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Need for Closure: Von der Unerträglichkeit loser Enden

Foto: Silke Kiefer

Ich kann erst an Pause denken, wenn alle To-dos auf meiner Liste erledigt sind. Schade nur, dass das selten der Fall ist.

Ich kann erst damit aufhören, über etwas zu sprechen,

wenn ich alle (aus meiner Sicht) wichtigen Details an- und ausgeführt habe. Werde ich unterbrochen, gehe ich noch einmal zurück – je nach Tagesform fange ich ggf. sogar noch einmal ganz von vorne an.

Ich kann einen Streit nicht einfach so verlassen und ruhen lassen, auch wenn das manchmal klüger wäre. Lassen sich etliche Themen doch besser klären, wenn die Gemüter nicht mehr erhitzt sind. Aber eine Unterbrechung, ohne dass alles Notwendige gesagt wurde, halte ich körperlich nahezu nicht aus. Ich bekomme Schnappatmung, werde immer lauter, eindringlicher, versuche mich zu erklären, lege verschiedene Positionen und Perspektiven dar – so lange, bis ich glaube, mein Gegenüber müsse jetzt alles Wichtige wissen, um mich wirklich verstehen zu können.

Ich treffe Entscheidungen in der Regel relativ schnell. Dazu will ich zwar möglichst viele Details wissen, doch recht bald wird der Drang, dass der Prozess abgeschlossen wird, noch größer als das Bedürfnis nach Informationsgewinn.

All das könnte man für besonders rigide Persönlichkeitsmerkmale halten. Erst einmal sind sie das vielleicht auch. Manch eine*r hat mir in Diskussionen auch schon unterstellt, mir ginge es nur darum, Recht haben zu wollen. Doch so einfach ist es nicht. Denn was sich noch dahinter verbirgt, ist der sogenannte „Need for Closure“ (eine Art wesentliches Bedürfnis nach Abgeschlossenheit) – ein Bedürfnis, das viele neurodivergente Menschen nur allzu gut kennen dürften.

Was meint Need for Closure (NFC) konkret?

Hinter dem NFC verbirgt sich der Wunsch nach Geschlossenheit – und damit insbesondere das Bedürfnis danach, klare, eindeutige Antworten zu erhalten oder Prozesse abzuschließen. Damit verbunden sind der Wunsch nach Eindeutigkeit, Vorhersehbarkeit, Planbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Es handelt sich dabei um eine Eigenschaft, die personenabhängig unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann und somit auch mit verschiedenen Konsequenzen einhergehen kann. So kann es z. B. sein, dass sich Menschen mit einem hohen Bedürfnis nach Abschlüssen nach möglichst schnellen und einfachen Antworten sehnen, auch wenn das zugrunde liegende Problem sehr komplex ist. Das erklärt z. B. den Erfolg mancher Wahlversprechen derjenigen Parteien, die vermeintlich einfache Antworten und Vorgehensweisen anbieten.

Aber auch das geht mit diesem starken Bedürfnis einher: Je nach persönlicher Ausprägung sind Menschen weniger offen für neue Informationen, die eine einmal getroffene Entscheidung (oder getätigte Annahme) ins Wanken bringen könnten. Denn damit würde eine neue Unsicherheit entstehen, die sich so ungut anfühlt, dass sie vermieden werden soll.

Ein weiterer Aspekt ist das Vorbeugen von Ambiguität. Der NFC und der Wunsch nach einfachen, klaren Antworten dient auch dem Bedürfnis danach, mögliche Mehrdeutigkeiten und Gleichzeitigkeiten nicht aushalten zu können oder zu wollen.

Verschiedene alltägliche Gegebenheiten, wie z. B. Apps oder Angebotsformulierungen, machen sich dieses Bedürfnis zunutze und sprechen es gezielt an. So zeigen Websites, auf denen Formulare ausgefüllt werden müssen, z. B. Fortschrittsbalken an, um Teilnehmende zum Dranbleiben zu motivieren. Fitnesstracker funktionieren ebenfalls so und machen sich unseren Drang, z. B. die Ringe zu schließen, zunutze. Auch dass Streaminganbieter automatisch neue Folgen unserer Lieblingsserien starten, profitieren vom menschlichen Need for Closure: Wenn die Folge erst einmal begonnen hat, wollen wir sie auch fortsetzen/abschließen – und der Anbieter hält uns länger auf seiner Plattform. Manchmal geht dieses Bedürfnis sogar so weit, dass wir uns für etwas Schlechteres entscheiden, nur weil wir nicht abwarten können, ob wir noch etwas Besseres bekommen könnten. Das erklärt z. B. (wenigstens in Teilen) in Bewerbungssituationen, warum wir das erstbeste Angebot annehmen, obwohl wir vielleicht noch drei weitere Vorstellungsgespräche geführt haben, deren Entscheidungen noch ausstehen.

Auf psychologischer Ebene ist diese intrinsische Motivation dafür, einen Abschluss zu finden, also ausschlaggebend für z. B. Urteils- und Wissensbildungen, für Entscheidungsfindungen, aber in der Konsequenz auch für Gruppendynamiken. Verstärkt werden kann dieses Bedürfnis durch z. B. Zeitdruck oder Erschöpfung. Je weniger Zeit wir haben oder je müder wir sind, umso dringender kann unser Need for Closure sein.

Damit ist der NFC erst einmal was, was in der ein oder anderen Ausprägung und Stärke als Persönlichkeitszug bei allen Menschen zu finden ist. Wir wünschen uns Klarheit und Nachvollziehbarkeit. Für neurodivergente Menschen kann dieses Bedürfnis jedoch noch einmal andere Ausmaße annehmen und weitergehende Herausforderungen mit sich bringen.

Need for Closure & ADHS

Bei ADHSler*innen steht der Need for Closure in einem Konflikt zu etwaigen Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen. Konkret bedeutet das: Viele Entscheidungsoptionen, der Umgang mit dieser Vielfältigkeit sowie mit ungewissen Aspekten einerseits kollidiert mit dem daraus resultierenden dringenden Bedürfnis nach klaren Regeln und verlässlichen Antworten andererseits. Auch hier zielt der NFC darauf ab, Unsicherheiten zu minimieren. Allerdings führt dieser Clash der beiden Bedürfnisse bzw. Beeinträchtigungen nicht selten zu einer Art Paralyse, der sich u. a. darin zeigt, dass neue Tätigkeiten nicht oder nur mit großer Anstrengung aufgenommen werden können. Das Gehirn möchte durch einfache Antworten erlöst werden, wird aber gleichzeitig durch die Informationsverarbeitung herausgefordert. Also verfallen Betroffene in eine Art Starre, während gleichzeitig der innere Druck steigt. Die Folge können Selbstzweifel und Selbstabwertung sein.

Expert*innen empfehlen zum Umgang damit verschiedene Strategien. Einerseits schlagen sie häufig klare Routinen und Strukturen vor. Erfahrungsgemäß helfen diese jedoch nur anfänglich, denn sobald „das Dopamin raus ist“, fällt es Betroffenen erneut schwer, sich an den ehemals hilfreichen Routinen zu orientieren. Was zuvor Stütze war, wird plötzlich zur Last. Darüber hinaus lautet ein Vorschlag, Aufgaben in kleinere, machbare Teile zu zerlegen, um nicht vor einer großen Wand aus nicht zu bewältigenden Informationen und Anforderungen zu stehen. Die Idee dahinter ist: Der Anfang ist das schwierigste. Wer z. B. nur fünf Minuten tätig wird und eine Aufgabe beginnt, bleibt danach meist auch dran. Und selbst wenn nicht, wurden einige Minuten der Tätigkeit erledigt. Gleichzeitig wird so der Need for Closure befriedigt, dem viel leichter in kleineren Etappen zu begegnen ist.

Need for Closure & Autismus

„Das war doch klar“ oder „Das habe ich doch gemeint“ oder „Ich dachte, du weißt schon, was ich meine“ können für Autist*innen verstörende Aussagen sein. Denn zum Need for Closure gehört bei ihnen auch, dass sie alle Infos, die notwendig für einen Sachverhalt sind, erhalten müssen – und alles, was im Subtext mitschwingen könnte, ist ggf. keine eindeutige Information. Das kann sich auch darin zeigen, dass autistische Menschen eine Tendenz haben, Äußerungen wörtlich zu nehmen und so lange nachfragen, bis sie alles wissen, was sie glauben, wissen zu müssen. Der Need for Closure trifft hier möglicherweise auf einen sehr hohen Drang, sich ein sehr umfangreiches Bild von einer Situation machen zu müssen, um überhaupt erst die Chance zu haben, sie vollständig erfassen zu können. Für Autist*innen kann der NFC also ggf. noch quälender werden (und selbstverständlich ist das individuell und nicht generalisierbar), als für ADHSler*innen.

Für Menschen auf dem Autismusspektrum steht einerseits der dringende Wunsch nach Klarheit und Vorhersehbarkeit im Vordergrund, da Unsicherheiten im Außen zu starken Beeinträchtigungen der eigenen Emotionen und Verhaltensweisen führen können. Planbarkeit, Verlässlichkeit und klare, gewohnte Strukturen und Routinen sind für die meisten Betroffenen im Alltag sehr wichtig. Unvorhergesehenes, Planänderungen oder ungewohnte oder als unüblich kategorisierte Reaktionen von Menschen führen dazu, dass ein „Closure“ nicht möglich ist. Hinzu kommt ein gewisser Drang dazu, Sachverhalte wirklich komplett zu durchdringen und möglichst alle Informationen zu sammeln, ehe Entscheidungen getroffen werden können. Das ist jedoch häufig nicht möglich, weil bestimmte Zugänge fehlen oder in bestimmten Themenbereichen noch generell viele Fragen ungeklärt sind. In der Folge kommt es also zu Entscheidungsschwierigkeiten, obwohl der Wunsch nach „Closure“ und damit nach Entlastung sehr hoch ist. Um diesem Wunsch zu begegnen, neigen autistische Menschen tendenziell dazu, Informationen zu bevorzugen, die ihr bisheriges Bild oder ihre bisherigen Annahmen bestätigen. Das fühlt sich entlastend an. Widersprüchliche Informationen hingegen werden häufig abgewehrt oder brauchen länger, um verarbeitet und integriert zu werden.

Das Bedürfnis nach Abgeschlossenheit spielt also auch für Autist*innen eine große Rolle, kollidiert hier aber mit dem Wunsch nach möglichst umfangreichen, eindeutigen Informationen. Auch hier kann es zu Entscheidungs- oder Handlungsparalysen kommen.

Need for Closure & AuDHS

Was aber, wenn ADHS und Autismus gemeinsam auftreten, was nach aktuellen Kenntnissen, sogar eher die Regel als die Ausnahme zu sein scheint? Denn je nach Studie und Quelle gehen Expert*innen davon aus, dass bis zu 80 % der Kinder mit Autismus auch ADHS haben und bis zu 50 % der Kinder mit ADHS sich auch auf dem Autismusspektrum bewegen. Es ist also erkennbar, dass selbst beim gleichzeitigen Auftreten bestimmte Ausprägungen stärker oder schwächer auftreten können, also dass z. B. die ADHS im Vordergrund steht, während zusätzlich autistische Merkmale auftreten oder umgekehrt. Häufig können die Merkmale jedoch auch lebensphasenabhängig in den Vorder- oder Hintergrund treten. So kommen typische autistische Verhaltensweisen z. B. dann besonders zum Tragen, wenn die ADHS medikamentös behandelt wird. Gleichzeitig gibt es viele Überschneidungen in den Ausprägungen beider Neurodivergenzen – und zwar so sehr, dass mittlerweile manche Expert*innen davon ausgehen, dass es sich bei beiden um unterschiedliche Spielarten ein und derselben Neurodivergenz handelt.

Für AuDHS-Betroffene kann der Need for Closure also ggf. besonders drängend sein, denn bei ihnen prallt möglicherweise der Wunsch nach möglichst vielen Informationen, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können, auf Herausforderungen bei der Verarbeitungen ebenjener Informationen. Der NFC ist hier also auch deshalb so wichtig, weil ein möglichst einfacher Abschluss sie aus diesem anstrengenden Zustand herausbringt. Andererseits wird diese erforderliche Einfachheit durch die beiden anderen Umstände blockiert.

Man braucht gar nicht einmal so viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie anstrengend das sein kann. Und je unauflösbarer der Zustand wird, je mehr Druck durch z. B. Stress, andere äußere Faktoren, Überreizung oder Müdigkeit hinzukommen, umso eher schaltet das System notgedrungen ab. Und das kann bei Autist*innen und AuDHSler*innen dann z. B. in einem Shutdown oder Meltdown enden, der nicht nur extrem herausfordernd für den ganzen Organismus ist, sondern häufig auch noch mit Scham einhergeht.

Meine persönlicher Need for Closure

Meinen persönlichen NFC empfinde ich als sehr drängend und stark. Er zeigt sich je nach Tagesform und Situation auf unterschiedliche Weisen. Meist bin ich dazu bereit, Entscheidungen möglichst schnell zu fällen. Das führt zum ein oder anderen Hyperfokus, weil ich mich so schnell wie es geht einlesen und alle wichtigen Infos sammeln möchte, denn die Entscheidung soll zwar schnell, aber auch fundiert fallen. Ich komme dabei aber immer wieder an den Punkt, dass der Wunsch, endlich einen Haken an etwas machen zu können, stärker ist, als der Drang, wirklich alle Infos zu erhalten. Meist kann ich mir selbst aber ganz gut vertrauen, dass ich zumindest die relevantesten Aspekte erfassen und andere Perspektiven antizipieren konnte.

In anderen Situationen hingegen wird es anstrengender. Dann z. B., wenn ich möchte, dass man mich versteht. Dann werde ich alles haarklein darlegen, Infodumping betreiben, die gleichen Sachverhalte aus mehreren Perspektiven erklären und meist weit über das Ziel hinausschießen. Ja, vielleicht möchte ich manchmal auch Recht haben. Meist möchte ich aber vor allem verstanden werden, damit ich z. B. eine Diskussion oder einen Streit abschließen kann. Ein „Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind“ ist für mich ein loses Ende und kein aushaltbarer Zustand. Er lässt meine Atmung schneller und flacher werden, meinen Puls ansteigen und fühlt sich bedrohlich an. Ein geäußertes „Okay, ich habe verstanden“ oder „Du hast Recht“ reicht mir jedoch auch nicht aus, wenn ich nicht das Gefühl habe, meine Sicht wirklich abschließend dargelegt zu haben, denn da wird die Zustimmung der anderen Person unglaubwürdig für mich. Die absolute Katastrophe ist es, einen Streit zu unterbrechen oder zu verlassen. Dann ballert mein Need for Closure so richtig und lässt mich sogar in Panik verfallen. Er ist dann wichtiger als alles andere.

Nicht ganz so heftig, aber ähnlich intensiv geht es mir mit Aufgaben und Pausen. Gibt es noch offene Tasks, kann ich keine Pause machen – denn alles, was noch offen ist, wird die ganze Zeit in meinem Kopf mehr als nur präsent sein. Dass etwas nicht abgeschlossen ist, kostet mich mehr Energie, als ich durch eine Pause zurückbekommen könnte. Das hat mich lange dabei herausgefordert, meinen Tag gut zu strukturieren und mich regelmäßig massiv ausgelaugt. Mit etwas sorgfältigerer Planung und guten Routinen hat sich das etwas verbessert, es bleibt aber noch immer herausfordernd.

Was mit diesem Text nun klar werden sollte: Der Wunsch nach Abschluss betrifft alle Menschen mehr oder weniger intensiv, auch ohne Neurodivergenz. Mit Neurodivergenz kann dieses Bedürfnis jedoch besonders stark werden und auf andere typische Merkmale treffen, die seine Erfüllung bedeutend erschweren. Das kann sich im Alltag, bei verschiedenen Personen und abhängig vom jeweiligen Zustand auf ganz unterschiedliche Arten zeigen. Zum Umgang damit gibt es verschiedene Strategien, die mit den Betroffenen jeweils individuell erarbeitet und erprobt werden müssen – und die bei Veränderungen flexibel angepasst werden können.

Sujet Neurodivergenz

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