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Über Bindfäden an Steuerhebeln und andere Merkwürdigkeiten

Letzte Woche, kurz nachdem ich meinen Newsletter losgeschickt hatte, passierte ein schwerer Unfall im Canal Grande -

ausgelöst von einem Boot der Linie Alilaguna, die Venedig mit dem Flughafen verbindet. Die unfassbare Dynamik des Unfalls zeigt dieses Video:

https://www.youtube.com/shorts/TGk1YlQ0-EU (Opens in a new window)

Das Boot raste komplett unkontrolliert durch den Canal Grande, versenkte zwei Gondeln samt sieben Touristen und zwei Gondolieri, machte den Anleger des Fondaco dei Tedeschi zu Kleinholz und prallte schließlich gegen eine Hauswand. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten.

Erst in der letzten Zeit war es wiederholt zu Unfällen in der Lagune gekommen, bei der Alilaguna Ruderboote versenkt hat. Und angesichts der bevorzugten Behandlung, die Fabio Sacco, Eigentümer von Alilaguna, sowohl durch den Bürgermeister als auch durch den Patriarchen von Venedig erfährt (Report (Opens in a new window) hat es schön dargelegt: Sacco gehören in Venedig nicht nur Schifffahrts- und Busunternehmen, Hotels und fast alle Werften und Tankstellen, er wurde vom Patriarchen auch zum Präsidenten des CID (Opens in a new window) ernannt, der Zentrale für die Kommunikation zwischen der Diözese Venedig und den Gläubigen der Pfarreien, die im Wesentlichen lediglich für drei Personen Werbung macht: für den Bürgermeister, für Fabio Sacco und für den Patriarchen) - fragten wir uns schon, ob wir eine objektive Untersuchung des Unfallgeschehens erwarten dürfen. Zumal der Polizeichef Agostini - ebenfalls ein guter Freund des Bürgermeisters - bereits eilig verkündete, dass alle Vorschriften respektiert worden seien.

Weil Venedig aber eine kleine Stadt ist, in der sich Geheimnisse schlecht verbergen lassen, kursierte seit dem Unfall eine WhatsApp-Audio-Nachricht (Opens in a new window), derzufolge - wie auch die venezianischen Tageszeitungen berichteten - das Boot eigentlich zur Reparatur in der Werft war, der Steuerhebel des Boots mit Schnur und zwei Kordeln festgebunden war - und das Boot eigentlich gar nicht hätte eingesetzt werden dürfen. Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich bei ihren Ermittlungen nun auf diese rudimentäre Reparatur des Joysticks.

die Satireseite Venice Goldon Awards (Opens in a new window) hat sich davon inspirieren lassen und als Bildunterschrift hinzugefügt: “Unfall Alilaguna: Jetzt wird gegen den Metallwarenhändler ermittelt, der den Bindfaden verkauft hat”.

Ich muss Alilaguna oft benutzen und frage ich mich seit langem, ob die Sicherheitsbestimmungen von Alilaguna respektiert werden. Einmal war ich an Bord, als mitten auf der Lagune der Motor zu brennen anfing. Die Überbelegung der Boote ist auch ein großes Problem. Ich habe es nicht nur ein Mal erlebt, dass Leute an Bord stehen mussten, vom Gepäck, das den Gang und die Treppen versperrt, ganz zu schweigen. Bei einer Havarie kommt da niemand raus. Einmal habe ich den Bootsführer auf die Überbelegung angesprochen, er meinte nur, dass die Leute sonst ihren Flug verpasst hätten. Als ich dazu das Hafenamt angeschrieben habe, erhielt ich keine Antwort.

Um so wichtiger ist es, dass wir uns in Venedig nicht zum Schweigen bringen lassen, auch nicht von einer “Schwarzen Liste des Bürgermeisters” (Opens in a new window). Der venezianische Fotograf Federico Sutera hat die “Mitglieder” der Schwarzen Liste interviewt und dazu ein sehr schönes Video gemacht:

https://www.federicosutera.photography/voices-of-dissent (Opens in a new window)

Gegenwärtig läuft ja der Karneval in Venedig - der sich ausschließlich auf dieses Wochenende konzentriert -

weshalb man das Haus an diesem Wochenende am besten nicht verlässt.

Auf Radio Rai Südtirol (Opens in a new window)habe ich darüber gesprochen, was der Karneval für die - wenigen verbliebenen Bewohner von Venedig bedeutet.

Ich hatte übrigens einen guten Vorwand, um Venedig zu verlassen:

Ich war eingeladen, um auf der 54. Europäischen Präsidentenkonferenz (EPK) in Wien, einem Treffen der europäischen und internationalen Anwaltschaft, an dem Präsidentinnen und Präsidenten von Rechtsanwaltskammern, Spitzenjuristinnen und -juristen sowie hochrangige Gäste aus ganz Europa zusammen kamen - darüber zu sprechen, was Meinungsfreiheit bedeutet, wenn man über die Mafia berichten will: “Freedom versus Security (Opens in a new window) – der Rechtsstaat im Spannungsfeld moderner Kriminalität" - war das Thema der diejährigen Konferenz und ich hatte die Ehre, an einem hochrangigen Panel teilzunehmen: mit Joanna Goodey von der European Agency of Fundamental Rights, Andrés Ritter von der Europäischen Staatsanwaltschaft EPPO, Alexander Resch, Bekämpfer von Finanzkriminalität bei Europol, Julian Sigl von der Europäischen Kommission.

Ich habe wahnsinnig viel gelernt, vor allem darüber, was die digitale Revolution, die wir gerade durchleben, für die Bekämpfung von organisierter Kriminalität bedeutet ... Wien hat natürlich zum Erfolg dieser Konferenz beigetragen, mit seiner unfassbaren Grandeur der einstigen Monarchie.

Wenn ich zurückkomme, ist der Karneval Gott sei Dank vorbei - und Venedig findet vorübergehend wieder zu sich selbst …

In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst Ihre Petra Reski

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