Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst, der Newsletter für Menschen, die mehr wollen, als nur funktionieren. Heute: Eine Methode gegen nächtliches Grübeln.

Hi!
Ich gehöre zu den Menschen, die sich ziemlich viele Sorgen machen. Neulich schrieb ich hier (Opens in a new window)im Newsletter über eine Methode, die mir sehr hilft, mein Sorgen-Gehirn abzuschalten: Es ging um den Unterschied zwischen zwei Arten von Neugier. Viele von euch haben sich danach bei mir gemeldet – und wollten dringend mehr darüber wissen, wie man diese Methode im Alltag nutzen kann.
Super Frage! Darum geht es also heute sehr konkret.
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Klären wir erst noch einmal kurz, was die beiden Formen von Neugier ausmacht.
Du liegst nachts wach und grübelst darüber, ob du zu alt für einen Jobwechsel bist. Das ist eine sehr unangenehme Form von Neugier: Sie fühlt sich wie ein Zwang an. Du musst jetzt eine Antwort finden, sonst kannst du nicht schlafen. Der Fachbegriff dafür lautet D-Neugier – von „Deprivation“, also Mangel.
I-Neugier ist, wenn man sich dem gleichen Problem mit Interesse statt Angst zuwendet. Was machen eigentlich Menschen richtig, die so einen Jobwechsel auch mit 60 noch gut hinkriegen?
Beides sind Wege, mit Problemen umzugehen. Aber I-Neugier ist viel konstruktiver und positiver. Sie kann aus einem quälenden Dilemma eine interessante Frage machen.
Die gute Nachricht lautet: I-Neugier lässt sich trainieren. Bevor wir dahin kommen, wie das geht, sollten wir aber eine Sache klären, die I-Neugier im Weg steht:
I-Neugier macht Probleme nicht kleiner – aber lösbarer
Viele von uns halten D-Neugier – die angespannte, zielgerichtete Variante – für die richtige, die erwachsene Form des Nachdenkens. Und I-Neugier – die verspielte, offene Version – für kindlich, ergo naiv oder sogar verharmlosend. Ist es unangemessen, ernsten Problemen wie künstlicher Intelligenz, dem Klimawandel oder dem eigenen körperlichen Verfall neugierig zu begegnen?
Die kurze Antwort: Nein. Tatsächlich verwechseln wir oft Ernsthaftigkeit mit Schwere. Wir glauben, über ein schwieriges Problem nachzudenken, müsse sich angespannt anfühlen. Wer ruhig bleibt, gilt schnell als distanziert, wer gelassen auf ein Problem schaut, erfasst es nicht wirklich.
Dabei ist eigentlich das Gegenteil wahr. Denn gerade diese vermeintlich ernsthafte Schwere ist ziemlich schlecht für klares Denken.
Der Psychiater und Suchtexperte Judson Brewer hat mir in einem Interview (Opens in a new window) einmal erklärt, dass bei Stress oder Angst der präfrontale Kortex im Gehirn abschaltet, der für Denken und Planen wichtig ist. Starke Emotionen versetzen das Gehirn in eine Art defensiven Modus. Unser Körper mobilisiert Energie, um zu reagieren, nicht um zu erkunden. In diesem Zustand fällt es Menschen schwer, neugierig zu bleiben, zu lernen oder kreative Lösungen zu finden.
Das ist nicht verkehrt, wenn man gerade dringend ein konkretes Problem lösen will. Wenn das Haus brennt, ist dies kein guter Moment, um über die chemische Zusammensetzung von Rauch nachzudenken.
Nur: Die meisten unserer Sorgen brennen nicht – sie glimmen. Wir behandeln sie aber, als müssten wir sie sofort löschen. Wenn ich mir nachts etwa Gedanken darüber mache, warum mein Partner heute so abweisend war, wird die Situation nicht besser. Stattdessen könnte ich die Richtung meines Nachdenkens ändern – einen Schritt zurücktreten und mich fragen, welche Muster in unserer Kommunikation mir auffallen.
I-Neugier ist also keine Schönfärberei oder Flucht vor der Realität. Im Gegenteil: Sie ist ein Werkzeug, das uns hilft, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn wir gestresst oder ängstlich sind. Statt „Ach, wird schon nicht so schlimm sein“ sagt sie: „Hey, lass uns mal genauer hinschauen.“
Okay, und wie geht das konkret?
So kannst du I-Neugier trainieren:
1. Spüren, in welchem Modus du bist
Das geht erstaunlich einfach. Denn I-Neugier und D-Neugier fühlen sich im Körper unterschiedlich an. Nehmen wir das Gefühl, wenn auf dem Handy eine Nachricht deiner Partnerin oder deines Partners erscheint: „Können wir reden?“
D-Neugier zieht dich körperlich zusammen, vielleicht atmest du flacher, vielleicht wird deine Brust eng. Du fragst dich: „Was habe ich falsch gemacht?“
I-Neugier bleibt offen: „Ok, da scheint was wichtig zu sein.“
Noch einfacher: I-Neugier fühlt sich angenehm an. D-Neugier unangenehm.
2. Die Lücke bewusst offen lassen
Der erste Reflex bei unangenehmer Neugier ist, eine Wissenslücke so schnell wie möglich zu beseitigen. Wir wollen die Nachricht lesen, das Rätsel lösen, das Wissen haben. Also Handy raus und googeln oder die KI befragen. Doch genau hier liegt der Übungspunkt: den Impuls nicht sofort zu bedienen, sondern das Nichtwissen einen Moment lang stehenzulassen. Wie fühlt sich das an? Vielleicht ist es gar nicht so schlimm? Auf was für Ideen kommt das Gehirn, wenn man es nicht sofort mit Informationen füttert?
Diese Verschiebung – vom Suchen zum Beobachten – öffnet den Raum für I-Neugier. „Jedes Mal, wenn Sie neugierig statt ängstlich sind, trainieren Sie Ihr Gehirn darauf, Belohnung im Prozess zu finden, nicht nur im Ergebnis“, sagt Judson Brewer.