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Pause Record Play 12.06.2026


10 von 10

Tatsächlich genau zehn am Tag des Newsletter-Versands veröffentlichte Alben, die ich diese Woche empfehlen möchte.

Da ich zur von MAGA/FIFA befleckten WM gar nichts sagen will und Euch nicht langweilen/neidisch machen mit einem Bericht, wie es diese Woche war, den großen Mike D (Beastie Boys) in Berlin live gesehen zu haben (mehr dazu, wenn Ende August dessen Solo-Album kommt), hier einfach nur die kurzen Reviews.

Bereits einige Male erwähnt:
Geht bei Gefallen doch bitte los und kauft diese Alben oder andere zugehörige Dinge wie Merchandise, Konzert-Tickets etc. (am Besten direkt bei den Artists oder im unterstützenswerten Fachhandel). Nur Streamen reicht  den Meisten nicht zum Auskommen.  

Und wer sich hier geschmacklich wiederfindet, mag vielleicht auch meine Radiosendungen. Es sind ja erfreulicherweise bei jeder Newsletter-Ausgabe mehr/neue Abos dabei, darum wissen es vielleicht nicht alle:
Ich darf bei ByteFM (24/7 Musikradio, online und in Hamburg und Berlin auf UKW und DAB+) jeden Montag um 12:00 Uhr (Wiederholung jeden Sonntag um 15:00 Uhr) zwei Stunden lang in der „Canteen“ (Opens in a new window) meine aktuellen Favoriten spielen, alle vier Wochen donnerstags um 17:00 Uhr in der „School Of Rock“ (Opens in a new window) eine Stunde lang historischen Themen nachgehen (zuletzt z.B. eine Special über 4AD Records im Jahr 1986 oder auch Features über Künstlerinnen wie Nancy Sinatra oder Feist) und alle sieben Wochen die Sendung „Neuland“ (Opens in a new window) moderieren. Tune in!

Hier aber nun weiter im Text:

Looking Down The Blurry Barrel Of My Smartphone at Mike D Live in Berlin

Die zehn Album Artists dieses Newsletters in alphabetischer Reihenfolge:

-Alex Amen
-Holland Andrews x Methods Body
-Nana Osei Twum Barima
-Joan As Police Woman
-Alexander Noice
-Paycheque
-La Securité
-Shabason&Krgovich
-Sun Ra
-Yelka


Songwriter, Country Folk
#NostalgiaPop #VintageAmerican
#USA #LosAngelesCA

Alex Amen - Sun Of Amen

https://alexamen.bandcamp.com/album/sun-of-amen (Opens in a new window)

Seit wann stehe ich denn eigentlich auf so einen ja schon etwas spießigen, amerikanisch-country-esken Folk-Pop Sound? Vermutlich, seit ich als Kind im Radio Glen Campbells „Wichita Lineman“ gehört habe. Wer diesen Evergreen im Ohr hat, ist gut vorbereitet auf den Sound von „Sun Of Amen“. Obwohl es sein Debütalbum ist, klingt die Platte von Alex Amen altersweise und gut abgehangen, so wie Trad-Musik klingen muss. Und ähnlich wie bei Glen Campbell, der u.a auch ein gefragter Session-Gitarrist der sogenannten Wrecking Crew im kalifornischen Pop-Business der 1960er war, verbirgt sich hinter dem ursprünglich texanischen, natürlich schnauzbärtigen Troubadour Amen ein (am Klavier) gut ausgebildeter Musiker, der seine Songs sowohl an den Tasten wie an der Gitarren schreibt und dessen Album manchmal wie eine Zeitreise in die vermeintlich heile Welt amerikanischer Vorabendserien der 1970er und 1980er klingt. An diese Zeit eher unbeschwerter US-Kultur können sich Boomer und Gen X noch erinnern und die Nachgeborenen ordnen das dann sicher in irgendeiner „Aesthetic“ ein („California 70s Casual“ oder so).

Alex Amen (Foto©Jackie Domi)

Deep Listening, Improvisation
#Vocal #Experimentell  
#USA #NewYorkNY #PortlandOR

Holland Andrews x Methods Body - Remain (Whited Sepulchre)

https://hollandandrews.bandcamp.com/album/remain (Opens in a new window)

Stimme, Drums, Elektronik und Live Processing bestimmen die Improvisationen der New Yorker Musikerin Holland Andrews und des aus Portland stammenden Duos Methods Body, die auf dieser in Album gegossenen Messe dem ganz großen musikalischen Geist huldigen. Eine gute dreiviertel Stunde lang entrücken die drei das Mobiliar im klanglichen Raum, treten heraus aus Gegenwart und Schwerkraft. Basierend auf einer Performance im Issue Project Room in Brooklyn fängt das im Studio aufgenommene „Remain“ eine Energie ein, die gleichzeitig Ruhe und Aufruhr verinnerlicht. Oder, wie es die Selbstbschreibung ausdrückt: „The elevation of the human spirit, the exploratory aesthetics of revolution, even the eroticization of anger, collective resistance, alternately careening and bludgeoning, dreaming and fighting –– this is REMAIN“.

Holland Andrews & Methods Body (Foto via Clandestine PR)

Global, Afro
#Ghana #Post-Griot #Seperewa
#Belgien #Ghent

Nana Osei Twum Barima - Journey To The Unknown (Zephyrus)

https://nanaoseitwumbarima.bandcamp.com/album/journey-to-the-unknown (Opens in a new window)

Es gibt auf der Welt wenig, was freundlicher klingt als die Musik Westafrikas. Einladende Call und Response Strukturen, bauchige Trommelklänge, sanfte Vocals, deren Tonhöhe mühelos den Sweet Spot findet, den Europäer meist mühsam im Falsett hervor pressen, Harmonien, die statt in Modalitäten wie Dur/Moll in eigenen ohr-schmeichelnden Tunings erklingen. Diese quasi microtonalen Tunings stammen von den traditionellen Instrumenten, wie der Stegharfe Seperewa, die der ghanaische Musiker Nana Osei Twum Barima spielt. Im Zuge der Kolonialisierung hielten europäische Gitarren Einzug in die Musik Westafrikas, prägten Palm Wine Musik und dann Highlife. Instrumente wie die Seperewa, traditionelle Begleitung der Griots und ihrer lobpreisenden Lieder aus höfischen Zeiten, gerieten fast in Vergessenheit.  Auf seinem Debütalbum nutzt der junge Musiker dieses kulturelle Erbe, um in verschiedenen afrikanischen Sprachen musikalische Geschichten über seine Auswanderung nach Belgien zu erzählen. Punktuell mit Fremdkörpern wie einer Sitar oder einem Kontrabass angereichert, liefert Barima ein eigenständiges Kapitel afrikanischer Musik aus der Diaspora. Mit dem 81-jährigen belgischen Blues-Veteranen Roland van Campenhout als Gast ist eine Ode an Dauerregen und grauen Himmel in seiner neuen Heimat Teil des Albums, die gleichzeitig tröstet und in ihrer Resilienz die erstaunliche Widerstandskraft verdeutlicht, mit der Barima seine Migration geschultert hat.

Nana Osei Twum Barima (Foto©Shalan Alhamwy)

Singer/Songwriter, Alternative/Indie
#FolkJazz #SoulFolk
#USA #NewYorkNY

Joan As Police Woman - Real Life Evolution (Reveal)

https://joanaspolicewoman.bandcamp.com/album/real-life-evolution-album-2026 (Opens in a new window)

Mit dieser Neu-Interpretation ihres eigenen Debüt-Albums „Real Life“ von 2006 erschafft Joan Wasser einen musikalischen Jungbrunnen, der mit unwiderstehlicher Gelassenheit die Qualitäten ihrer Songs, ihrer Vocals und ihrer hervorragenden Band ausspielt. Im Kern von Gitarrist Will Graefe und Drummer Jeremy Gustin begleitet, entfaltet die E-Piano spielende Joan Wasser die ganze Souveränität, mit der sie sich auf zehn Alben mit eigenen Songs und zwei Alben mit Cover-Versionen seit Beginn ihrer Solo-Karriere den Status als „Coolest Woman in Pop“ verdient hat.

Joan As Police Woman (Foto©Judi Rosen)

Advanced Electronic, Avantgarde
#IDMJazzRock #Composition 
#USA #LosAngelesCA

Alexander Noice - Perpetually And Forever (Orenda)

https://orendarecords.bandcamp.com/album/perpetually-and-forever (Opens in a new window)

Manipulation! Hier stimmt irgendwie nichts: Diese offensichtlich mechanisch „gespielten“ Klavierläufe, diese scheppernden Drum Machines, diese in der falschen Tonlage eingesetzten Bläser-Sounds, diese effektvoll zerquälten Vocal-Samples: Das Album des eigentlich von der Gitarre kommenden Musikers Alexander Noice verdreht die Parameter von Art Rock, Minimalismus, zickigem Frickel-Gemucke, vaporwavigen Digital-Fundstücken und Kirmes-Musik aus der Videospiel-Hölle so lange, bis jeder begriffen hat, dass dies zutiefst menschliche Musik ist, die keine KI mit Monetarisierungs-Sinn und maschinell gelerntem Großmodellverstand jemals generieren würde.

Alexander Noice (Foto©Lisette Duran)

Indie Pop, Synth Pop
#Sophisticated #Retro
#USA #LosAngeles

Paycheque - Paycheque (Mansions & Millions)

https://paychequemusique.bandcamp.com/album/paycheque (Opens in a new window)

Musik, die ein bisschen so klingt, als habe jemand im Keller von Thomas Dolby oder Thomas Leer Umzugskartons aus den 1980ern gefunden und alte Aufnahmen entdeckt. Der High-End Sound von ehedem, der digitale Glanz damals quasi unbezahlbarer Instrumente wie CMI Fairlight und Co. ist heute als Plug-In per Tablet abrufbar. Musik, die früher in aufwändigen Studio-Sessions von Bands wie Prefab Sprout oder The Blue Nile realisiert wurde, lässt sich quasi als Homerecording Projekt neu erfinden. Das alte Euro-Feeling hat Konjunktur im gegenwärtigen Kalifornien: Digitale Glöckchen-Klänge, weichverschleierte Drum Machines, die sich in Gated Community mit glasklaren Gitarren vereinen, treffen in kostpielig klingenden Hallräumen auf leicht unterkühlt vorgetragene Gesangsduette. Paycheque alias Allison Goldfarb und Jackson MacIntosh (TOPS, Drugdealer)  machen schönen Sehnsuchtspop mit sentimentalem Grundanstrich.

Paycheque (Foto©Sandi Denton)

Post Punk, No Wave
#ArtPunk #PunkFunk
#Kanada #Montreal

La Securité - Bingo! (Bella Union)

https://lasecurite.bandcamp.com/album/bingo (Opens in a new window)

Mir Gute-Laune-machende Platte, die nicht unähnlich der Band Automatic u.a. bei New Yorker No Wave Sounds der Wende 70er/80er Jahre andockt, um eine zeitlos urban-progressive Party-Stimmung aufzubauen. Smart und spassig zugleich. Im Gegensatz zum autark musizierenden Damen-Trio aus Los Angeles bringen die drei Instrumente spielenden und singenden Frauen von Le Securité aus Montreal noch zwei Kerle mit, die ihnen als Rhythmusgruppe zur Seite stehen. Gelegentlich rockt sich das Quintett dann aus dem Partykeller-Modus in etwas düsterere Hinterzimmer.

La Securité (Foto©Kristin Sollecito)

Songwriter Pop, Alternative Americana
#Post-AOR 
#Kanada #Toronto

Shabason & Krgovich - Four Days In June (Idée Fixe) 

https://shabasonandkrgovich.bandcamp.com/album/four-days-in-june (Opens in a new window)

Das Info verweist als Einfluss auf die dort sogenannte „CD-Ära Songcraft“, die die Musik dieses Albums in  eine gewisse 1980er Tradition stellen will und in eine Reihe mit zeitlosen Werken von R.E.M., K.D.Lang und Neil Young stellen soll. Ich höre kalifornische Songwriter-Schule und einen Sound, der alles Opulent-Orchestrierte in den Hintergrund mischt, um möglichst in Zimmerlautstärke zu bleiben: manchmal fast gehauchte Vocals, irgendwo zwischen Sufjan Stevens und Erlend Øye, mit der Hand getrommelter Beat an geklöppeltem Becken-Crescendo, getupftes Piano, sanfte Slide-Guitar, zart kommentierendes Saxophon. Die beiden Kanadier, der Songschreiber Nicholas Krgovich und der Multi-Instrumentalist mit Session-Vorgeschichte u.a. bei The War On Drugs, Joseph Shabason, haben bereits auf mehreren Kollaborationen bewiesen, dass sie bestens harmonieren. Die „Four Days In June“ sind erwachsene Leisetreter-Kunst auf hohem Niveau.

Cosmic Jazz
#Afrofuturismus #BigBand 
#USA #BirminghamAL

Sun Ra: Do The Impossible - Original Soundtrack To The Documentary (Sundazed/Modern Harmonic)

https://sunra-mh.bandcamp.com/album/do-the-impossible-original-soundtrack-to-the-documentary (Opens in a new window)

Bei über 200 Album Veröffentlichungen zu Lebzeiten kann es schwierig sein, einen direkten Einstieg ins Werk des Afro-Futurismus-Pioniers und Jazz-Idiosynkratikers Sun Ra zu finden, auch wenn diese in den letzten Jahren fleißig wiederveröffentlicht und auf den digitalen Plattformen verfügbar wurden. Anhand des „Do The Impossible“-Soundtracks zu einer aktuellen Dokumentation für den nicht-kommerziellen amerikanischen TV-Sender PBS über den „Poet, Philosopher, Egyptologist, Bandleader, Jazz Visionary“ Herman Poole Blount alias Sun Ra lässt sich ein sehr guter Überblick verschaffen. Mit Dialog-Sprenkeln durchzogen und oft in verdaulich auf wenige Minuten gekürzten Auszügen längerer Werke bietet dieser dadurch auf 37 Tracks in CD-Länge komprimierte Soundtrack ein geeignetes Portal in den Kosmos des genialischen Musikers.  

Sun Ra (1973 Publicity Foto Impulse ABC Dunhill)

Post Kraut
#PostRock #PostPunk #DreamKraut
#Dland #Berlin

Yelka - Jeans (Karaoke Kalk)

https://yelka1.bandcamp.com/album/jeans (Opens in a new window)

Zugegeben, das Berliner Trio Yelka wäre nicht mein erster Gedanke bei der Vorstellung einer Steely-Dan-Coverband. Yelkas „King Of The World“-Version vereint die Vorlage, von der perfektionistisch-lakonischen US-Band 1973 veröffentlicht, mit einem Sound, der über 50 Jahre später hören lässt, dass Post-Punk-, Psych-Rock-, Noise-Rock und Post-Rock-Einflüsse und die Yelka-eigene Idee eines aus diesen resultierenden, irgendwie dubbigen Post-Kraut Sounds dem Stück ungeahnte Seiten abringen können. Nach „For“ und „In A Rose Hat“ stellt „Jeans“ das dritte Album der von der Band so bezeichneten Amerika-Trilogie dar. Nach den Doors, die schon gecovert wurden und einer Fleetwood Mac Hommage stellen nun Steely Dan quasi eine der Leinwände, auf der die singende Bassistin Yelka Wehmeier, Gitarrist Daniel Meteo und Drummer Christian Obermaier ihr aktuelles Klangbild malen. Wobei das Stück nur der Anfang des Albums ist. Mit zunehmender Spieldauer vertieft sich der Eindruck, dass Yelka als eingespielte Band Coverversionen primär nutzen, um ihre abstrakteren eigene Stücke zu verankern, die zwischen Songstruktur und offeneren, improvisierteren Formen wechseln.   

Yelka (Foto©Mara von Kummer)

Und damit von mir Bye Bye!

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https://steady.page/de/pause-record-play/about (Opens in a new window)