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Wir sind Verben

Der folgende Text ist Teil eines längeren Essay Projektes, an dem Mia gerade etwas orientierungslos herum schreibt und das sie 12 Rules for Life nennen würde, wenn sie ein megalomaner cis Mann wäre, aber das ist sie nicht und deswegen trägt es den Arbeitstitel Wir sind Verben. 

In diesem Ausschnitt geht es um den Verlust der Eltern.

Es begann damit, dass ein paar Sachen endeten.

Unter anderem meine Jugend. Es ist schon klar, dass meine Jugend formal schon vor ein paar Jahren zuende gewesen sein muss, aber irgendwann wird einem klar, dass Transformationen zyklisch ablaufen und dass das Leben nicht aus einer einzelnen Linie besteht, sondern aus vielen ineinander liegenden Kreisen, dass man mehrere Leben innerhalb eines einzelnen Lebens hat, die alle ihre eigene Adoleszenz, ihren eigenen Mittelteil und ihr eigenes Alter haben. 

Ein unvermeidlicher Meilenstein des Erwachsenwerdens (wenn es gut läuft) ist der Verlust der Eltern. Die Eltern müssen nicht sterben, um sie zu verlieren, es ist sogar viel wahrscheinlicher, dass man sie verliert, bevor sie sterben. Eltern kann man auf so viele Arten verlieren wie Freunde und Lover. Blut ist nicht dicker als Wasser. Wenn man erwachsen ist — also nicht mehr abhängig — wird jede Beziehung ein Werk der eigenen Kreation, inklusive der Blutsverwandtschaften und der Beziehung zu sich selbst. 

Eltern können auf unterschiedliche Arten verloren gehen, sie können beispielsweise mit fremden Leuten durchbrennen und ein Leben beginnen, von dem man kein Teil mehr ist, wie der Vater von Luca, der sich mit fast siebzig nochmal eine junge Frau suchte und mit ihr nach Nicaragua verschwand. 

Oder sie können krank und pflegebedürftig werden, wodurch die Machtdynamik zwischen ihnen und ihren Kindern sich so fundamental ändert, dass die Beziehung nie mehr dieselbe sein wird und die Mutter-Kind-Dynamik ausgehebelt wird.

Oder sie können süchtig werden und in dieser Sucht verloren gehen.

Oder sie können sich in einer Weltanschauung verlieren, die kaum noch Schnittmengen mit der eigenen Realität hat, wie meine Mutter. 

Diesen Sommer ist mir neben ein paar anderen Dingen klar geworden, dass ich meinen Vater und meine Mutter verloren habe, und erst, als meine zukünftige Ex-Stiefschwester mich aufgelöst aus Paris anrief und die Trennung unserer Eltern beweinen wollte, begann mir, angesichts ihrer Verzweiflung und meiner eigenen Ruhe klar zu werden, wie erstaunlich gut ich eigentlich damit zurecht komme. 

Wenn man keine Eltern mehr hat, ist man allein auf der Welt. Es gibt keine höhere Autorität mehr, an der man sich orientieren kann, weder im Guten noch im Schlechten. Eigentlich ist das ja immer schon so gewesen, aber wenn die Eltern verschwinden, spürt man es in jeder Zelle. 

Man ist plötzlich auf neue Art verantwortlich und auf neue Art allein, ein emotionales Sicherheitsnetz ist verschwunden. Man merkt erst wirklich, dass es da war, wenn es weg ist. Und natürlich fühlt man hinter all dem auch: du bist als nächstes auf der Liste, die Generation, die bisher noch als Polster zwischen dir selbst und dem Tod stand, ist nicht mehr da. 

Man schaut sich hilfesuchend um und alle anderen sind genauso verwirrt und orientierungslos wie man selbst, alles ist relativ, niemand hat die letzte Antwort, alle tun nur eben das beste, was sie können. Es gibt keine weise alte Frau, die sagt, was das richtige ist. Wenn ich eine brauche, muss ich sie selbst sein. 

Ich bin, wenn ich mich mal in meinem Leben umschaue, ziemlich gut darin, meine eigene Mutter und mein eigener Vater zu sein. 

Ich kann mir selbst Hühnersuppe kochen, wenn ich krank bin, ich kann mich selbst disziplinieren, wenn ich faul werde, ich  kann mir beruhigend zureden, wenn ich ausflippe, oder motivierend, wenn ich Selbstzweifel habe. Ich kann alles aushalten, was die Emotionspalette zu bieten hat, ohne mich durch Drogen zu betäuben oder mich abzulenken. Ich bin emotional nicht erpressbar, weil meine Gefühle zunehmend weniger meine Handlungen bestimmen. 

Ich weiß, wen ich anrufen kann, wenn ich selbst nicht mehr klar komme und wer mir hilft, wenn ich ausflippe. Ich kann Leute bezahlen, die schwere Sachen für mich transportieren, meine Schulterspannung lösen oder mir helfen, die Traumata meiner Kindheit aufzuarbeiten. Ich kann mich selbst aus Selbsttäuschungen raus coachen, meine eigene Steuererklärung machen (das war mit Abstand die schwerste von allen Sachen) und: Ich kann das alles selbst finanzieren. Ohne Hilfe von Mutter, Vater, Ehemann, Erbe. 

Ich muss dafür nicht mal einen Job machen, den ich hasse, denn was ich liebe zahlt mittlerweile die Miete. Ich habe die alleinige Verfügungsgewalt über mein Bankkonto und meine Narrative. Holy Fuck. Ich bin erwachsen. 

Es ist Mia bewusst, dass der Titel Wir sind Verben für diesen Text keinen Sinn macht, was daran liegt, dass der Text nicht fertig ist, aber das Mantra Ich bin ein Verb hat eine eigene Wirkmacht und Schönheit, deswegen bleibt es dort, für jede:n, die darüber meditieren will.

See you next week 🖤

Topic Bi-Weekly

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