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Mein Leben als Litfaßsäule

Mit KI als Bleistiftskizze verändertes Bild von Bob Blume mit Kopfhörern

Social-Media-Accounts zu haben, die potenziell eine große Reichweite entfalten können, ist ein Privileg. Mit diesem Privileg kommen aber auch anstrengende Seiten, die man schlecht antizipieren kann. Das beginnt bei den Kommentaren und endet in der Frage, als wer oder was man angeschrieben oder angesprochen wird. Eine Introspektion.

Autor mit Reichweite oder Bildungsinfluencer der schreibt

Ich muss zugeben: Einiges habe ich mir selbst eingebrockt. Als mein erstes Publikumsbuch im Jahre 2022 erschien (das nun “10 Dinge, die wir jetzt an Schule ändern müssen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) heißt) diskutierte ich mit dem Verlag, was auf das Cover kommen sollte: Blogger? Lehrer? Edu-Influencer? Alles nicht ganz befriedigend, dachten wir damals. Wir entschieden uns für “Lehrer und Bildungsinfluencer”, also quasi jemand, der aus der Praxis kommt und Reichweite hat (damals knapp über 30.000 Follower auf Instagram und dasselbe auf Twitter). Wird man schon verstehen und gleichzeitig könnte das Bild des Influencers verbessert werden. Dachte ich. Nun bin ich mir unsicher: Ja, nach und nach nannten sich immer mehr Menschen auch so. Die machten und machen ganz andere Sachen: Zeigen sich vor der Klasse, zeigen ihre Klamotten, die sie am Schultag anziehen, erstellen Unterrichtsmaterial, beschweren sich über Eltern und so weiter. Eine Form der Singularisierung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Reckwitz) könnte man sagen.

Ich möchte das nicht bewerten. Zumindest nicht außerhalb dessen, was ich tue. Denn auch wenn ich Kurzvideos und Aphorismen ins Netz schreibe, die im besten Fall ein komplexes Problem auf den Kern bringen (inwiefern wir das brauchen, habe ich im Newsletter über “demokratischen Populismus” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erörtert), gilt mein Hauptinteresse dem Schreiben (und dem flankierenden Lesen). Die Frage, inwiefern das eine wichtig für das andere ist oder es kaputt macht, ist eine, die mich schon lange umtreibt. Denn selbst wenn es für den einen oder anderen vielleicht keinen Unterschied macht: Ich möchte lieber der Autor sein, der Content produziert als der schreibende Influencer. Schreibende Influencer gibt es auch, aber die wollen meist ein Buch schreiben, kurz SPIEGEL-BEstseller werden, und dann damit aufhören. Ich will nie damit aufhören zu schreiben. Damit beginnen die Probleme aber erst.

Der reflektierte Posterboy

Wann haben Menschen Wirkung? Ich würde sagen, dass die Frage einfacher zu beantworten ist, je kleiner der Kreis ist. Als eine ehemalige Schülerin mir vor einiger Zeit schrieb, dass sie durch das, was sie bei mir schreiben konnte zu dem geworden ist, was sie ist, berührte mich das sehr. Das ist Wirkung! Welche Wirkung Menschen entfalten, die Meinungen in die Kamera sprechen, ist weitaus schwieriger.

Bei einer Veranstaltung sagte mir jemand, dass sie es fantastisch findet, dass ich auch die Videos mache. Sie würden ihr Mut machen, Argumente geben und das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie ging sogar so weit zu sagen, dass diese Inhalte den Diskurs prägen würden. Stimmt das? Das vermag ich nicht zu sagen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass die angenommene Relevanz im Netz für Politiker:innen genügt, um Personen wie mich auf Podien einzuladen. Ich würde sagen: Als Posterboy. Das ist nicht nur schlecht. Denn während ich dort sitze, kann ich ja dennoch den Finger in die Wunde legen. Dennoch: Was anderes wäre es, wenn man mich einladen würde, hinter verschlossenen Türen zu sprechen. Und das hätte wahrscheinlich mehr Wirkung.

Was ich jedoch sagen kann, ist, dass die angenommene Relevanz im Netz für Politiker:innen genügt, um Personen wie mich auf Podien einzuladen. Ich würde sagen: Als Posterboy.

Eine Partei fragte mich einige Wochen vor einer Wahl, die schon länger zurückliegt, ob sie mich ins Boot holen könnte. Also quasi beratend. Ich willigte ein, sofern die Gruppe mein Buch als Grundlage lesen würde. Nicht damit ich 7 mehr Bücher verkaufe, sondern damit die Beschäftigung mit einem Programm substanziell beginnt und ich nicht komme um das zu erklären, was man sowieso schon lesen konnte. Konsequenz: Leider ging das nicht. Zu viel Arbeit. Dann halt Posterboy. Damit kann ich leben. Womit ich immer weniger leben kann, ist es, als Litfaßsäule betrachtet zu werden.

Unendlich viele Herzensprojekte

Wenn man lange an etwas arbeitet, ist man damit verbunden und will, dass es erfolgreich ist. Das verstehe ich sehr. Und das ist einer der Gründe, warum ich mich freue, dass mein Elternbuch so gut angenommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wurde. Bevor ich einen mittlerweile großen Instagram-Account hatte (ich traue mich das nicht zu schreiben, weil: wann ist ein Account groß?), wusste ich aber nicht, dass quasi jedes Projekt von jedem ein “Herzensprojekt” ist. Ergo: wichtig! Ergo: “Es wäre schön, wenn du dies nutzt, ein Feedback gibst, in die Story nimmst, ein Video darüber machst etc.” Ich könnte meinen Tag damit füllen, genau das zu tun.

Versteht mich nicht falsch: Man kann und sollte das versuchen. Und gerade bei Initiativen wie “teilenswert” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)mache ich das gerne und oft. Ich habe nur das Gefühl, dass vielen Menschen grundlegende Überlegungen dabei abgehen: Zum Beispiel erstmal zu schauen, was jemand überhaupt macht. Oder zu überlegen, ob man überhaupt im selben Spektrum ist.

Nicht falsch verstehen: Followerzahlen machen Menschen weder besser noch schlechter. Aber wenn ein Account fragt, ob wir gemeinsam was posten, so dass wir beide davon profitieren, und mir weder folgt, noch Interesse an meinen Inhalten hat, dann wird es schwierig. Zumal die 246 Follower auch nicht besonders überzeugen.

Oder diese Autorin, die mich fragt, wie es läuft und ob ich ihr Buch in die Kamera halten würde (nun, wenn man wissen will, wie es läuft, würde man in meinen Feed schauen. Da würde dann stehen, dass es mir nicht gut geht, ich unter Druck stehe und das alles, nun ja, auch wegen eines Buches. Dann könnte man zunächst emphatisch sein, das Buch vielleicht selbst teilen und einige Tage später die Frage stellen).

Große Creatoren wissen, wie das “Game” geht. Deshalb fragen sie, ob man was für sie tut und man macht daraus ein Austauschgeschäft. Solange die Bücher gut sind, soll mir das Recht sein. Nur: Sobald man dann ein Buch gepriesen hat, vergessen sie es. Nicht wütend zu werden, auf diese eine bekannte Autorin, die mich nun seit einiger Zeit ghosted, fällt mir in der Tat schwer. Nicht, weil ich nicht verstehe, wie sehr man um sich selbst kreist, je größer Projekte werden. Also, ihr wisst schon, Herzensprojekte. Sondern weil es die eine Sache ist, wenn man sich gegenseitig als Menschen anerkennt, die etwas zu sagen haben. Wenn einer von beiden wegfällt, ist der andere doch wieder nur eine Litfaßsäule.

Guten Tag, ich möchte mir Ihnen über diesen Text sprechen

Wenn ich Bücher schreibe, sollte ich ein Publikum vor Augen haben. Bei meinen letzten beiden Büchern hatte ich das nicht, beim letzten hatte ich es ganz klar: Eltern. Das ist auch deshalb wichtig, damit man etwas schreibt, was anschlussfähig ist. Ob dieser Text anschlussfähig oder in irgendeinem Sinn interessant ist, vermag ich überhaupt nicht zu sagen. Irgendwie war es mir ein Anliegen, weil ich in den letzten zwei Monaten so viel mit den Begriffen und Konzepten beschäftigt war, die ich angerissen habe. Falls ihr eine Meinung dazu habt, ob ihr solche Gedanken eher spannend oder so interessant findet wie Hagels Erklärungen zum Treibhauseffekt (und so falsch), freue ich mich, wenn ihr sie schreibt. Ansonsten werde ich dann wieder zu den politischen Reflexionen übergehen. Was meint ihr?

Ein kurzer Dank

Die Newsletter hier auf Steady haben wenig mit dem Lehrerberuf zu tun. Meinen Bildungsnewsletter, der bisher drei Mal erschienen ist, kann man hier anschauen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Mein Ziel ist es, weiter von Social-Media und den willkürlichen Algorithmen unabhängig zu werden. Aus dem Grund freue ich mich, wenn ihr diesen Newsletter abonniert.

Der Newsletter ist kostenlos und soll es auch bis auf weiteres bleiben. Allerdings kostet seine Pflege auch einiges. Mein erstes Ziel ist es, den (Lehrer-) Newsletter zu refinanzieren. Dafür könnt ihr Mitglied werden und dir einige Vorteile sichern. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Darunter gibt es Danksagungen, Shoutouts auf Instagram oder Erwähnungen im Podcast “Netzlehrer”. Schaut gerne mal rein.

Sujet Persönliche Reflexionen

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