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Grabowski wundert sich (1)

Rohfassung

Worauf alles ruht

„Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“

Blaise Pascal

Grabowski wundert sich

Auf der Couch unter dem Fenster liegt Grabowski und macht Kalender. Kalender machen geht so: ruhig atmen, weitgehende Bewegungslosigkeit, die Augen fixieren starr einen fernen Punkt, der Geist ist an einen einzigen Gedanken geheftet, den er in höchster Konzentration umkreist. Dennoch ist der Kalendermachende ansprechbar und reagiert auf Kontaktversuche aus seiner Umgebung. Stellt man ihm Fragen von weltumspannender Tragweite, so antwortet er mit bestechender Klarheit. Seinen starren Blick gibt er dabei jedoch nie auf.

Warum heißt das Kalendermachen? Grabowski nennt das so. Schon seine Mutter nannte es so. Heute würde man vielleicht sagen: Grabowski ist im Stand-by-Modus.

Grabowskis Blick parkt auf dem Zifferblatt der Wanduhr. Genauer gesagt: auf der Drei. Noch genauer: auf dem Punkt, in dem die Enden der beiden Bögen, aus denen eine Drei besteht, verschmelzen.

Grabowski trägt sonst Brille. Jetzt liegt sie auf dem Beistelltisch. Den hat er dicht vor seine Couch gezogen. Das geht ganz leicht, denn der Beistelltisch hat Rollen. Dass er Rollen hat, darauf hat Grabowski beim Kauf geachtet. Rollen sind Grabowski wichtig.

Anstelle eines Kissens hat Grabowski einen Bären unter dem Kopf. Den Bären hat er selbst geschossen. Dazu hat sich Grabowski von Frau Maurer hinreißen lassen. Frau Maurer geht ihm im Haushalt zur Hand. Sie kümmert sich um die Hemden, die gewaschen und gebügelt werden müssen, ums Putzen, Staubsaugen – und ab und zu kocht sie auch für ihn. Sie isst dann gleich mit, bevor sie wieder nach Hause geht. Frau Maurer ist für Grabowski wichtig.

Einmal im Jahr geht Grabowski mit Frau Maurer auf den Rummelplatz. Frau Maurer liebt den Rummel. Die Schiffschaukel, den Autoscooter – mit Herrn Grabowski am Lenker. Oder Zuckerwatte von ihm geschenkt bekommen und das Gesicht darin vergraben.

Der Rummel ist Frau Maurer wichtig. Und weil Frau Maurer für Herrn Grabowski wichtig ist, ist auch der Rummel für Herrn Grabowski wichtig. Also geht er mit ihr hin. Bei der Gelegenheit schießt er ihr dann einen Blumenstrauß, eine Puppe, die »Klara« sagt, oder was auch immer sie sich wünscht. Letztes Mal hat sich Frau Maurer den Bären gewünscht. Grabowski hat ihn ihr geschossen, und Frau Maurer hat ihn ihm geschenkt.

Bären sind Grabowski in ihrer Eigenschaft als Bär weniger wichtig.

Der Bär hat einen dicken, gepolsterten Bauch. Darauf bettet Grabowski seinen Hinterkopf. Der Bär reckt daraufhin, einem konstruktionsbedingten Reflex folgend, alle Viere nach oben. Die Hinterbeine umschließen Grabowskis Hals. Mit den Vorderpranken hält er ihm die Ohren zu. Die Bärenschnauze ruht in Grabowskis kurzem, braunem Haar.

Bären sind Grabowski in ihrer Eigenschaft als Einschlafhilfe sehr wohl wichtig.

Bevor Grabowski auf der Couch in den Stand-by-Modus geht, folgt er mit den Augen den Zeigern der Wanduhr. Die zieht er jeden Morgen auf. Siebzehn Mal dreht er den Schlüssel im Uhrzeigersinn. Frau Maurer hat ihn einmal gefragt, warum er keine Uhr mit Batterie habe. Damals zuckte Grabowski mit den Schultern. Heute sagt er sich: Wenn ich eine Uhr mit Batterie hätte, müsste ich nicht jeden Morgen das Uhrglas aufklappen, den kleinen Schlüssel von seinem Haken nehmen und die Uhr siebzehn Mal im Uhrzeigersinn aufziehen. Ich müsste aber einmal im Jahr, womöglich sogar öfter, eine Batterie besorgen gehen. Um die Batterie in die Uhr einzulegen, müsste ich sie von der Wand nehmen. Auf der Rückseite wäre dann das Fach für die Batterie. Solche Fächer sind meist mit einer Schraube verschlossen, die es zu entfernen gilt. Dazu bräuchte ich einen Schraubenzieher. Werkzeug hat Grabowski im Keller. Er müsste also einen Schraubenzieher aus dem Keller holen. Das alles summiert sich, sagt sich Grabowski.

Und außerdem, denkt er, wenn ich die Uhr einmal heruntergenommen habe, sehe ich den hellen Fleck, den sie auf der Wand hinterlässt. Und eigentlich hat sie ja gar keinen Fleck hinterlassen, sondern ich – und meine Körperausdünstungen – haben die Tapete um sie herum mit der Zeit dunkel werden lassen. Und ich weiß nicht, ob ich den Anblick dieses Riesenflecks um die kleine Uhr herum verkraften könnte. Der zunächst so simpel anmutende Vorgang des Batteriewechsels könnte damit leicht zur Renovierungsorgie ausufern, die sich durch das ganze Zimmer, womöglich noch über die ganze Wohnung hinzieht und über das gesamte Wochenende wuchernd herfällt – und Stunden, die zu den wertvollsten des Lebens hätten werden können, verschlingt.

Daraufhin geht Grabowski in den Stand-by-Modus, in dem sein Gehirn regelmäßig ein Programm aufruft, das damit beginnt, sich zu wundern. Beispielsweise darüber, wie man nur eine Batterielebensdauer lang so viel Schmutz auf die Wand atmen kann. Ich werde mir keinesfalls eine Wanduhr mit Batterie anschaffen, sagt sich Grabowski.

Die Tür ist gegangen. Grabowski hat das gehört. Das Kalendermachen unterbricht er dennoch nicht.

»Mein Herz braucht auch keine Batterie«, sagt Grabowski laut vor sich hin. Annemarie, seine Nachbarin zur Rechten, muss alle paar Jahre eine neue Batterie in ihr Herz einlegen lassen. Das weiß er von Frau Maurer. Frau Maurer kümmert sich auch um Annemaries Haushalt. Annemarie hat ein schwaches Herz. Schließlich sei sie über achtzig Lenze alt, meint Frau Maurer, während sie die Einkäufe durch das Zimmer in die Küche trägt.

Das mit den Lenzen wundert Grabowski fast mehr als das mit den Batterien in Annemaries Herz. Warum sagt man Lenze? Und dass man sich über so etwas wundern kann – das wiederum wundert Frau Maurer. Die meint dann, das sei eben so eine Redensart, das mit den Lenzen – so wie Eulen nach Athen tragen.

Und auch das mit den Eulen wundert Grabowski. Aber nicht so sehr wie das mit den Lenzen. Denn Eulen mag Grabowski nicht besonders leiden, und Athen auch nicht – und so passt das gut zueinander.

Frau Maurer beginnt mit dem Hemdenbügeln. Grabowski beendet das Kalendermachen und steht auf.

Maurer: Geht’s ins Café?
Grabowski: (nickt).
Maurer: Alleine?
Grabowski: (schüttelt den Kopf).
Maurer: Mit Dostojewski?
Grabowski: (nickt).

Es ist dreiviertel vier. Grabowski verlässt an diesem Tag zum ersten Mal sein Haus.

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