von Mika

Wenn ich es schaffe – und sei es nur für eine Zeit –, mit etwas aufzuhören, womit ich Schwierigkeiten hatte aufzuhören, fühle ich mich, als hätte ich endlich einen schweren Stein losgelassen und ins Wasser geworfen. Ich bin natürlich froh über das Offensichtliche: in erster Linie, dass ich gerade keinen Stein mehr tragen muss. Aber es passiert noch etwas anderes: Es fühlt sich an, als würde mich das Leben für eine Weile auf den entstandenen Wellen mitnehmen, und es ist aufregend herauszufinden, wo ich am Ende der Bewegung landen werde. Am Anfang schlagen die Wellen noch hoch und dicht, klar erkennbar. Doch mit der Zeit werden die Abstände größer, die Bewegungen subtiler. Und während ich in der ersten Woche meines Digital Detox noch sehr genau benennen konnte, was ich aufgrund meines Steinwurfs erlebte und welche Effekte es auf meinen Alltag hatte, ist es in der vierten Woche schon deutlich schwieriger. Auch, weil alte Gewohnheiten leider hartnäckig sind. Weil ich das Digitale nicht vollständig aufgeben will. Weil es einfacher ist, eine Regel zu hundert Prozent zu verfolgen als zu 99 Prozent. Und das heißt leider, dass ich dafür etwas anderes hergeben muss: die Idee eines perfekten Prozesses.
Meine Bildschirmzeit ist immer noch überraschend hoch
Auf meinem privaten Handy gibt es nur noch Messenger, Google Maps, Spotify, Audible und die New York Times-Rätsel-App. Keine E-Mails, keinen Browser und kein Social Media. Wie ich es bis zum Mittag geschafft habe, beinahe eine Stunde damit zu verbringen und es 21-mal (!) zu entsperren, bleibt mir ein Rätsel. Ich sitze zudem gerade am Computer und tippe diesen Text. Es ist also nicht so, als würden meine Augen irgendwo in die Ferne schweifen und den Eichhörnchen beim Klettern zuschauen.
Gestern habe ich »Spelling Bee« bis zum höchsten Level gespielt. Das ist natürlich ein Humble Brag (»Bescheidenheitsprahlerei«), weil das Level »Genius« schwer zu erreichen ist. Gleichzeitig verlangt es nach einer Bildschirmzeit, die nicht gerade in die Kategorie Detox fällt. Insgesamt eine Stunde und 14 Minuten habe ich mit der New York Times-Rätsel-App rumgedaddelt. Ich finde das alles nicht dramatisch – aber durchaus bemerkenswert.
Ich scheitere immer noch an Büchern
Begeistert von meiner wiederentdeckten Konzentration habe ich mir vorgenommen, meinen Stapel der ungelesenen Bücher abzutragen. Wenn nicht jetzt – mit meinem angeblichen Laser-Fokus –, wann dann?!
Also habe ich versucht, »Liebe in Zeiten des Hasses« von Florian Illies zu lesen. Es ist sehr gut geschrieben, krass recherchiert und wirklich interessant, aber als ich vorsichtig nachschaute und feststellte, dass es auch auf Seite 386 noch episodisch erzählt ist, habe ich innerlich aufgegeben.
Dann habe ich versucht, Dune zu lesen. Alter, Dune. Ich dachte, es sei eine coole Geschichte, die mich in eine fremde Welt katapultiert. Noch dazu Science-Fiction ohne Science – wie passend! Alle lieben Dune. Aber ich verstehe es nicht. Sorry, aber mir wurden krasse Sandwürmer versprochen und ein Sandvolk, aber bislang reden nur alle über den Sand und über Politik. In der Hoffnung, dass ich den Inhalt besser erfasse, wenn mir jemand vorliest, habe ich das Hörbuch gekauft. Zwischendurch habe ich parallel mit dem Hörbuch mitgelesen, wie ein Grundschulkind, das Lesen übt. Und dann ist da noch diese Gilde von supermächtigen Frauen, aber der Plot handelt von einem Typen, der Paul heißt, was ich einen bemerkenswert unmessianischen Namen finde. Auf jeden Fall kann Paul alles besser als die Frauen, denn er ist der Messias (oder so ähnlich).
Ich wollte dann herausfinden, ob ich die Einzige bin, die das nicht checkt – also habe ich auf Wikipedia nachgelesen. Mein Eindruck hat sich bestätigt: Alle lieben Dune. Mein einziger Trost ist dieser Satz:

Richtig Spaß hatte ich dagegen bei Tschick von Wolfgang Herrndorf. Vielleicht bin ich einfach nicht gemacht für anspruchsvolle Literatur.
Und manches ist nach wie vor gut

Meine Morgen sind besser geworden. Meistens meditiere ich irgendwas zwischen 20 und 45 Minuten. Besonders stolz bin ich, dass ich das auch gemacht habe, wenn ich in Hotels war. Immer trinke ich Kaffee und oft gucke ich aus dem Fenster oder gehe zu der Bäckerei bei mir um die Ecke, um einen Hafer-Flat-White zu trinken und eine Stunde lang zu schreiben. Manchmal lege ich mir morgens ein Tarot. Wenn ich nichts vorhabe, gehe ich um acht oder neun Uhr ins Bett und lese Three Women (sorry, Dune) oder höre Podcast (gerade am liebsten: If Books Could Kill). Neulich war ich spontan einmal joggen und dann nie wieder. Ich weiß nicht, warum, aber ich habe mehr Tee getrunken und häufiger Kerzen angezündet als sonst.
Einmal war ich bei einem Schreibtreff und habe mir vorgenommen, jetzt jede Woche hinzugehen. Dann war ich krank und dann einmal beschäftigt. Vielleicht wird es nächste Woche was. Gestern habe ich mir im Bus beim Fahrer eine Karte gekauft und meine Freundin schaute völlig fasziniert dabei zu und sagte: »Das hab ich lange nicht mehr gesehen. Irgendwie retro.«
Weil ich häufig ohne Handy aus dem Haus gehe, sammeln sich in meinem kleinen Notizbuch Einträge über Sachen, die ich sonst fotografiert hätte.


Und manchmal, ganz ehrlich, vermisse ich Fernsehen.