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De-Diagnosierung von ADHS und Autismus

Zugegeben, bei De-Diagnostierung musste ich wiederholt schlucken und nachlesen, was zum Teufel damit gemeint ist. Ausgangspunkt ist ein aktueller Beitrag (Letter) im BMJ, der aber für mich gehörigen Sprengstoff bietet.

Ihr kennt mich vielleicht…. Ich bin manchmal (?) da schnell in Fahrt und es dauert, mich wieder zu regulieren. Da hilft mir das Verfassen von so einem Artikel…
Aber irgendwie finde ich es auch berechtigt, sich damit zu beschäftigen.
Denn ich vermute darin doch ganz erhebliche wirtschaftliche Gründe bzw. Steuerungsaspekte mit der Sorge von zu starker Inanspruchnahme vom Gesundheits- und Sozialsystem. Aber sachte, erstmal worum geht es?

Zwischen fachlicher Neubewertung, Versorgungsangst und neuroaffirmativer Verantwortung

Die Debatte um die sogenannte De-Diagnosierung von ADHS und Autismus hat gerade deutlich an Fahrt aufgenommen. Spätestens mit der Diskussion im Umfeld des BMJ wird klar: Es geht nicht nur um Einzelfälle falscher Diagnosen, sondern um grundsätzliche Fragen von Medizin, Versorgung, Identität und gesellschaftlicher Normierung.

Immer häufiger lese ich : Ja, lange war ADHS / Autismus zu selten erkannt und diagnostiziert, aber jetzt….

Jetzt schlage das “Pendel in die andere Richtung”. Überall und immer werde Neurodivergenz angenommen. Was aber dann zur falschen Inanspruchnahme von Fachärzten bzw. Psychotherapeuten führe und das Sozialsystem insgesamt ausquetsche.

Im Zentrum steht dabei eine Spannung, die viele Fachpersonen intuitiv spüren, aber selten offen benennen: die Spannung zwischen berechtigter diagnostischer Sorgfalt und der Angst vor einer „Überdehnung“ neurodivergenter Konzepte.

Was tun, wenn sich immer mehr Menschen im Konzept der Neurodivergenz (ADHS, AuDHS, Autismus, PDA) sehen, aber nicht im deskriptiven, defizit-dominierten System der bisherigen Psychopathologie? Wie kann man das steuern bzw. “korrigieren”?

Was bedeutet De-Diagnosierung bei ADHS und Autismus?

Unter De-Diagnosierung versteht man die bewusste Rücknahme, Relativierung oder klinische Entwertung einer zuvor gestellten Diagnose von ADHS oder Autismus.


Wichtig ist dabei: De-Diagnosierung ist kein einheitlicher Akt, sondern umfasst unterschiedliche Ebenen.

Zum einen gibt es die formale De-Diagnosierung, bei der eine Diagnose nach erneuter Abklärung offiziell zurückgenommen wird. Das kann etwa nach einer differenzierten Reevaluation geschehen, wenn sich zeigt, dass die diagnostischen Kriterien nie erfüllt waren oder andere Störungsbilder übersehen wurden.

Das wäre o.K. Für mich aber “merkwürdig”, da wir ja eher das Gegenteil erleben. Andere Diagnosen wie “Depressionen” oder Burnout werden jahre- bis jahrzehntelang quasi per coyp und paste in den Akten und Briefen beibehalten (obwohl klar die Diagnosekritierien kaum bestand haben könnten) und die darunter liegende Neurodiversität wird nicht beachtet oder gar behandelt.

Daneben existiert die funktionale De-Diagnosierung. Hier bleibt die Diagnose zwar formal bestehen, verliert aber ihre klinische Relevanz, weil aktuell kein relevanter Leidensdruck oder keine funktionelle Beeinträchtigung mehr gesehen wird.

Das ist sicher ein Aspekt, oder? Hier spielen auch Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Adhärenz bei Behandlungen und nicht zuletzt Selbstwert und Quality of Life eine Rolle.

Schließlich gibt es eine narrative De-Diagnosierung, bei der die Diagnose zwar nicht offiziell gestrichen wird, aber als Erklärungsmodell an Bedeutung verliert – etwa weil sie nicht mehr als hilfreich erlebt oder von Fachpersonen relativiert wird.


Entscheidend ist: De-Diagnosierung bedeutet nicht automatisch, dass eine frühere Diagnose falsch war. Sie ist vielmehr Ausdruck einer zeitgebundenen Neubewertung.

Sachliche Gründe für eine De-Diagnosierung

Aus medizinischer und versorgungslogischer Perspektive gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, die für eine De-Diagnosierung angeführt werden.

Ein zentraler Punkt ist die Korrektur von Fehldiagnosen. Nicht jede ADHS- oder Autismusdiagnose entsteht auf Basis einer differenzierten, kontextsensitiven Diagnostik. Gerade im Erwachsenenalter können depressive Episoden, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Anpassungsreaktionen Symptome erzeugen, die neurodivergent wirken, ohne es im engeren Sinne zu sein. In solchen Fällen ist eine De-Diagnosierung nicht nur legitim, sondern fachlich geboten. Aber wie schon geschrieben : Der gegenteilige Mechanismus der Unterdiagnostik und fehlenden Verfügbarkeit von störungsspezifischer Diagnostik erscheint mir zahlenmässig und von der klinischen Bedeutung WEIT häufig zu sein.

Ein weiterer Grund ist der Wegfall klinischer Beeinträchtigung. Manche Menschen erfüllen zu einem späteren Zeitpunkt die diagnostischen Kriterien nicht mehr oder erleben keinen relevanten Leidensdruck. Entwicklungsprozesse, veränderte Umweltbedingungen, gezielte Unterstützung oder Coaching können dazu führen, dass Symptome kompensiert oder integriert werden. Aus klassisch medizinischer Sicht stellt sich dann die Frage, ob eine aktive klinische Diagnose weiterhin gerechtfertigt ist.

Ich würde natürlich eher schreiben : Wie kann es sein, dass man so lange unter dem Radar der diagnostischen “Test-Scores” bleibt. Man fällt vielleicht aus den Diagostik-Kriterien, aber die ADHS-Konstitution bleibt.

Hinzu kommt der Wunsch nach Erhalt diagnostischer Trennschärfe. Diagnosen haben im Gesundheitssystem eine Steuerungsfunktion. Sie priorisieren Ressourcen, legitimieren spezialisierte Versorgung und strukturieren Zugänge. Die Sorge lautet, dass Diagnosen an Aussagekraft verlieren könnten, wenn sie zu breit oder unspezifisch angewendet werden.

Nicht zuletzt wird De-Diagnosierung auch als Abgrenzung gegenüber Selbstzuschreibungen verstanden. Neurodivergente Selbstbeschreibungen sind in den letzten Jahren sichtbarer geworden – insbesondere durch soziale Medien. Also vielleicht auch durch meine Beiträge. Vielleicht reagiere ich deshalb auch “affektiv” angepiekst…

Aus medizinischer Sicht wird befürchtet, dass kulturelle oder identitäre Narrative unkritisch in klinische Kategorien überführt werden könnten.

All diese Argumente sind zunächst nicht unsachlich, sondern folgen einer systemlogischen Perspektive. Aber eben nicht meiner….

Die Sorge hinter der Sorge: Versorgungsangst

Hinter vielen dieser Argumente steht jedoch eine tiefere, selten explizit formulierte Angst: die Angst vor einem Versorgungsproblem.

Unausgesprochen lautet die Befürchtung:
Wenn immer mehr Menschen sich als neurodivergent verstehen und Diagnosen erhalten, geraten Diagnostik, Therapie und soziale Sicherungssysteme an ihre Grenzen.

Gleichzeitig wertet man ja indirekt aber auch bisherige Vorgehensweisen von Psychiatern und PsychotherapeutInnen irgendwie ab, wenn man “plötzlich” so viele “neue” Diagnosen im ADHS- und Autismusspektrum sieht und behandelt haben möchte. So perfide das ist : Im System bedeutet das, es gibt einen Verteilungswettkampf und man müsste es an anderer Stelle (z.B. gegenüber Patienten mit Bipolarer Störung oder Psychosen) einsparen.

Diese Sorge ist strukturell nachvollziehbar. Sie richtet sich jedoch nicht gegen Neurodivergenz an sich, sondern gegen die Kopplung von Hilfe an Diagnosen. Genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Die zentralen Risiken der De-Diagnosierung

So plausibel die genannten Gründe klingen mögen, so gravierend sind die Risiken, die mit De-Diagnosierung verbunden sind – insbesondere aus neuroaffirmativer Perspektive.

Ein zentrales Risiko besteht in der Verwechslung von Anpassung mit Gesundung. Viele neurodivergente Menschen funktionieren äußerlich gut – oft um den Preis hoher innerer Anspannung. Masking, Überkompensation und permanente Selbstregulation sind insbesondere bei ADHS, Autismus und AuDHS weit verbreitet. Wenn De-Diagnosierung primär an sichtbare Funktionalität gekoppelt wird, bleiben diese inneren Kosten unsichtbar.

Ein weiteres Risiko ist die Unsichtbarmachung spät diagnostizierter Profile. Für viele Erwachsene – insbesondere Frauen und hochmaskierende Personen – ist die Diagnose keine Etikettierung, sondern eine nachträgliche Erklärung lebenslanger Diskrepanzen. Eine Relativierung oder Rücknahme kann hier destabilisierend wirken und alte Scham- und Versagensnarrative reaktivieren.

Besonders problematisch ist der Verlust von Versorgung und Nachteilsausgleichen. In der Realität sind Diagnosen Zugangsschlüssel. Sie legitimieren Unterstützung, Schutz und Anpassungen. Eine De-Diagnosierung bedeutet daher oft nicht nur eine fachliche Neubewertung, sondern ganz konkret den Entzug von Hilfe.

Schließlich besteht die Gefahr, dass De-Diagnosierung zur Systementlastung auf Kosten der Betroffenen wird. Anstatt Versorgung auszubauen oder bedarfsorientierter zu denken, wird selektiert und begrenzt. Das strukturelle Problem bleibt bestehen – es wird lediglich verschoben.

Neuroaffirmative Perspektive: Diagnose als Arbeitsmodell

Aus neuroaffirmativer Sicht liegt die Lösung nicht in einem simplen „Diagnose ja oder nein“. Vielmehr braucht es ein anderes Verständnis von Diagnostik selbst.

Diagnosen sind keine ontologischen Wahrheiten, sondern zeitgebundene Arbeitsmodelle. Sie sollen helfen, Erleben zu verstehen, Unterstützung zu ermöglichen und Belastung zu reduzieren. Entscheidend ist nicht, ob jemand ein Label trägt, sondern was diese Person aktuell braucht.

Eine neuroaffirmative Perspektive trennt daher klar zwischen:

  • neurobiologischer Disposition

  • klinischer Beeinträchtigung

  • und Unterstützungsbedarf

Wenn diese Ebenen vermischt werden, entstehen genau jene Konflikte, die dann als „Diagnoseinflation“ beklagt werden.



Ich selber würde mir genau das aber mal für Diagnosen wie “rezidivierende depressive Störung” wünschen. Wie häufig wird diese Diagnose vergeben, ohne klare Episoden einer “Major Depression”, ohne klare Diagnostik, ohne Überprüfung des Behandlungspfades oder ohne Sinn und Verstand. Ohne jegliches funktionales Verständnis von Krankengeschichten, die meist in der frühen Jugend begonnen haben und zu einer Art Dauerpsychiatrisierung ohne Sinn und Verstand führten.

Täglich massenhaft. Ich sehe das Leid von PatientInnen mit Depressiven Störungen. Ganz klar. Aber ich sehe hier wirklich mal ein Gebiet, wo DE-Diagnsostizierung sinnvoll, ja für die überwiegende Mehrzahl der klinisch und psychotherapeutisch behandelten Patienten erforderlich wäre.

Es wäre an der Zeit, die Konzeptionalisierung, Diagostik und Behandlung von depressiven Störungen zu hinterfragen. Und das ICD 10 / 11 gleich mit. Denn in der Klinik haben wir täglich das Problem, dass die Diagnostik-Schubladen eben nicht passen. Wir aber irgendwie halt eine Diagnose bei depressiven Symptomen, Entwicklungstraumata oder Traumfolgestörungen vergeben MÜSSEN. Das hat aber mit Seriosität halt reichlich wenig zu tun.



Depressionen sind aus meiner Sicht die häufigste Fehl-Diagnose in der Psychiatrie.

Aber statt hier mal genauer hin zu. schauen, dreht der Letter im BMJ eben bequem mal die Wahrnehmung wieder um. Statt ADHS oder Autismus soll halt lieber Depression, Angst oder Sucht gelabelt werden. Ist günstiger und alles kann so bleiben wie zuvor.

Die eigentliche Leitfrage der Debatte

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

Haben zu viele Menschen ADHS oder Autismus?

Sondern:

Warum ist Unterstützung so strikt an Diagnosen gebunden, statt an reale Belastung?

Solange Hilfe, Anerkennung und Schutz an Labels gekoppelt bleiben, werden Menschen nach diesen Labels suchen – unabhängig davon, wie restriktiv Diagnostik gestaltet wird.

Fazit: De-Diagnosierung braucht Kriterien, nicht Reflexe

De-Diagnosierung kann fachlich sinnvoll sein:

  • bei klaren Fehldiagnosen

  • bei transparenter, partizipativer Reevaluation

  • bei sorgfältiger Differenzialdiagnostik

Sie wird problematisch, wenn sie:

  • Anpassung mit Gesundheit verwechselt

  • Masking ignoriert

  • Versorgung entzieht

  • neurodivergente Identität delegitimiert

Die Zukunft liegt nicht im Wegnehmen von Diagnosen, sondern im Umbau der Versorgung. Weniger Gatekeeping, mehr Kontext. Weniger Etikettenlogik, mehr Bedarfsorientierung.

Ich bin gerne bereit, mich einer Diskussion zu De-Diagnostizierung zu stellen. Dann aber mit fairen Ausgangspositionen.



Trauen wir uns, genauso Diagnosen / Störungsmodelle in den Patientenakten zu hinterfragen, die da schon seit Jahren & Jahrzehnten schlummern? Also Depressionen, “Angststörungen”, Dissoziation / Traumafolgestörungen, Somatisierung / Schmerzstörungen und Erschöpfungszustände?

Konkret : Wird in der nächsten Oberarzt- oder Chefarztvisite mal konkret geschaut wie die Diagnosen der Patienten überhaupt mal entstanden sind und was schlicht “weg” kann?

Beachten wir die nicht- diagnostierten und behandelten Menschen mit Neurodivergenz und Sucht in den Suchtabteilungen, haben wir auch nur ein Grundverständnis für Neurodivergenz und Psychose im stationären und ambulanten Psychiatrie-Alltag? Welche Psychiatrie-Abteilung diagnostiziert denn überhaupt Autismus / ADHS bei Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, bei Trauma/ kPTBS etc?

Setzen wir uns mit struktureller Gewalt gegenüber neurodivergenten Menschen (hier speziell Autisten) im Psychiatrie- und Psychotherapiesystem auseinander, die durch die Nicht- und Fehlbehandlung resultieren bzw. wo einfach räumlich und strukturell katastrophal unzureichende Bedingungen in den Kliniken vorherrschen?

Wann fordern wir (wie aktuell in Australien), dass jeder Psychiater und jeder niedergelassene Psychotherapeut eine Grundqualifizierung im Bereich Neurodivergenz nachweist? Zumindest dann, wenn er / sie über öffentliche Mittel / Krankenkassen finanziert wird?

Aber statt dessen: De-Diagnostizierung startet bei Autisten und ADHSlern, die ja angeblich zu leichtfertig, zu oft und ohne valide Diagnostik sich Vorteile im System erschleichen.

Ich merke schon: Auch 2026 werde ich mich weiter für Aufklärung und neuroaffirmative Unterstützung einsetzen müssen.

Helft ihr mir dabei?





Quelle : Concept of de-diagnosing autism and ADHD raises pressing questions

DOI:10.1136/bmj.s51 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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