Es gibt da diesen Witz:
Frage: Wann ist man Alkoholiker?
Antwort: Wenn man mehr trinkt, als der behandelnde Arzt.
Ob das jetzt lustig ist oder nicht, sei mal dahingestellt, es enthält aber leider eine ganze Portion Wahrheit. Wir haben da ja schon einiges gehört: Zum Beispiel die Geschichte einer Freundin, deren Hausarzt ihr mit ernster Miene erklärt, dass ein bis zwei Flaschen Wein am Tag noch kein Problem darstellen würden. Oder die Psychologin, die einer Abstinenten dazu rät, wieder mit dem Trinken anzufangen, um mehr “Normalität in ihr Leben zu bringen.” Und auch ich hatte neulich eine seltsame Erfahrung mit meiner Frauenärztin, die mich verblüfft anstarrte, als ich sagte, ich hätte abhängig getrunken und wolle deshalb die Brustkrebsvorsorge ernster nehmen. Meine vage Hoffnung, es würde damit eine Indikation vorliegen, die den Ultraschall zur Kassenleistung macht, wurde jedoch enttäuscht. Denn Frau R. schaute nur verblüfft und sagte: “Also, dass Alkohol und Brustkrebs irgendwie zusammenhängen, das habe ich ja noch nie gehört.” Ich starrte sie ebenso verblüfft an und sagte: “Äh, ich schon.” Man müsse da auf die Quellen achten, sagte sie, und ihr sei diese Information auf keinem der Kongresse und in keiner Fortbildung untergekommen.
Solche Situationen bringen mich immer in eine Bredouille, denn eigentlich würde ich immer sagen: Hör auf die Person vom Fach. Vertrau jenen, die ihr Leben der Medizin gewidmet haben mehr als “deiner eigenen Recherche”. Doch manchmal erzählen eben auch Fachpersonen Quatsch.
Erst neulich veröffentlichte Zeit Online ein Interview (Opens in a new window) [leider hinter der Paywal] mit einem Arzt von der Uniklinik Aachen, der sagt: "Zum Schutz vor Brustkrebs gibt es keine unbedenkliche Trinkmenge". Es wird dort dargelegt, dass in Deutschland mehr als 20.000 neue Fälle von Krebs aller Art im Jahr auf das Trinken von Alkohol zurückzuführen sind. Bei den alkoholbedingten Krebserkrankungen von Frauen steht Brustkrebs mit 60 Prozent an erster Stelle. Das geht aus den Zahlen des Alkoholatlas 2022 (Opens in a new window) hervor.
Die WHO (Opens in a new window)wird sogar noch etwas deutlicher: Alkoholkonsum ist einer der wichtigsten veränderbaren Risikofaktoren für die Erkrankung und verursacht 7 von 100 neuen Brustkrebsfällen in der [Europäischen] Region. Aus den Daten gehe hervor, dass Brustkrebs inzwischen weltweit die häufigste Krebsart sei. Für das Jahr 2020 werden mehr als 2 Millionen neue Fälle geschätzt, von denen etwa 100 000 auf durch Alkoholkonsum verursacht wurden. Von diesen Fällen sind ein Viertel sogar schon auf geringe Mengen Alkohol zurückzuführen. “Gering” heißt hier: ein halber Liter Bier oder 200 ml Wein täglich.
Ich will damit niemandem Angst machen. Ich weiß auch, dass diese Zahlen mich garantiert nicht davon abgehalten hätten, weiter zu trinken - Vielleicht sogar im Gegenteil. Vor lauter Schreck und aus Protest gegen diese Ungerechtigkeit der Biologie hätte ich mir vielleicht direkt eine Flasche Wein aufgemacht. Im Nachhinein hätte ich es nur gerne irgendwie gewusst. Denn jetzt, als nüchtern lebender Mensch mit Brüsten, bringen mir diese Informationen etwas, zum Beispiel für die Abwägung, ob ich bereit bin, draufzuzahlen, um einen Ultraschall machen zu lassen. Und insbesondere für Frauen, die eine solche Diagnose erhalten haben, sollte die Warnung vor Alkohol zum Standardrepertoire gehören. Alles andere halte ich für gemeingefährlich.