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Dreckssonntag

Atemlos humpelt Filip durch den Bahnhof. Zwischen den Gleisen eine Restwildnis. In seiner Mitte ein Forsythien-Strauch. Auf einen geheimen Befehl haben sich alle seine Blüten geöffnet. Filip beachtet den gelben Abschiedsgruß nicht. Keine Zeit für Wunder. Keine Zeit für Euphorie. Sein Zug wartet auf ihn.

Auf dem Bahnsteig versperren Raucher den Weg. Durch den Zigarettendunst schlängelt er sich zu seinem Wagen. Vor dem Einsteigen verlässt ihn seine Kraft. Seine Reisetasche fällt zu Boden und dabei springt der Reißverschluss auf. Eine Socke schaut heraus, als wollte sie der Enge entfliehen. Schwankend unter großen Anstrengungen beugt sich Filip hinunter, stopft die Socke rein und schließt die Tasche. Sein linker Arm will nicht mehr. Schlaff hängt er runter. Das linke Bein verhält sich ebenfalls ignorant. Auf die rechte Seite kann sich Filip verlassen, sie funktioniert einwandfrei. Er hat sich damit abgefunden, dass er in zwei Körperhälften wohnt.

Beim Hochkommen rutscht ihm sein Rucksack von den Schultern und reißt dabei das Tweedjackett gleich mit runter. Auf diese Gelegenheit hat eine Taube mit nacktem Kopf gewartet. Der Vogel landet auf seinem Jackett und pickt die Brötchenkrümel vom Revers. Keine üppige Mahlzeit, aber die Krumen stillen ihren ersten Hunger an diesem frühen Morgen. Das Gezappel von Filips rechter Seite und die Geh-weg-Rufe irritieren das Tier, es flattert davon.

Ein Reisender, Zeuge des ganzen Elends, hebt seinen Rucksack auf und hilft ihm in das Jackett. Filip bleiben noch wenige Minuten. Ein letztes Mal kontrolliert er sein ausgedrucktes Ticket. Noch einmal schaut er auf sein Handy. „Ich wünsche dir eine wundervolle Reise und eine gute Reha. Denke nicht in Meilensteine. Wer das macht, hat keinen Meter Verstand. Melde dich, wenn etwas ist. Ich liebe dich.“ Es ist Linnéas Idee, dass er die Reise in die Reha-Klinik allein unternimmt. Unkomfortabel, erklärte sie, sei die beste Medizin, um klarzukommen. Bis heute ist er dankbar, dass er vor 30 Jahren eine falsche Abfahrt nahm. Beim Herumirren auf den Landstraßen stand sie an einer Tankstelle und schlug sich als Anhalterin durch. Wohin sie wolle, fragte er sie damals, da, wo er hinfährt, würde sie auch hinfahren, antwortete sie. Sie fuhren nach Hause zu Filip, dort blieb sie bis heute. Sie brachte das Flackern in seine Tage zurück.

Glühende Kippen fliegen ins Gleisbett. Die Raucher drängeln sich in den Zug. Filip holt tief Luft. Er steigt ein. An seinem Platz angekommen, packt er seinen Rucksack unter die Beine. Die Sporttasche stellt er auf seinen Oberschenkeln ab. Um den Hals legt er sich ein Nackenstützkissen. Verstaut wie eine Glasvase in einem Paket, ist er bereit für die neun Stunden Zugfahrt.

“Stumpfe Monotonie. Er spürt dieser verlorenen Saat immer noch nach.”

Das Interesse der Stadt an Abreisenden und Ankommenden hat sich erschöpft. Gleichgültig lässt sie den Zug mit Filip durch die morgendliche Dämmerung ruckeln. Die Welt erwacht. Sie zieht an ihm vorbei, während er versucht, sich ins Gedächtnis zu rufen, ob er gut oder schlecht geschlafen hat. Er kommt zu keinem Ergebnis, weil der Geruch von gekochten Eiern seine Überlegungen unterbricht. In solchen Momenten vermisst er sein Auto. Dort hatte er seine Ruhe. Nur das Surren des Motors. Endlose Straße. Stumpfe Monotonie. Er spürt dieser verlorenen Saat immer noch nach.

Müde legt Filip seinen Kopf auf die Tasche ab und schaut raus. Im Fenster beobachtet er sein Spiegelbild. Landschaften und Dörfer fliegen durch seinen Kopf. Unerwartet muss er jetzt an das Verschwinden seines Vaters und den Dreckssonntag denken. In den letzten Jahren hatte er kaum Gedanken an seine Kindheit und Jugend verschwendet, weil es ein Korb voller Wollknäule war, die alle miteinander verknotet waren. Löste er einen Knoten, waren am nächsten Tag neue da. Ein Wirrwarr. Erst Linnéa brachte ihn auf die Idee, den Korb zu verlassen.

Filips Durcheinander begann im Alter von fünf Jahren, als sein Vater verschwand. Er ließ ihn, seine kleine Schwester und die Mutter zurück. Ein Abschied ohne ein Wort. Niemand ahnte etwas von seinem Vorhaben. Sie suchte ihn. Befragte Freunde, Kollegen und Nachbarn. Keiner wusste, wo er steckte. Familie und Behörden waren ratlos. Monate wartete seine Mutter auf Nachrichten von ihm. Schließlich gab sie auf. Kurz vor seiner Einschulung nahm Filip seinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihr. Er wollte eine Antwort haben und nicht länger im Unklaren bleiben. Seine Fragen mochte sie noch nie. Wenn er sie fragte, was sie gerade mache oder ob das Kleid, das sie trug, neu sei, bekam er stets zu hören: „Das geht dich nichts an.“ Sie blieb eine Fremde für ihn. Ein herbes Minus. Sein Herz klopfte, als er vor ihr stand. „Warum ist Papa nicht mehr da?“, fragte er. Seine Mutter starrte auf ihn runter, fast fürchtete er zertreten zu werden. Ihre Hand ballte sich zu einer Faust. Er ging einen Schritt zurück. Ein Schweigen traf ihn. Er solle verschwinden, befahl sie streng. Nie erfuhr er, was passiert war.

Jener Dreckssonntag begann wie jeder Sonntag. Nach dem Mittagessen putzte seine Mutter die Kinder nach der neuesten Mode heraus. Jeder in der Nachbarschaft sollte sehen, dass sie ohne Ehemann klarkam. Aber die neuen Sachen konnten die Wahrheit nicht vertuschen. Jeder wusste, dass sie um jeden Pfennig kämpfen musste. Ohne ihren Mann gab es zu viele Keins.

“Ein fetter Acker gibt sich die Ehre. Frisch gepflügt, bewacht von Krähen”

Am Nachmittag gingen sie in einem Park spazieren. Gemeinsam saßen sie auf einer Bank und schauten den anderen Kindern beim Spielen zu. Sonntags durften sie nicht auf den Spielplatz, weil ihre Kleidung sauber bleiben sollte. Filip langweilte sich und die neuen Sachen juckten. Aus der Ferne hörte er eine Dampflokomotive pfeifen. Die Kinder in seiner Straße erzählten, dass er mal auf einer Brücke stehen müsse, wenn eine Lok unten durchfuhr. Das Pfeifen kam näher. Er rannte los. Mutter und Schwester waren ihm egal. So eine Chance wollte er nicht verpassen. An der Brücke angekommen, hielt er sich am Gitter fest. Die Lok raste auf ihn zu. Genau wie er es erwartet hatte.

Ein Zischen färbte über ihm den Himmel. Erst weiß, dann grau und schließlich schwarz. Asche drehte Pirouetten. Filips Augen tränten. Rauch und Ruß bissen in der Nase. Die Lungen reagierten mit Husten. Als der Qualm ihn wieder freiließ, hatte sich ein dunkler Schleier über sein Hemd, Pulli und Hose gelegt, sogar seine Schuhe waren mit Staub bedeckt. Heulend stand seine Mutter vor ihm, stampfte mit dem Fuß auf und vergrub ihre Finger in seinem Arm. Sie schüttelte ihn durch und schrie ihn an. „Sieh dich an, du Idiot, du bist ganz dreckig. Warum machst du das? Jetzt werden die Lästermäuler wieder sagen, die Alte hat ihre Kinder nicht im Griff, kein Wunder, dass ihr der Kerl weggelaufen ist.“ Dann spuckte sie in ein Taschentuch und rieb sein Gesicht sauber. Es schmerzte. Sie konnte hart sein, wenn sie wütend war und noch härter, wenn sie weinte. Das Taschentuch warf sie hinterher in den Müll. Es gehörte seinem Vater.

Vergangenheit macht müde. Filip schläft ein. Eine Durchsage, die für Unruhe sorgt, weckt ihn wieder auf. Vorortträume kündigen den nächsten Halt an. Ein paar Passagiere machen sich auf den Weg zum Ausgang. Er bemerkt die junge Frau, die sich neben ihn gesetzt hat, als er schlief. Sein freundliches Zunicken quittiert sie mit einem Abrücken und vergräbt sich wieder in ihr Handy. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtet er, wie sie mit ihren langen roten Fingernägeln über die Tastatur ihres Screens tanzt. Ihr Tipp-Rhythmus stimmt Filip fröhlich. Jetzt würde er gerne Linnéa anrufen, aber dazu müsste er aufstehen. Telefonieren im Großraumwagen ist ein Gräuel für ihn. Obwohl er jetzt wieder sprechen kann. Etwas langsamer als vorher, aber die Leute verstehen ihn jetzt wieder. Selbst Linnéas Lieblingswort „Werdenichtsgenie“ kann er fehlerfrei aussprechen, ohne dass er dabei seinen Hemdkragen vollsabbert. Er schrieb ihr vom Dreckssonntag. Davon hatte er ihr nie erzählt.

Nur wenige Sekunden später kommt Linnéas Antwort: „Viele Erinnerungen findest du außerhalb deines Herzens wieder.“ Sie hatte recht, Erinnerungen zeigen sich, wo sie am wenigsten erwartet werden, und nehmen auf Zeit und Ort keine Rücksicht. All die Jahre war er damit beschäftigt, sein Schicksal auszuhandeln. Und jetzt, wo er nur über eine Hälfte seines Körpers verfügte, sind sie da.

Fahrtwind rührt an den Sträuchern an der Strecke. Sonnenstrahlen schaffen den Weg durch den Schatten der Bäume. Frühling wird diesen Tag übernehmen. Ein fetter Acker gibt sich die Ehre. Frisch gepflügt, bewacht von Krähen. Das Feld weckt in Filip die Lust, den Zug anzuhalten. Hier würde er gerne aussteigen. Über den Acker spazieren. Auf den warmen Boden niederknien. Mit seinen Händen würde er tief in der Erde graben. Unter jedem Fingernagel wäre Leben.

Es hat gedauert. Viele Umwege ist dieser Text gegangen. Und er hat sich immer wieder ausruhen müssen. Dazu kam, dass mein Butter-und-Brot-Job meine Aufmerksamkeit forderte. Für Tipps bin ich dankbar, die mir helfen, mehr Ponysülze-Routine zu bekommen. Aber ich war nicht ganz untätig, auf meinem Ponysülze-Blog (Opens in a new window) habe ich regelmäßig veröffentlicht. Snack-Content nennt sich das. Schaut gerne vorbei.

Liebe Grüße und habt eine schöne Zeit

Knuth

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