Autismus und ADHS: Warum die Biologie unserer Diagnosen weit voraus ist

Eine neue Studie des Child Mind Institute (Segura et al., 2025, Molecular Psychiatry) stellt ein zentrales Prinzip der Neurodivergenzforschung auf den Kopf: Die biologischen Grundlagen von Autismus und ADHS verlaufen nicht entlang klassischer Diagnosen – sondern entlang der tatsächlichen Symptomdimensionen.
Mit anderen Worten: Die Diagnosegrenzen, wie wir sie aus DSM oder ICD kennen, bilden die neurobiologischen Prozesse vieler Kinder nur unzureichend ab.
Und genau das erleben wir täglich: Kinder mit ADHS, die „autistische Züge“ zeigen – oder autistische Kinder, deren Executive Functions und Impulsivität an ADHS erinnern. Die neue Studie zeigt nun, warum das so ist.

Was wurde untersucht?
Das Team um Dr. Adriana Di Martino analysierte:
166 Kinder (6–12 Jahre)
Diagnosen:
reine ASS
ADHS ohne ASS
Resting-State fMRT, um funktionelle Konnektivität im Gehirn zu messen
In-silico-Genexpressions-Analysen, um zu prüfen, welche Gene zu diesen Hirnnetzwerken gehören
Das Ergebnis:
Nicht die Diagnose, sondern die Ausprägung autistischer Symptome erklärt Unterschiede in der Gehirnkonnektivität.
Die zentralen Ergebnisse – verständlich erklärt
1. Autistische Symptomstärke sagt die Gehirnkonnektivität besser voraus als die Diagnose
Kinder – egal ob mit ASS oder ADHS – zeigten ähnliche Muster atypischer Konnektivität, sobald die autistischen Symptome stärker ausgeprägt waren.
Besonders betroffen waren:
Frontoparietales Netzwerk (FP) – zuständig für Planung, Organisation und flexible Kognition
Default Mode Network (DMN) – wichtig für Selbstwahrnehmung, soziale Prozesse und inneres Denken
In der typischen Entwicklung nimmt die Kopplung dieser Netzwerke im Laufe der Kindheit ab, um Spezialisierung zu ermöglichen.
Bei stärkeren ASS-Symptomen bleibt diese Verbindung zu stark – ein Hinweis auf verzögerte oder atypische neuronale Reifung.
2. Die Netzwerkveränderungen passen zu Genen, die sowohl in ADHS als auch Autismus eine Rolle spielen
Mittels einer innovativen Methode wurde geprüft, welche Gene in den betroffenen Hirnregionen aktiv sind. Die stärksten Überschneidungen fanden sich bei:
Genen der neuronalen Entwicklung
Genen, die sowohl bei ADHS als auch bei Autismus bekannt sind
Damit zeigt sich:
Die biologische Basis der Symptome ist transdiagnostisch – und entspricht nicht den Kategorien, die wir im klinischen Alltag verwenden.
3. Erklärung für klinische Beobachtungen
Viele Kinder mit ADHS zeigen:
soziale Missverständnisse
Reizoffenheit
Schwierigkeiten mit „sozialer Navigation“
Detailfokus
intensives Spezialinteresse
Diese Symptome werden oft vorschnell als „ASS-Merkmale“ missverstanden.
Die Studie zeigt: Es sind gemeinsame biologische Mechanismen – keine Grenzverletzung der Diagnosen.
Warum das wichtig ist – für Diagnostik und Therapie
Dimensional statt kategorial denken
Wir befinden uns in einer Entwicklung hin zu Modellen wie RDoC oder transdiagnostischen Systemen, die Symptome entlang biologischer Achsen betrachten. Die Studie liefert eindrucksvolle empirische Unterstützung dafür.
Für die Praxis bedeutet das:
1. Bessere Diagnosen
Statt „hat Autismus / hat keinen Autismus“ wird es immer sinnvoller, die Schwere spezifischer Symptomcluster zu erfassen:
soziale Kommunikation
sensorische Verarbeitungsweise
Detailorientierung
exekutive Funktionen
2. Mehr präzise Unterstützung
Interventionen sollten sich an der tatsächlichen neuronalen Entwicklungsdynamik orientieren – nicht an Schubladen.
3. Reduktion von Fehldiagnosen
Gerade bei ADHS-Kindern, die autistische Merkmale haben, unterstützt der biologische Blick ein differenziertes Verständnis, das Stigma reduziert.
4. Entwicklung echter Biomarker
Die verwendete Methode – Konnektivität × Genexpression – könnte künftig Marker liefern, die die Diagnostik revolutionieren.
Ein neuer Blick auf Neurodivergenz
Diese Studie zeigt deutlich:
ADHS und Autismus sind keine getrennten Inseln, sondern miteinander verbundene neurobiologische Landschaften.
Für viele neurodivergente Menschen (und Eltern) ist das eine enorme Entlastung:
Es erklärt, warum sie sich in mehreren Diagnosen wiederfinden oder warum ihre Erlebenswelt durch traditionelle Kategorien nicht gut beschrieben ist.
Für uns in der Klinik bedeutet es:
Wir behandeln nicht Diagnosen – wir begleiten Menschen mit individuellen neurobiologischen Profilen.
Quelle
Segura, P., et al. (2025). Connectome-based symptom mapping and in silico related gene expression in children with autism and/or attention-deficit/hyperactivity disorder.
Molecular Psychiatry. doi: 10.1038/s41380-025-03205-8
The Child Mind Institute (2025): Biological underpinnings of autism and ADHD may transcend traditional diagnostic boundaries.
https://www.nature.com/articles/s41380-025-03205-8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)