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Die Klage bleibt nicht unerhört

Paul Dukas: Klaviersonate in es-Moll (1899-1900)

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Gedämpftes Interieur Anfang des 20. Jahrhunderts: Eine Frau sitzt in einem schlichten Raum am Klavier, Rücken zum Betrachter. Graue Wände, reduziertes Licht, stille, kontemplative Atmosphäre (Opens in a new window)
Vilhelm Hammershøi: Stube mit Frau am Klavier, Strandgade 30 (1901), gemeinfrei via Wikimedia Commons.

Heute habe ich einen Gastautor, der das Stück, um das es diesmal geht – die Klaviersonate von Paul Dukas1 – nicht nur sehr oft gespielt, sondern gleich zweimal aufgenommen hat: Der Pianist und Dirigent Vladimir Stoupel (Opens in a new window). Ich bin deshalb sehr froh, dass er seine Lesart dieser Musik mit uns teilt. Bevor ihr seinen Beitrag lest, hört doch schon mal rein – was da musikalisch genau passiert, ergründen wir gleich und dann könnt ihr den ersten Satz mit dem neu erworbenen Wissen gleich nochmal hören (das ist immer ein gutes Experiment):

https://www.youtube.com/watch?v=UDBErS87Xio (Opens in a new window)

“Wenn man an französische Komponisten denkt, fallen einem vielleicht Maurice Ravel und Claude Debussy ein – nicht jedoch unbedingt Paul Dukas. Und doch wurde er, nicht zuletzt durch den US-Film Fantasia, als Komponist eines einzigen Werkes weltberühmt: L’apprenti sorcier (Der Zauberlehrling). Dabei hat Dukas eine ganze Reihe herausragender Werke geschaffen, darunter die monumentale Klaviersonate in es-Moll – die fast völlig unbekannt ist. Insbesondere um ihren ersten Satz soll es heute gehen.

Dukas war ein äußerst selbstkritischer Mensch und hat einen großen Teil seines Schaffens vernichtet, darunter auch die Sonate für Violine und Klavier, die angeblich sogar vom berühmten Geiger Eugène Ysaÿe uraufgeführt worden war. Der Zauberlehrling entstand 1897, zwei Jahre bevor Dukas seine monumentale, geradezu sinfonisch angelegte Klaviersonate – über 50 Minuten Musik! – in Angriff nahm. Ist dies der Grund, weshalb sie so selten auf den Konzertpodien zu hören ist? Oder liegt es daran, dass sie in vieler Hinsicht „gegen den Strich“ geschrieben wurde?

Damit meine ich die musikalische Richtung, die Dukas in diesem genialen Werk einschlägt. Sie unterscheidet sich grundlegend vom damaligen Mainstream der französischen Musik, der – insbesondere nach der Gründung der Société Nationale de Musique infolge des verlorenen Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 – bemüht war, sich von allen „Germanismen“ oder gar „Wagnerismen“ abzugrenzen. Und doch ist die Sonate bei aller Originalität auch eine Hommage an die großen Meister der Vergangenheit: vor allem an Beethoven – Dukas zitiert in der Einleitung zum Finale die Einleitung des Finales der Hammerklaviersonate –, aber auch an Wagner, Liszt und Chopin.

Für mich klingt diese Sonate manchmal wie eine Enzyklopädie der Musik des 19. Jahrhunderts – gelesen, durchdrungen und neu geformt von Paul Dukas. Trotz aller Anklänge an die Tradition bleibt sie zutiefst französisch – in ihrer harmonischen Sprache, ihrer Melodik und insbesondere in der kunstvollen Verwendung der zyklischen Form.

Der erste Satz beginnt fast wie eine Klage über den Zustand der Welt: kurze, seufzende Motive – man denkt unweigerlich an Wagners Leitmotive – und eine düstere Atmosphäre. Das zweite Thema [es beginn im oben verlinkten Video bei 1:25] hingegen scheint eine Art Erlösung zu verheißen. Zunächst kommt sie – noch etwas im Dunkeln – in der linken Hand, doch dann erhellt sich die Atmosphäre und die Melodie erscheint in der rechten Hand in Ges-Dur. Durch die zyklische Form – kombiniert mit der klassischen Sonatenhauptsatzform (Opens in a new window) – kehrt dieses Thema immer wieder, bis es schließlich am Ende des Satzes die ersten Takte noch einmal ganz zart in e-Moll erscheinen, bevor sich der Vorhang am Schluss des Satzes langsam wieder in es-Moll senkt.”

Hört euch den erste Satz nochmal an (und natürlich die ganze Sonate, wenn ihr eine knappe Stunde entbehren und mit Gewinn verbringen wollt). Und achtet darauf, wir kunstvoll Dukas die beiden Themen miteinander verschränkt, also das beklommen klingende erste Thema, mit dem das Stück beginnt, leicht zu erkennen an den hohen Tönen (zu dem Gegrummel im Hintergrund) und das zweite, das bei 1:25 im Video beginnt, in dem sich die Lage aufhellt, wie Stoupel schreibt. Die “Klage über den Zustand der Welt” bleibt nicht unerhört, immerhin!

Hier das ganze Stück im Streaming (Opens in a new window).

Schöne Grüße aus Berlin
Gabriel

  1. Paul Dukas wird laut BBC der angeblich [pohl dü-KASS (Opens in a new window)] ausgesprochen, was aber niemand macht. Gebräuchlicher ist [pohl dü-KA].

Topic Moderne

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