Werden unsere Kinder noch das Schwirren, Summen und Zirpen erleben, mit dem wir aufgewachsen sind?

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#98 #Insekten #Artenvielfalt #Naturschutz
Eine Ode an Insekten
Die berühmte Krefelder Studie stellte 2017 ein dramatisches Insektensterben fest. Konnten wir die Tiere seitdem schützen?

Als ich in den Himmel blickte, ließ ich für einen Moment eine unwahrscheinliche Hoffnung zu. Ich war im Schwarzwald campen und hatte es mir unter einer Linde bequem gemacht.
Hunderte Bienen schwirrten um die Baumkrone, aus der gelbe Blüten regneten. Weiter oben sah ich gegen das Licht der Nachmittagssonne zahllose schwarze Punkte. So viele Insekten!
Kurz freute ich mich über dieses Leben über mir. Doch dann kramte mein von Klimafakten geplagtes Hirn eine düstere Zahl hervor.
2017 erschien die berühmte Krefelder Studie (Opens in a new window). Entomolog*innen (also Menschen, die Insekten erforschen) hatten über 27 Jahre hinweg in deutschen Schutzgebieten Fluginsekten gefangen und gewogen.
Die Ergebnisse schreckten die breite Öffentlichkeit damals gehörig auf: Die Biomasse der Insekten war um mehr als 75 Prozent zurückgegangen – in so kurzer Zeit.

Das ist jetzt aber schon fast acht Jahre her. Das Insektensterben war damals groß in den Medien. Das Bewusstsein dafür stieg, Dinge wurden unternommen. In Bayern etwa unterschrieben 2019 fast zwei Millionen Menschen ein Volksbegehren, woraufhin ein neues, ambitioniertes Naturschutzgesetz verabschiedet wurde. Auch die Bundesregierung beschloss 2021 ein Insektenschutzpaket.
Als ich die vielen umherwirbelnden Punkte am Himmel beobachtete, fragte ich mich, ob es womöglich sein konnte, dass sich die Insektenbestände wieder erholen. Haben wir ausnahmsweise mal die Kurve gekriegt?
Wenn das Summen verstummt
Ich nahm meine unwahrscheinliche Hoffnung in die Hand und fing an zu lesen. Die Krefelder Studie war bei weitem nicht die einzige, die einen dramatischen Rückgang bei Insekten feststellte.
Eine Studie in den USA ergab etwa zur gleichen Zeit, dass die Anzahl von Käfern (Opens in a new window) innerhalb von 45 Jahren um 83 Prozent eingebrochen ist. Eine andere in Puerto Rico zeigte, dass die Biomasse von Gliederfüßern (Opens in a new window) (der Stamm, zu dem Insekten zählen) in einem noch kürzeren Zeitraum um bis zu 88 Prozent zurückgegangen ist.
2019 erschien dann ein erster globaler Bericht (Opens in a new window). Das schockierende Ergebnis: Die Biomasse von Insekten geht weltweit um 2,5 Prozent pro Jahr zurück. Das klingt vielleicht nach wenig, bedeutet aber, dass ein riesiger Teil der Insekten ohne eine Trendwende in wenigen Jahrzehnten verschwinden würde.

Der globale Bericht (Opens in a new window) identifiziert auch die Hauptreiber des Insektensterbens, allen voran die intensive Landwirtschaft. Pestizide, Kunstdünger (Opens in a new window) und immer größer werdende Felder – da bleibt nicht mehr viel Leben übrig.
Andere Treiber sind Städte und Straßen, die Lebensräume zerschneiden und mit Licht verschmutzen, außerdem Krankheiten, invasive Arten und natürlich: ein immer heißer werdendes Klima. Viele Arten aus gemäßigten Zonen kommen mit Hitze und Trockenheit nicht gut klar. Wenn sie es schaffen, wandern sie in kühlere Gebiete ab, hoch in die Berge zum Beispiel. Auf jedem Berg erreicht man aber irgendwann den Gipfel.
Eichenbock, Taubenschwänzchen und Schilfjäger
Laut Schätzungen (Opens in a new window) gibt es rund 5,5 Millionen Insekten-Arten, von denen gerade mal eine Million benannt wurde. Den Rest gilt es noch zu entdecken, wenn wir ihn nicht vorher verlieren. Bereits über 40 Prozent (Opens in a new window) aller Arten sind vom Aussterben bedroht.
Um welche Dimensionen es hier geht, kann man sich mithilfe einer Waage vorstellen. Würde man die Biomasse aller Gliederfüßer (Opens in a new window) (Insekten, Spinnen, Tausendfüßer, Krebse) in eine Waagschale legen und die Biomasse aller restlichen Tiere in die andere, wäre die Waage ungefähr im Gleichgewicht.

Es ist schwer zu überschätzen, wie wichtig Insekten für das Leben auf diesem Planeten sind. Sie dienen als Nahrung für andere Lebewesen, bestäuben Pflanzen und recyclen Nährstoffe. Fallen große Teile der Insekten weg, ist das so, als würde eine fiese Laufmasche das Nahrungsnetz immer weiter aufreißen. Die Populationen von Eidechsen, Fröschen (Opens in a new window), Vögeln (Opens in a new window) und anderen Lebewesen, die Insekten fressen, gehen zurück.
In den USA zum Beispiel sind seit den 1970er-Jahren knapp drei Milliarden Vögel (Opens in a new window) verschwunden. Eine Studie von 2021 (Opens in a new window) zeigt, dass der Rückgang vor allem Vögel betrifft, die auf Insekten als Nahrung angewiesen sind (andere Vogelarten haben sich sogar leicht vermehrt).
Natürlich sind Insekten auch für sich genommen schützenswert. Nicht zuletzt, weil sie schöne Namen haben und cool aussehen – schau Dir mal Cerambyx cerdo an (den Großen Eichenbock):
(Opens in a new window)Oder das Macroglossum stellatarum (das Taubenschwänzchen):
(Opens in a new window)Oder den Brachytron pratense (den Frühen Schilfjäger):
(Opens in a new window)Einige Studien fanden heraus (Opens in a new window), dass Insekten Empfindungen haben – und größere kognitive Fähigkeiten, als bislang gedacht. Manche Forscher*innen sprechen sogar von Intelligenz und Bewusstsein.
Hummeln zum Beispiel lernen, komplexe Aufgaben zu lösen, indem sie andere Hummeln beobachten. Oder sie spielen aus Spaß mit Bällen. In anderen Experimenten wurde festgestellt, dass manche Insekten gerne Nikotin, Koffein oder Alkohol konsumieren.
Empfindsame, ästhetische Wesen, die Pflanzen bestäuben und für das Nahrungsnetz unentbehrlich sind – die zu verlieren, können wir uns wirklich nicht leisten. Was hat sich seit der Krefelder Studie von 2017 also getan?
Ein Drittel weniger Schmetterlinge in einem Jahr
Ich frage nach, bei Martin Wiemers vom Deutschen Entomologischen Institut (SDEI). Er erforscht Insekten seit über 30 Jahren. „Viele Leute denken: Das Insektensterben war 2017 doch groß in den Medien, dagegen wurde sicher längst etwas unternommen“, sagt er. „Aber nein, so ist es eben leider nicht.“
„Im Gegenteil“, sagt Wiemers. „In den letzten Jahren wurden einige Verbesserungen sogar zurückgefahren.“ So seien etwa EU-weite Vorgaben zu Brachflächen, also ungenutzten Ackerflächen, gelockert worden (Opens in a new window).
Zudem haben sich Prioritäten weiter verschoben: Es werde wieder viel ins Militär investiert, das Verbandsklagerecht (Opens in a new window) für Infrastrukturvorhaben soll abgeschafft werden, kurzfristige Gewinne stehen im Vordergrund.
2024 erschien ein Paper (Opens in a new window), für das Forscher*innen deutsche Schutzgebiete untersuchten – eine Fortführung der Messungen der Krefelder Studie. Das Ergebnis: Die Biomasse der Fluginsekten blieb insgesamt niedrig, also keine Erholung.
Stark bedroht sind unter anderem Schmetterlinge. Beim Big Butterfly Count (Opens in a new window) in Großbritannien wurden im vergangenen Jahr 935.000 Schmetterlinge gezählt – im Vorjahr waren es noch über 1,5 Millionen. Auch europaweit geht die Zahl von Schmetterlingen in den letzten Jahren zurück. Das ist auch deshalb beunruhigend, weil Schmetterlinge ein guter Indikator für die Situation anderer Insekten sind.
Plantagen bis zum Horizont
Insgesamt werde sich das Insektensterben durch die Klimakrise noch verschlimmern, sagt Wiemers. „Für mich ist das ein großer Verlust, weil ich den Reichtum der Natur persönlich als unheimlich wertvoll erlebe.“
„Ich kenne auch die tropischen Regenwälder“, sagt er. Dort gehe gerade am meisten verloren. Besonders schlimm sei es zum Beispiel in Indonesien.
„Da stehen Ölpalmplantagen bis zum Horizont, da lebt quasi nichts mehr. Und wir wissen noch nicht einmal, was wir dort verlieren. Es verschwinden Arten, die noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat.“
(Opens in a new window)Lösungen und Lobbymacht
Genau wie bei anderen planetaren Krisen bedarf es radikaler Lösungen, um das Insektensterben zu stoppen und rückgängig zu machen. Es braucht eine Kehrtwende in unserer Lebensweise: in der Art, wie wir Lebensmittel produzieren, wie wir von A nach B kommen, wie wir wohnen und unsere Städte gestalten.
Zu den drängendsten Schritten gehört auch, Schutzgebiete zu verbessern, zu vergrößern und besser miteinander zu vernetzen. Das erhöht die Chancen dramatisch, dass Insekten Zufluchtsorte finden und die Populationen überleben.
In Deutschland gibt es da noch viel Potenzial nach oben: In einer Nature-Studie (Opens in a new window) stellten Entomolog*innen fest, dass Insektenproben in deutschen Schutzgebieten im Schnitt mit 17 Pestiziden belastet sind.
Je mehr landwirtschaftliche Fläche rund um das Schutzgebiet, desto mehr Pestizide. Die Autor*innen schlagen darum vor, große Pufferzonen einzurichten, in denen der Einsatz von Pestiziden drastisch reduziert wird.
(Opens in a new window)Was müsste noch passieren? Ich frage bei Insektenforscher Roland Mühlethaler vom NABU nach, der an der Nature-Studie beteiligt war. „Im Grunde bräuchten wir eine Landwirtschaft, wie sie mal vor hundert Jahren war“, sagt er. Also kleinere Äcker, kleinere Maschinen, keine Pestizide.
Auch bei den Äckern selbst kann man viel machen. Je mehr Strukturen eine Fläche aufweist, desto mehr biologische Diversität gibt es. Konkret heißt das zum Beispiel: mehr Blühstreifen und mehr Insektenwälle (also kleine Erdhügel, die den Tieren als Rückzugsort dienen).
Diese dringend benötigten Maßnahmen scheitern bislang auch an der Macht der Agrar- und Chemie-Lobby. BASF, Bayer und Co. haben eben kein Interesse daran, dass weniger gespritzt wird.
Lichtblicke am Wasser
Trotz der düsteren Situation sei er optimistisch gestimmt, sagt Mühlethaler. „Die Natur kann sich schnell erholen, wenn man sie lässt.“ Nach der Sandoz-Katastrophe, einem Chemie-Unfall in Basel 1986, sei der Rhein unterhalb der Stadt quasi tot gewesen. Man habe gedacht, es würde Jahrzehnte dauern, bis es dort wieder Leben gibt. Aber es sei überraschend bald zurückgekehrt.
Gerade Insekten haben das Potenzial, sich schnell zu erholen, weil sie sich in so kurzen Abständen fortpflanzen, sagt Mühlethaler. „Jede noch so kleine Maßnahme hilft.“
Das kann man gerade vor allem an Seen, Bächen und Flüssen beobachten: Die EU hat in den letzten Jahrzehnten viel unternommen (Opens in a new window), um die Güte von Gewässern zu verbessern – davon profitieren auch die dort lebenden Insekten. Die Wasserrahmenrichtlinie zum Beispiel gibt den Mitgliedsstaaten vor, alle Flüsse, Seen, Grundwasser und Küstengewässer bis spätestens 2027 in einen „guten Zustand“ zu bringen.
In Deutschland ist die Konzentration von Stickstoff und Phosphor (Opens in a new window) in den Flüssen und Bächen dank Ausbau von Kläranlagen bereits stark zurückgegangen. Über 96 Prozent (Opens in a new window) der Badegewässer haben einen ausgezeichneten oder guten Zustand. Flüsse und Auen (Opens in a new window) werden renaturiert.
Es muss noch viel mehr passieren, damit die Insekten, die dort leben, sich ausreichend erholen können. Aber die Richtung stimmt, das zeigen auch weltweite Daten: Laut einer globalen Meta-Analyse (Opens in a new window) steigt das Vorkommen von Süßwasser-Insekten im Schnitt um elf Prozent pro Jahrzehnt an.
Immerhin eine Zahl, über die sich mein von Klimafakten geplagtes Hirn freuen kann, wenn ich das nächste Mal in einen See springe.
Danke, dass Du diese nicht gerade erfreuliche Ausgabe bis zum Ende gelesen hast. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich blicke nach dem Schreiben dieses Textes mit neuen Augen auf Insekten – und habe mir vorgenommen, diese Wertschätzung weiterzutragen.
Für jede Ausgabe stecken wir viel Zeit und Herzblut ins Recherchieren, Schreiben, Redigieren, Layouten. Wir freuen uns riesig, wenn Du unsere Arbeit unterstützen kannst, damit dieser Newsletter für alle frei zugänglich bleibt. Vielen Dank!
Unser Klimasong dieses Mal ist ein 55 Jahre alter Klassiker von Cat Stevens: Where do the children play? (Opens in a new window)
Well you roll on roads over fresh green grass
For your lorry loads pumping petrol gas
And you make them long, and you make them tough
But they just go on and on, and it seems you can't get off
Oh, I know we've come a long way
We're changing day to day
But tell me, where do the children play?
Die nächste Ausgabe – die letzte vor unserer Sommerpause – bekommst Du am 26. Juli.
Herzliche Grüße
Manuel
PS: In der aktuellen Folge vom Pod der guten Hoffnung ist Micha Fritz zu Gast. Er ist Gründer von Viva con Agua und setzt sich mit Freude und Leichtigkeit dafür ein, dass alle Menschen einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Hier geht’s zur Folge auf Spotify (Opens in a new window). Alternativ suche einfach im Podcast-Player deiner Wahl nach „Pod der guten Hoffnung“.
PPS: Eine unserer Ausgaben wurde mal wieder von unseren wunderbaren Freund*innen von nachhaltig.kritisch aufgegriffen. Schaut euch hier den illustrierten Post über Kipppunkte (Opens in a new window) auf Instagram an.
(Opens in a new window)👨🏻🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg
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