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Am meisten fehlt ihr Lachen

Wenn Depression unsichtbar ist

Der Tod meiner Mutter ist eine Wunde,

die, obwohl schon fast 10 Jahre her, nur quälend langsam heilt

Das liegt vor allem daran, dass ich so lange von mir selbst und meinen Gefühlen abgeschnitten war

und erst jetzt anfange, diese Trauer so richtig aufzuarbeiten

 

Wohin es mich in letzter Zeit gedanklich oft zieht, ist ihre Beerdigung

Ich bin kein großer Freund der Kirche als Institution

Aber ich bin christlich erzogen worden

Und ein Teil von mir sehnt sich immer wieder nach

Zeremonien, Ritualen, Halt, Orientierung und Trost

Deswegen haben Gottesdienste immer noch einen gewissen Reiz

 

Die Andacht meiner Mutter fand ich… enttäuschend

Es hat mir wenig Halt und Trost gegeben

Wenig Abschluss, Gedenken oder Versöhnung mit dem Abschied

Vor allem aber, weil es MEINEM Bild von ihr nicht gerecht geworden ist

 

Darum soll es mir heute gehen

Ich glaube es ist gut, dass ich keine Mitsprache hatte

Abgesehen davon, dass ich emotional überhaupt nicht in der Lage gewesen wäre

Denn wenn ich an meine Mutter denke,

dann ist der erste Satz, der mir einfällt, der, den sie über ihren eigenen Tod gesagt hat:

 

„Wenn sie mich später in die Kiste legen,

müssen sie meine Klappe extra totschlagen“

 

Meine Mutter war Energie,

laut und schnell,

Ein Mensch, der viel geredet hat

und dem man gerne zugehört hat

Sie hätte nicht gewollt, dass wir traurig sind

Sie hätte gewollt, dass wir uns freuen, weil sie da war

Sie hat Geschichten erzählt,

hat unterhalten,

hat Spaß gemacht

Sie war froh,

hat gelacht

Sie hat dafür gesorgt, dass Menschen sich um sie herum wohlfühlen

Und ihre Sorgen vergessen konnte

 

Während sie selbst oft an ihren eigenen zerbrochen ist

Wir stellen uns Depression immer noch als Lethargie, Handlungsunfähigkeit und Niedergeschlagenheit vor

Dabei ist Depression ganz oft das genaue Gegenteil

Wir haben als Kinder oft nicht gemerkt

Welche Schatten sie in sich getragen hat

Warum das Heitere, Aufgedrehte, Energetische

Immer wieder von einer unvorstellbaren Schwere durchbrochen wurde, die aus dem Nichts kam

Und die aber niemand sonst sehen durfte

Bis zum bitteren Ende waren es nur die Engsten,

die wussten, was hinter dem Lachen war

Und oft nicht mal die…

 

Zugleich ist das etwas, das sie mir vermacht hat

Unwillentlich

Zum Guten wie zum Schlechten

Ich bin stolz darauf, Menschen zum Lachen bringen zu können

Sie mit meinen Geschichten und Anekdoten zu unterhalten

Sie mitreißen und begeistern zu können

Aber ganz oft mache ich das nur, um davon abzulenken, wie es mir wirklich geht

Denn Gott bewahre, wenn ich irgendjemanden mit mir in die Tiefe ziehe

Auch ich tue das nicht bewusst

Ich kann nicht anders

Wenn es mir schon nicht gut geh

Dann können sich wenigsten die Menschen in meiner Gegenwart gut fühlen

„So versuche ich Menschen zu einem Schatz zu führen, den ich nicht für mich selbst besitzen kann“

 

Und so fehlt mir von einem Menschen

Der so viel Schmerz und Trauer in sich hatte

Am Ende am meisten

Ihr Lachen

 

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Als ich das erste Mal wegen meiner Depression krankgeschrieben war

Haben ganz viele Menschen immer und immer wieder zu mir gesagt

„Das sieht man dir gar nicht an“

Richtig

Und genau das tut nur noch weh

Das heißt, selbst wenn ich versuche, um Hilfe zu schreien

Werde ich nicht gehört

Weil ich so sehr gelernt habe, mir nichts anmerken zu lassen

Dass ich es nicht mal kann, wenn ich will

 

Die Depression meiner eigenen Mutter hat dazu einen wichtigen Baustein geliefert

Nach außen war sie immer heiter, freudig, lebendig

Dafür brauchte sie hinter verschlossenen Türen oft Hilfe

Eine Hilfe, die ein Kind in meinem Alter nicht geben konnte

Und es trotzdem immer versucht hat

Wenn sie nicht mehr lachen, reden, sich freuen konnte

Dann musste jemand das für sie tun

Also habe ich das getan

Und tue das irgendwie bis heute

 

Dazu kommt die vollkommene Unberechenbarkeit

Ich wusste nie, wann ich wieder gebraucht werde

Also musste ich immer in Bereitschaft sein

Immer auf Alarm

Damit ich nicht versagen konnte, wenn ich wieder gebraucht wurde

Und diesen Alarm lerne ich jetzt erst mit 38 Jahren endlich langsam abzuschalten

Denn ich merke zu sehr, dass ich nach außen gut gelaunt, unterhaltsam und energetisch bin

Und dann Zuhause aufgefangen werden muss

Nicht von meiner Tochter,

aber von meiner Partnerin,

die es nicht verdient hat, meine Last so mitzutragen,

nur weil ich nach außen stark wirken will

 

Deswegen ist ein großer Teil meiner Heilung

Die Depression nicht mehr zu verbergen

Sie zu zeigen

Sie zu artikulieren

Und klar zu sagen: ich kann nicht mehr

Damit ich nicht über meine Kapazitäten performe

Für das klatschende Publikum

Während meine Liebsten darunter leiden

 

Und ich nicht auch auf ein frühes Ende zugehe

Nach dem die Menschen sagen

„Aber er war doch immer so fröhlich“