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Wörterbuch der Nüchternheit

Ein Glossar mit allen wichtigen Begriffen für das nüchterne Leben. Damit ihr endlich mitreden könnt.

1-Stepper, der/die <engl.> Person, die den ersten Schritt der AA macht und danach sofort das Interesse an den Schritten und/oder an AA als Ganzes verliert: »Nathalie ist ein typischer 1-Stepper.«

2-Stepper, der/die <engl.> Person, die den ersten Schritt der AA macht und dann sofort zum 12. Schritt übergeht: »Mika und Mia haben direkt nach der Kapitulation einen Podcast angefangen! Sie sind totale 2-Stepper!«

13. Schritt, der; die (inoffizielle!) Praxis, in AA-Meetings verwirrte und emotionale Neulinge für Dates und romantische Verstrickungen aufzureißen; »Nimm dich in Acht vor Mike, der arbeitet gerade den 13. Schritt.« — Übrigens gibt es einen sehr guten amerikanischen Podcast mit demselben Titel über Machtmissbrauch in der Recovery Szene (NPR (Opens in a new window)).

90/90, Neunzig-Neunzig, die Praxis, neunzig Meetings in neunzig Tagen zu besuchen; wird manchmal von AA-Mitgliedern empfohlen, wenn jemand frisch nüchtern ist: »Wo zur Hölle ist Steven, den hab ich seit zwei Monaten nicht mehr gesehen!« »Der hat keine Zeit mehr, der macht 90-90.«

AA, Alcoholics Anonymous Plur. <engl.> Die Anonymen Alkoholiker: Die Vorlage für jede Selbsthilfegruppe, die jemals im Fernsehen zu sehen war. Hippe Alkoholiker:innen nehmen die Englische Aussprache: Ey, Ey: »Am Anfang dachte ich, die neue Freundin von Alex ist in irgendsoner kranken Sekte, aber sie ist bloß in AA.«

AA Meeting, das <engl.> Treffen der Anonymen Alkoholiker: »Ich kann heute Abend nicht mit dir rumhängen, ich hab ein Meeting.«

Alkoholiker:in, der/die; Person, deren Leben sich durch den Verzicht auf Alkohol verbessert.

Anxiety, die <engl.> Unsicherheit, die sich wie Panik in Slow Motion anfühlt: »Ohje, Ohje, gleich passiert was. Ich weiß nicht was, aber irgendwas wird passieren, und wenn es nicht jetzt passiert, dann passiert es gleich. Außerdem hassen mich alle. Oder? Ich sollte sie fragen. Nein, das ist zu nervig. Wie halten normale Menschen eigentlich ihre Hände?«

baby sober <engl.> frisch nüchtern; wenn man noch nicht so richtig versteht, was los ist, wie man sich in sozialen Situationen verhalten oder angemessen auf Gefühle reagieren soll. Nach Daniel Schreibers Einschätzung: Ungefähr die ersten zehn Jahre der Nüchternheit.

california sober <engl.> abstinent vom Alkohol, nicht aber vom Gras: »Sie ist immer chill und nie verkatert, Mann — sie ist california sober!«

Chair, der/die <engl.> Person, die einem Meeting vorsitzt. Chairs werden im Rotationsprinzip neu bestimmt; Es wird empfohlen, mindestens ein Jahr nüchtern zu sein, bevor man Chair wird: »Montag war totales Chaos im Meeting, der Chair hatte einen Rückfall!«

Chip, der <engl.> Münze, die es in 12-Schritte-Programmen für unterschiedliche Nüchterheitsmeilensteine gibt; »Andi hat beim Sonntagsmeeting seinen 30-Jahr-Chip bekommen, es war ein epischer Moment.« »Alter, ihr bei AA seid komplett besessen von Schlüsselanhängern!«

co-abhängig Wenn man sich ohne Sucht langweilt und sich deswegen auf die Rettung anderer Süchtiger oder einer anderweitig dysfunktionalen Beziehung konzentriert: »Es ist so gut, dass Kim und Kanye sich getrennt haben, sie war doch offensichtlich total co-abhängig.«

Crosstalk, der <engl.> Wörtliche Bezugnahme: Kommentieren, Bewerten, Bezweifeln oder Hinterfragen der Stellungnahmen anderer während eines AA Meetings; »Wie oft soll ich es dir noch sagen, Stefan – Kein Crosstalk!«

Drehtürpatient:in, der/die; Person, die zwischen Rückfall und Entgiftung Hin- und herpendelt. Manche halten die Existenz von Drehtürpatient:innen für ein Indiz dafür, dass der Rock Bottom eine Fata Morgana ist.

Dry Drunk, der/die <engl.> Person, die zwar dem Alkohol abgeschworen hat, aber keine ihrer zwanghaften Verhaltensweisen ablegt; Person, die in der Nüchternheit dauerhaft das Trinken vermisst.

emotionale Nüchternheit Zustand, indem die emotionale Reaktion auf ein Ereignis verhältnismäßige Ausmaße hat: »Könntest du mir bitte das Salz reichen?« – »Nimm dein Salz doch selbst, ich bin nicht dein verdammter Dienstbote!!!« – »Ich glaube, du musst noch an deiner emotionalen Nüchternheit arbeiten.«

Film zuende schauen, den; Redewendung: von <engl.> “If in doubt, play it out” (wenn du zweifelst, spiel es durch); Sich bei Suchtdruck in Erinnerung rufen, wie der Tag weiterginge, wenn man konsumieren würde und was genau die Kosten und Konsequenzen wären. Führt idR dazu, das Konsumieren sein zu lassen.

G24h, Redewendung: Gute Vierungzwanzig Stunden; Grußformel der AA, die daran erinnert, dass man immer nur für heute nüchtern ist.

Gefühle, die; Ursache für Substanzkosum; »Wenn du nüchtern wirst, ist die gute Nachricht: Deine Gefühle kommen zurück. Und die schlechte Nachricht: Deine Gefühle kommen zurück.«

genug Für Normies: ausreichende Menge von etwas. Für Abhängige: Unerreichbare Menge von etwas.

geographical, doing the; <engl.> Einen Geografischen machen: (zumeist vergeblich) versuchen, durch einen Ortswechsel den eigenen Problemen zu entkommen – idR nur um festzustellen, dass man sich selbst immer mitnimmt; Die coole Art zu sagen, dass man vor seinen Problemen wegläuft; »Jo ist nach Kalifornien gezogen! Sie hat einfach einen Geografischen gemacht.«

Grauzonentrinker:in, der/die; alle Trinkenden, die noch am Neoliberalismus teilnehmen können und nicht (dauerhaft) lallend in der Fußgängerzone liegen. Grauzone bezeichnet den Raum zwischen Abstinenz und Entgiftungsstation.

Grey Cloud, die <engl.> Zustand in der frühen Nüchternheit, in der alles grau und deprimierend ist und du dich fragst, wozu diese blöde Nüchternheit eigentlich gut sein soll.

Hanxiety, die <engl.> Mischung aus Anxiety und Hangover (Kater); Verniedlichung / Modewort für katerspezifische Anxiety; eigentlich eine erste, zarte Entzugserscheinung.

High Bottom Alcoholic, der/die <engl.> Person, die aufgehört hat zu trinken, bevor ihre Abhängigkeit auch für die Kassierer:innen im Supermarkt offensichtlich wurde.

Höhere Macht, die; Dubiose spirituelle Instanz, der manche Alkoholiker:innen ihre Heilung verdanken; auch Higher Power, Jehova, Allah, das Universum, G-O-D (Group-of-Drunks), Chi, Elohim, Lebensenergie, Schöpfer:in, Gaia, Zeus, universale Kraft, Gemeinschaft, (heiliger) Geist oder Gott.

kampftrocken dauerhaft angestrengt, gestresst, mürrisch und voller Hass auf die Abstinenz vom Alkohol, die man als absolute Zumutung empfindet; immer noch in der Verhandlung, ob nicht vielleicht doch irgendwie… ein Glas möglich wäre? Kämpfen, um nüchtern zu bleiben: »Frank ist seit Jahren kampftrocken. Er hat einfach noch nicht kapituliert.«

Kapitulation, die; Moment der Befreiung, in dem ein:e Alkoholiker:in aufhört, sich vom Alkohol etwas zu erhoffen; Beginn der Genesung; erster Schritt bei den AA. Ein Rätsel, das man nicht versteht, bevor man es erlebt. Danach auch nicht.

lifestyle sober <engl.> wenn man mit Trinken nicht aufgehört hat, weil man eine Abhängigkeit besiegen musste, die einen sonst langsam und qualvoll umgebracht hätte, sondern weil man es cooler findet. »Eva trägt diesen Frühling einen vintage Burberry Mantel, Old Money Nails und ein Glas Evian.«

Monologgruppe, die; AA Meeting, in dem Crosstalk unerwünscht ist; »Kein Crosstalk bitte, und keine Politik!«

NA, Plur. <engl.> Narcotics Anonymous; Wie AA, aber mit teuren Designer- und Partydrogen, daher häufig jünger und hipper.

Never question the decision, #nqtd; Redewendung: Die Entscheidung, nüchtern zu leben, nur ein einziges Mal zu treffen und danach nie wieder anzuzweifeln. (Nichtmal, wenn deine Katze stirbt. Nichtmal, wenn ein Krieg ausbricht. Nichtmal, wenn du im Lotto gewinnst.) Spiegelt den Wunsch der Alkoholiker:innen nach Kapitulation. Die Wendung wurde geprägt von Allen Carr (Opens in a new window) und später populär gemacht durch Holly Whitaker, die sich NQTD auf den Arm tätowieren ließ und so einen kleinen Trend (Opens in a new window) auslöste.

Normie, der/die <engl.> Person, die zum Alkohol die gleiche Beziehung hat wie wir zu Pfefferminztee. Mika nennt sie »Radler Achims« und »Weinschorlen Lisas«. Menschen, die sich ein kleines Bier teilen, morgen noch »fit sein« wollen und nicht in ihr Tagebuch schreiben, dass sie von jetzt an nur noch Weinschorle bestellen wollen: »Deine Freundin kann das nicht verstehen, Mann, sie ist ein Normie!«

nüchtern 1.) glücklich über die eigene Abstinenz. 2.) fähig zu genießen. 3.) Wegweisendes Buch (Opens in a new window) von Daniel Schreiber.

Nüchternheit, die; Zustand glücklicher Abstinenz.

Nur für heute; engl.: One day at a time; Motto der AA. Soll daran erinnern, dass niemand die Probleme der Zukunft lösen muss.

PAWS, das <engl.> Post acute withdrawal syndrom; Post-akutes Entzugssymptom; Entzugssymptome, die lange nach der akuten Entgiftungszeit auftreten, Auslöser ist normalerweise einfach das normale Leben.

Pink Cloud, die <engl.> Euphorische Phase in der frühen Nüchternheit, in der Ex-Trinker:innen damit liebäugeln, eine neue Religion zu gründen; »Ich glaube, Vlada hat einen neuen Typen, die hat den totalen Glow!« — »Nee, die hat einfach ne Pink Cloud.«

Quitlit <engl.> Etwa: Aufhör-Literatur; eigenes literarisches Genre, das sich (oft in autobiografischer Form) mit der Überwindung der Abhängigkeit beschäftigt. Manch eine Quitlit ist die direkte Folge einer Pink Cloud.

Raum zwischen Reiz und Reaktion, der; Die Zeitspanne zwischen dem Moment, in dem der SUV dir die Vorfahrt nimmt und dem Moment, in dem du deinen Schlüssel durch seinen Lack ziehst.

Rock Bottom ohne Artikel <engl.> hypothetischer Zustand, in dem es auch dem härtesten Suchti zu irre werden würde, weiter zu trinken.

Rooms, the <engl.> die Räume (Rooms) der Anonymen Alkoholiker.

sober curious <engl.> ohne nennenswertes Alkoholproblem und/oder Leidensdruck, trotzdem interessiert an der nüchternen Lebensweise. Verwandt mit lifestyle sober.

Sponsor:in der, die <engl.> Person, die länger nüchtern ist als man selbst und als eine Art Mentor:in / persönliche Ansprechperson / Guru fungiert: »Man sollte keinen Sponsor wählen, den man heiß findet, das lenkt nur ab.«

Sprechermeeting, das; Meeting, bei der eine vorher ausgewählte Person der Gruppe ihre Held:innengeschichte erzählt. Ziel ist, »Erfahrung, Kraft und Hoffnung« zu teilen.

straight edge <engl.> auf die coolste mögliche Weise radikal gesund leben. Schließt oft Veganismus, sexuelle Enthaltsamkeit und Verzicht auf Drogen ein.

Suchtverlagerung, die; eine Sucht in den Griff kriegen, indem man eine andere aufnimmt; »Sandra hat mit Trinken aufgehört und lässt sich jetzt komplett zutätowieren.«

terminally unique <engl.> Einzigartig im Endstadium; die Überzeugung, nach der die eigene Krankheit so besonders und komplex ist, dass noch keine Behandlungsmethode entwickelt wurde und niemand intelligent genug ist, eine zu entwickeln: »Du und deine Probleme, ihr seid ganz besonders traurige Schneeflöckchen. Niemand versteht dich, niemandem geht es wie dir. Es gibt keine Hilfe, keine Hoffnung, weil es dein spezielles Leid leider nur einmal auf der Welt gibt. Schade.«

Tische, Plur.; die Tische der Anonymen Alkoholiker; auch: Das Meeting oder The Rooms. Hier trifft sich eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Suchtproblem zu lösen und anderen zur Genesung zu verhelfen. »Im Straßenverkehr nicht mehr komplett auszurasten, das habe ich erst an den Tischen gelernt.«

Trigger, der <engl.> Sinnesreiz, der ein unerwünschtes Gefühl auslöst, das ein Suchti früher als Begründung für ein Besäufnis verwendet hat.

trocken abstinent, ohne Alkohol; trockene:r Alkoholiker:in

white knuckling <engl.> kampftrocken; sich so sehr anstrengen müssen, abstinent zu bleiben, dass man vor lauter Faustballen weiße Fingerknöchel (Knuckles) hat.

Topic Bi-Weekly

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