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#11: Eine WM des Schreckens steht an // Gewürfelte Zahlen begeistern die Fans

Clay Banks auf Unsplash

In den USA bereiten sich die WM-Spielorte in demokratischer Hand auf Trumps militärische Maßnahmen gegen das eigene Volk vor – was bedeutet das für die sportliche Großveranstaltung im nächsten Jahr?

Welcome to the United Snakes
Land of the thief, home of the slave
The Grand Imperial Guard
Where the dollar is sacred and power is God

Brother Ali – Uncle Sam Goddamn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (2007)

Wie schön, in acht Monaten ist es schon wieder an der Zeit. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer steht an. Austragungsorte sind Kanada und Mexiko – und natürlich die USA. Früher noch Leader of the Free World, mittlerweile das abschreckende Beispiel einer Demokratie, die unter Präsident Donald Trump den Weg in den Autoritarismus angetreten hat. Am 11. Juni 2025, wenn das Turnier mit dem Eröffnungsspiel beginnt, wird es innen- und außenpolitisch um die Vereinigten Staaten wohl noch schlimmer stehen. Dass Trump den Nachbarstaaten und Co-Austragungsländern Mexiko und Kanada immense Zölle reingedrückt hat und regelmäßig über beide Länder herzieht, ist dabei fast schon eine Randnotiz.

In dieser Länderspielpause war es für den Sportjournalismus einfach, den Blick auf die Weltmeisterschaft zu richten. Weitere Qualifikationsspiele standen an, mit unter anderem England, Katar und den Kapverden (wow!) sicherten sich die nächsten Verbände ein Ticket für das riesige Turnier, das erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragen wird. Vom 11. Juni bis 15. Juli finden 104 Spiele statt, 9360 Minuten Fußball. Eventuell sogar mehr.

Die FIFA unter dem “König des Fußballs” Gianni Infantino (Zitat Donald Trump) wird Rekordsummen verzeichnen. Neben Sponsoren- und Fernsehgeldern in bis dato unerreichbarer Sphäre werden auch die Ticketpreise die Kassen füllen. Für die meisten Menschen sind Partien in der Gruppenphase (zwischen 100 und 500 US-Dollar) schon schwer erschwinglich. Ab dem Sechzehntelfinale wird es noch teuer, die Preise liegen hier zwischen 200 und 2780 US-Dollar. Interesse an Karten für das Finale? Dann bitte die Kategorie aussuchen, los geht’s bei 2.000, Premium-Karten gibt es dann für 6.300 US-Dollar.

Infantino und Trump sind Brüder im Geiste

Über die absurde Rolle des Geldeintreibers und FIFA-Chefs hatte ich schon an anderer Stelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geschrieben. Vor wenigen Tagen begleitete Infantino den US-Präsidenten auf der Reise nach Ägypten, wo das Friedensabkommen zwischen Israel und der Hamas von den Vermittlerstaaten unterzeichnet wurde. Der Fußballfunktionär, der sich als Diplomat auf der globalen Ebene sieht, stand auf einem Erinnerungsfoto neben Staatschefs – ein Bild, das vor einigen Jahren noch undenkbar war. Doch Trump und Infantino sind seit zehn Jahren an der Macht. DJT mit Unterbrechungen, der Italo-Schweizer aber ohne Pause. Und die Macht, die sie ausüben können, wird immer größer.

Beide blicken auf Demokratie und Menschenrechte mit Verachtung, für progressive Themen haben sie nicht viel übrig. Stattdessen schmeichelte Infantino bei Trump mit einem Instagram-Post: “ Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle zusammenkommen müssen, um Brücken zu bauen, und bin dankbar für die Unterstützung aller, die sich für den Frieden einsetzen – mit besonderem Dank an @POTUS für die Einladung zu diesem Gipfel.”

Infantinos Ziel ist klar: Er will als moralische Autorität verstanden werden, als friedensbringender Engel über dem Weltgeschehen, dessen einziges Interesse es jedoch ist, die eigenen Taschen zu füllen. Ähnlich wie Trump will er für die FIFA und sich persönlich Deals machen, der letzte große dieser Art war die Unterzeichnung eines Sponsoring-Vertrags mit dem saudi-arabischen Erdölunternehmen Aramco. Saudi-Arabien wird, surprise surprise, die WM 2034 ausrichten.

Doch zurück zum Großturnier 2026. Von den insgesamt 104 Spielen werden 76 in den USA stattfinden, dafür hat die FIFA Verträge mit elf Austragungsorten abgeschlossen. “War-ravaged Portland (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” (Zitat DJT) ist nicht dabei, dafür aber andere demokratisch geführte Städte, die dem POTUS schon seit längerem ein Dorn im Auge sind. In San Francisco, Seattle, Atlanta, New York, Houston, Philadelphia, Boston und Kansas City haben die Demokraten das Sagen. Deswegen überrascht es nicht, dass Trump kürzlich ankündigte, dass eine Verlegung von Spielen bei einer entsprechenden “Sicherheitslage” erforderlich sein könnte.

“Linksradikale Verrückte”: Achso!

“Dann rufe ich Gianni an, und der wird das dann machen”, erklärte Trump – ohne allerdings die Komplexität einer Weltmeisterschaft zu verstehen. Die Verträge mit den Ausrichterstädten sind seit Jahren beschlossen, tausende Tickets schon verkauft, ausländische Gäste haben Unterkünfte gebucht. Ein Ding der Unmöglichkeit dürfte es sein, in der Kürze der Zeit einen neuen Austragungsort zu finden, wenngleich die Macht des US-Präsidenten so weit reichen dürfte, dass er die Begründung von “Sicherheit” anführen könnte. Oder er friert Gelder für die Städte aus Bundesmitteln ein.

Schon Ende September hatte Trump bei einem Pressetermin im Weißen Haus durchklingen lassen, dass WM-Spiele in anderen Städten stattfinden könnten. In Seattle und San Francisco hatte es zuvor Proteste gegen die vom POTUS eingesetzten Bundesbehörden gegeben. Auf die Frage eines Journalisten, ob das der Anlass für den Entzug von Spielen sein könnte, antwortete der 79-Jährige mit faschistischen Zügen:
“Ich denke mal, aber wir werden sicherstellen, dass sie (die Städte) sicher sind. Sie werden von linksradikalen Verrückten geführt und sie wissen nicht, was sie tun.”

“Nicht einmal die Person im Weißen Haus kann die Verträge auflösen”, gab Michelle Wu, demokratische Bürgermeisterin von Boston, kürzlich zu Protokoll. Auch in Boston war es zu Protesten gekommen. Ausschließen kann man derzeit aber trotzdem nichts, weil auch die FIFA in einer Antwort auf eine Pressenanfrage davon sprach, dass es “letztlich die Verantwortung der Regierung” wäre, zu entscheiden, “was am besten für die öffentliche Sicherheit” sei. Auf Initiative des argentinischen Fußballverbands ist in dieser Woche ein Freundschaftsspiel gegen Puerto Rico verlegt worden, eigentlich war es in Chicago geplant. Natürlich hatten dort die Einwohner gegen Trump protestiert, die Nationalgarde war ebenfalls vor Ort.

Trumps Interpretation von “Sicherheit” ist komplett an den Haaren herbeigezogen und eine infame Lüge, denn weder der Zustand von demokratisch geführten Städten als solcher noch die Kriminalitätsrate vor Ort stellen in der Realität das Schreckensbild dar, von dem der notorische Lügner ständig erzählt. In Trumps Heimat-Metropole New York wird das Endspiel stattfinden, das MetLife Stadium steht in New Jersey, nur acht Kilometer von NYC entfernt. Anfang November wählen die New Yorker einen neuen Bürgermeister und das ist deswegen spannend, weil mit Zoran Mamdani der derzeit größte Widersacher von Donald Trump antreten wird.

Ein Fußball-Fan als Bürgermeister in New York?

Mamdani ist links, muslimisch und Sohn von Einwanderern. Er möchte das Leben insbesondere für junge Menschen in der größten amerikanischen Stadt leichter machen und die Lebenshaltungskosten senken. Und damit hat er in einer anscheinend hoffnungslosen Zeit viel Zuspruch erfahren.

Kostenlose Stadtbusse und Kinderbetreuung, höhere Steuern für Wohlhabende – ein klassischer sozialistischer Wahlkampf hat den 33-Jährigen binnen kürzester Zeit von einem Nobody zu einem Polit-Superstar gemacht, den die Demokraten deshalb zum Kandidaten für die Bürgermeisterwahl nominiert haben. Die Demokratische Partei zeigt sich nach mehr als einem halben Jahr unter Trump 2.0 ansonsten total apathisch, fast schon unterwürfig. Mit Mandami haben sie aber einen Hoffnungsträger gefunden, der gegen Andrew Cuomo antreten. Cuomo ist ein Beispiel dafür, dass sich auch ehemalige Demokraten willfährig Trump anbiedern.

Mamdani hatte zuletzt eine Petition gegen das “dynamic pricing” ins Leben gerufen und sich damit bei Infantino unbeliebt gemacht – denn der Fußballdespot möchte Kartenpreise auf gar keinen Fall decken. Das politische Kapital, das im Fußball steckt, hat der Bürgermeisterkandidat für NYC auf jeden Fall erkannt, in der Vergangenheit hatten US-Politiker “soccer” meistens ignoriert. Mamdanis Ballkontrolle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist außerdem gar nicht so schlecht.

Wenn er die Wahl gewinnen sollte, dürfte Trump zürnen. Aber ob er es wirklich wagt, in seiner eigenen Heimatstadt die Nationalgarde zur “Wiederherstellung” der öffentlichen Sicherheit zu entsenden oder gar die sieben Spiele in New Jersey verlegt, erscheint heute unwahrscheinlich, weil obszön. Aber für die politische Strategie “Flood the Zone with Shit” gibt es keine Grenzen.

Demokratische Bürgermeister rüsten sich

Ein paar Zutaten davon adaptiert der Gouverner von Kalifornien, Gavin Newsom. Er imitiert Trumps Stil in den sozialen Medien, um den USA den Spiegel vorzuhalten. Newsom stellt sich aber auch im “Sanctuary State” (Staat der Zuflucht) vor Menschen ohne gültigen amerikanischen Aufenthaltstitel. Trumps zentrales Ziel der Massenabschiebungen, ausgeführt durch das ICE (Immigration and Customs Enforcement), ist dabei nur ein Teil des Konflikts. Nach Protesten gegen seine Abschiebepolitik hatte Trump im Juni die Nationalgarde nach Los Angeles geschickt. Damit testet Trump den Einsatz von Soldaten gegen die Zivilbevölkerung – Newsom reichte dagegen eine Klage ein.

In Seattle, wo sechs Spiele stattfinden sollen, bereitet sich Bürgermeister Bruce Harrell schon auf alles vor. Vor kurzem unterschrieb er Dekrete, in denen aufgeführt ist, wie sich die lokale Polizei verhalten soll, wenn Trump US-Truppen nach Seattle schickt. Auch für die Aktionen von ICE gibt es Planungen. Die Entsendung von Truppen nach Portland und Chicago, gegen den Willen der örtlichen Verwaltung, dienten als mahnendes Beispiel. Die militärische Besetzung von amerikanischen Städten verdeutliche, so Harrell, dass Trump “keinen Respekt vor dem Gesetz” habe. Er ergänzte: “Wir sind bereit für den Kampf vor dem Gericht.” So martialisch äußert sich ein Bürgermeister nur wenige Monate vor einer sportlichen Großveranstaltung in seiner Stadt.

Das ist der Zustand in den USA und es erscheint unrealistisch, dass sich die autoritäre Dynamik unter der radikalisierten republikanischen Partei verändert oder nachlässt. Der europäische Fußball und die damit verbundenen Contentproduktionsmaschinen fokussieren sich meiner Meinung nach auf sportliche Ergebnisse und Tendenzen, um das Hamsterrad des Fußball-Business am Laufen zu halten. Bei der jeweiligen Austragung der WM in Russland (2014) und Katar (2018) rümpfte der aufgeklärte Westen mit der Nase, weil Führer, Diktatur, Kriegsherr Putin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und das monarchische Emirat Katar mit Nachholbedarf in Sachen Menschenrechte genügend Kritik hervorriefen.

Dass die USA mittlerweile das transatlantische Bündnis (Norbert-Röttgen-Voice) mehr oder weniger aufgekündigt haben und ihr eigenes Ding durchziehen in den Faschismus abgleiten, ist angsteinflößend. Die Zeit wird zeigen, wie kritische europäische Medien das im Spannungsfeld mit der WM einordnen – oder ob sie sich in erster Linie einfach auf tagelange Fußballunterhaltung freuen.

Transfermarkt

In der Länderspielpause ist ansonsten für die Vereinsberichterstattung aber häufig nicht viel zu holen. Umso mehr freute es einige Medien, dass das Portal “transfermarkt.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” in diesen Tagen ein Update bei den Transferwerten der Spieler veröffentlichte. Die Werte haben nichts mit Ablösesummen zu tun, sie sind lediglich eine öffentlich lesbare Einschätzung von "hochgradig begeisterten(n) Menschen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” und spielen in realen Transferverhandlungen keine Rolle. Sie sind die Simulation einer Realität, über die sich trefflich streiten lässt – denn sobald ein bis dato eher unbekannter Spieler eine starke Phase hat, steigt sein Marktwert in die Höhe.

So auch bei Said El Mala, Dribbler und Offensivspieler beim 1. FC Köln. Zwei Tore und eine Vorlage in seinen ersten Bundesligaauftritten sorgen für Begeisterung bei der Öffentlichkeit. El Mala kam im Sommer zum FC, nachdem er zuvor noch an Viktoria Köln ausgeliehen war. Im Sommer dichtete die Transfermarkt-Bubble einen Marktwert von drei Millionen, im neuen Update sind es 18 Millionen. Eine Steigerung von 500 Prozent! Riesige Freude machte sich bei FC-Fans breit.

Der 1. FC Köln dürfte damit scheinbar finanziell in andere Sphären vorstoßen, sollte man den 19-Jährigen zeitnah verkaufen. Verkaufen kann auch jedes Fußball-Portal diese Nachricht an das Publikum, denn mit jedem Klick steigen Reichweite und Werbeeinahmen. So funktioniert das Perpetuum Mobile des modernen Fußballs, es ist herrlich unterhaltsam und komplett blödsinnig zugleich.

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