Meine Bestandsaufnahme: Was ist dran am Eskapismustrend?

Eigentlich bin ich als Landei groß geworden, dann als TV-Nomadin ständig umgezogen und jahrelang alle zwei Wochen, ja, ziemlich unökologisch, in den Flieger gestiegen. Aufs Land zurückzuziehen, war ein entscheidender Schritt- für einen neuen Lebensabschnitt als Dreifachmama. Inzwischen bin ich seit über 8 Jahren Vollzeit-Landei, und sogar mein TV-Freundeskreis hat sich daran gewöhnt.
Ich liebe es, die Kinder einfach nur aus der Haustür zu schieben und im Baumhaus zu sitzen, träume aber nachts immer noch heimlich von richtig gutem Sushi ums Eck, Matcha to go und den Momenten, wenn ich hin und wieder mal in Pumps steige. Selbst wenn ich es noch am gleichen Abend bereue.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als mein Mann sagte: Dann ziehen wir eben aufs Land. Meine Mutter war ungefähr ein Jahr tot und mein Vater saß allein in einem sehr großen Haus auf dem Land an der Ostsee. Und wir standen an der Weggablung: Hamburg oder München? Warum dann nicht gleich in Strandnähe mit Opa-Anschluss? Ich war hochschwanger und hin- und her gerissen. Wir wohnten in einer Stadtwohnung mit unendlich viel Glas ziemlich hoch oben, mit fancy Tiefgarage, vielen Restaurants ums Eck, kurze Wege zum Flughafen und zum Sender, toller Kindergarten, unsere Infrastruktur war perfekt. Nur: Einen Garten hatten wir nicht, die Luft war oft zum Schneiden ohne Wind und eigentlich wollten wir beide uns beruflich verändern. Dann kam noch mein Vater hinzu, der jetzt Witwer war mit Pferden hinterm Haus. Wir entschieden schnell, Baby Nummer 2 kam im Norden auf die Welt, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, als mich meine Freundin und Ex-Arbeitskollegin Marijana mit ihrer Familie besuchte. Wir liefen unter unserem historischen Eichenknick entlang, wo sich Igel und Hase gerne Gute Nacht sagen, und sie sagte: „Das bist so du- plus Rosamunde Pilcher.“ Da war ich kurz irgendwie stolz.
Zugegeben, meine Tage sind hier völlig anders als in der Stadt: Wenn ich ein hippes Frühstück will, muss ich nach Hamburg fahren, aber ich kann auch barfuß im Pyjama mit meinem ersten koffeinfreien Kaffee durch den Garten rennen. Gut, dafür legen mir die Katzen Mäuse vor die Tür und pinkeln in unsere Sandkiste, aber das ist ein anderes Thema. Wir sind auf jeden Fall viel mehr draußen und in unserem Garten befinden sich ein Trampolin, ein Spielhaus, ein Baumhaus in einem Wipfel und darunter weiden zwei Pferde. Allein die Verantwortung fürs Tier hat unseren Kindern gut getan. Das gleiche gilt für die kleine Dorfschule mit dem kurzen Whatsapp-Draht zu unserem Klassenlehrer. Wir leben ein ziemliches 80er-Jahre-Leben mit Mittagessen daheim und Kindergeburtstagen mit Topfschlagen und Mumienwickeln. Und ich bin der festen Überzeugung, dass es dazu beiträgt, festere Persönlichkeiten zu entwickeln. Schon allein dadurch, dass es weniger Einflüsse und zusätzliche Außenreize gibt. Instagram ist natürlich überall, aber das kennt nur mein Teenie.
Mein Mann shoppt seit einigen Jahren lieber Rasenmäher und Gewächshäuser statt Klamotten und Playsi-Games und das finde ich erwachsen. Statt der richtigen Uhr, achtet man eher auf den richtigen Grill. Wir freuen uns an selbst angebauten Tomaten und Erdbeeren, bestaunen unsere lila Lavendelbeete und genießen den Duft von frisch gemähtem Gras, auch wenn das ja eigentlich ein Zeichen des Chlorophyll-Leids ist, aber es riecht ja nun mal so gut.
Vor allem in der Corona-Zeit waren wir doppelt glücklich auf dem Land: Wir konnten uns frei bewegen und die meiste Zeit waren wir am menschenleeren Strand, während unserer Freunde in den Städten im Zwangshomeoffice saßen.
Würde ich jedem empfehlen aufs Land zu ziehen? Ab einem gewissen Lebensabschnitt oder mit mehreren Kindern- ja. Die meisten meiner ehemaligen TV-Kollegen stellen das auch fest. Oder es hat sie in Vororte gezogen. Inzwischen würde ich sagen, die Stadt ist spitze in den 20ern, auch noch Anfang 30, aber ab dem ersten Baby verpasst man auch nichts mehr. Da wechselt man Windeln, ist total übernächtigt und schiebt Kinderwagen. Das mache ich dann lieber in der Natur als an einer vierspurigen Kreuzung. Ausgehen tut man dann erstmal sowieso nicht mehr und deinem Baby ist es völlig egal, ob du die neue Jeans online oder im Geschäft geshoppt hast. Zugegeben, manchmal überkommt es mich und will unbedingt nach Hamburg fahren. Dann laufe ich über den Eppendorfer Baum, gehe etwas mit Freundinnen essen oder bummele, finde alles wunderbar- und bin danach so glücklich, wieder ins Auto zu steigen und wieder in meine kleine Landidylle zu fahren. Denn ich weiß, ich verpasse nichts. Alles wie immer.
Sehr lustig war auch mein inzwischen leider verstorbener Freund Sascha, der sagte: „Ja, mein Täubchen, zieh um. Ich sehe dich als Landadelige auf einem Gut. Das passt schon. Du hast es in die Bürgerlichkeit geschafft, mein Hase. Mir persönlich etwas zu viel Rousseau, aber dich sehe ich da.“
Dann kam er vorbei und fragte: „Diese Natur, diese Landschaft. Es tut so gut, das ganze Grün. Kann ich auf deiner Wiese ein Nickerchen machen?“ Und so schlief er im Gras mit Blick auf die Pferde ein. Er lächelte dabei. Und fuhr danach beruhigt in die Stadt. Alles wie immer.
Bist Du Stadtpflanze oder reif fürs Land?
weniger Kita-Plätze, kürzere Kinderbetreuugszeiten, geringere Schulauswahl
weniger Ausgehmöglichkeiten/ Restaurants/ Spontan-Kino könnte schwierig werden
man braucht häufig ein Auto
eventuell schlechtere Verkehrsanbindung mit den Öffentlichen
man lebt weniger anonym - muss man mögen
längere Wege zu Ärzten, Krankenhäusern, eventuell Job
unter Umständen weckt dich ein Hahn und kein Wecker, auch am Wochenende
man kennt sich - man hilft sich
weniger Lärm und Hektik
weniger Außenreize und Beeinflussung
weniger Umweltverschmutzung
Nachhaltigkeit leben ist einfacher
das Verhältnis zu Lehrern in kleineren Schulen ist persönlicher, unkomplizierter
man ist viel mehr draußen und lebt mehr in der Natur
eigene Lebensmittel anpflanzen ist möglich und Hobbygärtner können ihrer Leidenschaft nachgehen
der Weg zum See / in den Wald / ins Grüne / zur Ostsee ist kürzer = mehr Erholung
Wohnraum kann je nach Lage günstiger sein
die Kinder können allein im eigenen Garten oder draussen spielen