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Grieg und Frieden


Es gibt da ein YouTube Video des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki (Opens in a new window).

Wir sind in der alten Oper in Frankfurt. Das hr-Symphonieorchester sitzt mit ihm auf der Bühne. Auf dem Steinway-Konzertflügel liegt ein Blumenstrauß, vermutlich spielt er das Stück als Zugabe.

Er fängt an zu spielen. Es ist die Arietta von Edward Grieg, das erste Stück aus Griegs erstem Band der "Lyrischen Stücke" (Op. 12).

Und bevor du weiterliest: Bitte schau dir kurz das Video an (Opens in a new window). Oder hör das Stück auf Spotify (Opens in a new window) (zum Beispiel gespielt von Christopher Ferreira). Dauert nur rund 2:00 Minuten.

Fertig?

Wahnsinn, oder?

Und: Klingt doch gar nicht so schwierig?

Tatsächlich: Ist es für Profi-Pianist*innen natürlich auch nicht.

Aber wenn man als Anfänger*in (ich spiele selbst erst seit ein paar Jahren Klavier) das Stück das erste Mal vor der Nase hat, dann merkt man sehr schnell: Das ist ganz und gar nicht easy.

Denn unter der simplen Melodie verbirgt sich ganz schön viel Komplexität.

Zunächst mal: Das Stück ist in Eb-Dur.

Deswegen ergibt es Sinn, dass der erste Ton in der linken Hand (im Bass) auch ein Eb ist. Ist oft so in der Musik.

Aber es gibt neben den einfachen Bassnoten in dem kurzen Stück noch zwei andere Ebenen:

  • Das ist oben die Melodie. Die übernimmt die rechte Hand.

  • Und dann fließen so ganz leichtfüßig ein paar Noten quer durch. Die hört man ganz subtil in den Aufnahmen.
    Das ist die mittlere Ebene. Und diese Noten teilen sich auf beide Hände auf.

Für Nicht-Pianist*innen: Das bedeutet dann, dass man zum Beispiel mit rechts einen lauten Melodieton mit dem kleinen Finger, einen anderen aus diesem Mittel-Dings gleichzeitig mit dem Daumen der gleichen Hand spielen muss. Aber eben viel sanfter, leiser.

Und das ist die Schwierigkeit des Stücks:

  • Drei Ebenen

  • zwei Hände

  • Man muss alles gleichzeitig im Blick haben

  • Und alles soll am Ende lyrisch, sanft und ganz leicht klingen

Wer noch ein bisschen Musik hören möchte: Ähnlich ist das bei Robert Schumanns “Vom fremden Ländern und Menschen”, das zum Beispiel die Pianistin Martha Argerich manchmal als Zugabe spielt, etwa in diesem Video in Berlin (Opens in a new window).


Ich liebe beide Stücke. Und sie berühren mich auch deutlich mehr als 30 Minuten brutalo-virtuoses Klavierkonzert.

Weil für mich ist das die ultimative künstlerische Leistung:

Etwas komplexes einfach klingen zu lassen.



Edward Grieg hat die Arietta an den Anfang seiner „Lyrischen Stücke“ gesetzt. Das war 1867. Es sollten insgesamt zehn Bände werden, 66 Stücke.

1901 schreibt Grieg dann sein letztes lyrisches Stück. Es heißt „Efterklang" oder auf Deutsch Nachklang. Wer es hört, erkennt sofort die Melodie: Es ist die Arietta. Dieselben Töne, nur in einen Walzer übersetzt.

Grieg hat sein Lebenswerk mit derselben kleinen Melodie eingerahmt. Das Einfache, was er mit Anfang 20 geschrieben hat, war das, wohin er am Ende zurückkam.

Wir machen ja meistens das Umgekehrte: Wir fangen easy an, und dann wird’s immer komplizierter.

Wir halten das Einfache für die Anfängerstufe. Für das, was man hinter sich bringt, bevor das schwere Repertoire beginnt.

Grieg legt das Gegenteil nahe: Das Einfache ist nicht der Anfang des Weges, sondern sein Ende und der Weg überhaupt. Was ich damit meine: Es ist völlig ok, wenn wir im Leben und im Job, als Menschen oder Founder immer komplexer denken wollen.

Doch letztlich ist meine Erkenntnis: Das Einfache zu perfektionieren ist oft stärker als ständig komplexer zu denken.

Das bedeutet aber nicht weniger Arbeit. Im Gegenteil: Hinter der Leichtigkeit von Lisiecki oder Argerich stecken Stunden, Monate, Jahre (bei Martha Argerich Jahrzehnte)voll mit Spielen, Konzertieren und vor allem: Üben, Üben, Üben.

Beide könnten ans Ende ihrer Konzerte mühelos die wildesten Show-off-Stücke setzen. Tun sie aber nicht.

Als Letztes, als Zugabe und Höhepunkt, wählen sie das Einfache.

Der mittlerweile leider verstorbene Pianist Vladimir Horowitz hat das wie kaum ein anderer zelebriert. 1986, bei einem legendären Konzert in Moskau, spielte er eine seiner Lieblings-Zugaben. Und zwar Robert Schumanns „Träumerei" (gibt glücklicherweise ein Video davon (Opens in a new window)). Auch ein Stück, das technisch gar nicht so schwer ist (und aus dem gleichen Band wie das von Argerich gespielte stammt) …. und doch eine ganze Welt an Komplexität trägt. Bei 1:30 im Video kann man sehen: Einem Mann im Publikum kommen sogar die Tränen. Mich haut die Horowitz-Version auch richtig um.

Und vielleicht ist das die schönste Form des Könnens oder Expert*in-Werdens: Am Ende nicht nach Komplexität zu streben, sondern das Einfache zu perfektionieren.

Ich hab Martha Argerich leider erst einmal live gesehen: Aber das Einfache war am Ende das, was mich am meisten bewegt hat.

Keep it simple.
Aber auch das erfordert Übung, Demut und viele Jahre Erfahrung.

In der Einfachheit liegt oft mehr Komplexität, als wir denken. Doch sie hat viel zu bieten.

Bis nächste Woche

Max