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Mias fünf Bücher des Jahres

Mein Onkel hat mir dieses Jahr einen Akkuschrauber zum Geburtstag geschenkt. Bessere Geschenktipps gibts hier nicht. Das zweitbeste Geschenk sind aber immer Bücher. Sie sind dekorativ (ich ordne meine nach Farben), und sie helfen beim Leben. Ich habe dieses Jahr nicht so viel gelesen wie sonst, weil ich immer und immer wieder mein eigenes Buch lesen musste, aber ein paar Essentials sind mir nicht entgangen. Jedes einzelne ist so nahrhaft, dass man nicht viele braucht. Es geht gleich los mit meinem persönlichen Buch des Jahres:

All Fours  / Auf allen Vieren

Miranda July

Eine mittelalte, verheiratete, erfolgreiche Künstlerin und Mutter eines jungen Kindes schenkt sich selbst zum Geburtstag einen Roadtrip nach New York, biegt dann aber spontan nach 20 Minuten in die Nachbarstadt ab, mietet sich dort ein Hotelzimmer, lässt es für  20.000 Dollar neu einrichten, um darin eine Affäre mit einem jungen, ebenfalls verheirateten Tänzer zu beginnen, die nirgendwo hinführen kann. What the Fuck. Das ist aber nur der Anfang. 

Worum es eigentlich geht: Es geht um die weibliche Midlife-Krise, die Perimenopause und den großen Balanceverlust der Lebensmitte, wenn man jede einzelne Lebensentscheidung nochmal grundsätzlich hinterfragt. Miranda July hat an dem Buch fünf Jahre geschrieben (von 45 bis 50) und sie hat sich in der Hauptfigur eindeutig sich selbst erzählt. Das ist immer gut. Wenn Autorinnen ihre Texte schreiben müssen. Wenn sie in ihnen selbst Antworten finden, die sie dringend brauchen. Ihre Irritationen über das Älterwerden, die Angst vor dem Verschwinden der Libido, die Orientierungslosigkeit, wenn man keine akzeptablen Rolemodels findet, sondern selbst eins werden muss: Miranda July kriegt es virtuos hin, aus einer anfänglichen, existenziellen Desorientierung im Verlauf des Romans eine neue, ungeahnte Kraft zu entfalten, eine Freiheit, mit der niemand gerechnet, hat. 

Wenn du denkst, das Leben wird ab der Hälfte immer enger und voraussehbarer, zeigt July: Jetzt geht es eigentlich erst los mit der Selbstwerdung. Oder wie C. G. Jung mal gesagt hat: »Das Leben beginnt mit vierzig. Alles, was du vorher machst, ist Recherche.«

Plus: Du hast garantiert noch nie gelesen, wie sexy es sein kann, wenn jemand deinen Tampon für dich wechselt.

Splinters / Splitter

Leslie Jamison

Ich habe dieses Jahr in Vorbereitung auf mein Love-Addiction-Memoir einige Bücher über Trennung und Scheidung gelesen. Dieses ist das schönste und eindrücklichste.

Worum es geht: Die Schriftstellerin Leslie Jamison trennt sich von ihrem Mann, dem Schriftsteller Charles Bock, mit dem sie ein noch sehr kleines Baby hat und versucht, Schriftstellerin und Mutter gleichzeitig zu sein. Worum es eigentlich geht: um Körperlichkeit, um Kinderkriegen, Trauer, und die Gleichzeitigkeit des Lebens und Sterbens, um Liebessucht, um Nüchternheit, um die Ruinen einer Ehe, das Zerfallen der Liebe und was ein Scheidungsanwalt in New York kostet.

Leslie Jamison ist bekanntlich sober und sie gehört zu dieser Garde nüchterner Schriftsteller:innen, die sich selbst so furchtlos sezieren, dass es ein bisschen so ist, als ob sie für uns alle Therapie machen. Außerdem kennt und befolgt sie die zwei goldenen Regeln der Breakup-Story: 

1.) Man versteht nur, wie grauenhaft die Trennung ist, wenn man fühlen kann, wie groß die Liebe war. Niemand will eine Abrechnung mit jemandem lesen, bei dem man sowieso nicht verstehen kann, warum man auf die Idee kommt, den zu heiraten. 

2.) Man sollte erst über die Trennung schreiben, wenn man schon die Rebound-Romanze mit dem Musiker Slash Kleinkünstler hinter sich hat und die auch noch mit verarbeiten kann.

Plus: Ich bin tief beeindruckt von der Großzügigkeit und dem Gleichmut von Jamisons Ex, der die Authentizität eines literarischen Textes offenbar wichtiger findet, als dass er darin selbst gut wegkommt. 

Die Geschichten in uns

Benedict Wells

Die USA haben zwei literarische Genres, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind: Memoirs und Bücher über Kreatives Schreiben. Benedict Wells, einer der erfolgreichsten Schriftsteller des Landes, hat jetzt begonnen, die Lücke zu schließen und ein Buch geschrieben, das beides ist. 

Im ersten Teil beschreibt Wells seine Kindheit und Jugend, die sich zwischen der psychisch kranken Mutter, dem prekär lebenden Vater und unterschiedlichen Kinderheimen abspielt, und erzählt, wie er trotz eklatanten Mangels an Talent und Geld mit neunzehn nach Berlin zieht, um seinen Traum vom Schriftstellerdasein zu erfüllen. 

Es ist eine Geschichte, so melancholisch und romantisch, dass ich das Gefühl hatte, sie spiele in einer völlig anderen Zeit. Der junge Autor sitzt allein in seiner Berliner Wohnung, ernährt sich von Fertigpizza und schreibt tage-, wochen- und monatelang an Manuskripten, die niemand will. Als sich dann endlich die Tür öffnet, und sich nach Jahren der Entbehrung sein Traum erfüllt, ist das wirklich ergreifend. 

Im zweiten Teil erklärt Wells das Handwerk. Und er ist genau die richtige Person dafür. Wenn jemand qualifiziert ist, über die Kunst des Schreibens zu reden, dann sicher nicht jemand, aus dem es einfach so herausfließt, sondern jemand, der jahrelang krachend daran gescheitert ist. 

Aber auch für Leute, die nicht selbst schreiben, ist das Buch was, denn Schreiben bedeutet immer auch: ganz genau zu beobachten und die Welt um sich herum lesen zu lernen. Kann man also bedenkenlos auch an Tech Bros verschenken.

Toxische Weiblichkeit 

Sophia Fritz

Ich habe dieses Jahr mehrfach versucht, einen Text über dieses Buch, dieses Thema zu schreiben, es aber nicht hingekriegt. Ich habe es nicht hinbekommen, weil ich es nicht schaffe, über die Phänomene toxischer Weiblichkeit so diplomatisch und differenziert zu schreiben wie Fritz, und weil ich dem Text auch wirklich nichts mehr hinzufügen kann. 

Soviel ist aber gesagt: Wenn du, wie ich, oft genervt bist von einer ganz bestimmten Sorte weißem, akademischen Lifestyle-Feminismus, der dir die Zahlen und Statistiken zu Care-Gap und Orgasm-Gap und die wichtigen TikTok Trends zu FLINTA Themen hoch und runter deklinieren kann, dabei aber aber die patriarchalen und vor allem kapitalistischen Strukturen im eigenen Leben und Denken nicht hinterfragt, dann ist es das richtige Buch für dich.  

Wir haben alle Patriarchat internalisiert, Männer wie Frauen, doch während die meisten modernen Feminismen die Männer als Gesamtheit kritisieren können, steckt eine Kritik an kollektiver Weiblichkeit immer noch in den Kinderschuhen. Dabei gibt es viele toxische Verhaltensmuster, die Frauen im Patriarchat strukturell gemeinsam haben: Andere bemuttern, um Macht auszuüben. Schlechte Männer nicht verlassen, sondern stattdessen Selbstwert daraus generieren, an ihnen herum zu therapieren. Allen gefallen wollen und deswegen lügen und manipulieren.

Ich war sehr bereit, meine eigenen problematisch weiblichen Verhaltensmuster zu finden, weil ich total auf Verantwortung abfahre. Ich war sehr bereit für dieses Buch. 

Intermezzo

Sally Rooney

Sally Rooneys Romane sind nach einem immer wiederkehrenden Erfolgsrezept gekocht: Der Ort ist Dublin, das Milieu akademisch-künstlerisch, die Figuren ein paar junge, finanziell sorgenfreie Erwachsene, die sich in romantischen Beziehungen verstricken, eskalierende Urlaube in italienischen Landhäusern machen, tiefe Gespräche miteinander führen und sehr guten Sex miteinander haben. Voilà, es ist ein neuer Rooney! 

Ich habe Conversations with Friends total geliebt, weil es mir 2019 wahnsinnig jetztzeitig vorkam. Mittlerweile hat sich die Welt weitergedreht, ist deutlich bizarrer geworden, im Sally Rooney Universum sind aber immer noch alle komplett mit sich selbst beschäftigt, trinken Tee, haben ständig gemeinsame Orgasmen und tragen Wollpullover, die ihnen kuschelig über die Hände fallen.

Ich habe neulich ein New Yorker Interview mit Sally Rooney gehört, in dem sie sagt, sie »glaube nicht an Karriere-Wachstum«, was angesichts der Tatsache, dass sie mit Anfang Dreißig alles erreicht hat, was man als Schriftstellerin so erreichen kann, geradezu wahnwitzig kokett ist, aber irgendwie fand ich es auch sympathisch. 

Sally Rooney gibt also offen zu, dass sie nicht an Kreativmaximierung interessiert ist. Warum sollte sie auch. Das Plateau, auf dem sie sich befindet, überragt die meisten anderen weit: Sie hat ein eigenes Genre erschaffen. Im 21. Jahrhundert lesen wir jeden Herbst einen neuen Rooney, wie man im zwanzigsten Jahrhundert jedes Jahr einen neuen Woody Allen Film geguckt hat: Werke, in denen nie etwas neues passiert, die angenehm voraussehbares Set an Emotionen hervorrufen.

Oft wurde Rooney als die ultimative Millennial-Autorin bezeichnet. Und Intermezzo  beweist das einmal mehr. Die Figuren im Rooneyversum haben mit spätestens 35 eine so abgeklärte Lebensmüdigkeit, dass sie wirken wie desillusionierte Sechzigjährige. Wir Millennials sind offenbar endgültig im kollektiven Burnout. Wir können keine weitere Krise mehr. Alles, was wir noch wollen, ist eine ruhige, private Existenz in einem irischen Landhaus und simultane Orgasmen. 

💙

Topic Bi-Weekly

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