
In der letzten Kolumne habe ich schon kurz angerissen, dass ich ein Assessment gebucht hatte, an dessen Ende die (Verdachts-)Diagnose ADHS stand. Im folgenden Text schildere ich den Prozess und mein Hadern damit.
Während ich diesen Text geschrieben habe, habe ich gefühlt 100 Dinge parallel gemacht. Nach jeweils ein paar Sätzen habe ich mein Handy in die Hand genommen, über Instagram gescrollt, habe mir Kaffee geholt, durch einen Onlineshop (von dem ich schon 12x vergessen habe, dass ich dort nach einem bunten ✨cozy Cardigan ✨ suchen wollte) gestöbert, einem Telefonat, das mein Partner geführt hat, zugehört, zwei WhatsApps beantwortet, überlegt, was wir heute Abend essen könnten, Emojis in meine Notizen eingefügt - und dabei immer wieder vergessen, was ich noch schreiben wollte. Von Minute zu Minute wurde ich unkonzentrierter und damit nervöser. That’s how my brain works - zumindest manchmal.
Ich hatte also im Frühjahr des letzten Jahres dieses Assessment bei einer Therapeutin gebucht. Ich war in den Sozialen Medien über sie gestolpert, weil eine Bekannte von mir sie dort empfahl. Ihre wissenschaftlich aufbereiteten Inhalte sagten mir zu und ich fand mich in so vielem, was sie da beschrieb, wieder. Außerdem nahm sie in dem, was sie teilte, immer wieder auch eine feministische Perspektive ein - was, zugegeben, seit Längerem für mich zu einem wichtigen Kriterium für Personen geworden ist, mit denen ich auf die ein oder andere Weise zusammenarbeiten möchte. Vor allem dann, wenn ich selbst die Wahl habe.
Ich folgte der Therapeutin und ihrem Content also eine ganze Weile sehr aufmerksam, bis ich mich dazu entschied, mich bei ihr zu melden und einen Termin für ein Assessment auszumachen. Ich war so aufgeregt, als ich ihr schrieb und fragte, wie ich mich vorbereiten könne und welche Unterlagen ich mitbringen solle oder ob sie im Voraus etwas von mir brauche. Und sie war völlig tiefenentspannt und antwortete ganz simpel (und sinngemäß): Just come as you are. Das nahm mir die Anspannung immerhin ein wenig, aber je näher der Termin rückte, umso hibbeliger wurde ich.
Als der Morgen unseres Assessments endlich gekommen war, wäre ich am liebsten hin- und hergerannt, die ganze Energie aus meinem Körper wollte raus. Meine zu diesem Zeitpunkt noch sehr starke Fatigue (und meine strenge innere Stimme, die mich dazu ermahnte, ruhig sitzen zu bleiben) zwang mich jedoch dazu, Ruhe zu halten. Die ganze innere Anspannung, das Anlesen von Inhalten, die tausend offenen Fragen in meinem Kopf hatten eh schon dazu geführt, dass meine Symptome wieder einmal eine Party schmissen. Mein Kopf dröhnte, meine Augen waren schwer, ich fühlte mich (wie die meiste Zeit seit meiner Erkrankung) vom Scheitel bis zur Sohle erschöpft. Ich versuchte, die Konzentration aufrechtzuerhalten, und Dank des zuverlässig kickenden Adrenalins gelang mir das auch einigermaßen.
Die Therapeutin, die mich befragte, hatte ein extrem schnelles Tempo drauf. Das gefiel mir sehr gut, denn ich komme mit schnellem Reden und Lesen viel besser klar als damit, wenn sich beim Sprechen jemand extra viel Zeit lässt. Dann werde ich unruhig, genervt und ungehalten. Ich höre Sprachnachrichten, Hörbücher und Podcasts meist auf 1,5-facher Geschwindigkeit und habe das Gefühl, so mehr mitzubekommen und konzentrierter zu sein, als würde ich sie bei normaler Geschwindigkeit hören.
Die Therapeutin kam also schnell zur Sache, stellte eine ganze Reihe von Fragen und enttarnte dabei z. B. auch solche „Kleinigkeiten“, wie dass ich konstant an der Haut meiner Daumen pulte, als Anzeichen für Hyperaktivität. Sie fragte z. B. danach, ob ich lieber im Raum umher gehen würde als still zu sitzen und nach meiner inneren Unruhe. Sie fragte nach meinem Gedankenrasen, nach meiner Schul-, akademischen - und beruflichen Laufbahn. Dass diese - eher ADHS-unspezifisch - sehr geradlinig verlaufen waren (wenn man mal davon absieht, dass ich statt einem gleich vier Studienabschlüsse gemacht habe), war für sie kein Indikator gegen ADHS, sondern dafür, dass sich diese mit einer Hochbegabung paaren könnte und ich stark maskiere.
Das Assessment dauerte nur eine Stunde. Hätte ich das bei einer anderen Person gemacht, hätte es sicher doppelt oder dreimal so lange gedauert, einfach, weil die Arbeitsgeschwindigkeit der Therapeutin so enorm hoch war. Am Ende des Gesprächs war sie sicher: Ich erfülle alle Kriterien für das Vorliegen einer ADHS. Und zwar nicht knapp, sondern mehr als deutlich. Um das herauszufinden, arbeitete sie mit dem DIVA-Fragenkatalog1, der speziell für das Screening von Erwachsenen entwickelt wurde. Da dieses Gespräch jedoch nicht mit einem*einer Psychiater*in stattfand, gilt ihr Urteil nicht als offizielle Diagnose. Stattdessen gab sie mir ein Schreiben mit, indem sie ihr Vorgehen und meine Merkmale beschrieb, auf dessen Basis ein*e Fachärzt*in ggf. eine offizielle Diagnose stellen könnte. Einen entsprechenden Termin habe ich bis heute aus verschiedenen Gründen nicht ausgemacht.
Als unser Gespräch beendet war, stand ich auf - und fiel einmal der Nase lang komplett durch mein Büro. Mein Körper hatte keine Kraft mehr, meine Gedanken waren wie leer gesaugt und wollten gleichzeitig rasen. Ich versuchte, mich zu beruhigen, das Gespräch und das Testergebnis sacken zu lassen.
Wenige Tage später fing die Negativspirale an, die wahrscheinlich viele neurodivergente Menschen kennen, die erst im Erwachsenenalter damit beginnen, sich mit den Special Effects ihres Gehirns zu beschäftigen: Hatte die Therapeutin sich geirrt? Das Gespräch war doch viel zu kurz, um solch eine gravierende Einschätzung zu treffen, oder? War sie nicht viel zu schnell über die einzelnen Fragen und meine Aussagen dazu hinweg gegangen? Das, was ich in unserem Gespräch direkt so toll fand - die Geschwindigkeit der Therapeutin - stieß mir jetzt sauer auf und war für mich ein klarer Indikator dafür, dass sie sich geirrt hatte. Eine richtige Diagnostik, wie ich sie z. B. von Freundinnen kenne, erstreckt sich über mehrer Termine, bezieht verschiedene Tests sowie auch Zeugnisse und Einschätzungen von z. B. den Eltern und/oder nahestehenden Personen mit ein. Wie valide war diese Einschätzung also nun?
Und tatsächlich sollte die Einschätzung zum Thema ADHS ein knappes Jahr nach dem ersten Assessment noch einmal angezweifelt werden.
Anekdote am Rande:
Gerade kam mein Partner zu mir. Wir haben diese Eigenheit, uns mit Grimassen oder Blödeleien aufzuziehen - oft so lange, bis wir beide uns vor Lachen kringeln. Ich liebe das und steige nur zu gern auf diese Ablenkungen ein. Er kommt also in den Raum, in dem ich schreibe und ich sehe aus dem Augenwinkel, dass er eine Grimasse zieht. Ich beherrsche mich, bleibe konzentriert, möchte wenigstens einen Satz fokussiert zu Ende schreiben. Dann gebe ich nach und blicke ihn an. Er zieht eine Grimasse, das, was er da zeigt, soll wohl ich beim Schreiben sein. Er tut so, als ob er mit spitzen Händen (alle Fingerspitzen zu einer kleinen Spitze verbunden) auf etwas Einhacken würde - er tippt hackend in die Luft. Und ich steige ein. Erst imitiere ich ihn und hacke ebenfalls mit meinen spitzen Händen in die Luft, ziehe ein Gesicht. Dann beginne ich, das Spiel zu steigern und hacke - in die Luft blickend - beliebig auf meine Tastatur ein. Wir schütteln uns vor Lachen, fühlen uns albern und lieben es, dass diese Art von Albernheit verbindet. Dann blicke ich auf meinen Bildschirm und sehe - ich habe mit meinem Gehacke x-beliebige Texte kopiert, in meiner Notizenapp fast fremde Menschen zu meinem Manuskript hinzugefügt und einen Teil meiner Einstellungen verstellt. Einfach nur, weil ich mich von einem albernen Moment habe ablenken lassen und mein Gehirn sofort all-in Quatsch gegangen ist. Mein Partner lacht immer noch, kommt rum, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und blickt ebenfalls auf meinen Bildschirm. Er beginnt wieder zu lachen: “Ah, du schreibst also gerade über ADHS. Wie passend.”
Diese Anekdote zeigt einerseits, wie mein Gehirn funktioniert: Ich lasse mich gerne und leicht ablenken, vor allem von der Aussicht auf Quatsch. Wäre ich tiefer im Hyperfokus gewesen, wäre ich allerdings explodiert, hätte mein Partner auch nur in meiner Nähe geatmet. Die gleiche Situation hätte dazu führen können, dass ich an den Rande eines Meltdowns getrieben worden wäre: Überreizt, überfordert, innerlich hektisch und bis zum Bersten angespannt, kurz vorm Weinen und/oder Schreien. Ganz sicher wäre die gleiche Ausgangssituation in einem Riesenstreit geendet.
Die Situation zeigt vor allem aber auch, wie verschoben auch mein eigenes Bild von ADHS noch immer ist: Sich leicht ablenken zu lassen und den oft zitierten Zappelphilipp zu geben, mag zwar für ADHS’ler*innen zutreffen - aber eben nicht für alle. Nicht jede Person mit ADHS verhält sich genau so - und nicht jede Person, die Bock auf Quatsch hat und sich bereitwillig oder unfreiwillig ablenken lässt, hat ADHS. Just to be clear.
Hier geht’s zum DIVA-Fragenkatalog: https://www.vonderseelereden.ch/pics/bogen.pdf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ↩