”, live 1973 bei The Old Grey Whistle Test (BBC) in London 

https://youtu.be/VC5cHoqX4aI?si=sxFiIPj6HEuBUq0m (Opens in a new window)

Nachruf aus der New York Times (Opens in a new window)

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