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„Wer die Schönheiten der Erde betrachtet, findet Kraftreserven, die reichen, so lange das Leben währt.“

Rachel Carson, Biologin, Autorin und eine der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit (Teil 2).

Schwarzweiß Foto einer mittelalten Frau, braune, kurze Haare, Mantel, die sich an des Stamm eines Baumes anlehnt. (Opens in a new window)
Foto: Wikimedia Commons, Thomas Brosnihan CC-BY-SA-4.0
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Teil 1: Bedrohte, wundervolle Welt: Rachel Carson – Begründerin der Umweltbewegung (Opens in a new window)

Rachel Carson gibt in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ viele Denkanstöße, die auch heute so aktuell sind, wie damals. Vier Beispiele.

I. Kontrolle über die Natur

Der Mensch meint, er könne und müsse die Natur kontrollieren. Die Herrschaft über die Natur sei, so Carson, ein Schlagwort, das aus der Neandertaler-Zeit der Biologie und Philosophie stamme, als man noch angenommen hätte, die Natur sei nur dazu da, dem Menschen zu dienen und ihm das Leben angenehm zu machen. Wer mit chemischen Bioziden wie mit einem Spielzeug hantiere und damit versuche, Macht über die Natur zu gewinnen, sei schlichtweg größenwahnsinnig.

Vertreter der chemischen Industrie greifen Carson an, werfen ihr vor, Fehlinformationen zu verbreiten.  „Miss Carson behauptet nach wie vor, das natürliche Gleichgewicht sei entscheidend für das Überleben der Menschen, obwohl Chemiker, Biologen und Wissenschaftler heute davon ausgehen, dass der Mensch dauerhaft die Kontrolle über die Natur gewinnt“, sagt etwa Robert White-Stevens von American Cyanmid.

Typisch für den Umgang mit der promovierten und mit vier Ehrendoktoraten ausgezeichneten Biologin Carson: Sie wird mit „Fräulein“ angesprochen, ihre akademische Qualifikation unter den Tisch fallen gelassen.

Doch Carson hält fest an ihren Überzeugungen. Wenn wir in die Natur eingreifen, habe das viel größere Auswirkungen als gedacht. Würde in einem kleinen Waldgebiet scheinbar recht eingegrenzt DDT versprüht, tauche genau dieses DDT nur kurze Zeit später in Fischen auf, die in einem 48 Kilometer entfernten Bach leben, dokumentiert Carson.

„Selten, wenn überhaupt, beschränkt sich die Natur in ihrem Wirken auf abgeschlossene und gesonderte Räume“, schreibt sie. Die Natur ist ein dicht gewebtes Netzwerk aus belebten und unbelebten „Mitspielern“, die sich direkt und indirekt auf vielen Ebenen beeinflussen.

II. Warum geben wir uns mit dem Schädlichen zufrieden?

Der Mensch sollte sich damals wie heute fragen: Wollen wir das? Warum geben wir uns mit dem zufrieden, was das Leben schädigt? Mit einer industriellen Landwirtschaft, Insekten- und Vogelsterben, Klimaerwärmung, Feinstaub in der Luft, Rückständen von Pestiziden in Obst und Gemüse, Weichmachern in Nahrungsmitteln. Was macht uns so gleichgültig gegenüber der Umweltzerstörung, so mittelmäßig, so lethargisch?

„Warum sollten wir alles geduldig ertragen: schwache Gifte als tägliche Nahrung, ein Heim in farbloser Umgebung, einen Kreis von Bekannten, die nicht unsere ausgesprochenen Feinde sind, den Lärm von Motoren, den wir eben noch so weit mildern, dass wir nicht wahnsinnig werden? Wer wollte in einer Welt leben, die just noch nicht GANZ tödlich ist“, fragt Carson sarkastisch.

III. Wir müssen uns entscheiden

Heute wie damals stehen wir an einem Wendepunkt. „Der Weg, den wir seit langem eingeschlagen haben, ist trügerisch bequem, eine glatte moderne Autobahn, auf der wir mit großer Geschwindigkeit vorankommen. Doch an ihrem Ende liegt Unheil. Der andere Weg, der abzweigt, ist weniger befahren, doch er bietet uns die letzte und einzige Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen, das die Erhaltung unserer Erde sichert.“

IV. Wir brauchen Wissen

Für diese Entscheidung brauchen wir Faktenwissen. Wenn es keine andere Wahl als einzugreifen gäbe, sollte dies wohl überlegt geschehen und im Wissen über die Zusammenhänge und in Erkenntnis, dass alle Handlungen zeitlich wie räumlich Fernwirkungen auslösen könnten. „Von solch demütiger Bescheidenheit ist allerdings bei dem zurzeit blühenden Geschäft mit Unkrautbekämpfungsmitteln nichts zu bemerken“, kritisiert Carson. Wenn wir uns bewusst dagegen entscheiden wollen, brauchen wir Informationen. Wir brauchen Fakten über die Chemikalien, die unsere Welt belasten. Wie sind sie verteilt, wo reichern sie sich an, wie viele Jahre oder Jahrzehnte halten sie sich in der Umwelt?

„Der stumme Frühling“ bietet Informationen in Hülle und Fülle. Rachel Carson ist eine Frau, die die großen Zusammenhänge sieht und gleichzeitig ganz dicht am Detail ist. Sie deckt Zusammenhänge auf, bringt ans Licht, legt den Finger in die Wunde.

Carson verbirgt ihre schwere Erkrankung

Zwei wesentliche Ereignisse in ihrem eigenen Leben jedoch hält sie verdeckt – die Liebe zu einer Frau und ihre Brustkrebserkrankung. Als Rachel Carson 46 Jahre alt ist, verliebt sie sich in Dorothy Freeman, die mit ihrem Mann, wie Rachel, den Sommer in einem Ferienhaus an der Küste Mains verbringt. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung.

Freeman unterstützt ihre Freundin, wo sie nur kann. Briefe werden ausgetauscht und auf ein abgesprochenes Codewort hin („Hast du sie ins Schließfach gelegt?“) vernichtet. Einige sind erhalten geblieben. Dorothy Freemans Enkelin hat sie 1995 als Buch veröffentlicht: „Always Rachel – The letters of Rachel Carson and Dorothy Freeman, 1952 - 1964 – The story of a remarkable friendship.“

Ab 1960 geht es Rachel wegen ihrer Brustkrebserkrankung immer schlechter. Beide Brüste werden entfernt, es bilden sich Metastasen auf den Rippen, Rachel wird bestrahlt, der Krebs wandert in den Hüftknochen. „Rachel Carson hielt ihre Krebserkrankung geheim, weil sie nicht gern über Privates sprach, aber auch, weil sie nicht wollte, dass die Chemiefirmen diese Information nutzten, um ihre Arbeit als durch die Krankheit motiviert abzutun“, schreibt Jill Lepore (Opens in a new window)im Magazin The New Yorker. Am 14. April 1964 stirbt Rachel.

Schwarzweiß Zeitungsausschnitt der New York Times (Opens in a new window)
Artikel in der New York Times vom 15. April 1964

Dorothy Freeman verstreut die Asche ihrer Freundin an der Meeresküste in Maine. „Die Macht ihres Wissens und die Schönheit ihrer Sprache machten sie zu einer der einflussreichsten Frauen unserer Zeit“, schreibt die New York Times in einem Nachruf.

Wissen und Staunen

Doch nicht nur ihr enormes Wissen zeichnete Rachel Carson aus. Auch ihre Fähigkeit, staunen zu können über das Wunder des Lebens. Kurz nach Rachels Tod erscheint ihr Buch „Magie des Staunens - Die Liebe zur Natur entdecken“. Eigentlich soll das Büchlein eine Anleitung für Eltern sein, um den Kindern die Natur wieder näherzubringen.

Dabei sind es doch die Erwachsenen, die das Staunen häufig erst wieder lernen müssen. Carson weiß das genau: Meist sei die Welt des Kindes ja noch voller Wunder und Begeisterung, schreibt sie. „Diese klare Sicht und der Sinn dafür, was schön und ehrfurchtgebietend ist, geht nur meist verloren, noch bevor wir erwachsen sind“, schreibt sie.

Rachel Carson jedenfalls läuft mit ihrem kleinen Neffen Roger bei Nacht und Nebel am Strand auf und ab, um die nachtaktiven Geisterkrabben zu beobachten. Sie rät Eltern, mit ihren Kindern bei Regen im Wald spazierenzugehen und empfiehlt, einmal ganz früh morgens aufzustehen, um den Gesang der ersten Vögel zu hören. Vielmehr noch als das Wissen seien es die Sinne, die zur wahren Freude an der Natur führten. Den Duft des Meeres riechen, die Blüten sehen, auf die Stimmen der Erde hören, den Donner, den Wind, die Brandung.

Ein Buch mit einem grünen Cover liegt auf einem hellbraunen Holztisch.

Wer sich einlässt auf die Schönheit der Natur, wird unendlich beschenkt, so hat es Rachel in ihrem Leben immer wieder erfahren. „Ich bin mir sicher, dass da etwas ist, das viel tiefer geht, etwas Bleibendes und Bedeutsames. Wer sich (..) mit der Schönheit und den Geheimnissen der Erde befasst, ist nie allein oder das Leben leid. Was immer ihm persönlich Verdruss und Kummer macht, seine Gedanken können Wege finden, die zu innerer Zufriedenheit führen und zu einer neuen Begeisterung für das Leben. Wer die Schönheiten der Erde betrachtet, findet Kraftreserven, die reichen, so lange das Leben währt.“ Solche Worte finden kann nur jemand, der aus genau dieser Kraft heraus lebt.

„Kein Kind sollte aufwachsen, ohne sich des morgendlichen Dämmerchors der Vögel im Frühling bewusst zu sein. (..) Die ersten Stimmen noch vor Sonnenaufgang (..) der Kardinal (..) das Lied der Dorngrasmücke (..) Rotkehlen, Drosseln, Singammern. (..) Der Chor wird immer lauter, je mehr Rotkehlchen einsetzen und ihren eigenen unerschütterlichen Takt hinzufügen, der schon bald das wilde Stimmengewirr dominiert. In diesem Dämmerchor hört man den Puls des Lebens“, schreibt Rachel Carson.

Text: Dr. Ulrike Gebhardt
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Kostenfrei:
Topic Natur + Rhythmus

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