LITERATUR-KRITIK (Opens in a new window)
„>>Das Leben ist kein Fernsehkrimi<<, sagte Hanna. >>Es gibt nun mal Verbrechen, die für immer ungeklärt und ungesühnt bleiben. Davon abgesehen war ich schon immer eine Anhängerin der Dialektik.<<
>>Was heißt das? These, Antithese?<<
>>Genau. Ich halte es für möglich, dass Justus an sich harmlos war, aber psychotische Phasen hatte, in denen er zum Mörder wurde. [...]<<“ - Peter Probst, Am hellichten Tag, S. 205
So war das damals: Der Günter Justus passte ins Täter-Raster und ein Kriminalrat namens Ernst Fischer hatte sich auf den eigenwilligen Justus eingeschossen. Das ist übrigens alles wahr (Opens in a new window) und gleichwohl die Grundlage für einen einnehmenden und aufwühlenden, kurzweiligen und starken Kriminalroman, der in der „ehrlichen Stadt“ Pirmasens spielt.

Autor Peter Probst nimmt sich dem Verschwinden dreier Kinder in den 1960er-Jahren und neuen Ermittlungen in den 1970er-Jahren an, um in Am hellichten Tag die Geschichte von Toni, einer arbeitssuchenden Journalistin mit skandalös aufgeblasener Vergangenheit, und ihrem soeben verstorbenen Vater Erwin zu erzählen. In seiner Doppelhaushälfte findet sie einen geheimnisvollen Brief, in dem der arbeitsame und religiöse Mann von einer Schuld schreibt, die ihn seit seiner Kindheit quäle. Leider bricht der Brief schon nach diesem Teaser ab und nun fragt Toni sich, von welcher Schuld die Rede sein könnte.
Schnell wird klar, dass diese Schuld möglicherweise etwas mit dem Verschwinden des neunjährigen Klaus-Dieter Stark im Jahre 1964 zu tun hat. Er und Erwin waren sowas wie Freunde, ergo wurde der junge Erwin damals befragt. Und knapp zehn Jahre später wieder. Toni schickt sich nun mithilfe ihrer Großtante Marga und des Polizisten und Love Interests Leo an, herauszufinden, was es mit Brief und all den verschwiegenen Menschen und verstohlenen Blicken so auf sich hat.
Logisch: Eine Stadt, die unter dem Nicht-Wissen leidet, mag es kaum, wenn alte Wunden wieder geöffnet werden. Schon gar nicht von einer vermeintlich linken Journalistin, die der Stadt den Rücken gekehrt und sicherlich nur mit versiffter Agenda zurück ist. Dass sich irgendwann eine „Online-Kamapgne“ gegen die „Medienhure“ richtet, ihre „Adresse gepostet und süffisant zum Hausbesuch aufgefordert“ wird, ist da so zeitgemäß wie „close to home“. Allerdings sagt Toni zu ihrer besten Freundin Carla eben auch: „No risk, no news.“
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/e3e6e654-d5f8-4ff6-aa85-44f8b7788cb0 (Opens in a new window)Spannend sind in Am hellichten Tag – der Titel ist wohl nicht versehentlich an den grausigen Kult-Thriller Es geschah am hellichten Tag mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe angelehnt – nicht nur, die offene Frage, wer damals die drei Kinder entführte und ermordete und was der Herr Papa Papin wusste, sondern auch, wie Probst das Damals mit dem Heute verbindet. Wie er eine Pressekampagne gegen den Beschuldigten von vor fünfzig Jahren und eine Hetzkampagne der völkischen, neuen Rechten von heute (Opens in a new window) einander gegenüberstellt. Gerade in Zeiten von Fake News und Shit Storms, Künstlicher Intelligenz und Medienschelte ein smarter und fesselnder Move.
Dazu kommt ein wenig Stadt- und Wirtschafts(wunder)geschichte der Bonner Republik: Pirmasens erlebte dereinst einen außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstieg und in den Jahrzehnten danach einen kontinuierlichen Niedergang. Von der höchsten Millionärsdichte in den sechziger Jahren zu einer der am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands. Dass Peter Probst im Zuge seiner intensiven Recherchen „fast nur heiteren und aufgeschlossenen Menschen begegnet, Menschen, die Pirmasens trotz aller Probleme unverdrossen lieben“, wunderte den Ehemann Amelie Frieds beinah. Er vermutete zunächst, eher auf depressive Personen, die pessimistisch in die Zukunft blickten, zu treffen.

So begegnen wir im Roman einem recht besonderen, teils gestählten Menschenschlag, insbesondere was die weiblichen Figuren angeht (Opens in a new window). Und auch hier gilt wieder: Lügner*innen, Opportunisten und „ganz passable Menschen“ gibt es überall (Opens in a new window). Die Geschichte ist spannend, teils bitter ironisch, nicht selten bei allen düsteren Vorgängen doch von Licht geprägt. Ebenso ist zu begrüßen, dass Probst die wahren Hintergründe nicht nutzt, um einen reißerischen True-Crime-Thriller zu erzählen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/5eaee79b-9091-4a23-8748-3385807f02c2 (Opens in a new window)Der in die Geschichte, in der es auch um Trauer und neue Liebe geht, eingewebte aktuelle, fiktionale Kriminalfall fügt sich bestens und entwickelt sich organisch (Opens in a new window). Dass hier kein großer, verschwörerischer Bogen zum Fall von vor sechzig Jahren geschlagen wird, ist löblich. So haben wir es bei Am hellichten Tag nicht zuletzt mit einer Charakterstudie und einem kleinen Psychogramm zu tun. Seitenhiebe auf institutionalisierte Religion, die dann nunmal keine Privatsache mehr sein kann, wie auch ein gewisser Hang zu (gutem) Wein runden den Roman, der heute im Heyne Verlag erscheint, ab.
AS
PS: Die famose Großtante Marga Papin zum Tode ihres Neffen: „>>Das ist die falsche Reihenfolge.<< - >>Wie bitte?<< - >>Ich wäre vor ihm dran gewesen. Ich bin vierundneunzig. Und habe schon länger keine Lust mehr zu leben. Wann ist die Beerdigung?<<“
PPS: Wie hell kann es im Winter eigentlich gewesen sein? hust
PPPS: Da Peter Probst auch als Drehbuchautor tätig ist (u. a. div. Tatorte), würde es nicht wundern, wenn Am hellichten Tag eines nicht allzu fernen Tages als TV-Film/Zweiteiler auf dem Schirm erschiene.
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Opens in a new window) oder auf Facebook (Opens in a new window). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Opens in a new window), durch unseren Merch stöbert (Opens in a new window) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Eine Leseprobe findet ihr hier (Opens in a new window).
Peter Probst: Am hellichten Tag (Opens in a new window); Februar 2026; 336 Seiten; Paperback; ISBN: 978-3-453-27564-5 Heyne Verlag; 18,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/0de995e7-1a1a-4d4d-9040-d0be74b9e794 (Opens in a new window)