Klimakrise. Was Metapher war, wird buchstäblich: Wir haben ein Monster geschaffen, das sich gegen uns wendet.
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Wahrscheinlich kennt jeder und jede von Ihnen die Frankensteingeschichte. Sie gehört zu jener Art von überzeitlichem Kulturgut, das allgemein bekannt ist: Mary Shelleys Gruselroman, eine frühe Form der Science Fiction, in der ein ehrgeiziger Wissenschaftler aus Leichenteilen eine Kreatur schafft und durch Elektrizität zum Leben erweckt. Die Kreatur – sein Produkt – wendet sich dann gegen den Wissenschaftler und die Welt. Die Geschichte ist nicht nur unterhaltsames Gruseln, sondern eine Allegorie auf menschlichen Hochmut, Habgier und Unersättlichkeit, ein schlaues Gleichnis, eine moderne Prometheus-Geschichte. Der Mensch schafft seine Welt, aber er schafft damit auch etwas, was ihm danach feindlich gegenübertritt, und er schafft eine Macht, der er nicht mehr Herr werden kann. Das ist der Kern dieser Story, die die geniale Mary Shelley zu einer scheinbar amüsanten Populärerzählung verwandelt hat. Ein faustischer Pakt, bei dem der Mensch seine Zukunft verkauft, für kurzfristige Erfolge, Ruhm, Reichtum, was auch immer.
Es ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass das Frankenstein-Motiv, das im 19. Jahrhundert extrem populär war, auch den jungen Karl Marx beeinflusst habe, sei es nicht direkt, dann jedenfalls indirekt. Der moderne Kapitalismus hat sich auf die neuesten Technologien gestützt, er hat unermessliche Reichtümer geschaffen, und er, der Kapitalismus selbst, kam natürlich nicht über die Menschen, als hätten ihn Außerirdische auf der Welt ausgesetzt. Die Menschen haben ihn selbst geschaffen: Techniker, Ingenieure, Kapitalisten, Investoren, Finanzjongleure, aber auch die Handwerker, Arbeiter und die Konsumenten, die die Waren, die er produzierte, nachfragten. Der Kapitalismus etabliert Zwänge, aber er hat auch seine verlockende Seite, in den glitzernden Palästen der Konsumtempel legte er seine Köder aus. Er zwang noch die Elendsten in sein Arbeitsregime und Kommando und den Zwang, den die Not gebiert („wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“), aber er hat natürlich auch seine großartigen Seiten: der technologische und wirtschaftliche Fortschritt verwandelte Elendsquartiere in Wohnblocks mit Elektrizität, Heizung, sanitären Anlagen, und wo einst Kaiser nur langsam zu Pferde vorankamen, fuhr hundert Jahre später die Arbeiterklasse mit ihren ersten Mopeds und dann ihren Autos herum. Was für ein Fortschritt! Was für ein Gewinn auch an Lebensqualität!
Wir sind der Besitz der Maschine
Bald lebten Arbeiter besser als Könige ein paar Jahrzehnte vorher. Aber die Industriegesellschaft war immer auch ein Verhängnis, denn für die Verführungen war ein Preis zu bezahlen: Das Leben musste sich an den Takt halten, den Maschine und Fabriken bestimmten, die neuesten Technologien wurden nicht nur von Menschen erschaffen, sondern wirkten wiederum auf die Menschen zurück. Charlie Chaplin setzte dem in „Modern Times“ ein Denkmal, in Form des lustigen Fließbandmenschen, der sich selbst zum Zahnrad in der Maschine verwandelt. Und wenn wir uns ehrlich sind und uns ansehen, was die moderne digitale Welt mit uns macht, wie nicht nur wir ein Smartphone haben, sondern eigentlich das Smartphone uns hat, dann dürfen wir schon die Frage stellen: Sind wir nicht noch sehr viel lächerlicher als Chaplins Fließbandarbeiter, die kaum eine andere Wahl hatten, als die groteskesten Verrenkungen zu begehen? Besitzen wir das Smartphone, oder verfügt es nicht längst ebenso sehr über uns?
Chaplins Filmfigur wurde noch von grimmigen Vorarbeitern in seine Unterdrückung gezwungen, wir aber machen freiwillig mit. Noch im Kampf gegen diese „Entfremdung“ kann man die Spuren der Entfremdung erkennen, etwa bei den gesellschaftskritischen Influencern auf Instagram, die ihre Gesellschaftskritik in eine Ware verwandeln und sich selbst auch und denen man ansieht, mit wie viel Verbissenheit sie daran arbeiten, Fans und Anhänger zu gewinnen, weil nur diese ihnen Aufmerksamkeit versprechen und im besten Fall sogar eine Status als Star. In einer Welt, in der alles zur Ware wird, wird die Information zu Ware und Infotainment, die Kultur zur Ware und selbst die Kritik der Warengesellschaft zur Ware.
Was wir schaffen, wendet sich feindlich gegen uns
Dieses Startum lässt sich dann auch bestens in ökonomischen Erfolg verwandeln. Selbst die Kritik am Kapitalismus kann noch zum Geschäftsmodell im Kapitalismus verkommen – und ist angewiesen auf die Portale der Techmultis und Techfaschisten, die die schlimmsten Monopole der Weltgeschichte geschaffen haben. Wäre es nicht so fürchterlich, es wäre eine herrlich amüsante Geschichte. Man betrachte die Influencerinnen und Gesellschaftskritiker auf Instagram einmal aus diesem Blickwinkel: Wie sie sich durch immer radikalere Takes einen Aufmerksamkeitsvorteil gegenüber anderen Influencern und Gesellschaftskritikerinnen verzweifelt zu verschaffen suchen. Sofort enthüllt sich die gesamte Lächerlichkeit dieses marktförmigen, neoliberalen Einzel- und Ego-Aktivismus.
Genau das hat Karl Marx beschrieben, wie sich die Welt, die der Mensch schafft, gegen den Menschen wendet. Die Menschen werden von ihrer eigenen Schöpfung vernutzt, konsumiert, eingesaugt und ausgespieen und verbrannt. Dass man sich „ausgebrannt“ fühlt, geht einem heute ganz leicht von den Lippen, das „Burn Out“ ist eine moderne Zivilisationskrankheit und zugleich eine Metapher, und anders als die Diagnose Depression trägt man die Diagnose „Burn Out“ fast wie ein Verwundetenkennzeichen, einen Versehrtenorden: Versehrt im täglichen Kampf, zu dem unser Leben geworden ist. Das Verbrennen, das Ausbrennen als Metapher. Dieses Ausbrennen kann, romantisch gewendet, sogar als Form der Intensität gefeiert werden, wie in der ikonischen Textzeile von Neil Young: “It's better to burn out than to fade away.”
Der Mensch verbrennt. Was Metapher war, wird buchstäblich.
Dass der Mensch von seiner eigenen Schöpfung „verbrannt“ wird, hat in diesen Tagen natürlich noch einen ganz eigenen Beiklang. Was bisher Metapher war, wird buchstäblich. Wir lebten auf Kosten der Welt, fressen Ressourcen, holen das Öl und das Gas aus den Boden, zerstören unsere eigene Atmosphäre. Was unser Leben bequemer macht, und den Reichtum und das Vermögen der Wenigen begründet, zerstört am Ende das Leben aller. Was den Output und die Wirtschaft und den Wohlstand wachsen hätte lassen sollen, zerstört diesen dann auch wieder, als wäre es die Rache des Planeten an unserer Wirtschaftsweise. Die Autobahnen, die in der Hitze aufweichen und zerbröseln und unbefahrbar werden sind gewissermaßen die grotesken Sinnbilder eines Planeten, der sich gegen seinen Raubbau stemmt. Wir sitzen in Häusern und Wohnungen, die nach zehn Tagen an Hitzewellen kaum mehr überlebbar sind, aber wir können sie auch nicht mehr verlassen, wenn wir nicht ein Auto besitzen, das eine Klimaanlage hat. Man müsste sich an die schattigen Badeplätze außerhalb der aufgeheizten Städte flüchten, in Sicherheit bringen, aber das ist ohne Auto dann fast nicht mehr möglich. Aufs Fahrrad steigen, das geht vielleicht noch bis 34 Grad. Und zu Fuß bis zum Zug, das muss man auch erst einmal schaffen, ohne zu verglühen.
Wir alle wissen, dass das erst der Anfang ist. Nicht nur die nächste Hitzewelle steht vor der Tür. In fünf, sechs Jahren kann es zehn Tage hintereinander über vierzig Grad haben. Und auch das wird erst der Anfang sein. Noch immer kann man den Kopf in den Sand stecken und sich beruhigen, dass man, komme es ganz hart, eben die Wohnungen mit Klimageräten kühlen muss. Das Ausgehverhalten kann man schließlich ja auch anpassen, etwa indem man sich in gekühlten Shopping- und Erlebnis-Malls aufhält. Was ignoriert und verdrängt wird: Schon jetzt ist die Wasserversorgung in den Metropolen angespannt, in wenigen Jahren kann sie zusammenbrechen. Was dann? Und was dann, wenn die Dürre die Nahrungsmittelversorgung prekär macht? Schon jetzt geht ein Teil der gestiegenen Inflationsraten auf Nahrungsmittelknappheit und damit verbundenen Preissteigerungen zurück.
Karl Marx, den manche für kompliziert halten, andere für veraltet, hat darüber auf letztlich gar nicht so komplizierte Weise geschrieben, etwa wenn er im 47. Kapitel des 3. Bandes von „Das Kapital“ vom „unheilbaren Riss“ im Stoffwechsel von Natur und Gesellschaft schrieb. Die Entfesselung der Produktion schlägt um in die Zerstörung von Reichtum, weil sie die Lebensgrundlagen zerstört. Kompliziert? Veraltet? Nein, gar nicht. Es ist unsere Gegenwart.
Das ist unsere Frankenstein-Geschichte. Und sie ist kein schauriges Gruselmärchen, kein unterhaltsames Buch, das wir lesen und dann beiseitelegen können. Sie ist die Existenzform, in der wir jetzt drinnen stecken. Es ist das Monster, das wir geschaffen haben, das sich jetzt gegen uns wendet.
(eine Kurzform dieses Textes erschien auf Zackzack.at)